Ideologien sind immer Denkgefängnisse die auf Ignoranz basieren und nicht auf Toleranz.
am Beispiel von
Whittaker Chambers: (Cold War Classics) „Witness“
vs.
Hannah Arendt: „Vita activa oder Vom tätigen Leben“
zwei Antworten auf dieselbe Erfahrung.
1. Gemeinsamer Ausgangspunkt: Bruch mit der Ideologie
Chambers
- erlebte den Kommunismus als Glaubenssystem
- der Bruch ist existentiell, fast religiös
- Ideologie = Versuch, der Geschichte einen Sinn aufzuzwingen
Arendt
- analysierte Ideologie als Ersatz für Denken
- Ideologie = Logik, die Realität überrollt
- Totalitarismus entsteht, wenn Menschen aufhören zu urteilen
Gemeinsamkeit:
Ideologie ist nicht „falsch denken“, sondern nicht mehr denken.
Der entscheidende Unterschied: Was folgt aus dem Bruch?
Hier trennen sich die Wege radikal.
Chambers: Rückzug aus der Politik
Zentrales Motiv in Witness
Geschichte ist ein geistlicher Kampf, den der Mensch nicht gewinnen kann.
Konsequenzen:
- Politik ist sekundär, fast gefährlich
- Erlösung liegt außerhalb der politischen Welt
- Christentum = letzte Wahrheit gegen geschichtsphilosophische Hybris
Anthropologie
- Mensch ist gefallen
- Macht korrumpiert immer
- Geschichte tendiert zum Bösen
Antwort auf Totalitarismus:
Askese, Zeugenschaft, Opfer, Verweigerung.
Arendt: Rückkehr in die Politik
Zentrales Motiv in Vita activa
Freiheit existiert nur dort, wo Menschen gemeinsam handeln.
Konsequenzen:
- Politik ist unersetzlich
- keine Erlösung, kein Endziel
- Freiheit entsteht zwischen Menschen, nicht in der Seele
Anthropologie
- Mensch ist anfangsfähig (Natalität)
- Geschichte ist offen
- Schuld und Verantwortung sind politisch, nicht metaphysisch
Antwort auf Totalitarismus:
Handeln, Öffentlichkeit, Urteilskraft.
Der Kernkonflikt
| Frage | Chambers | Arendt |
|---|---|---|
| Wo liegt das Heil? | Außerhalb der Welt | In der Welt |
| Rolle der Politik | Gefahr | Notwendigkeit |
| Haltung zur Geschichte | Untergangslogik | Offenheit |
| Gegenmittel zur Ideologie | Glaube | Denken |
| Freiheit | innerlich | öffentlich |
Warum die Neue Rechte Chambers wählt – und Arendt meidet
Chambers ist attraktiv, weil:
- er Sinn stiftet
- Schuld und Opfer klar verteilt
- Geschichte als Kampf lesbar macht
- Politik moralisch auflädt
perfekt für Kulturkampf-Narrative.
Arendt ist unbequem, weil:
- sie keine Erlösung verspricht
- sie alle Lager kritisch prüft
- sie Urteil verlangt, nicht Loyalität
- sie Politik entsakralisiert
schlecht für Mobilisierung, gut für Freiheit.
Blücher als stiller Schlüssel
Blücher würde zwischen beiden sagen:
„Wer nach Sinn statt nach Verantwortung fragt, flieht vor Freiheit.“
Er teilt mit Chambers den Bruch,
aber mit Arendt die Konsequenz:
- keine Ideologie
- keine Heilslehre
- keine letzte Ordnung
Nur Handeln unter Unsicherheit.
Zuspitzung (ehrlich, nicht versöhnlich)
Chambers hilft, den Totalitarismus zu verlassen.
Arendt hilft, danach nicht wieder hineinzugeraten.
Die Neue Rechte bleibt oft beim ersten Schritt stehen.
Wie Arendt heute systematisch missverstanden wird (z. B. „Massengesellschaft = Liberalismus“)
Das Grundmissverständnis: Arendt = Anti-Liberalismus?
Behauptung (Neue Rechte, aber auch Postliberale):
Arendt habe gezeigt, dass Liberalismus zur Massengesellschaft und damit zum Totalitarismus führe.
