Kategorie: Geschichte

  • Landgrabbing in der Ukraine

    Das nächste Thema von Radio Stralsund wird das aktuelle Landgrabbing durch ukrainische Oligarchen und internationale Investoren in der Ukraine sein. Parallelen zum Ausverkauf europäischen Agrarlands werden hier in den Kontext gestellt. Bei einer Spendensumme über 150 Euro an Radio Stralsund erhalten Sie ein aktuelles Plakat zum Thema.

    Gibt es Landgrabbing in der Ukraine?

    Ja, Landgrabbing ist auch in der Ukraine ein Thema. Landgrabbing bezieht sich auf den großflächigen Erwerb von Agrarland durch in- oder ausländische Investoren, oft auf Kosten der lokalen Bevölkerung und mit problematischen sozialen und ökologischen Folgen.

    In der Ukraine hat Landgrabbing in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, besonders seit der Landreform und der Aufhebung des jahrzehntelangen Moratoriums für den Verkauf von Agrarland im Juli 2021. Dieses Moratorium hatte zuvor verhindert, dass Agrarland frei verkauft und gekauft werden konnte, was jedoch auch die Entwicklung eines informellen und oft undurchsichtigen Landmarktes förderte.

    Hier sind einige wichtige Aspekte und Entwicklungen im Zusammenhang mit Landgrabbing in der Ukraine:

    1. Landreform und Moratoriumsaufhebung: Mit der Aufhebung des Moratoriums hat die ukrainische Regierung den Weg für den freien Handel mit Agrarland geebnet. Dies wurde als Schritt zur Modernisierung der Landwirtschaft und zur Ankurbelung der Wirtschaft betrachtet, birgt aber auch die Gefahr, dass große Investoren und Agrarunternehmen Land in großem Umfang aufkaufen.
    2. Interessen großer Investoren: Internationale und nationale Agrarunternehmen sowie Investoren zeigen großes Interesse an ukrainischem Agrarland aufgrund der fruchtbaren Böden und der relativ niedrigen Landpreise im Vergleich zu anderen Ländern. Dies führt oft zu einer Konzentration von Land in den Händen weniger Akteure.
    3. Soziale und ökologische Auswirkungen: Landgrabbing kann erhebliche negative Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung haben, einschließlich der Verdrängung kleiner Landwirte, Verlust von Lebensgrundlagen und sozialen Konflikten. Auch ökologische Probleme wie Bodendegradation und Verlust der Biodiversität können Folgen von intensivem Agraranbau durch Großunternehmen sein.
    4. Rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen: Die rechtlichen Rahmenbedingungen und die institutionelle Kapazität zur Regulierung des Landmarktes und zum Schutz der Rechte kleiner Landwirte und lokaler Gemeinschaften sind entscheidend, um negative Auswirkungen des Landgrabbings zu minimieren. Es gibt jedoch immer wieder Berichte über Korruption, mangelnde Transparenz und schwache Rechtsdurchsetzung in der Ukraine.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Landgrabbing in der Ukraine ein relevantes Thema ist, das sorgfältig beobachtet und reguliert werden muss, um sicherzustellen, dass die landwirtschaftliche Entwicklung nachhaltig und sozial gerecht gestaltet wird.

  • Über den Hass und die Bereitschaft zum Krieg

    Prof. Ulfried Geuter sagt: “Ich war einmal froh und stolz, ein Grüner zu sein. Ich bin am 5. Oktober 1978 beim Gründungstreffen der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz, die 1980 in die neu gegründeten Grünen überging, Mitglied geworden. Länger als ich kann man also nicht Mitglied der Grünen sein“, schreibt Geuter, der die Begründung für seinen Austritt auf dem Internetportal Blog der Republik veröffentlicht hat. Er verließ die Grünen unter anderem wegen der Außenpolitik von Annalena Baerbock, die seiner Meinung völlig der „Logik des Krieges“ verfallen sei, unzählige Todesopfer in Kauf nehme, und einen Atomkrieg riskiere.

    Ähnliche Ansichten vertrat Grünen Mitglied Antje Vollmer, die leider am 16. März 2023 verstorben ist, sie wurde 79 Jahre alt. Sie war Pazifistin, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und sie war Gegnerin des Kosovo-, Irak, und Afghanistan Krieges. Hier ein Text von ihr, welchen sie als politisches Vermächtnis in der Berliner Zeitung veröffentlichen wollte:

    Ich stand auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt und wartete auf den ICE. Plötzlich näherte sich auf dem Nebengleis ein riesiger Geleitzug, vollbeladen mit Panzern – mit Mardern, Geparden oder Leoparden. Ich kann das nicht unterscheiden, aber ich konnte geschockt das Bild lesen. Der Transport fuhr von West nach Ost. Es war nicht schwer, sich das Gegenbild vorzustellen. Irgendwo im Osten des Kontinents rollten zur gleichen Zeit Militärtransporte voller russischer Kampfpanzer von Ost nach West. Sie würden sich nicht zu einer Panzerschlacht im Stile des Ersten Weltkrieges irgendwo in der Ukraine treffen.

    Nein, sie würden diesmal erneut den waffenstarrenden Abgrund zwischen zwei Machtblöcken markieren, an dem die Welt sich vielleicht zum letzten Mal in einer Konfrontation mit möglicherweise apokalyptischem Ausgang gegenübersteht. Wir befanden uns also wieder im Kalten Krieg und in einer Spirale der gegenseitigen existenziellen Bedrohung – ohne Ausweg, ohne Perspektive. Alles, wogegen ich mein Leben lang politisch gekämpft habe, war mir in diesem Moment präsent als eine einzige riesige Niederlage.

    Bei Geschichte ist es immer wichtig, von welchem Anfang man sie erzählt.

    Es ist üblich geworden, zu Beginn jeder Erwähnung der ungeheuren Tragödie um den Ukraine-Krieg wie eine Schwurformel von der „Zeitenwende“, vom völkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieg Putins bei feststehender Alleinschuld der russischen Seite zu reden und demütig zu bekennen, wie sehr man sich geirrt habe im Vertrauen auf eine Phase der Entspannung und der Versöhnung mit Russland nach der großen Wende 1989/90. Diese Schwurformel wird wie ein Ritual eingefordert, wie ein Kotau, um überhaupt weiter mitreden zu dürfen. Die Feststellung ist ja auch nicht falsch, sie verdeckt aber häufig genau die zentralen Fragen, die es eigentlich zu klären gäbe.

    Wo genau begann die Niederlage? Wo begann der Irrtum? Wann und wie entstand aus einer der glücklichsten Phasen in der Geschichte des eurasischen Kontinents, nach dem nahezu gewaltfreien Ende des Kalten Krieges, diese erneute tödliche Eskalation von Krieg, Gewalt und Blockkonfrontation? Wer hatte Interesse daran, dass die damals mögliche friedliche Koexistenz zwischen Ost und West nicht zustande kam, sondern einem erneuten weltweitem Antagonismus anheimfiel?

    Und dann die Frage aller Fragen: Warum nur fand ausgerechnet Europa, dieser Kontinent mit all seinen historischen Tragödien und machtpolitischen Irrwegen, nicht die Kraft, zum Zentrum einer friedlichen Vision für den bedrohten Planeten zu werden?

    Für die Deutung historischer Ereignisse ist es immer entscheidend, mit welchen Aspekten man beginnt, eine Geschichte zu erzählen.

    Russlands große Vorleistung des Gewaltverzichts.

    Ich widerspreche der heute üblichen These, 1989 habe es eine etablierte europäische Friedensordnung gegeben, die dann Schritt um Schritt einseitig von Seiten Russlands unter dem Diktat des KGB-Agenten Putin zerstört worden sei, bis es schließlich zum Ausbruch des Ukrainekrieges kam. Das ist nicht richtig. Richtig ist: 1989 ist eine Ordnung zerbrochen, die man korrekter als „Pax atomica“ bezeichnet hat, ohne dass eine neue Friedensordnung an ihre Stelle trat. Diese zu schaffen, wäre die Aufgabe der Stunde gewesen. Aber die visionäre Phantasie Europas und des Westens in der Wendezeit reichte nicht aus, um sich das haltbare Konzept einer stabilen europäischen Friedensordnung auszudenken, das allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion einen Platz verlässlicher Sicherheit und Zukunftshoffnungen anzubieten vermocht hätte.

    Zwei Gründe sind dafür entscheidend. Beide haben mit alten europäischen Irrtümern zu tun: Zum einen wurde der umfassende wirtschaftliche und politisch Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 einseitig als triumphaler Sieg des Westens im Systemkonflikt zwischen Ost und West interpretiert, der damit endgültig die historische Niederlage des Ostens besiegelte. Dieser Hang, sich zum Sieger zu erklären, ist eine alte westliche Hybris und seit jeher Grund für viele Demütigungen, die das ungleiche Verhältnis zum Osten prägen.

    Die Unfähigkeit, nach so umfassenden Umbrüchen andere gleichberechtigte Lösungen zu suchen, hat in dieser fatalen Überheblichkeit ihre Hauptursache. Vor allem aber wurde so das ungeheure und einzigartige Verdienst der sowjetischen Führung unter Michail Gorbatschow mit einer verblüffenden Ignoranz als gerngesehenes Geschenk der Geschichte eingeordnet: Die große Vorleistung des Gewaltverzichts in der Reaktion auf das Freiheitsbestreben der Völker des Ostblocks galt als nahezu selbstverständlich.

    Michail Gorbatschow hat viele seiner Bürger enttäuscht.

