Kategorie: Kunst

  • Radio und Mauerfall

    Vor der Wiedervereinigung im Jahr 1990 lebten die Deutschen in einem geteilten Land. Eine Mauer trennte das Land in die Bundesrepublik (BRD) im Westen und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Osten. Und auch die Radiosenderlandschaft war geteilt in Ost und West. Nach Mauerfall und Wende wurde der Rundfunk der DDR mit Sendern der BRD zu einem Sender für ganz Deutschland verschmolzen. Das ist heute der Deutschlandfunk. Eva Sudrow hat in Ost-Berlin in der Hörspielredaktion des Rundfunks der DDR gearbeitet und später für den Deutschlandfunk. Sie hat Radio für das halbe Land gemacht und dann für das ganze Land. Verena Hütter hat mit ihr gesprochen.
     

    Verena Hütter, Eva Sudrow Frau Sudrow, was war Ihre Aufgabe beim Rundfunk der DDR?

    Eva Sudrow: Ich war Assistentin, Sachbearbeiterin, Sekretärin – eine technische Kraft sozusagen.

    Wann haben Sie beim Rundfunk angefangen?

    Am 1. April 1976. Da nannten wir uns – also noch zu DDR-Zeiten – Staatliches Komitee für Rundfunk der DDR. Ich war in der Hauptabteilung Funk-Dramatik. Und dann kam 1990 die Wende. Viele Kollegen wurden entlassen, es blieben nur noch wenige übrig. Damals nannten wir uns Funkhaus Berlin. Dann wurden die DDR-Sender zu einem einzigen Sender zusammengefasst, dem Deutschlandsender Kultur. Der existierte zwei Jahre unter der Obhut von ZDF und ARD. Und schließlich wurde 1994 Deutschlandradio Berlin gegründet. Da wurde dieser letzte Sender vom Rundfunk der DDR mit dem RIAS zusammengefügt.

    Der RIAS war der Rundfunk im amerikanischen Sektor, den die US-Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg in Westberlin gegründet hatten. Und aus Köln kam auch noch ein Sender dazu?

    Aus Köln kam der Deutschlandfunk dazu. Der war für die politische Information zuständig. Unser Sender hingegen war hauptsächlich auf die Kultur ausgerichtet. Im November 2015 bin ich dann in Rente gegangen. Nach fast 39 Jahren beim Radio.

    Ein Hörspiel kann man sich vom Aufwand her wie eine Filmproduktion vorstellen.

    Wow! Und langweilig war’s bestimmt nicht.

    Das war überhaupt nicht langweilig. Ich beschreibe Ihnen einmal den Arbeitsplatz im damaligen DDR-Funkhaus in der Berliner Nalepastraße. Ich gehörte damals der Redaktion Produktions- und Sendeleitung an. Die war zuständig für die Produktion und Sendung von Hörspielen. Ein Hörspiel kann man sich vom Aufwand her wie eine Filmproduktion vorstellen. Eben nur ohne Kamera. Statt dem Kameramann war bei uns der Toningenieur wichtig. Der Verwaltungsaufwand war hoch. Und die vielen notwendigen organisatorischen Arbeiten, die damit verbunden waren, das war mein Aufgabenbereich.

    Meine Redaktion, die Funk-Dramatik, war für das komplette Hörspielprogramm zuständig. Wir waren keinem speziellen Sender zugeteilt. Wir hatten verschiedene Sender, die wir bedient haben. Die haben uns ihren Sendeplatz angegeben und den mussten wir dann bestücken. Wir haben auch internationale Hörspiele produziert, Hörspiele für Kinder und Familienserien wie Neumanns 2x klingeln.

    Wer waren die Neumanns?

    Das war eine witzige Familienserie aus dem Leben der Familie Neumann. Sie lief einmal pro Woche mit einer Sendedauer von circa 20 Minuten.

    War es ihr Berufswunsch, zum Radio zu gehen?

    Überhaupt nicht. Ich war zuerst bei der Außenhandelsbank beschäftigt in Berlin. Aber die hatten keine Kindergartenplätze. Durch einen Zufall habe ich erfahren, dass sie beim Funkhaus Berlin jemanden gesucht haben, und die hatten Kindergartenplätze. Deshalb bin ich zum Rundfunk gekommen, wegen meiner Kinder.