Was Arendt tatsächlich sagt:
- Massengesellschaft entsteht nicht aus zu viel Freiheit,
- sondern aus Zerfall von Welt, Bindungen und politischem Handeln.
- Das kann in liberalen, autoritären oder revolutionären Systemen passieren.
Liberalismus ist bei Arendt nicht Ursache, sondern oft zu schwach, um Totalitarismus zu verhindern.
Missverständnis: „Massengesellschaft = Multikulturalismus / Migration“
Rechte Lesart:
- „Atomisierte Massen“ = kulturelle Vermischung, Migration, Urbanität
- Lösung: Homogenität, Nation, Tradition
Arendt:
- Masse = politisch entwurzelte Menschen
- entscheidend ist Rechtslosigkeit, nicht Herkunft
- Nationalstaaten selbst haben Massen produziert (z. B. Staatenlose der 1930er)
Ethnische Homogenität schützt nicht vor Totalitarismus – oft beschleunigt sie ihn.
Missverständnis: Arendt legitimiere autoritäre Ordnung
Rechte Berufung:
- Ordnung, Autorität, Disziplin als Bollwerk gegen Chaos
Arendt:
- unterscheidet strikt:
- Autorität (anerkannt, nicht erzwungen)
- Macht (aus gemeinsamem Handeln)
- Gewalt (Ersatz für Macht)
- Autoritäre Regime zerstören Macht, sie stabilisieren sie nicht.
Wer Gewalt mit Ordnung verwechselt, reproduziert totalitäre Logik.
Missverständnis: Arendt = Kulturpessimismus
Verkürzte Lesart:
- Moderne = Verfall
- Technik, Konsum, Gleichheit = Bedrohung
Arendt:
- kritisiert Entpolitisierung, nicht Moderne
- Technik ist nicht das Problem,
- sondern wenn sie menschliches Handeln ersetzt
- Gleichheit ist Voraussetzung von Politik, nicht ihr Feind
Arendt ist keine Kulturkritikerin im rechten Sinn.
Missverständnis: „Banalität des Bösen“ = Verharmlosung
Häufige rechte (und populäre) Fehllektüre:
- Eichmann sei „nur ein Rädchen“
- Schuld verschwinde im System
Arendt meint:
- Eichmann war schuldig,
- aber nicht dämonisch,
- sondern urteilslos
- das ist gefährlicher als Fanatismus
Das Böse wird nicht kleiner, sondern näher.
Für rechte Bewegungen ist das unangenehm:
- man kann Schuld nicht externalisieren
- auch „normale Patrioten“ können Unrecht tragen
Missverständnis: Arendt als Verteidigerin „westlicher Werte“
Instrumentalisierung:
- Arendt als Kronzeugin für „Zivilisationsverteidigung“
- Westen vs. Barbarei
Arendt:
- lehnt Zivilisationsmythen ab
- Totalitarismus ist modern, westlich, rational
- keine „fremde“ Krankheit
Wer Arendt für Kulturkampf nutzt, hat sie bereits verloren.
Der blinde Fleck der Neuen Rechten
Die Neue Rechte übernimmt:
- Arendts Angstdiagnose
- ihre Kritik an Ideologie
- ihre Skepsis gegenüber Fortschrittsnarrativen
Sie verweigert:
- Urteilskraft gegen die eigene Seite
- Pluralität
- Öffentlichkeit ohne Loyalitätszwang
Arendt würde sagen:
Ideologie beginnt dort, wo Denken endet – auch rechts.
Gegenmissverständnis: Auch Liberale lesen Arendt falsch
Nicht nur Rechte.
Liberale Verkürzung:
- Arendt = Verfassung, Institutionen, Rechtsstaat
Problem:
- Arendt war skeptisch gegenüber reinem Verwaltungs-Liberalismus
- ohne lebendige Öffentlichkeit kippen Institutionen
- Bürokratie ist politisch leer, nicht neutral
Arendt ist anti-technokratisch, nicht anti-liberal.
Die Neue Rechte liest Arendt als Warnerin vor Freiheit.
Liberale lesen sie als Verteidigerin von Ordnung.
Beides ist falsch.
Arendt verteidigt Freiheit als Praxis.
Und das macht sie für jede Lagerlogik gefährlich.