    Das aber war es gerade nicht. Bis heute ist erstaunlich, ja unfassbar, wie wenig Gewicht dem beigemessen wurde, dass die Auflösung eines sowjetischen Weltimperiums nahezu gewaltfrei vonstatten ging. Die naive Beschreibung dieses einmaligen Vorgangs lautete dann etwa so: Wie ein Kartenhaus, hochverdient und unvermeidlich, sei da ein ganzes System in sich zusammengesackt. Dass gerade diese Gewaltfreiheit das größte Wunder in einer Reihe wundersamer Ereignisse war, wurde kein eigenes Thema. Sie wurde vielmehr als Schwäche gedeutet. Es gibt aber kaum Vorbilder in der Geschichte für einen solchen Vorgang. Selbst die schwächsten Gewaltregime neigen gerade im Stadium ihres Untergangs gesetzmäßig dazu, eine Orgie von Gewalt, Zerstörung und Selbstzerstörung anzurichten und alles um sie herum in ihren eigenen Untergang mitzureißen – wie exemplarisch beim Untergang des NS-Reiches zu sehen war.

    Die Sowjetunion des Jahres 1989 unter Gorbatschow, wiewohl politisch und wirtschaftlich geschwächt, verfügte über das größte Atompotential, sie hatte eigene Truppen auf dem gesamten Gebiet ihrer Herrschaft stationiert. Es wäre ein Leichtes gewesen, das alles zu mobilisieren. Das wurde ja auch von vielen Vertretern des alten Regimes vehement gefordert.

    Mit dem historischen Abstand wird noch viel deutlicher, welche staatsmännische Leistung es war, lieber „Helden des Rückzugs“ (Enzensberger) zu sein, als in einem letzten Aufbäumen als blutige Rächer und Schlächter von der Geschichte abzutreten. Die Wahl, die Michail Gorbatschow fast allein getroffen hat, hat ihm nicht zuletzt die Enttäuschung vieler seiner Bürger eingebracht. Es hieß, er habe nachträglich den Großen Vaterländischen Krieg verloren.

    Die großen Reformer haben Mut bewiesen, sie werden heute gerne vergessen.

    Wie ein stummes Mahnmal gigantischer europäischer Undankbarkeit steht dafür der erschreckend private Charakter der Trauerfeier um den wohl größten Staatsmann unserer Zeit auf dem Moskauer Prominenten-Friedhof. Es wäre ein Gebot der Stunde gewesen, dass die Granden Europas Michail Gorbatschow, der längst im eigenen Land isoliert war, ihre Hochachtung und ihren Respekt erwiesen hätten, indem sie sich vor ihm verneigten.  

    Zumindest aus Deutschland, das fast ihm allein das Glück der Wiedervereinigung verdankt, hätte ein Bundespräsident Steinmeier an diesem Grab stehen müssen. Die Einsamkeit um diesen Toten war unerträglich. So nutzte ausgerechnet Viktor Orbán die Chance, diesen Boykott einer angemessenen Würdigung zu unterlaufen. Es bleibt ein beschämendes Zeichen, ein Menetekel historischer Ignoranz. Wenige Tage später drängelten sich die Repräsentanten des europäischen Zeitgeistes dann alle mediengerecht am Grab der englischen Queen und des deutschen Papstes Benedikt XVI.

    Bis heute ist mir schwer verständlich, warum es nicht zumindest eine Demonstration der Dankbarkeit bei den eigentlichen Profiteuren dieses Gewaltverzichtes, bei den Bewegungen der friedlichen Bürgerproteste gegeben hat. Gerade sie hatten ja hautnah die Ängste erfahren, was alles hätte passieren können, wenn es 1989 in Ost-Berlin eine ähnliche Reaktion wie bei den Studentenprotesten in Peking gegeben hätte.

    Und tatsächlich ist ein Teil der heutigen Zurückhaltung im Osten Deutschlands gegenüber der einseitigen Anprangerung Russlands wohl dieser anhaltenden Dankbarkeit zuzuschreiben. Mediale Wortführer und Interpreten aber wurden andere – und sie wurden immer dreister. Immer kleiner wurde in ihren Interpretationen der Anteil am Verdienst der Gewaltfreiheit auf sowjetischer Seite, immer wirkmächtiger wurde die Legende von der eigenen großartigen Widerstandsleistung.

    Alle kundigen Zeitzeugen wissen genau, dass der Widerstand und der Heldenmut von Joachim Gauck, Marianne Birthler, Katrin Göring-Eckardt durchaus maßvoll war und den Grad überlebenstüchtiger Anpassung nicht wesentlich überschritt. Manche Selbstbeschreibungen lesen sich allerdings heute wie Hochstapelei. Sie verschweigen oder verkennen, was andere Kräfte zum großen Wandel beitrugen und dass mancher Reformer im System keineswegs weniger Einsatz und Mut gewagt hatte.

    Billige antirussische Ressentiments.

    Das mag menschlich, allzu menschlich sein und also nicht weiter erwähnenswert. Fatal allerdings ist, dass dieser Teil der Bürgerrechtler heute zu den eifrigsten Kronzeugen eines billigen antirussischen Ressentiments zählt. Dies knüpft dabei bruchlos an jene Ideologie des Kalten Krieges an, die vom berechtigten Antistalinismus über den verständlichen Antikommunismus bis hin zur irrationalen Slawenphobie viele Varianten von westlichen Feindbildern bis heute prägt.

    Die wichtigsten Fragen, die heute zwischen Ost und West verhandelt werden müssten, lauten: Was bedeutet es eigentlich, eine europäische Nation zu sein? Was unterscheidet uns von anderen? Welche Fähigkeiten muss eine Nation erwerben, um dazuzugehören? Was sind die Lehren unserer Geschichte? Welche Ideale prägen uns? Welche Irrtümer und Verbrechen? Diese Fragen werden in aller Deutlichkeit wachgerufen am Beispiel der Ukraine und ihres Abwehrkampfes gegen die russische Aggression.

    Europa sollte nicht immer auf der Suche nach Schurkenstaaten sein.

    In unseren Medien verkörpert die Ukraine das Ideal und Vorbild einer freiheitsliebenden westlichen Demokratie heroischen Zuschnitts. Die Ukraine, so heißt es, kämpfe nicht nur für ihre eigene Nation, sondern zugleich für die universale historische Mission des Westens. Wer sich machtpolitisch behauptet, wer seine Existenz mit blutigen Opfern und Waffen verteidigt, gilt als Bollwerk für die europäischen Ideale der Freiheit, koste es, was es wolle. Wer aber den Weg des Konsenses, der Kooperation, der Verständigung und der Versöhnung sucht, gilt als schwach und deswegen als irrelevant, ja als verachtenswert. Von daher sind Gorbatschow und Selenskyj die eigentlichen Antitypen in der Frage, was es heute heißt, Europäer zu sein und die europäischen Tugenden zu verkörpern.

    Neben diesem Hang zum Heroischen und zur Selbsterhöhung liegt hier die Wurzel, die ich für den Grundirrtum einer europäischen Identität halte: das scheinbar unausrottbare Bedürfnis nach nationalem Chauvinismus. Jahrhundertelang haben nationale Exzesse die Geschichte unseres Kontinents geprägt. Keine Nation war frei davon: nicht die Franzosen, schon gar nicht die Briten, nicht die Spanier, nicht die Polen, nicht die Ukrainer, nicht die Balten, nicht die Schweden, nicht die Russen, noch nicht einmal die Tschechen – und schon gar nicht die Deutschen.

    Es ist ein fataler Irrtum, zu meinen, durch den Widerstand gegen die anderen imperialen Mächte gewinne der eigene Nationalismus so etwas wie eine historische Unschuld. Das ist Selbstbetrug und einer der folgenschwersten europäischen Irrtümer. Er verführt auch heute noch viele junge Demokratien dazu, sich nur als Opfer fremder Mächte zu sehen und die eigene Gewaltgeschichte, die eigenen Gewaltphantasien für berechtigt zu halten. Was Europa immer wieder zu lernen hatte und historisch meist verfehlte, ist die Kunst der Selbstbegrenzung, der friedlichen Nachbarschaft, der Fairness, der Wahrung gegenseitiger Interessen und des Respektes voreinander. Was Europa endlich verlernen muss, ist das ständige Verteilen von Ketzerhüten, das Ausmachen von Achsen des Bösen und von immer neuen Schurkenstaaten.

    Die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher.

    Ach Europa! Jedes Mal, wenn wieder eine der großen Krisen und Kriege des Kontinents überstanden war – nach dem 30-jährigen Krieg, nach dem Feldzug Napoleons gegen Russland, nach zwei Weltkriegen, nach dem Kalten Krieg –, konnte man hoffen, der machtpolitische Irrweg sei nun durch bittere Erfahrung widerlegt und gebe einem überlebenstüchtigeren Weltverständnis endlich Raum. Und jedes Mal fielen wie durch einen Fluch die Völker Europas wieder der Versuchung anheim, den Weg der Dominanz und der Konfrontation zu gehen.

    Umso wertvoller ist aber das große Gegenbeispiel: Gorbatschows Hoffnung, dass auch für alle ehemaligen Staaten der Sowjetunion eine neue Sicherheitsordnung möglich sei, die den unterschiedlichen Sicherheitsbedürfnissen gerecht werden würde, war in der Charta von Paris durchaus angedacht als Raum gemeinsamer wirtschaftlicher und politischer Kooperation zwischen dem alten Westeuropa und den neuen östlichen Staaten. Das war damals auch die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Aber es gab keinen Plan, kein Konzept, die Vision war einfach zu undeutlich.

    Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden.

    Wie schnell sich wieder das Gefühl des leichten Triumphes einstellte, lässt sich an einem traurigen Beispiel gut ablesen: am Umgang mit Jugoslawien. Jugoslawien gehörte zu den blockfreien Staaten, es hatte sich rechtzeitig vom Stalinismus gelöst und die jahrhundertealten nationalen Rivalitäten aus der Zeit der Donau-Monarchie einigermaßen befriedet. Es wäre nichts leichter gewesen, als diesem Jugoslawien als Ganzem 1989 eine Öffnung nach Europa und zur EU anzubieten.

