Autor: stralsund

  • Arminius und der Wald, den nicht jeder sieht

    Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. marschierten drei römische Legionen unter dem Kommando des Publius Quinctilius Varus nach Germanien. Arminius, der einst im römischen Heer gedient hatte, dessen Sprache und Kriegskunst kannte und mit der Macht Roms aus eigener Erfahrung vertraut war, führte in den Wäldern des Teutoburger Waldes germanische Stämme gegen die Römer. Die Schlacht endete in einer Katastrophe für Rom.

    Doch die eigentlich interessante Frage lautet nicht nur: Wer hat gesiegt? Sondern: Was war Arminius?

    Für Rom war er ein Aufständischer und Verräter, für jene, die mit ihm kämpften, ein Anführer des Widerstands gegen eine fremde Macht. Jahrhunderte später wurde Arminius als «Hermann» zu einer Figur des deutschen kulturellen Gedächtnisses. Der Teutoburger Wald war nun nicht mehr nur Schauplatz einer militärischen Niederlage, sondern Teil einer Erzählung über Widerstand und nationale Zugehörigkeit.

    Das Ereignis ist dasselbe geblieben. Seine Bedeutung hat sich verändert.

    Hier beginnt das philosophische Problem. Wir leben nicht in einer Welt bloßer Tatsachen, sondern in einer Welt von Bedeutungen, durch die Tatsachen geordnet und gedeutet werden. Der Mensch steht nicht außerhalb der Geschichte. Er wird in eine Sprache hineingeboren, wächst in einer Kultur auf, erbt Erinnerungen und übernimmt Vorstellungen vom Menschen, von Gesellschaft, Herrschaft, Gut und Böse, lange bevor er beginnt, sie kritisch zu hinterfragen.

    Hier liegt der eigentliche Sinn des Begriffs Weltanschauung. Sie ist nicht einfach eine Ansammlung politischer oder philosophischer Meinungen, sondern ein Deutungsrahmen, innerhalb dessen die Welt überhaupt erst verständlich wird. Der Nationalist betrachtet Geschichte durch die Kategorie der Nation, der Liberale durch das Individuum und seine Rechte, der Marxist durch Klasse und Produktionsverhältnisse, der Konservative durch Kontinuität und Überlieferung, der religiöse Mensch durch Schöpfung, Offenbarung, Schuld und Erlösung.

    Keine dieser Perspektiven liefert lediglich eine andere Antwort. Sie bestimmt bereits mit, welche Fragen gestellt werden, welche Begriffe als selbstverständlich gelten und nach welchen Maßstäben Geschichte und Gesellschaft beurteilt werden.

    Damit beginnt die politische Dimension. Hinter politischen Auseinandersetzungen stehen häufig unterschiedliche Vorstellungen davon, was der Mensch ist, was eine Gesellschaft zusammenhält, woher politische Legitimität stammt und welche Ordnung als sinnvoll gilt. Politik ist daher nicht nur ein Kampf um Macht, sondern auch ein Kampf darum, wie Wirklichkeit gedeutet wird.

    Hier wird Nietzsche wichtig. Er fragte nicht nur: Was ist gut und was ist böse? Er fragte: Woher kommt überhaupt unsere Vorstellung vom Guten und Bösen? Warum erscheint uns ein bestimmter Wert selbstverständlich? Welches Menschenbild liegt ihm zugrunde, und welche Form des Lebens bringt er hervor?

    Damit verschiebt sich die philosophische Frage: Wir fragen nicht nur «Ist dieser Wert richtig?», sondern ebenso: «Wie ist dieser Wert für uns zu einem gültigen Wert geworden?»

    Von hier aus lässt sich auch die Bedeutung so unterschiedlicher Denker wie Max Weber, Karl Mannheim, Martin Heidegger, Carl Schmitt oder Eric Voegelin verstehen. Sie vertraten keineswegs dieselben Positionen, beschäftigten sich aber auf unterschiedliche Weise mit dem Verhältnis von Denken, Geschichte, Gesellschaft und Politik.

    Auch Macht wirkt nicht nur durch Zwang. Sie kann darin liegen, Menschen dazu zu bringen, die Welt auf eine bestimmte Weise zu sehen. Wer festlegt, was als «natürlich», «vernünftig», «akzeptabel» oder «fortschrittlich» gilt, verfügt bereits über kulturelle Macht.