    Das ist schön! Von der Ausbildung her sind Sie Bankkauffrau?

    Nein, angefangen habe ich als Stenophon-Typistin und habe eine Sekretariatsausbildung gemacht. Mit anderen Zertifikatsabschlüssen habe ich mich später weiterentwickelt.

    Ich versuche mir die Zeit des Mauerfalls vorzustellen. Sie meinten, dass viele entlassen wurden. Und Sie konnten aber zum Glück bleiben?

    Das war eine sehr aufregende Zeit. Es gab Untersuchungen. Da ging es um die Staatssicherheit. Ob man da irgendwie involviert war. Es gab Kontrollen. Das war nicht einfach. Es war nervenaufreibend zu warten, bis dann schließlich die Zusage kam. Ich habe es schriftlich – schwarz auf weiß – , dass ich kein IM (Spitzel) war. [lacht]

    Die Zeit des Mauerfalls war schon haarig.

    Als die Mauer fiel, war ich ein Kind, ich habe das nicht präsent. Kam der Mauerfall wirklich komplett überraschend? Oder haben Sie das einige Monate davor schon vermutet, dass es dazu kommt?

    Der Mauerfall kam für uns sehr überraschend. Einige Anzeichen gab es jedoch. Da war die große Demonstration am 4. November 1989. Wo sich das Volk nochmal aufgebäumt hat. Und davor fingen mit der Perestroika die ersten politischen Veränderungen an. In der Redaktion wurde viel diskutiert. Wir in der Funk-Dramatik hatten ständig Kontakt mit Künstlern und Schauspielern, die von außen zur Produktion kamen. Die hatten ihre ganz eigenen Anschauungsweisen und brachten Informationen mit. Es war schon haarig.

    Und unmittelbar nach dem Mauerfall ging es los mit der Durchleuchtung der Mitarbeiter*innen. Wo man geschaut hat: Wer hat eine weiße Weste und bleibt?

    Wir waren circa 3.000 Beschäftigte. Wie in einem kleinen gut organisierten Städtchen. Da gab’s sogar eine Poli-Klinik, verschiedene Ärzte. Alles war vor Ort. Und nach dem Mauerfall wurde das lichter und immer lichter. Immer mehr verschwand. Das war traurig.

    Wie lange hat dieses Stadium angehalten? Ein Jahr?

    Länger war das. Gleich ab 1990 ging es los, das Bangen und Hoffen: Wer bleibt? Was wird aus uns? Wie geht es weiter? Wir waren jetzt nur noch ein einziger Sender, da wurden nicht mehr so viele Leute gebraucht. Viele haben auch von sich aus gekündigt. Ich hab gedacht, halt durch. Entweder es klappt, oder es klappt nicht.

    Und nach einigen Jahren war es überstanden. Es stand fest, dass Sie bleiben konnten. Und dann gab es 1994 erneut eine Veränderung …

    … den Zusammenschluss mit dem RIAS. Zu DDR-Zeiten waren die Sender der DDR und der RIAS Gegenpole. Sie haben sich gegenseitig politisch bekriegt. Der RIAS hat es möglich gemacht, dass ihn auch DDR-Bürger hören konnten. Was ich als Jugendliche natürlich auch gemacht habe. Der RIAS war ein interessanter Sender, sein Programm hat mir zugesagt.

    Man hatte sich für uns nicht so interessiert.

    Und nun waren diese beiden gegenpoligen Sender plötzlich unter einem Dach zusammengefasst. Wie kam man miteinander aus?

    Es gab schon Reibereien. Es hat gedauert, bis man gut zusammengearbeitet hat. Anfangs waren die Kollegen vom RIAS traurig darüber, dass es ihren Sender so nicht mehr gab. Aber die eigentlichen Verlierer waren wir.

    Sie waren die Verlierer?

    So haben wir das damals ausgedrückt. Wir hatten dieses riesengroße Funkhaus in der Nalepastraße, wo wir alle Platz gehabt hätten. Und wir mussten aber umziehen in den anderen Teil der Stadt zum Hans-Rosenthal-Platz in Schöneberg, wo der RIAS seinen Standort hatte. Das war eine politische Entscheidung.

    Können Sie sich erinnern, was der größte Unterschied zwischen den RIAS-Kollegen und ihnen war?