    Es hätte Zeit gebraucht, aber es wäre möglich gewesen. Man hätte nur darauf verzichten müssen, dem nationalen Drängen der Slowenen und Kroaten zu schnell nachzugeben und das neue Feindbild der aggressiven Serben zu pflegen. Solche Weisheit allerdings fehlte völlig im Überbietungswettstreit um die Anerkennung neuer Nationalstaaten auf dem Balkan. Der bosnische Bürgerkrieg, Srebrenica, die Zerstörung Sarajewos, Hunderttausende Tote und traumatisierte Menschen, der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Nato gegen Belgrad, die völkerrechtswidrige Anerkennung des Kosovo als selbständiger Staat, das vielfältige Aufbäumen von neuen nationalen Chauvinismen wären vermeidbar gewesen.

    Was bedeutet das alles für die unmittelbare Gegenwart und für die deutsche Politik im Jahre 2023?

    Die Koordinaten haben sich entscheidend verschoben. Bis zum Ende der Regierung Schröder konnte man davon ausgehen, dass gerade Deutschland aus der Zeit der Entspannungspolitik einen privilegierten Zugang, zumindest einen gewissen Spielraum zum Konfliktausgleich zwischen den großen geopolitischen Spannungsherden innehatte. Diese Zeit ist endgültig vorbei.

    Ungefähr im Jahre 2008 begann Putin, dem Status quo zu misstrauen und seinen Machtbereich gegen den Westen auszurichten. Deutschland begann, sich als europäischer Riegenführer im neuen Konzept der Nato zu definieren. Im Rahmen der Reaktionen auf den Ukrainekrieg rückte es endgültig ins Zentrum der antirussischen Gegenstrategien. Das begrüßenswerte, aber medial vielgescholtene Zögern des Kanzlers Olaf Scholz war zu wenig von einer haltbaren politischen Alternative unterfüttert und geriet so ins Rutschen.

    Wirtschaftlich und politisch zahlen wir dafür einen hohen Preis. Der deutsche Wirtschaftsminister bemüht sich, die alten Abhängigkeiten von Russland und China durch neue Abhängigkeiten zu Staaten zu ersetzen, die keineswegs als Musterdemokratien durchgehen können. Die Außenministerin ist die schrillste Trompete der neuen antagonistischen Nato-Strategie.

    Ihre Begründungen verblüffen durch argumentative Schlichtheit. Dabei wachsen die Rüstungskosten und der Einfluss der Rüstungs- und Energiekonzerne ins Unermessliche. Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden, die für die Rettung des Planeten und gegen die Armut des globalen Südens dringend gebraucht würden. Das aufsteigende China aber wird propagandistisch als neuer geopolitischer Gegner ausgemacht und in der Taiwan-Frage ständig provoziert. Das sind alles keine guten Auspizien.

    Der Frieden und das Überleben des ganzen Planeten.

    Und dennoch: Wenn mich nicht alles täuscht, steht Europa kurz vor der Phase einer großen Ernüchterung, die das eigene Selbstbild tief erschüttern wird. Für mich aber ist das ein Grund zur Hoffnung. Der so selbstgewisse Westen muss einfach lernen, dass die übrige Welt unser Selbstbild nicht teilt und uns nicht beistehen wird. Die eilig ausgesandten Sendboten einer neuen antichinesischen Allianz im anstehenden Kreuzzug gegen das Reich der Mitte scheinen nicht besonders erfolgreich zu sein.

    Wie konnten wir nur annehmen, dass das große China und die Hochkulturen Asiens die Zeit der willkürlichen Freihandels- und Opiumkriege je vergessen würden? Wie sollte der leidgeprüfte afrikanische Kontinent die zwölf Millionen Sklaven und die Ausbeutung all seiner Bodenschätze je verzeihen? Warum sollten die alten Kulturen Lateinamerikas den spanischen und portugiesische Konquistadoren ihre Willkürherrschaft vergeben? Warum sollten die indigenen Völker weltweit das Unrecht illegaler Siedlungen und Landraubs einfach beiseiteschieben in ihrem historischen Gedächtnis?

    Die Grünen waren mal Pazifisten.

    Meine ganz persönliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten. Gerade die Grünen, meine Partei, hatte einmal alle Schlüssel in der Hand zu einer wirklich neuen Ordnung einer gerechteren Welt. Sie war durch glückliche Umstände dieser Botschaft viel näher als alle anderen Parteien.

    Wir hatten einen echten Schatz zu hüten: Wir waren nicht eingebunden in die machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se Dissidenten. Wir waren gleichermaßen gegen die Aufrüstung in Ost wie West, wir sahen die Gefährdung des Planeten durch ungebremstes Wirtschaftswachstum und Konsumismus. Wer die Welt retten wollte, musste ein festes Bündnis zwischen Friedens- und Umweltbewegung anstreben, das war eine klare historische Notwendigkeit, die wir lebten. Wir hatten dieses Zukunftsbündnis greifbar in den Händen.

    Was hat die heutigen Grünen verführt, all das aufzugeben für das bloße Ziel, mitzuspielen beim großen geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre wertvollsten Wurzeln als lautstarke Antipazifisten verächtlich zu machen?

    Gegen Hass und den Krieg.

    Ich erinnere mich an meine großen Vorbilder: Die härtesten Bewährungsproben hatten die großen Repräsentanten gewaltfreier Strategien immer in den eigenen Reihen zu bestehen. Gandhi hat mit zwei Hungerstreiks versucht, den Rückfall der Hindus und Moslems in die nationalen Chauvinismen zu stoppen, Nelson Mandela hatte äußerste Mühe, die Gewaltbereitschaft seiner jungen Mitstreiter zu brechen, Martin Luther King musste sich von den Black Panthers als zahnloser Onkel Tom verhöhnen lassen. Ihnen wurde nichts geschenkt. Und das gilt auch heute für uns letzte Pazifisten.

    Der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten großer Krisen und existentieller Ängste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planenten, der muss den Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption.”

  • Städte am Wasser

    Nizza, eine südfranzösische Metropole zwischen Alpen und Mittelmeer, ist der Geburtsort des Literaturnobelpreisträgers Jean-Marie Gustave Le Clézio. Der Autor pflegt ein zwiespältiges Verhältnis zur Stadt, die er zum bedrückenden Schauplatz zwei seiner wichtigsten Frühwerke macht: Das Protokoll und die Kurzgeschichtensammlung Mondo. Sie handeln von einsamen Helden in einer von Flammen umzingelten und von einer schwarzen Sonne erdrückten Stadt. Bei Le Clézio gibt es keine Strände, Palmen und Luxushotels. Fernab von allen Klischees wirft er seinen Blick auf Nizza.

  • Neue Ausgabe der Stralsunder Hefte März 2024

    STADTARCHIV STRALSUND

    Am 12. März präsentieren der Stralsunder Geschichtsverein, das Stadtarchiv der Hansestadt Stralsund, die Kreisvolkshochschule Vorpommern-Rügen und das Druck- und Verlagshaus Kruse die neue Ausgabe der Stralsunder Hefte für Geschichte, Kultur und Alltag. Die Veranstaltung findet in der Kreisvolkshochschule Vorpommern-Rügen, Tribseer Damm 76, statt und beginnt um 19.00 Uhr.
    Im Rahmen dieser Präsentation spricht der Restaurator Wolf-Dieter Thormeier zu den Wandmalereien in der Stralsunder Nikolaikirche. 
    Alle Interessenten sind zu dieser Präsentation eingeladen.
    Zu kaufen gibt’s die Hefte ab 13. Februar beim Druck- und Verlagshaus Kruse

    Cover: 
    zur Verfügung gestellt vom Druck- und Verlagshaus Kruse

    StralsunderHefte_2024
  • Der frühe Geist in der wilden Phase des ursprünglichen Internet

    Sozio-technische Entwicklungen — Erwartungen an den Cyberspace — Der Geist des Internets — Bionische Engel — Teilhabe an Gewinnen geschöpfter Energie — Blockchain — Open Data /Open Access — MOOCs – Maker Faires

    Der frühe Geist

    Ja, der frühe Geist in der wilden Phase des ursprünglichen Internet wird assoziert mit einem kooperativen sozialen Raum, einer Tauschökonomie für Software und Information, einer graswuzelbasierten Selbstorganisation sich entwickelnder Communitys und einem Hackergeist, der jede Beschränkung des Zugangs und des freien Informationsflusses zu umgehen weiß.

    In den 1980ern filmte ich mit großen Video-Umatic Systemen meine Umwelt. Brecht´s Radiotheorie bekam eine Praxis. Jeder konnte jetzt filmen und über eingerichtete „Offene Kanäle“ mit festen Sendeplätzen seine Projekte im Bürgerfernsehen publizieren. Als dann das Usenet, die Mailboxen, die Bulletin Board Systeme hinzu kamen, versprach all dies einen emanzipatorischen Fortschritt in der Kommunikations- und Machtstruktur jener Zeit. Man
    träumte von einer horizontalen und nicht vertikalen Demokratie. Dies alles beförderte eine Euphorie in den 1990ern, die jeden zur Mitarbeit für eine gerechtere Welt aufrief. Der gesellschaftspolitische Alltag zog in das Internet.
    Es war dann ein Buch von Gundolf S. Freyermuth: „Cyberland aus dem Jahre 1996“, welches mich in die digitale Welt hineinzog. Freyermuth beschrieb eine typisch kalifornisch utopische Energie, einen Willen, sich selbst und das eigene Leben neu zu erfinden. Und das Kommunikations-Werkzeug hierfür sollte nach den Drogenerfahrungen und einhergehenden Bewußtseinserfahrungen der
    Hippies, nun das Internet werden. Über Jahrhunderte zog die „Neue Welt“ die Menschen an, weil sie dem Einzelnen und unterdrückten Minderheiten sowie politischen Utopisten und religiösen Sekten einen Neuanfang bot. Hier war die Sehnsucht nach Veränderung und Abenteuer stärker als der ängstliche Wunsch
    nach Erhalt des Erreichten. Und hier bereiteten die zahlreichen Subkulturen und avantgardistische High-Tech-Pioniere die Eroberung des Cyberspace vor. Es kursierten Begriffe wie Gehirnhacking, Körperhacking, Bionische Engel, Cyborgs, Cyberpunks. Heute wird gehackt, was nicht bei 4 auf den Bäumen ist. Gehackt werden soll die Denkfähigkeit durch Gehirn-Upgrades und Vernetzung (Brain Hack). Gehackt werden sollen die Sinne (Sensory Hack), indem das Vorhandene gesteigert oder modifiziert wird – besser sehen, hören, riechen sowie Ohren und Nasen, die sich schließen lassen – oder, indem ganz neue Wahrnehmungsbereiche eröffnet werden: Sinne für andere Frequenzen, Schallwellen, Radar oder Radiaktivität. Diese Utopie des Cyberland, damals quasi gedacht als eine Parallelwelt zu unserer vorhandenen Welt, war noch nicht im Focus ökonomischer Prioritäten. Die Grabber AOL, Facebook usw. gab es
    noch nicht. Man befand sich im Wildwest der sozio-technischen Evolution und in Deutschland war man mit seiner geschulten Medienkritik recht gut positioniert gegenüber den Denkstrukturen des Silicon Valley. Es waren zu jener Zeit Organisationen aus Kunst und Kultur, die an der Programmierung von
    Webportalen gearbeitet haben. Interessant sind hier z.B. „De Digitale Stad Amsterdam“ aus dem Jahre 1994. Die DDS wurde von einem Kulturzentrum und einem Hackerkollektiv ins Leben gerufen. Der Grund für die Initiative waren grade stattfindende Kommunalwahlen in Amsterdam und man erhoffte sich über die neuen Informationssysteme einen regen Diskussions-Austausch aller
    Beteiligten. Ein anderes interessantes Projekt war „Die internationale Stadt“, gegründet von einer Berliner Kunstinitiative aus dem Jahre 1995.