    Hier wird Kultur zu einer anderen Form von Politik.

    Die Anerkennung verschiedener Weltanschauungen bedeutet allerdings nicht, dass alles relativ wäre. Die Schlacht im Teutoburger Wald hat stattgefunden. Arminius hat gelebt. Das römische Heer wurde geschlagen. Das sind historische Tatsachen.

    Aber eine Tatsache trägt ihre politische Bedeutung nicht immer schon in sich.

    Das Ereignis ist das eine, seine Stellung innerhalb eines Geschichtsbildes etwas anderes.

    Ein und dieselbe historische Gestalt kann in der einen Erzählung als «Verräter», in einer anderen als «Held» erscheinen. Damit sind die Begriffe nicht automatisch gleichwertig. Doch jeder von ihnen setzt bestimmte Vorstellungen von Legitimität, Zugehörigkeit und politischer Ordnung voraus.

    Hier wird Erinnerung zu politischer Macht. Nationen leben nicht allein von Institutionen und Interessen, sondern auch von Bildern, die sie von sich selbst haben: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wen erinnern wir als Helden? Welche Niederlagen bewahren wir im Gedächtnis? Was gilt uns als Verrat, was als Opfer?

    Solche Fragen sind historisch und politisch zugleich, weil sie mitentscheiden, welche Gemeinschaft wir sein wollen.

    Arminius war deshalb nicht nur eine historische Gestalt. Er wurde zu einem Symbol – zu einem Punkt, an dem die Vergangenheit zu einer Kraft der Gegenwart wird.

    Vielleicht genügt es deshalb nicht zu fragen: «Welche Weltanschauung ist die richtige?» Zuvor müsste man fragen: «Aus welchem Horizont beurteilen wir überhaupt die verschiedenen Weltanschauungen?»

    Der Mensch wählt den Rahmen, durch den er die Welt betrachtet, nicht immer selbst. Er erbt Sprache, Geschichte, Symbole und Erinnerungen und kann für selbstverständlich halten, was nur innerhalb seiner eigenen Zeit und Kultur selbstverständlich geworden ist.

    Vielleicht gehört es deshalb zu den wichtigsten Aufgaben der Philosophie, den Rahmen sichtbar zu machen, durch den wir selbst sehen.

    Und damit kehren wir zu Arminius zurück. Die Schlacht wurde zur Erinnerung, die Erinnerung zum Symbol, das Symbol zur Identität und die Identität zur Politik. Die Vergangenheit bleibt niemals einfach Vergangenheit. Sie tritt in die Gegenwart ein und wirkt an der Vorstellung von Zukunft mit.

    Die großen Kämpfe finden daher nicht immer auf Schlachtfeldern statt. Manchmal finden sie in Sprache, Kunst, Bildung, Philosophie und Erinnerung statt. Und manchmal besteht der eigentliche Konflikt darin, wie wir die Geschichte eines Mannes erzählen, der vor zweitausend Jahren gelebt hat.

    Denn die Frage «Wer war Arminius?» ist letztlich nicht nur eine Frage nach einem Mann.

    Sie ist eine Frage danach, wer wir selbst sind.

    Mohammad Sabbah

  • Das erinnert eher an ein beleidigtes Kleinkind

    Aus gegebenem Anlass hole ich diesen Kommentar aus dem Dezember vergangenen Jahres noch einmal hervor.

    Friedrich Merz verweigert Donald Trump offenbar ein Telefonat, weil dieser – was selbstverständlich sein gutes Recht ist – der AfD zu ihrem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt gratuliert hat.

    Das erinnert eher an ein beleidigtes Kleinkind im Sandkasten als an die Außenpolitik eines Bundeskanzlers.

    Seit 1990 verfolgten die Vereinigten Staaten eine einzige, konsistente strategische Linie: Russland darf nicht in Europa verankert bleiben. Das ergibt sich zwingend aus der Heartland-Theorie und ist die Essenz Brzezinskis, des Hohepriesters amerikanischer Geopolitik. Wer Eurasien kontrolliert, kontrolliert die Welt. Und wer Russland dauerhaft schwächen will, muss zuerst die Ukraine aus Moskaus Orbit herausbrechen.

    Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern klassische Geopolitik. Für jeden nachprüfbar, aber für Ideologen unlesbar, weil sie die Konsequenzen nicht ertragen.

    Doch der Fehler beginnt früher. Bereits in den 1990er Jahren demütigte der Westen Russland in historischer Tiefe, versprach „not one inch eastward“ und tat das Gegenteil. Die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur wurde unterlaufen, und gleichzeitig entstand die Energiepartnerschaft zwischen Deutschland und Russland – jene Verbindung, die Deutschland zur letzten verbleibenden industriellen Macht Europas gemacht hatte und die deshalb in Washington als strategisches Risiko galt. Die Energiewaffe war nie Russlands Drohung. Sie war Deutschlands Chance. Eine Chance, die systematisch zerstört wurde.

    Der erste Maidan 2004 war aus US-Sicht gescheitert. Der zweite 2014 war erfolgreich, aber für die Staaten zu spät, in einer Welt, die sich bereits verschoben hatte. China war zur Weltmacht aufgestiegen, Russland war nicht zerschlagen, und der amerikanische Hegemon begann zu wanken. In Washington erkannte man sehr schnell, dass die Ukraine-Krise Russland in eine lose-lose-Situation zwingen würde, vergleichbar mit Japans Lage vor Pearl Harbor. Greift Russland nicht ein, verliert es die Krim und den Zugang zu den Weltmeeren. Greift es ein, verliert es die moralische Deutungshoheit und tappt in die strategische Falle, die Brzezinski skizziert hatte.

    Während Berlin diese Zusammenhänge bis heute nicht erkennt, haben die USA längst umgeschaltet – und zwar nicht nur weg von Europa, sondern über Europa hinweg nach Osten. Der neue geopolitische Kern besteht nicht mehr aus Paris und Berlin, sondern aus Warschau, Vilnius, Riga, Tallinn, Bukarest und – in amerikanischer Perspektive – Kiew. Ein ganzer Gürtel proamerikanischer, russlandfeindlicher Staaten bildet nun das neue europäische Machtzentrum. Polen verfügt inzwischen über mehr US-Truppen und modernere Waffensysteme als Deutschland, die „Three Seas Initiative“ ersetzt den alten westeuropäischen Block, und der amerikanische Einfluss verlagert sich bewusst dorthin, wo er noch auf Loyalität trifft. Deutschland wird nicht nur fallen gelassen. Deutschland wird umgangen. Umstellt. Neutralisiert. Der von George Friedman auf der Chicagoer Sicherheitskonferenz 2015 geforderte Sicherheitskorridor vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer ist geschaffen.

    Gleichzeitig vollzog sich die vielleicht gefährlichste Entwicklung nicht durch äußeren Druck, sondern durch deutsche Hände. Der Niedergang Deutschlands ist nicht nur Folge amerikanischer Strategie. Er ist Ergebnis deutscher Politik. Ein Land, das seine Energieversorgung abwickelt, das seine Industrie stranguliert, das Masseneinwanderung ohne Integrationskonzept betreibt, das seine Demografie kollabieren lässt und seine Außenpolitik moralisiert, als wäre Moral ein Ersatz für Macht – ein solches Land braucht niemanden, der es entmachtet. Es entmachtet sich selbst.

    Die USA haben Deutschland nicht fallen gelassen, weil wir schwach wurden.

    Wir sind schwach geworden, weil die USA uns fallen lassen wollten.

    Beides ist gleichzeitig wahr.

    In diese tektonische Verschiebung fällt die Sprengung von Nord Stream. Der Tag, an dem Deutschland energetisch entkernt wurde. Der Tag, an dem die letzte deutsche Machtressource verschwand. Der Tag, an dem man begriff, dass selbst die Frage nach der Verantwortung nicht mehr gestellt werden darf, weil ein Vasall keine Aufklärung verlangen kann. Seitdem ist Deutschland kraftlos, abhängig, politisch verängstigt – und bereit, jede amerikanische oder europäische Ersatzenergie zu überhöhten Preisen zu kaufen. Aus Souveränität wurde Bittstellerei.