    Das ist schwierig zu beantworten. Eigentlich waren sie freundlich und nett. Hin und wieder fiel ein Satz, da haben wir gemerkt: Die waren nicht so gut informiert über uns. Im Westen hatten sie ihre heile Welt, da war alles in Ordnung. Man hatte sich für uns nicht so interessiert. Das war mein Empfinden.

    Die Hörspiele von früher laufen noch immer.

    Ich weiß, dass Hörspiele aus Deutschland im Ausland – in den USA zum Beispiel – einen sehr guten Ruf genießen. Haben sich die Hörspiele der DDR in ihrer künstlerischen Machart sehr von den Hörspielen, die im Westen produziert worden waren, unterschieden?

    Das würde ich nicht sagen. Hörspiel ist Hörspiel. Es kommt nur auf die Inhalte an. Was die Autoren geschrieben haben, und was die Redakteure daraus machen. Bei einigen DDR-Hörspielen hat man nach der Wende gesagt: Das können wir heute nicht mehr bringen. Aber viele andere Hörspiele aus dem DDR-Fundus wurden auch nach der Wende weiterhin gesendet. Es wurde ein extra Sendetermin eingerichtet. Das hat sich gut gefügt.

    Hören Sie heute immer noch Radio?

    Ich höre noch viel Radio. Regional-Radio und Deutschlandfunk.

    Finden Sie im Deutschlandfunk, so wie er heute ist, noch irgendwo ein Stück von ihrem Sender damals in der DDR?

    Ja, natürlich. Das kontrolliere ich jeden Tag. [lacht] Ich bekomme die Programmzeitschrift zugeschickt. Und da schaue ich nach, welche Hörspiele laufen, und wann sie produziert wurden. Immer wieder laufen welche von früher, an denen ich beteiligt war.


    Großer Dank geht an Eva Sudrow für das Teilen ihrer Erinnerungen und an Nathalie Singer für die Idee und die Vermittlung. <3 <3 <3

    Copyright: Text: Goethe-Institut, Verena Hütter. Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

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  • Neue Datenkraken

    Die US-Organisation Thorn, die massiv für das geplante EU Projekt, nämlich Zugang zu all den Daten einer geplanten Chat-Kontrolle wirbt, aber auch die Aktionen von Europol selbst, aus der mittlerweile Mitarbeiter direkt zu Thorn gewechselt sind, sind äußerst kritisch zu beobachten. Im Sinne des englischen Worte Nudging (Nudging ist eine Strategie zur Verhaltensänderung: Menschen sollen dazu bewegt werden, sich für eine erwünschte Verhaltensweise zu entscheiden, ohne dass dazu Zwang ausgeübt wird), ist die Aktion zur Erreichung von Kontrolle und Machtausübung äußerst gut geplant. Der Grund für solche Überwachungsmethoden soll die Verhinderung von Kindesmißbrauch sein. Aber die Strategie von trojanischen Pferden ist ja beliebt und bekannt. Und der Satz der Enschuldigung, wir haben das leider nicht ausreichend kommuniziert, ist mittlerweile auch zur Farce geworden: Es müssen bestimmte Dinge ganz klar abgelehnt werden.

    Europol-Chefin Catherine De Bolle und EU-Kommissarin und Ylva Johansson sind in diesem Zusammenhang äußerst radikal und die Treiber dieses Projektes.

    Mehr hier…

  • Erntedankfest in Stralsund

    Die Gemeinde St. Nikolai, einheimische Landwirte und regionale Erzeuger haben am 01.10.2023 erfolgreich das Erntedankfest auf dem Alten Markt gefeiert.

    Der Erntedank-Gottesdienst fand in St. Nikolai statt.

    Vormittags verwandelte sich der Alte Markt in einen herbstlich bunten Platz. Das Angebot reichte von Obst & Gemüse, über Wildfleisch, Brot, Kuchen, Milch- und Honigprodukte bis hin zu einer Pflanzen- und Samentauschbörse. Große Landwirtschaftsmaschinen wurden ebenfalls zur Schau gestellt.
    Auch den Mittwoch-Spinnerinnen konnte man bei der Arbeit auf die Spinnräder und die flinken Finger zu schauen.

    Dieses Jahr war das Mecklenburg-Vorpommern Landes-Erntedankfest in Neu-Kaliß, nächstes Jahr wird es in Stralsund ausgerichtet werden.