    Und, wo liegt nun der Geist des Fortschritts, die Idee des Mensch-Seins und des Sharing? Wie können wir Menschen die neuen Technologien nicht einzeln und egoistisch als Gadgets nutzen, sondern in Gesellschaft an den neuen Möglichkeiten partizipieren?

    Heute möchten datengetriebene Technologiemodelle uns „The paradise of human beeings“ bescheren. Mittlerweile weiß aber wohl jeder, auch ohne Gadget Messung, daß es zu viele Emmissionen von zu vielen Dreckschleudern gibt. Die CO2 Mess Spots erfüllen nur noch, -ja welche Zwecke eigentlich?
    Blockchain / Dokumentation von Geld und Besitz. Monetariesirungsmodelle über Emmissionszertifikate oder Klagemodelle wie z.B der Deutschen Umwelthilfe.

    Vor Jahren haben wir im Argos-Salon schon einmal über „das Geschäftsmodell der Banken“ und das digitale Geld anhand des Bitcoin, einer Kryptowährung, gesprochen. Zur Zeit hat dieses Thema wieder Hochkonjunktur. Der Code des Bitcoin basiert auf der sogenannten „Block Chain“. Mit dieser Technologie wird bei jedem Besitzerwechsel dem transferierten Geld ein neuer Codeschnipsel
    angehängt (von daher der Begriff Block) um eben diesen Artikel zu referenzieren und einwandfrei bisher stattgefundene Besitzerwechsel zu dokumentieren. Dieser Code wird dezentral auf verschiedenen Servern gespeichert. Der eigentlich umwerfende Aspekt ist hier zum einen, daß man den angehängten Code nur bis zu 24 Millionen Bitcoins realisieren kann, die Geldmenge wäre dann
    also gedeckelt. Der andere interessante Aspekt der Nutzung der „Block Chain Technologie“ ist die mögliche Verwaltung der Eigentumsnachweise und Dokumentantion von Besitzerwechseln wie bei Hausbesitz, Urkundenbesitz, Testamente, Patentverzeichnisse usw. usf. Die Speicherung der „Block
    Chain“ Daten läuft dezentral. Jede zentrale Speicherung von Daten, wie sie z.B. Banken über das Geld und die Kunden ausüben, wäre dann obsolet. Die Banken wissen das mittlerweile auch und arbeiten in einem Konsortium an eigenen digitalen Währungen und sammeln und kaufen hierfür fleißig Patente.

    Opendata und Open Access

    Auf http://www.daten.berlin.de/ werden auf einer Karte Obstbäume, welche der Allmende zuzurechnen sind und die von daher von jedem beerntet werden können, verzeichnet. In Berlin gibt es schon einige wenige Opendata Applikationen unter http://www.daten.berlin.de zu sehen. Open Data legt einfach die API’s / Schnittstellen offen, so daß jeder bereits erstellte
    Datenbanken benutzen kann. Ein Beispiel wäre hier die Visualisierung der Verbrauchsdaten derBerliner Bezirke von Strom. Hier kann man einen Bezirk, z.B. Berlin Mitte aufrufen und sieht dann die Daten für z.B. Erzeugte Energie, Verbrauch absolut, Einwohnerzahl, Verbrauch pro Einwohner usw.
    In Wien entwickelt man das Open Access Network Austria (OANA). Diese schreibt: „Wissenschaft ist ein öffentliches Gut, das erst durch Teilen und Weiterverwendung nutzbar wird. Da die digitale Revolution es ermöglicht, viele Informationen von jedem Ort und jeder Zeit zugänglich zu machen,
    ist es das Ziel von Open Access, alle wissenschaftlichen Publikationen frei im Internet zur Verfügung zu stellen. Hierfür gibt es auch eine Agenda. Auch die European Research Area (ERA) oder die Max-Planck-Gesellschaft entwickeln hierzu Roadmaps. Wenn man über Open Data spricht, muß man über die Diskrepanz von freien Zugängen zu Datenbanken mittels freier API’s und über die alten Geschäftsmodelle, Wissen und Erfindungen geheim zu halten, sprechen. Große Konzerne, z.B. die aus der Pharmaindustrie, haben durch z.B. in Deutschland geeignete Rechtsmodelle, Erfindungen, die oft über die staatlichen Universitäten erarbeitet wurden, über lange Zeit zu monetarisieren gewußt. Länder wie Indien konnten das über Druck teilweise reduzieren,
    Länder wie Deutschland befinden sich in der Falle. Zumal mittlerweile auch einzelne Pharma Konzerne öffentlich zugeben, daß Forschung und Entwicklung nicht mehr in ihren Bereich gehören, sondern das diese outgesourct werden müssen. Hier sollten generell einige neue Fragen gestellt werden.

    Heute, im digitalen Zeitalter werden all diese Problematiken wieder neu besprochen. Man fragt sich, ob das Geschäftsmodell wissenschaftlicher Verlage noch zeitgemäß ist? Die OANA ( Open Access Network Austria) in Österreich möchte bis 2025 die gesamte wissenschaftliche Publikationstätigkeit auf Open Access umstellen. Das bedeutet, daß alle wissenschaftlichen Publikationen, die aus Unterstützungen mit öffentlichen Mitteln hervorgegangen sind, ohne Zeitverzögerung und in der finalen Version im Internet frei zugänglich sind. Die
    notwendigen Mittel werden den AutorInnen zur Verfügung gestellt, – oder die Kosten der Publikationsorgane werden direkt von den Wissenschaftsorganisationen getragen. Österreicher erhalten erstmals ein grundsätzliches Recht darauf, mit Steuergeldern finanzierte
    Dokumente für eigene Zwecke zu gebrauchen. Im Juli 2015 trat eine Nouvelle des Informationsweiterverwendungsgesetzes in Kraft, das die Nutzung von Dokumenten regelt, die sich im Besitz öffentlicher Stellen befinden.


    Bildung und MOOCs

    Wie der Erziehungswissenschaftler Sugata Mitra 2013 einmal über die Geschichte der Lernmethodeen referierte, beschrieb er einmal die zu Zeiten des britischen Empire ausgeübten schulischen Ziele: eine gute Handschrift, weil alle Daten mit der Hand geschrieben wurden, sie mußten lesen können, und sie mußten in der Lage sein, im Kopf zu multiplizieren, zu dividieren, zu
    addieren und zu subtrahieren. Es wurde für den globalen bürokratischen Verwaltungsapparat ein Schule benötigt, um einen globalen Computer aus Menschen zu schaffen.

    Heute gibt es MOOCs (Massive Online Open Courses) – offene Online-Kurse für alle. Hier können die besten aller Lehrer ihre Lehre betreiben und in Schulen können hierzu dann die Besprechungen und Hausaufgaben ablaufen. So hatte das berühmte MIT (Massachussets Institute of Technology) einmal einen Kurs mit Prüfung weltweit online gestellt, und die 400 besten Teilnehmer waren dann gar nicht mehr vom MIT selbst, sondern es waren Menschen die online dazu gestoßen waren.

    Maker Faires


    Hacker-, DIY- (Do It Yourself) und Maker-Kulturen sind in den Mainstream eingegangen. Ihre Formate und Methoden gelten mittlerweile als “moderne” Aspekte vieler Politik-, Kultur- und Bildungsprogramme. Dieser Umbruch zeigt sich auch im Wiederaufleben von Craft-Kulturen und im Aufkommen neuer Formen kritischen und aktivistischen Designs als mögliche Gegenpole. All diese Praktiken haben jedoch nie isoliert existiert: Eingebettet in größere soziokulturelle, ökonomische und politische Kontexte haben sich Hacker-, DIY- und Maker-Kulturen schon immer gegen vorherrschende Narrative des Marktes positioniert.