    Auf dieser Bühne wirkt Biden wie ein Verwalter des Niedergangs und Trump wie dessen Vollstrecker. Unter Trump wird sichtbar, was die USA längst entschieden haben: Sie wollen keinen großen Krieg. Sie können ihn sich nicht leisten. Und sie werden nicht für eine europäische Eskalation haften, die sie nicht mehr kontrollieren. America First bedeutet im Klartext: Nicht Germany First, nicht Europe First – nicht einmal NATO First.

    Gleichzeitig wird im Hintergrund still und leise die nukleare Frage neu geordnet. Die amerikanische Nuklearstrategie sieht Deutschland nicht mehr als verlässlichen Pfeiler. Die Modernisierung der nuklearen Teilhabe wird nicht mehr hier vollzogen. Die Verlegung modernisierter B-61-Bomben Richtung Polen, die Reaktivierung von Lakenheath, das Auslaufen des Tornado-Systems ohne klare Nachfolge – all das bedeutet: Die nukleare Schutzgarantie für Deutschland wird nicht erneuert. Sie wird verlagert. Auch hier gilt: Deutschland wird nicht nur marginalisiert. Es wird ersetzt.

    Und während all dies geschieht, verharrt die deutsche Politik in einer Welt aus Phrasen, Illusionen und moralischen Selbstbildern. Deutschland ist innenpolitisch instabil, außenpolitisch erratisch, ein zerrissenes Land ohne Rückhalt, jederzeit bereit, in innere Unruhen zu kippen. Friedrich Merz träumt laut von der „stärksten konventionellen Armee Europas“ – Worte, die aus amerikanischer Sicht nicht inspirierend sind, sondern gefährlich, weil sie aus dem Mund eines Landes kommen, das weder strategisch noch militärisch noch politisch stabil ist.

    Amerika liebt keine Staaten. Amerika benutzt Staaten. Und nur jene, die nützlich sind. Deutschland ist nicht mehr nützlich. Seit der erfolgreichen Zerstörung seiner Energieversorgung und der Abwanderung seiner Industrie hat dieses Land keine geostrategische Bedeutung mehr. Kein Hebel, keine Ressource, kein Druckmittel.

    Wenn ein deutscher General nun bestätigt, dass die USA den Kontakt zur deutschen Militärelite abgebrochen haben, dann ist das der diplomatische Ausdruck dessen, was längst Realität ist: Die Partnerschaft existiert nicht mehr. Man spricht nur noch über Umwege, aus Höflichkeit, nicht aus Notwendigkeit. Die amerikanischen Truppen stehen noch hier, aber wie Denkmäler aus einer vergangenen Epoche – teurer abzuziehen als stehenzulassen.

    Amerika betrachtet uns nicht mehr als Verbündete. Wahrscheinlich hat es das nie getan. In den Augen amerikanischer Strategen war Deutschland stets ein verwalteter Raum, ein Dominion westlicher Interessen. Nun, da wir energetisch entkernt, industriell geschwächt, demografisch bedroht und militärisch orientierungslos sind, bleibt nichts mehr, was Washington gebrauchen könnte.

    Der Bruch ist sichtbar. Und er ist endgültig. Deutschland hat den Vereinigten Staaten nichts mehr zu bieten.

    Mein Vater hat immer gesagt: Die Amerikaner sind nicht unsere Freunde, sie sind unsere Herren, und eines Tages werden sie uns opfern oder fallen lassen.

    Nun kann es jeder sehen.

    G.B.

  • Kleiner Ausflug in das Staats-, Verfassungs- und Völkerrecht

    Erinnern Sie sich noch an 1990?

    An die Euphorie nach der deutschen Wiedervereinigung. An das Ende des Kalten Krieges. An die Hoffnung, nach Jahrzehnten der Konfrontation auf Dauer in Frieden und Freundschaft mit Russland leben zu können.

    Die Sowjetunion zog ihre Truppen aus Osteuropa ab. In Russland wehten Perestroika und Glasnost. Die Scorpions sangen Wind of Change.

    Und wir hatten die Vision eines gemeinsamen Europas – von Wladiwostok bis Ceuta.