Hannah Arendt ↔ Carl Schmitt
Warum ihre Nähe behauptet – und ihr Gegensatz verschwiegen wird
Warum sie überhaupt zusammen genannt werden
Die Neue Rechte behauptet gern:
„Arendt und Schmitt analysieren beide die Krise des Liberalismus.“
Formal stimmt das:
- beide kritisieren liberalen Legalismus
- beide sehen Politik nicht als Verwaltung
- beide lehnen Fortschrittsoptimismus ab
Aber:
Sie ziehen daraus entgegengesetzte Schlüsse.
Der entscheidende Gegensatz (ein Satz)
Schmitt fragt: Wer entscheidet im Ausnahmezustand?
Arendt fragt: Wie können Menschen gemeinsam handeln, ohne Ausnahmezustand?
Politikverständnis
Carl Schmitt
- Politik = Freund–Feind-Unterscheidung
- das Politische ist konfliktiv oder gar nicht
- Einheit entsteht durch Abgrenzung
- Homogenität ist Voraussetzung politischer Ordnung
Politik braucht Entscheidung, notfalls gegen Recht.
Hannah Arendt
- Politik = pluraler Raum des Erscheinens
- Politik entsteht zwischen Verschiedenen
- Konflikt ja, aber nicht existenziell
- Homogenität zerstört Politik
Politik braucht Öffentlichkeit, nicht Entscheidungsmacht.
Ausnahmezustand vs. Natalität
Schmitt
- Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet
- Ausnahme ist der Wahrheitsmoment der Politik
- Recht lebt vom Bruch des Rechts
Ordnung ist immer prekär, daher autoritäre Absicherung.
Arendt
- Zentralbegriff: Natalität (Anfangsfähigkeit)
- Politik lebt vom Neuanfang, nicht von der Ausnahme
- Ausnahmezustand ist politisches Scheitern
Freiheit beginnt dort, wo Gewalt endet.
Macht und Gewalt (fundamental!)
Schmitt
- Macht = Entscheidungskraft
- Gewalt ist legitimes politisches Mittel
- Recht gründet letztlich auf Gewalt
Arendt
- Macht entsteht aus gemeinsamem Handeln
- Gewalt ist Machtverlust
- Gewalt zerstört Legitimität, auch wenn sie effektiv ist
Hier ist jede Versöhnung unmöglich.
Volk, Einheit, Homogenität
Schmitt
- Demokratie = Identität von Regierenden und Regierten
- das setzt Homogenität voraus
- Ausschluss ist demokratisch legitim
Arendt
- Volk ist keine Substanz
- politische Gemeinschaft entsteht durch Teilnahme
- Rechte entstehen aus Zugehörigkeit zur Welt, nicht aus Identität
Schmitt braucht Ausschluss.
Arendt braucht Pluralität.
Verhältnis zum Liberalismus
Schmitts Kritik
- Liberalismus = Entpolitisierung
- Diskussion ersetzt Entscheidung
- Moral verdrängt Macht
→ Lösung: autoritäre Souveränität.
Arendts Kritik
- Liberalismus = Gefahr der Verwaltung
- Politik wird durch Bürokratie ersetzt
- Öffentlichkeit verödet
→ Lösung: mehr Politik, nicht weniger.
👉 Gleiche Diagnose – entgegengesetzte Therapie.
Warum die Neue Rechte Arendt „schmittisiert“
Typische Strategie:
- Arendt-Zitate zu Krise, Masse, Ideologie
- kombiniert mit Schmitts:
- Entscheidung
- Souveränität
- Ausnahme
- Ergebnis: scheinbar „humaner Schmitt“
Das ist intellektuell unredlich:
- Arendt entzieht Schmitt jede Grundlage
- ihre Macht- und Freiheitsbegriffe widersprechen ihm direkt
Die moralische Trennlinie
Schmitt
- Recht folgt Macht
- Schuld ist sekundär
- Loyalität entscheidet
Arendt
- Schuld ist persönlich
- Denken ist Pflicht
- Loyalität ist nie Entschuldigung
Eichmann vs. Ausnahmezustand.
10. Zuspitzung
Schmitt denkt Politik vom Krieg her.
Arendt denkt Politik vom Handeln her.
Schmitt braucht Feinde, um Ordnung zu schaffen.
Arendt braucht Andere, um Freiheit zu ermöglichen.