    Transmediale 2016 und Kunsprojekt Autonomy Cube


    Hier noch ein Anmerkung zur Transmediale, dem Mediumkunst-Festival im Haus der Kulturen der Welt. Hier heißt es: Angesichts zahlreicher Probleme und globaler Krisen müssen wir uns fragen, wie eine Gesprächskultur im digitalen Zeitalter aussehen kann? Im internationalenWettbeweb zwischen Staaten, Unternehmen, Netzwerken und Individuen werden wichtige globale Angelegenheiten auf Worthülsen reduziert. Die Macher der Transmediale sagen: wir sprechen von Flüchtlingskrise, Finanzkrise, Klimawandel, Big Data, dabei ist längst nicht klar, worüber wir reden. Wie tauscht man in einer global vernetzten Medienwelt Argumente und Ansichten über komplexe Sachverhalte aus? In Zeiten sich überlagernder Krisen möchten viele Menschen aktiv werden. Aber wie? Die Ambivalenz zwischen Tatendrang und Resignation bildete den inhaltlichen Nährboden der Transmediale 2016. „Anxious to Act, Anxious to Make, Anxious to Share, Anxious to Secure“ (bestrebt zu handeln, bestrebt zu kreiren, bestrebt zu teilen, bestrebt zu sichern), so formulierten es die Veranstalter. Der Drang zu handeln und zu teilen ist groß, gleichzeitig wissen
    wir nicht, wie wir es richtig machen können, ohne etwa Großkonzernen in die Hände zu spielen. Zum Abschluss noch eine Bemerkung zum „Autonomy Cube“ Projekt von Tevor Paglen und Jakob Appelbaum. Sie bauten einen transparenten Cube mit 4 Rechnern und einem offenen Wifi-Hotspot. Implementiert wurde die Software TOR, welche eine Anonymisierung von Daten ermöglicht. Diese
    Skulptur wurde in Oldenburg 4 Monate im Edith-Russ-Haus ausgestellt und konnte auch praktisch als Einwahlknoten voll benutzt werden.


    Auswirkungen des Internet in den USA versus EUROPA

    Steven Hills, ein Fellower der American Academy in Berlin untersuchte die Auswirkungen der Share Ökonomie. Ich selbst war damals begeistert von den ersten Mitfahrzentralen, war fasziniert davon, einfache materielle Dinge zu teilen. Und heute? Steven Hills beobachtet die Unternehmen, die meist nur eine Webseite und ein paar Apps haben und mit ihrem Mischmodell aus Technologie à la Silicon Valley und der Gier à la Wall Street ihre lukrativen Unternehmen aufgebaut haben. Dies sind Unternehmen wie „Uber“, „Upwork“ und
    „Task Rabbit“. Hier wird vorgegeben, daß jeder Mensch ein selbständiger Unternehmer, ein Geschäftsführer, ein Selbstständiger werden kann. Was früher von Unternehmen an Arbeit einfach in Billig Lohn Länder outgesourct wurde, wird heute mit Schein-Selbständigen im eigenen Land zum Billig-Lohn Tarif praktiziert. Und dieser Steven Hill möchte in seiner Studie den prekären
    Zustand von ¾ der Amerikaner, die mittlerweile sich nur noch in ihren Jobs von Gehaltsabrechnung zu Gehaltsabrechnung durchhangeln, vergleichen mit den Auswüchsen einer Sharing Ökonomy in einem Wohlfahrtsstaat mit einflussreicheren Gewerkschaften und stärkerer staatlicher Regulierung.
    Können wir Wohlstand erhalten, wenn unsere Wirtschaftssystem auf einseitigen Arbeitgeber- und Arbeitnehmer Beziehungen basieren? Oder erfordert Wohlstand mehr Mitbestimmung zwischen den Akteuren?

    Die Versicherung Generali


    Der Versicherer plant das Sammeln von Gesundheitsdaten per App. Die Generali-Gruppe steigt ins Telemonitoring ein und kooperiert dazu mit dem südafrikanischen Versicherer Discovery. Die Südafrikaner haben das Gesundheitsprogramm Vitality entwickelt. Kunden, die auf Fitness, Lebensstil und Ernährung achten, werden mit Gutscheinen, Geschenken und Rabatten belohnt. Die,Daten werden mittels App an den Versicherer übermittelt. So sollen beispielsweise Vorsorgetermine dokumentiert, Schritte gezählt und sportliche Aktivitäten gemessen werden. Generali selbst beschreibt Vitality so: Mit Generali Vitality bieten wir zukünftig eine Produktoption für die stetig wachsende Gruppe gesundheitsorientierter Menschen an. Die Vitality-Produkte unterstützen die Kunden auf für sie nachvollziehbare Weise dabei ein gesünderes Leben zu führen. Von der Idee her vergleichbar mit den Bonussystemen von Krankenkassen wird eine gesunde Lebensweise gefördert und belohnt, indem der Kunde beispielsweise Vergünstigungen (bei der Mitgliedschaft im Fitnessstudio, beim Kauf von Sportausrüstungen und gesunden Lebensmittel)
    oder Bonuspunkte erhält. Innovativ ist an dem Modell, dass es ganzheitlich ist, d.h. vom Gesundheits-Check über die Vergünstigungen bis zu Bonuspunkten geht und dass dabei auch digitale Anwendungen zum Tragen kommen, die eine intuitive und für den Versicherten einfache Nutzung ermöglichen. Kunden erhalten Prämiennachlässe. In der ersten Stufe erhalten Versicherte die genannten Vergünstigungen, in einer zweiten Stufe sollen auch Prämiennachlasse beim Versicherungsschutz möglich sein. Damit ist Generali der erste große Versicherer, der Ernst macht mit „Big Data“. Nach Medienberichten sollen auch Allianz, Axa und weitere an ähnlichen Projekten arbeiten. Vorreiter dieser Entwicklung ist der US-amerikanische
    Krankenversicherer United Healthcare. Dort erhalten Versicherte nach entsprechendem Nachweis schon seit Jahren Preisnachlässe. „In Europa werden die Produkte zunächst in Deutschland, Frankreich und Österreich erhältlich sein und die Märkte dann sukzessive ausgeweitet. Weltweit ist der Kooperationspartner bereits in vielen Ländern aktiv, darunter Südafrika, USA, China, England, Australien und Südostasien“, sagt Generali-Unternehmenssprecherin Silvia Lorger-Michel. Hierzulande erntet das Vorhaben deutliche Kritik. Verbraucherschützer wie Peter Grieble von der
    Verbraucherzentralen Baden-Württemberg verweisen auf das Manko hinsichtlich Datenschutz. Der Kunde wisse gar nicht, wie seine Daten im Konzern verarbeitet werden und wer Zugriff darauf habe. Einige Kommentatoren in Publikumsmedien mokieren zudem, dass so das Prinzip der Versicherung ad adsurdum geführt werde. Denn es werden nicht mehr verschiedene Risiken zwischen vielen Kunden und über die Zeit ausgeglichen, sondern die Versicherer versuchen so die „guten“ Risiken für sich zu gewinnen und der Konkurrenz die „schlechten“ Risiken überzuhelfen. Ein Trend, der bei genauerer Betrachtung wahrlich nicht neu erscheint. Felix Hufeld, oberster Versichungsaufseher bei der BaFin, sagte in der Süddeutschen Zeitung: „Wenn wir den Gedanken zu Ende denken, kann das letztlich zu einer Atomisierung des Kollektivs führen.“ Und auch
    Schriftstellerin Juli Zeh schaltet sich in die Debatte ein: „Wir werden manipulierbar und unfrei“. Sie sieht totalitäre Strukturen im Gewand von Serviceangeboten. Von Zeh ist der Roman „Corpus Delicti“, der vor der Problematik einer Gesundheitsdiktatur in naher Zukunft warnt.
    Anhang von Gert Lovink http://thing.desk.nl/bilwet/Geert/Aufsaetze/dds.txt

    *1. Was ist eine ‘digitale Stadt’?


    Digitale Staedte oder ‘Freenets’ sind frei zugängliche, kostenlose Informationssysteme innerhalb des Internets. Es handelt sich dabei um eine
    lokale Sammlung ‘virtueller Gemeinschaften’ (Rheingold), wobei das gemeinsameInteresse die geografische Lage und die Muttersprache ist. Seit Januar 1994 gibt es in Amsterdam eine solche digitale Stadt. Sie wurde von “De Balie” gegruendet, einem Zentrum fuer Politik, Theater und Kultur, sowie der
    “Hacktic”-Gruppe (Computerhacker, die den ‘XS4all’ Internetserver betreiben).
    Das Ziel war anfaenglich, ein Experiment durchzufuehren, welches das Verhältnis zwischen den Buergern und dem Bereich der Politik im elektronischen Zeitalter untersucht. Anlass waren die Wahlen des Gemeinderats. Bald ging die
    Entwicklung dahin, die Diskussion über die Planung der ‘Datenautobahn’ in
    Holland voranzubringen. Für viele war ‘dds’ die erste Bekanntschaft mit dem Internet. Das System brach aufgrund des grossen Zuspruchs bald zusammen. Mittlerweile hat dds-Amsterdam 20.000 ‘Bewohner’ und bis zu 4000 log-ins pro Tag. Seit Oktober 1994 laeuft das System ueber das World Wide Web und die Bewohner haben die Moeglichkeit, eigene Homepages zu gestalten. Die Version 3.0 (Juni 1995) legt noch mehr Wert auf die individuelle Positionierung der einzelnen Benutzer, um das wachsende System weiter zu differenzieren. Im folgenden Text werden eine Anzahl von Alternativen und Dilemmas dargestellt, um so, ohne Einfuehrung, gleich einen Eindruck davon zu geben, welche Fragen sich bei der Planung öffentlicher Netzsysteme ergeben. Kein elektronisches Kaufhaus, sondern Public Domain. Die digitale Stadt ist kein in sich geschlossenes Einkaufszentrum oder Ladenpassage. Sie ist ein öffentlicher Raum, der zwar Zugang zu kommerziellenSystemen oder Diensten ermoeglicht, selbst jedoch keine Waren aufnötigt oder Mautgebuehren an den Zugangspforten erhebt. So wie es nichts kostet, auf der Strasse zu laufen, muss auch der Zugang zur Digitalen Stadt frei sein. Es herrscht das Recht der freien Meinungsaeusserung. Man kann sich ueber die ‘Strasse’ in ein anderes System einloggen, in dem man für Information bezahlen muss, aber der öffentliche Raum im Netz hat damit nichts zu tun. Wenn dieser grundlegende Unterschied zwischen oeffentlichem Raum und Privatheit nicht gemacht werden kann, gibt es keine Existenzberechtigung mehr fuer eine digitale Stadt und sie wird ein Computernetzwerk wie alle anderen. Eine digitale Stadt kann zwar ‘Verkaufsraum’ vermieten, darf aber nicht darauf reduziert werden. Kommerzielle Systeme dagegen werden sich von Natur aus nicht mit dem Problem befassen, ob sie ein ‘Aussen’ haben. Sie werden höchstens Werbung für andere machen, indem sie ihnen die Möglichkeit geben, eine Anzeige zu plazieren. Laut Joost Flint, zusammen mit Marleen Stikker einer der Koordinatoren, ist die Digitale Stadt sowohl eine Antwort auf die drohende Kommerzialisierung des Netzes, als auch ein Trendsetter. “dds” schafft keinen Markt. In dieser Hinsicht sind wir Hippietouristen, die ein Fernes Land kennenlernen. Ich hoffe, dass Die Digitale Stadt ein Raum für nicht-kommerzielle Information bleibt, mit Gratiszugang und Moeglichkeiten, die man in kommerziellen Systemen nicht hat. Es ist angenehm für Menschen, zu wissen, dass sie nicht ‘gemonitort’ werden. Jeder Schritt, den man in einem anderen Internetsystem tut, wird registriert. Die Information wird an eine Direkt-Marketing-Agentur verkauft. Privacy wird ab einem bestimmten Zeitpunkt ein Thema werden.