  • Politik und Marketing

    Ja, es ist eine große Frage, eine Frage die Radio Stralsund stellen möchte.

    Es gibt viele Leute, die dankenswerterweise sehr, sehr mißtrauisch sind. Was soll man sich denken unter welcher Prämisse die ersten Marketing Choreographen, wie z.B der Propagandaspezialist Edward Bermays, sowohl für Werbung für Consumer Marketing wie auch Arangements in der Vorbereitung für Kriege in Guatemala gleiche Strategien von Manipulation, Beeinflussung und Fake News (in der Zigaretten Werbung hieß es z.B: rauchen macht schlank), verfolgt haben. Beim erfolgten Putsch in Guatemala hat die United Fruit Company 1954 Bernays beauftragt, den Putsch des damaligen Präsidenten von Guatemala, Jacobo Árbenz Guzmán mit PSYOP Mitteln zu orchestrieren, weil dieser durch seine geplante Landreform die großen Landbesitze von der United Fruit Company in Guatemala gefährdete. Hierzu sind geheim gehaltene Akten mittlerweile öffentlich zugänglich.

    Was für ein Wahnsinn. Leider gibt es diese Horror Geschichten in Südamerika ja zu Hauf. Wir kennen viele Geschichten von beeinflussten Militär Regierungen auf diesem Kontinent, sei es in Chile, Argentien usw. Relativ neu ist der koloniale Einfluss von China über das erpresserische Schulden Szenario, z.B in Ecuador. In den 2000ern machten hier korrupte Politiker wie z.B. Rafael Correa Verträge mit den Chinesen, die quasi einen Ausverkauf der Bodenschätze an China bedeuteten, sie wurden quasi verramscht. Hierzu gibt es eine empfelenswerte Dokumentation: “Ecuador – Mein gestohlenes Land”. Sie begleitet Paul Jarrin, dem Anführer des indigenen Widerstandes. Auch der Journalist und Politiker Fernando Villavicencio spielt hier als Aufklärer von Tausenden von Geheimverträgen zwischen China und Ecuador eine wichtige Rolle. Er wurde 2023 auf offener Straße erschossen.

    Der Irrsinn hat Wurzeln!

  • Was ist Radio Dublab

    Radio Dublab ist entstanden als man Radio nicht mehr nur über den Kauf teurer und genehmigungspflichtiger Funklizenzen und dem Kauf teuren Studio Aquickments organisieren konnte, sondern ohne teure Radiowellen einfach über Labtops und Handy und das WEB produzieren konnte. Dublab entstand 1999 in Los Angeles aus dem Gedanken, ein Graswurzel orientiertes Community Radio in das Internet zu bringen.

    Zum Radio…

  • Radio und Geschichte

    Radio Stralsund widmet sich jeden Freitag der Anfänge unserer Radiogeschichte mit der Listung originaler Aufnahmen aus dem vorigen Jahrhundert aus Ost und West. Mit Hilfe der neuen Techniken des Hörfunks, dem Angebot neuer Möglichkeiten von Aufzeichnungen zu Informations- und Propagandazwecken, hat unser neues mediales Zeitalter mit einer ersten Ausstrahlung auf Langewelle am 22. Dezember 1920 begonnen: “Achtung, Achtung – hier ist Königs Wusterhausen auf Welle 2700”.

    Hören Sie Original Aufnahmen aus den Anfängen des Radios wie z.B. KDKA Radio Pitsburgh first radio broadcast, Mitteilung aus dem VOX Haus Krutschke, Berlin Funkprolog zur Einweihung des Funkturms Reko, Grundsteinlegung für das Haus des Rundfunks, Streitgespräche zwischen Troller und Muehr, Hallo hier Radio Berlin Bernauer und vieles mehr …

  • Tourismus-Gipfel Travel Summit

    Stralsund: MV präsentiert sich auf Tourismus-Gipfel. 80 Veranstalter aus elf Ländern treffen sich in Stralsund unter anderem im Ozeaneum, um die Tourismus Branche zu unterstützen und zu fördern. Mit dem von der Deutschen Zentrale für Tourismus veranstalteten Format will Mecklenburg-Vorpommern auch international mehr Fuß fassen. Im Pommerschen Landesmuseum findet in diesem Zusammenhang die Enthüllung eines Hologramms von Caspar David Friedrich statt. Diesem Maler wird im kommenden Jahr in Greifswald ein 250. Juiläum gewidmet.