Warum das heute entscheidend ist
Wer Arendt mit Schmitt kurzschließt:
- legitimiert Ausnahmezustände
- moralisiert Macht
- entpolitisiert Verantwortung
Arendt wäre hier radikal:
Der Ausnahmezustand ist nicht die Rettung der Politik, sondern ihr Ende.
Carl Schmitt und die autoritäre Linke
Grundidee: Schmitts Kernkonzepte
Die zentrale Schmittsche Denkfigur:
- Souveränität = Wer über den Ausnahmezustand entscheidet
- Macht konzentriert sich, wenn Regeln versagen.
- Der Souverän steht über Recht, um Ordnung oder Transformation durchzusetzen.
- Freund–Feind-Logik
- Politik ist immer Konflikt.
- Einheit entsteht durch Abgrenzung.
- Staatliche Entscheidung ≫ Moralische oder liberale Prinzipien
- Rechtsnormen sind sekundär gegenüber effektiver Macht.
Warum das für autoritäre Linke attraktiv ist
a) Staatszentrierte Lösung von Krisen
- Marxisten, Leninisten oder Stalinisten suchen Instrumente, um radikale Transformation durchzusetzen.
- Schmitt liefert Legitimation für Exekutive Macht jenseits liberaler Beschränkungen.
b) Ausnahmezustand als politische Strategie
- Revolution = „dauerhafter Ausnahmezustand“.
- Schmitts Theorie erlaubt:
- Notstand als Moment der politischen Klarheit
- Übergehung von Recht als legitimes Mittel
c) Freund–Feind-Logik für Klassenkampf
- Linke können „Bourgeoisie vs. Proletariat“ als politische Ausnahmebeziehung interpretieren.
- Schmitts Begriff wird zur juristischen oder strategischen Untermauerung von Klassenpolitik.
d) Ablehnung liberaler Zivilgesellschaft
- Liberale Institutionen = Hindernis für radikale Umgestaltung.
- Schmitt zeigt, wie Recht und Demokratie formal sein können, ohne echte transformative Macht.
Spannungen / Grenzen
- Schmitt ist kein Linker; er verteidigt Staat und Ordnung, nicht Revolution.
- Schmitts Betonung der Nationalhomogenität kollidiert mit internationalistischem Linken-Gedanken.
- Schmitt will den Ausnahmezustand begrenzen auf Souveränität, nicht auf permanente Revolution.
Fazit: Linke nehmen selektiv, oft nur den Mechanismus der Machtkonzentration, nicht seine konservative Staatsphilosophie.
Historische Beispiele
| Akteur | Wie Schmitt rezipiert wurde |
|---|---|
| Leninismus / Stalinismus | Schmittsche Ausnahmebegründung als Rechtfertigung für „Diktatur des Proletariats“ |
| Italienische Linke (Gramsci-Kreis) | Schmitts Freund–Feind-Logik für Blockbildung im Klassenkampf |
| Neo-Marxisten / Kritische Theorie | Schmitt als Analysewerkzeug: Ausnahmezustände, politische Entscheidungsmechanismen, jedoch ohne normative Zustimmung |
Vergleich: Linke vs. Rechte Schmitt-Rezeption
| Merkmal | Rechte | Autoritäre Linke |
|---|---|---|
| Ausnahmezustand | Schutz der Nation, Kultur, Ordnung | Transformation, Revolution, Klassenherrschaft |
| Freund–Feind | Nation / Identität | Klassen, globale Feinde |
| Legitimation | Verteidigung, Erhalt | Radikale Umgestaltung |
| Verhältnis zu Freiheit | Sekundär, oft repressiv | Sekundär, oft utopisch |
➡️ Schmitt ist technisch flexibel, weil er Machtmechanismen beschreibt, nicht moralisch definiert. Darum funktioniert er auf beiden Seiten.
Der entscheidende Punkt
Schmitt ist attraktiv für jede politische Richtung, die Rechtsnormen zugunsten radikaler Entscheidung überschreiten will.
- Rechte: Nation, Tradition, Identität
- Linke: Revolution, Klassenherrschaft, Umgestaltung
- Beide ignorieren Schmitts normatives Anliegen, dass Souveränität immer an Verantwortung und konkrete Gemeinschaft gebunden ist.
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