    *2. Die digitale Stadt ist eine Metapher


    Rob van der Haar ist einer der Designer des Interface fuer Die Digitale Stadt
    3.0. In einem Vortrag mit dem Thema ‘Die Stadt als Metapher’ führt er aus:
    “Warum sollte man einer elektronischen Umgebung den Namen ‘digitale Stadt’
    geben? Zunaechst einmal, weil er als Metapher dienen kann, er erklärt
    unbekannte Dinge anhand von bekannten. Das Verhalten der elektronischen Stadt wird daher mehr oder weniger an das Bild (mentales Modell) anschliessen
    muessen, das die Zielgruppe von einer wirklichen Stadt hat. Das bedeutet nicht
    automatisch, dass eine digitale Stadt eine exakte Kopie einer wirklichen Stadt
    werden muss. Im Gegenteil, Phantasiestaedte wie Disneyland und symbolische
    Staedte wie ‘The Legible City’ des Kuenstlers Jeffrey Shaw sprechen die
    Phantasie viel mehr an. In manchen Punkten darf eine digitale Stadt durchaus
    vom Erwartungsmuster des Benutzers abweichen, gerade Ueberraschungen und
    Entdeckungen laden ein, die Stadt oefter zu besuchen.”
    Ein Teil des Erfolgs der Digitalen Stadt ist sicher ihrem Namen zu verdanken.
    Die Stadtmetapher foerdert nicht nur die Wiedererkennbarkeit, es ist vor allem
    eine produktive Formel, welche sowohl die Phantasie der Macher, als auch der
    Benutzer reizt. Die ‘Stadt’ zieht Ideen an und provoziert dazu, wilde Plaene
    zu schmieden. Diese Metapher erlaubt sowohl die Arbeit an einem strikten,
    uebersichtlichen Plan, in dem Funktionalitaet und Benutzerfreundlichkeit
    dominieren, als auch an einem Labyrinth von Gassen und kleinen Strassen, in
    denen sich dunkle, illegale, abenteuerliche Dinge abspielen. Eine Stadt kann
    so reich (und so arm) sein wie das Leben. Ausschlussmechanismen koennen
    aufgrund der zielbewussten Komplexitaet der Struktur nicht effektiv
    durchgefuehrt werden. Die Unuebersichtlichkeit schuetzt die Bewohner gegen die destruktiven Seiten der Transparenz und der Allgegenwaertigkeit. In der
    Computerterminologie bedeutet das, dass der kuehle, kalte High-Tech durch
    menschliche Exzesse und nichtvorgesehene Abweichungen gemildert wird. Neben dem Rathaus muessen auch der Sexshop und der Koffieshop ihre Annehmlichkeiten anbieten koennen. Man kann in die Schule gehen, aber auch schwaenzen. Die Digitale Stadt muss nicht per se sauber und gesund zu sein. Es muss auch anonyme Plätze geben. Das System wird staendig umgebaut, mit lästigen Baustellen und aufgebrochenen Strassen. In der Literaturkritik ist die
    Metapher ein vertrautes Problem. Es ist an der Literaturwissenschaft, dieses
    Wissen in den Cyberspace zu verpflanzen und den Metaphergebrauch innerhalb
    von Systemen wie Die Digitale Stadt einer kritischen Untersuchung zu unterziehen. Die Stadtmetapher erscheint im Cyberspace zu einem Zeitpunkt, in
    dem es mit der Stadt Amsterdam als Verwaltungseinheit endgueltig vorbei ist,
    und die Stadt sich in der Region (“ROA”) aufloest. Selbst in der reaktionaeren
    Vorstellung des Stadtstaates sehen wir, dass die Stadt sich als eine
    verdichtete Infrastruktur redefiniert, zu der auch die weitentfernten
    Aussenbezirke, Flughaefen, Industriegebiete, edge cities, Autobahnen,
    Handelszentren und Randgemeinden gerechnet werden. Die frühere Stadt dagegen hatte eine deutliche Grenze (und Identitaet). Die digitale Stadt kann nun als zurückgekehrte Metapher einen gewissen Schutz gegen die hochaufloesende Fähigkeit der neuen Technologien bieten. Sie hat neben utopischen auch nostalgische Züge. Sie will den vergangenen Glanz der Stadt wieder zum Leben erwecken, nicht indem man gebaute Umgebung mit postmodernen Fassaden versieht oder die Bewachung verstärkt, sondern indem man die Künstlichkeit konsequentnausbaut: digitaler Konstruktivismus.
    http://thing.desk.nl/bilwet/Geert/Aufsaetze/dds.txt
    http://www.digitalcraft.org/?artikel_id=249
    http://www.digitalcraft.org/dateien/358_0730164807.pdf

    [Vortrag von Klaus Kampe im Argos Salon]

  • Sächsischer Landrat verbietet 24 Bauern Demonstrationen

    Sächsischer Landrat verbietet von 31 angemeldeten, 24 Bauern Demonstrationen am 8. Januar. Es heißt, die öffentliche Ordnung sei gefährdet. Demokratie und Versammlungsfreiheit sind am 8. Januar gefordert und dann sowas??? Der Landrat Rico Anton (CDU) hat 24 Versammlungen verboten, zudem wurden Spontanversammlungen präventiv untersagt. In diesem Sinne: “Freiheit ich komme. Mein Ziel, das ist die Autobahn. Hans im Glück”

    [Quelle Kolja Barghoorn]

    Mein Ziel, das ist die Autobahn, Freiheit ich komme!

    Hans im Glück

    Die Tür ist offen
    Und der Himmel ist rot
    Die Entscheidung ist getroffen
    Und die Reise geht los
    Unter seinen Stiefeln
    Knirscht der Kies im Garten
    Erinnerungen kommen
    Doch er darf nicht darauf warten
    Hey, hey!

    Und die Zeit drängt
    Was hab’ ich nur verschenkt?
    Freiheit, ich komme!

    Sein Ziel das ist die Autobahn
    Er will in and’re Orte
    Das war sein lang erfasster Plan
    Doch denkt er an die Worte
    “Deine Haare sehen dreckig aus
    Seit Wochen keine Arbeit
    Ich schmeiß dich schon noch einmal raus
    Mit dir hat man nur Streit”
    Ein Auto hält, man fragt wohin
    Hans sagt ganz schnell nur “fort”
    Er denkt zurück an den Beginn
    Sie sprechen nicht ein Wort
    Hey, hey!

    Und die Zeit drängt
    Was hab’ ich nur verschenkt?
    Freiheit, ich komme!

    Hans im Glück
    Nimm mich mit
    Nicht nur ein Stück sondern für immer!
    Wie früher dir
    So geht’s jetzt mir
    Ich will heraus aus meinem Zimmer!

    Um 12 Uhr ist er in der Stadt
    Sein Ziel das ist erreicht
    Wo kann er bleiben über Nacht
    Zuhaus’ wär’s jetzt so leicht
    Sein Bett das ist bestimmt gemacht
    Und glaubt er kommt zurück
    Der Bruder hat gewiss gelacht
    Das bricht Hans das Genick
    So geht er dann die Straße lang
    Die Leute seh’n ihn nicht
    Da kommt ein Typ und fragt nicht lang’
    Und nimmt ihn mit zu sich
    Hey hey!

    Und die Zeit drängt
    Was hab’ ich nur verschenkt?
    Freiheit, ich komme!

    Hans im Glück
    Nimm mich mit
    Nicht nur ein Stück sondern für immer!
    Wie früher dir
    So geht’s jetzt mir
    Ich will heraus aus meinem Zimmer!

    Am nächsten Morgen in der Stadt
    Hält vor ihm ein grüner Wagen
    Die Suchmeldung zeigt sein Gesicht
    Sie packen ihn am Kragen
    Zuhause geht’s erst richtig los
    Die Mutter beginnt zu weinen
    Der Vater schreit “ich zog dich groß
    Dank dafür kennst du keinen”
    So geht’s dann ein paar Wochen lang
    Er kann’s nicht mehr ertragen
    Sein Ziel das ist die Autobahn
    Er wird es immer wieder wagen

    Hans im Glück
    Hans im Glück
    Dich gibt es so oft
    Es wird dich immer geben
    Solang man noch hofft
    Und die Tür ist wieder offen
    Und der Himmel wieder rot
    Und die Entscheidung ist getroffen
    Und die Reise geht wieder los
    Unter seinen Stiefeln
    Knirscht der Kies im Garten
    Erinnerungen kommen
    Doch er will nicht auf sie warten
    Hey, hey!