    Stralsund ist eine Stadt im Nordosten Deutschlands. Sie gehört zum Landesteil Vorpommern des deutschen Landes Mecklenburg-Vorpommern und ist Kreisstadt im Landkreis Vorpommern-Rügen. Nach Landesrecht führt Stralsund die Bezeichnungen Hansestadt und Große kreisangehörige Stadt.

  • The Mumbles – Live at the 3D Klubb, 22/02/86

    Die Punk/Hardcore-Band “The Mumbles” aus Wichita trat von Anfang der 80er bis Ende der 90er Jahre in Wichita, Kansas, auf und veröffentlichte eine Reihe von Aufnahmen auf Kassette und CD. Die beiden Hauptmitglieder waren John Eberly (Gesang, Gitarre, Saxophon) und Ken Haug (Leadgitarre).

  • Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens

    von Bertold Brecht

    Der Mensch lebt durch den Kopf
    der Kopf reicht ihm nicht aus
    versuch es nur; von deinem Kopf
    lebt höchstens eine Laus.
    Denn für dieses Leben
    ist der Mensch nicht schlau genug
    niemals merkt er eben
    allen Lug und Trug.

    Ja; mach nur einen Plan
    sei nur ein großes Licht!
    Und mach dann noch´nen zweiten Plan
    gehn tun sie beide nicht.
    Denn für dieses Leben
    ist der Mensch nicht schlecht genug:
    doch sein höh´res Streben
    ist ein schöner Zug.

    Ja; renn nur nach dem Glück
    doch renne nicht zu sehr!
    Denn alle rennen nach dem Glück
    Das Glück rennt hinterher.
    Denn für dieses Leben
    ist der Mensch nicht anspruchslos genug
    drum ist all sein Streben
    nur ein Selbstbetrug.

    Der Mensch ist gar nicht gut
    drum hau ihn auf den Hut
    hast du ihn auf den Hut gehaut
    dann wird er vielleicht gut.
    Denn für dieses Leben
    ist der Mensch nicht gut genug
    darum haut ihn eben
    ruhig auf den Hut.

    Und nun der Text des Liedes “Der Musikkritiker” von Georg Franz Kreisler:

    Heute findet jede Zeitung
    Größere Verbreitung durch Musikkritiker
    Und so hab auch ich die Ehre
    Und mach jetzt Karriere als Musikkritiker
    Ich hab zwar ka Ahnung, was Musik ist
    Denn ich bin beruflich Pharmazeut
    Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist
    Je schlechter, um so mehr freun sich die Leut

    Es gehört zu meinen Pflichten
    Schönes zu vernichten als Musikkritiker
    Sollt ich etwas Schönes finden
    Muß ich’s unterbinden als Musikkritiker
    Mich kann auch kein Künstler überlisten
    Da ich ja nicht verstehe, was er tut
    Drum sag ich von jedem Komponisten
    Erst nachdem er tot ist, ist er gut

    Ja, endlich hab ich einen Posten
    Und die Zeitung läßt es sich was kosten
    Ich sitzt auf dem ersten Platze
    Und die Sänger sehen meine Fratze
    Orff und Eck und Boris Blacher
    Fürchten meine hohnerfüllten Lacher
    Hindemith, Strawinsky und Varese sind zwar gut
    Doch ich bin bese

    Ja, ich könnt zufrieden sein
    Das Schicksal hat mich reich beschert
    Aber oh, mich belastet nur eine Verrücktheit
    Ich merk es in jedem Konzert
    Ich seh, wie das Publikum weich wird wie Wachs
    Wenn Musik alle Sinne bewegt
    Ich seh, wie beim Zuhören manch trutzigem Manne
    Ein Tränchen die Brille beschlägt
    Nur für mich hat das Zuhören keinen Sinn
    Weil ich unmusikalisch bin

    Ich seh, wie ein liebliches Mädchen
    Die Hand Ihres Jünglings ergreift und sie drückt
    Wie ein Großmütterl zitternd die Halskette auzieht
    Weil sie sonst vor Rührung erstickt
    Nur ich sitz’ da und hör nicht einmal hin
    Weil ich unmusikalich bin

    Zu Weihnachten schenkt man mir immer Platten
    Ich brauch Krawatten und neue Schuh
    Wo ich auf Besuch bin, spielt man Platten
    Ich sitzt im Schatten und hör nicht zu
    Aber andre hörn zu und der Zauber der holden Musik
    Macht die ganze Welt schwach
    Die Bösen wer’n gut und die Kranken gesunden
    Besonders bei Mozart und Bach
    Nur ich sitz da und kratz mich stur am Kinn
    Weil ich unmusikalisch bin

    Tja, als Kind hab ich zwar Klavier gelernt und übte brav zu Haus
    Doch über gewisse Stücke kam ich nie hinaus
    Dann hab ich auch noch Geige gelernt und übte brav und viel
    Und dann ist mein Geigenlehrer g’storben und hat mir sein Geld vermacht
    Unter der Bedingung, daß ich nie mehr spiel
    Aber etwas mußt ich schließlich tun und versuchte es als Autor
    Und ein Verleger, zu dem ich kam, flüsterte mir ins Ohr
    Schreiben Sie doch ein Buch über Schubert
    Schreiben Sie doch ein Buch über Schubert
    Also ging ich froh nach Hause, setzte mich nieder und ich schrieb

    Schubert war ein Stierer, großer Komponierer
    Er hat nie ein Geld gehabt
    Also ist er heute der Verlierer
    Er schrieb gar viele Töne
    Sicher auch wunderschöne
    Für mich sind sie leider bestialisch
    Denn ich bin ganz unmusikalisch
    Ob es jetzt Schubert oder Tschaikowsky
    Brahms oder Liszt oder Dnjepropretrowsky
    Ob Sinfonie oder Ouvertüre, Rock’n’Roll oder die Walküre
    Zauberflöte, Verkaufte Braut
    Für mich ist das alles nur laut!

    Das Buch war sofort ein Riesenerfolg und es sagten mir viele Herren
    Genial, großartig! Sie müssen Kritiker werden!
    Ich sagte ja
    Und es geschah!
    Ich geh in Konzerte und Opern hinein
    Und ich hör mir den Unsinn dort an
    Den Leuten gefällt’s und ich komm zu dem Schluß
    An Musik ist vielleicht etwas dran
    Nur was dran ist, will mir nicht in den Sinn
    Weil ich unmusikalisch bin

    Die Orgel erklingt und ein Knabenchor singt
    Und der Kontrapunkt tut sich verzerweigen
    Die Pauke zersplittert, der Kapellmeister zittert
    Und angeblich schluchzen die Geigen
    Am Schluß erdröhnt ein donnernder Applaus
    Ich bin der einzige unmusikalische Mensch in Haus

    Aber heute findet jede Zeitung
    Größere Verbreitung durch Musikkritiker
    Und so hab auch ich die Ehre
    Und mach jetzt Karriere als Musikkritiker
    Ich hab diesen Posten schlau erbeutet
    Und ich hasse nichts so wie Musik
    Und daß mir Musik so nichts bedeutet
    Zahl ich jetzt den Musikern zurück

    Ah – wartet nur, ihr sollt es büßen
    Lebet zu den Füßen des Musikkritikers!
    Daß die Welt es wisse
    Lest die lustigen Verrisse des Musikritikers!
    Ich bin konsequent, und ich erkenne kein Talent
    Und da ich weiß, daß ich nichts kann
    Laß ich auch niemand andern ran!
    Und der Redakteur schätzt meine schlechte Meinung sehr
    Und schreit das Publikum: “Hurra!”
    Das nützt euch nichts, dann ich bin da!
    Und eure Kollegen geben immer ihren Segen
    Denn jedem Künstler ist es recht
    Spricht man von andern Künstlern schlecht!
    Nieder mit Musik!

  • Theater Vorpommern

    Premiere am Freitag, 23.09.2023 in Greifswald

    SIMPLICIUS SIMPLICISSIMUS

    Dreißig Jahre, in denen halb Europa verwüstet wird, die Menschen verrohen. Ein Kind wird Zeuge der Zerstörung des eigenen Elternhauses. Jeglicher Familienbande beraubt, verbringt es einige Zeit in der christlich missionierenden Gesellschaft eines Einsiedlers, von dem es den Namen „Simplicius Simplicissimus“ – der Allereinfältigste – erhält.