    Hans im Glück
    Nimm mich mit
    Nicht nur ein Stück sondern für immer!
    Wie früher dir
    So geht’s jetzt mir
    Ich will heraus aus meinem Zimmer!

    Am nächsten Morgen in der Stadt
    Hält vor ihm ein grüner Wagen
    Die Suchmeldung zeigt sein Gesicht
    Sie packen ihn am Kragen
    Zuhause geht’s erst richtig los
    Die Mutter beginnt zu weinen
    Der Vater schreit “ich zog dich groß
    Dank dafür kennst du keinen”
    So geht’s dann ein paar Wochen lang
    Er kann’s nicht mehr ertragen
    Sein Ziel das ist die Autobahn
    Er wird es immer wieder wagen

    Und die Zeit drängt
    Was hab’ ich nur verschenkt?
    Freiheit, ich komme!

    Hans im Glück
    Nimm mich mit
    Nicht nur ein Stück sondern für immer!
    Wie früher dir
    Ergeht’s jetzt mir
    Ich will heraus aus meinem Zimmer!

    Hans im Glück
    Nimm mich mit
    Nicht nur ein Stück sondern für immer!
    Wie früher dir
    Ergeht’s jetzt mir
    Ich will heraus aus meinem Zimmer!

    Hans im Glück
    Nimm mich mit
    Nicht nur ein Stück sondern für immer!
    Wie früher dir
    Ergeht’s jetzt mir
    Ich will heraus aus meinem Zimmer!

  • Museum auf der Straße

    Stralsunds “Museum auf der Straße” beantwortet sieben der häufigsten Fragen an die Archäologie.


    Eine neue Plakat- und Onlineausstellung auf Stralsunds Litfaßsäulen beantwortet typische Fragen, die Archäologinnen und Archäologen sehr häufig hören. Dabei begegnen dem Betrachter der sieben Plakate und der dazugehörigen Webseiten Highlights der zukünftigen Ausstellungen des STRALSUND MUSEUM im Katharinenkloster. 

    Dank archäologischer Grabungen, Funden ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger sowie Schenkungen und Ankäufen verfügt das STRALSUND MUSEUM über eine der größten archäologischen Museumssammlungen des Bundeslandes. Viele Funde stammen von der Insel Rügen. Besonders bedeutsam ist die urgeschichtliche Sammlung des Friedrich von Hagenow. Weltbekannt ist das Wikingergold, dessen Weg von Hiddensee in die Museumssammlung im Jahre 1873 die Frage aufwirft, was heute zu tun wäre, sollte man einen Schatz finden. Was ist aus Sicht der Archäologie überhaupt wertvoll, und gibt es überhaupt noch etwas auszugraben? Es muss jedenfalls nicht immer Gold sein, was das Archäologenherz höher schlagen lässt. 

    Museumsdirektorin Dr. Maren Heun möchte mit der neuen Plakatausstellung einen lockeren Zugang zur regionalen Ur- und Frühgeschichte bieten. „Unsere Archäologin Claudia Hoffmann beantwortet typische Kinderfragen und wir begegnen im Vorbeigehen sieben Objekten, die wir mit Wiedereröffnung des STRALSUND MUSEUM im Katharinenkloster wieder im Original zeigen werden.“ 
    Neben den 4.000 Jahre alten Langendorfer Goldschalen, Keramik aus der Trichterbecherkultur und einem seltenen Textilfund wurde rund um Stralsund auch ein menschlicher Schädel ausgegraben, der auf ca. 5.000 v. Chr. datiert wird. Sind solche Knochenfunde eigentlich eklig? Nicht für Wissenschaftler. Ihnen geben z.B. die Spuren an dem bei Drigge gefundenen Schädel Hinweise auf den Menschen. Wir können herausfinden, dass der Mensch an der Küste aufgewachsen ist und viel Fisch aß. Seine DNA, die sich im Ohr erhalten hatte, gibt uns Aufschluss darüber, wie er ausgesehen hat. Auf dem zugehörigen Plakat für “Museum auf der Straße” wird dazu ein Vorschlag gemacht, der auf einem Schädelscan basiert. Ein gutes Beispiel, wie die Archäologie Techniken und Erkenntnisse vieler anderer Wissenschaften nutzt.

    [Quelle Stadt Stralsund]

    Stralsund Museum Geld - Silber-Prerow
    Stralsund Museum - Schaedel Drigge
  • Historische Ereignisse

    In loser Reihenfolge widmet sich Radio Stralsund immer wieder historischen Ereignissen. Heute soll es um die Boston Tea Party gehen. Vor jetzt 250 Jahren fand dieses ikonische Ereignis am 16.12.1773 statt. Etwa 100 Rebellen der Sons of Liberty stürmten 5 Handelsschiffe der Engländer und warfen die Teeladung über Bord. Parolen wie: “Besteuerung ohne Mitbestimmung ist Tyrannei” wurden gerufen. Die Wünsche, das jeder seine Stimmme gehört haben wollte, jeder Mitbestimmung und Teilhabe forderte, all das lag in der Luft. Das in den USA zu jener Zeit herrschende Prinzip des Ungehorsams, sowie Traditionen und Establishment zu brechen, hatte bei den aus ihren Heimat Ländern geflohenen Menschen, oft wegen Verfolgung oder Hungersnöten, eine große Wirkkraft. Demokratie ist immer schwierig und unsere Verfassung immer noch ein Experiment. Demokatie vom Volk, durch das Volk und für das Volk ist immer noch nicht garantiert, die Freiheit ist nicht umsonst Interessant ist zu beobachten wie die Debatten heute, wenn wir darüber streiten, wie unsere Stimmen gehört werden sollen, noch die gleichen sind, wie die, die zur Bostener Tea Party geführt wurden.

  • Stadtwende in Stralsund

    Altstadtverfall | Bürgergruppen | DDR 1989

    „Zur Zeit stehen noch 1.350 Gebäude, von denen 273 als Baudenkmale eingestuft sind. Fachleute gehen davon aus, daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch 75% dieser Substanz zu retten sind.“

    Mit diesen Zahlen unterstrich der ehemalige Stralsunder Stadtarchivar Herbert Ewe 1990 seine Forderung an die damalige Bundesbauministerin Gerda Hasselfeldt, die Stadterneuerung in Stralsund maßgeblich zu unterstützen. Der Hintergrund: In den 1980er Jahren war der Verfall der Stralsunder Altstadt immer augenscheinlicher geworden. Nicht nur waren viele historische Gebäude marode, sondern auch die öffentlichen Räume und die technische Infrastruktur waren stark in Mitleidenschaft gezogen. Dazu kam, dass zum Beispiel immer mehr Geschäfte schließen mussten und die Altstadt als Wohnstandort nicht mehr attraktiv war. Die Folge waren Leerstand und weiterer Verfall.

    Im Umfeld des gesellschaftlichen Aufbruchs im Wendeherbst von ’89 mobilisierte Herbert Ewe viele Stralsunderinnen und Stralsunder, sich für die Altstadt einzusetzen. Schnell organisierte man sich als „Bürgerkomitee“, um den Anliegen der Denkmalpflege und Stadterneuerung mehr Nachdruck verleihen zu können. So forderte die Gruppe um Ewe zum Beispiel im Dezember 1989 einen allgemeinen Abrissstopp beim Rat der Stadt ein – mit Erfolg.

    Nicht nur in Stralsund, in vielen Städten der DDR entstand 1989 ein ganzes Spektrum an Initiativen und Gruppen, die sich für den Erhalt und die Erneuerung der teilweise stark verfallenen Altstädte einzusetzen. Diesen Aktivitäten widmet sich seit 2019 ein Forschungsprojekt, das aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven auf den Zusammenhang von Stadterneuerung, Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung blickt. Forscherinnen und Forscher aus Kaiserslautern, Kassel, Weimar und Erkner bei Berlin untersuchen nicht nur diese Bürgergruppen aus bewegungsgeschichtlicher Perspektive, sondern zeichnen auch die Pfadabhängigkeiten der DDR-Altstadtpolitik nach, rekonstruieren Lebensläufe von Fachleuten, analysieren die Rolle von Kulturinstitutionen für die Altstadterneuerung oder fragen nach deutsch-deutschem Fachaustausch – vor, während und nach dem Herbst 1989. Stralsund ist eine von zehn Städten, die dabei als besonders aufschlussreich für die Forschung ausgemacht wurden.

    Das Engagement für die Erhaltung der Altstadt war nichts Neues in der Stadt am Strelasund. Schon 1956 gab es ein groß angelegtes Forschungsprojekt zur städtebaulichen Denkmalpflege am Beispiel Stralsunds, unter Leitung der Deutschen Bauakademie, der wichtigsten Forschungseinrichtung des Bauwesens in der DDR. Zusammen mit Görlitz und Quedlinburg hatte die DDR-Denkmalpflege die Altstadt schon 1962 als Ensemble in die erste offizielle Denkmalliste der DDR aufgenommen, was allerdings mehr symbolischen Charakter haben sollte. Es gab aber auch schon früh private oder fachliche Initiativen für Denkmalpflege. So war zum Beispiel Käthe Rieck, die ehemalige Leiterin des Kulturhistorischen Museums, in den 1960er Jahren die erste Vertrauensfrau für Denkmalpflege und in dieser Position ehrenamtlich dafür zuständig, sowohl in der Stadtbevölkerung als auch in der Verwaltung für die Belange der Denkmalpflege zu werben. In anderen Städten der DDR wurden in diesen Jahren umfangreiche Abrissplanungen für die alten Stadtkerne erstellt.

    Dann sollte sich der Wind drehen. Die Erneuerung von Altstädten wurde in der DDR rhetorisch aufgewertet und Mittel für die Modernisierung wurden immer wieder versprochen. In der Praxis passierte allerdings zu wenig. Neubaugebiete an den Stadträndern waren schließlich besser für die Bilanzen des DDR-Bauwesens. Der Altstadterhalt wurde staatlicherseits auf die lange Bank geschoben. Im Kleinen gab es aber ein ganzes Spektrum an Initiativen: 1975 gründete eine Gruppe junger Stralsunder Baufachleute zum Beispiel eine Fachgruppe für Denkmalpflege beim Kulturbund der DDR. Auch Herbert Ewe hat sich in seiner Position als Leiter des Stadtarchivs engagiert. Ihm ist besonders zu verdanken, dass viele Stralsunderinnen und Stralsunder nach Feierabend angepackt haben, um das Johanniskloster zu großen Teilen als Sitz des Archivs instandzusetzen. Ewe ist es gelungen, immer wieder Mittel, Material und helfende Hände dafür zu mobilisieren. 1989 war er es, der bis zu 300 Menschen um sich scharte, um die Stadterneuerung zum politischen Gegenstand der Demokratisierungsbewegung zu machen.

    Stadtwende Stralsund
    Stadtwende Stralsund
    Stadtwende Stralsund 2
    Das Heilgeistkloster in Stralsund war 1990 zwar in einem ruinösen Zustand, wurde aber noch von vielen Menschen bewohnt. Seine Sanierung war das erste größere Bauprojekt der Zeit nach der Wende. In der Zwischenzeit schienen sich die Interessen der Bauenden und der Bewohnenden zu widersprechen – ein Grund für Protest. Später resümiert die Architektin Adelheid Horn-Henn: „Zweifellos war es streckenweise ein holpriger Weg bis zum Ergebnis. Aber es ist auch spannend, was innerhalb von nur rund zehn Jahren ein einem ehemals gemiedenen Wohnquartier geschaffen wurde: Ein lebendiger Anziehungspunkt für Wohnungssuchende und Touristen.“ Abbildung: Stadterneuerungsgesellschaft Stralsund: Broschüre: Kloster zum Heiligen Geist. Gestalt und Farbe.

    Die Erneuerung der Stralsunder Altstadt ist aber auch Teil der deutsch-deutschen Geschichte der Stadterneuerung. Im Januar 1990 beschlossen die beiden deutschen Bauministerien ein

    Modellprogramm zur vorbildhaften Sanierung von erst vier, dann fünf ostdeutschen Städten. Stralsund wurde somit, zusammen mit Weimar, Meißen, Brandenburg an der Havel und später Halberstadt zu einem Experimentallabor, wo die Stadterneuerung erst als Kooperationsprojekt von Bundesrepublik und DDR, dann nach bundesdeutscher Gesetzgebung erprobt werden sollte.

    Zu einem Sonderfall kam es bei der letzten Sitzung des Runden Tisches in Stralsund, den „Stralsunder 20“. Sie beschlossen die Gründung der Stadterneuerungsgesellschaft Stralsund (SES), eines Sanierungsträgers, der zur Hälfte der Hansestadt und zur Hälfte einer Kieler Stadterneuerungsgruppe gehört. In wenigen anderen Städten in den Neuen Bundesländern wurden damit Kompetenzen und Kenntnisse eines Trägers so eng an die Kommune gebunden. Sanierungsträger unterstützen die Städte bei planerischen und organisatorischen Belangen der Stadterneuerung.

    Die Aufbruchsstimmung hielt allerdings nicht lange an. In ganz Ostdeutschland galt es nun, die Schwierigkeiten der Stadtentwicklung unter kapitalistischen Bedingungen zu meistern. Ein Hindernis stellte besonders das Prinzip „Rückgabe vor Entschädigung“ dar, das besagte, dass Alteigentum an die vormaligen Besitzer rückübertragen werden sollte. In allen Teilen Ostdeutschlands ächzten die Stadtverwaltungen unter der regelrechten Flut an Anträgen. In der Zwischenzeit wurden diese Objekte dem weiteren Verfall preisgegeben. Indes nutzten viele Familien die neuen Möglichkeiten und bauten Einfamilienhäuser am Stadtrand. An den Stadträndern entstanden zudem große Shopping-Center, die dem Einzelhandel in den Altstädten Konkurrenz machten. In Stralsund war die Talsohle 1998 erreicht. Nur noch knapp über 3.000 Menschen lebten damals in der Altstadt. Nur wenige Jahre später schon folgte die Eintragung in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes, in der Folge konnte der Trend nachhaltig umgekehrt werden.

    Die verbleibenden Baustellen in der Altstadt sind also überschaubar geworden. Während in anderen Städten die Erneuerung und Funktionserhaltung der Altstädte unter Bedingungen der Schrumpfung eine bleibende Aufgabe geblieben ist, werden im Stralsunder Zentrum schon länger die Flächen knapp. Umso leidenschaftlicher wird über jede Parzelle diskutiert. Dass dabei immer noch Akteure aus der Zeit der Friedlichen Revolution mitdiskutieren, ist keine Selbstverständlichkeit.

    So stellt die Ausstellung zur „Stadtwende“ folgerichtig die Frage: Wie wollen wir heute leben? Und wem gehört die (Alt-)Stadt? Denn unabhängig von den wirtschaftlichen oder sozialen Perspektiven erfreuen sich die Altstädte einer größeren Beliebtheit denn je. Was damals Teil der demokratischen Öffnung der DDR und der sich anschließenden Wiedervereinigung war, ist heute wieder bedroht. Seien es steigende Mieten, Kulissenarchitektur, die einseitige Ausrichtung auf den Tourismus oder allzu große Abhängigkeit vom Einzelhandel in den Fußgängerzonen – die Zukunft nicht nur der ostdeutschen Innenstädte muss stets neu verhandelt werden, ohne dabei zu vergessen, die Altstädte als etwas Gewordenes, als Ergebnis menschlichen Schaffens zu betrachten.

    Quelle:

    Beitrag von Jannik Noeske, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am
    Lehrstuhl Raumplanung und Raumforschung der Fakultät Architektur
    und Urbanistik an der Bauhaus-Universität Weimar und Projekt-Pate
    „Stadtwende in Stralsund“

    Abbildungsunterschriften:

    Abb. 1:

    Das Stralsunder Johanniskloster gehört zu den bedeutenden Klosteranlagen Norddeutschlands. 1944 wurde es teilweise zerstört. Der damalige Direktor des Stadtarchivs Herbert Ewe begann bereits 1963, Mittel und Wege für die Sanierung der denkmalgeschützten Klosteranlage zu sichern. Dazu gehörte besonders die Aktivierung von sogenannten Feierabendbrigaden, die nach der regulären Arbeit im Betrieb noch Hand bei der Sanierung des Klosters anlegten. Nach getaner Arbeit gab der “Professor” gerne ein Glas Rotwein oder Schnaps aus. Bis heute ist das Johanniskloster Sitz des Stadtarchivs, die Sanierung allerdings noch nicht abgeschlossen. Foto: Günter Ewald 1982, Bildquelle: Stadtarchiv Stralsund, JK-02-094.

    Abb. 2:

    Nicht nur für Demokratie und freie Meinungsäußerungen gingen die Menschen im Herbst 1989 auf die Straße – bei einer Demonstration in Stralsund wurde auch die gerechte Verteilung von Wohnraum gefordert. Die Lebensbedingungen in den Städten der DDR war ein Stein des Anstoßes für die Demokratiebewegung in der DDR. Dazu gehörte auch das Aufbegehren gegen den immer sichtbarer werdenden Altstadtverfall. Foto: Stefan Sauer 1989.

    Abb. 3:

    Das Heilgeistkloster in Stralsund war 1990 zwar in einem ruinösen Zustand, wurde aber noch von vielen Menschen bewohnt. Seine Sanierung war das erste größere Bauprojekt der Zeit nach der Wende. In der Zwischenzeit schienen sich die Interessen der Bauenden und der Bewohnenden zu widersprechen – ein Grund für Protest. Später resümiert die Architektin Adelheid Horn-Henn: »Zweifellos war es streckenweise ein holpriger Weg bis zum Ergebnis. Aber es ist auch spannend, was innerhalb von nur rund 10 Jahren ein einem ehemals gemiedenen Wohnquartier geschaffen wurde: Ein lebendiger Anziehungspunkt für Wohnungssuchende und Touristen.«

  • Trampen wieder in Mode

    In den 70 und 80ern gab es Heerscharen an Jugendlichen, die an den Autobahnen mit dem Daumen nach oben standen, um günstig und abenteuerlustig an ihre Urlaubsziele zu gelangen. Wie so oft waren die alten Zeiten nachhaltiger als so mache denken. Und der Bonus einer freien Kommunikation zwischen zwei oder drei oder vier Fremden in einer Blechbox sitzend, war meist überraschend offen und inspirierend, jeder wagte sich zu öffnen, was für eine Erfahrung! Man konnte Freunde für’s Leben finden oder auch nur gastfreundschaftliche Übernachtungsmöglichkeiten bei lieben Menschen. Man konnte auch nur einfach dem Fremden zuhören und verschiedene Sichtweisen erfahren. Man mußte sich in Geduld üben, und es gab hierdurch auch Gelegenheiten sein eigenes Weltbild zu überdenken.

    Dann gab es Mitfahrerzentralen, die allerdings schon Geld kosteten.

    Später folgten die Fahrgemeinschaften, man benutzte das Auto praktisch, das war gut. Auch die jetzt eingeführten Mitfahrbanken waren ein Erfolg.

    Und es erfreuen sich heute wieder diese alten Methoden der Fortbewegung, sei es Trainhopping, heute wieder beliebt auf Instagram, früher in den 20ern beliebt bei den Wanderarbeitern und später bei den Hippies in den USA. Die Bücher von Jack Kerouac (on the Road) beschreiben dieses Lebensgefühl von Freiheit und Entdeckungsdrang dieser Zeit in eindringlicher Art und Weise.

    Heute hat das Trampen ein Revival: es gibt das “Tramprennen”, eine neue etwas perfide Sportart. Mit eingesammelten Geldern von Sponsoren für den guten Zweck wird diese gute Aktion kommerzialisiert – aber die Teilnehmenden können jede Menge Erfahrung und Wissen sammeln.

    Und was kommt demnächst!

    Mitfahrbank
    Mitfahrbank, Foto©Klaus Kampe