    In diesem Geist wurden der Zwei-plus-Vier-Vertrag geschlossen und die Charta von Paris beschlossen. Es entstand die Vorstellung einer gemeinsamen europäischen Friedensordnung und einer unteilbaren Sicherheit.

    Ein Traum von einem Europa ohne NATO und Warschauer Pakt, getragen von der KSZE/OSZE. Ein erwachsenes, selbstständiges Europa.

    Und in genau diesem Geist schlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Sowjetunion am 9. November 1990 den

    „Vertrag über gute Nachbarschaft, Partnerschaft und Zusammenarbeit zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“.

    Der Vertrag wurde am 31. Mai 1991 durch den Deutschen Bundestag gebilligt. Das dafür erforderliche Vertragsgesetz beruhte ausdrücklich auf Artikel 59 Absatz 2 Satz 1 des Grundgesetzes.

    Die Ratifikationsurkunden wurden am 5. Juli 1991 ausgetauscht. Damit trat der Vertrag völkerrechtlich in Kraft.

    Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde Russland als deren Rechtsnachfolger anerkannt. Der Vertrag gilt deshalb im Verhältnis zur Russischen Föderation fort.

    Das Bemerkenswerte an diesem völkerrechtlich bindenden Vertrag ist Artikel 7.

    Dort heißt es:

    „Falls eine Situation entsteht, die nach Meinung einer Seite eine Bedrohung für den Frieden oder eine Verletzung des Friedens darstellt oder gefährliche internationale Verwicklungen hervorrufen kann, so werden beide Seiten unverzüglich miteinander Verbindung aufnehmen und bemüht sein, ihre Positionen abzustimmen und Einverständnis über Maßnahmen zu erzielen, die geeignet sind, die Lage zu verbessern oder zu bewältigen.“

    Lesen Sie diesen Artikel einmal ganz unvoreingenommen.

    Wofür wurde er geschrieben?

    Für Situationen, in denen der Frieden bedroht ist.

    Für Situationen, in denen gefährliche internationale Verwicklungen entstehen können.

    Für Situationen, in denen eine Eskalation droht.

    Genau in einer solchen Situation befinden wir uns doch heute.

    Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 sterben dort Menschen – Ukrainer und Russen.

    Städte und Dörfer werden zerstört, ganze Landstriche verwüstet und eine militärische Eskalation betrieben, bei der inzwischen immer häufiger die Gefahr einer direkten Konfrontation zwischen Russland und NATO-Staaten diskutiert werden muss.

    Ein neuer Weltkrieg liegt in der Luft.

    Und was geschieht mit dem in Artikel 7 vorgesehenen Konsultationsmechanismus?

    Wird er genutzt?

    Werden die dort ausdrücklich vereinbarten unverzüglichen Kontakte aufgenommen?

    Wird versucht, Positionen abzustimmen und gemeinsam nach Maßnahmen zu suchen, die geeignet sind, die Lage zu verbessern oder zu bewältigen?

    Oder wird Russland stattdessen politisch isoliert und aus möglichst vielen Gesprächsformaten ausgeschlossen?

    Mit Sanktionen bedrängt und dämonisiert?

    Selbst beim G20-Treffen wird es inzwischen zum politischen Aufreger, wenn ein russischer Wirtschaftsminister eingeladen wird.

    Da frage ich mich:

    Was ist aus dem Geist von 1990 geworden?

    Was ist aus der Vorstellung geworden, dass Sicherheit in Europa nicht gegeneinander, sondern nur miteinander dauerhaft funktionieren kann?

    Was ist aus der Idee eines bündnisfreien Europas geworden?

    Und vor allem:

    Was ist aus unseren Verträgen geworden?

    Dieser Vertrag ist keine unverbindliche Sonntagsrede.

    Er ist ein völkerrechtlich verbindlicher Vertrag.

    Deutschland hat sich damit verpflichtet.

    Und völkerrechtliche Verträge gelten nach dem fundamentalen Grundsatz pacta sunt servanda: Verträge sind einzuhalten und nach Treu und Glauben zu erfüllen.

    Nun wird man einwenden:

    Russland habe durch seinen Angriff auf die Ukraine selbst gegen wesentliche Bestimmungen des Vertrages verstoßen. Deshalb könne man sich auf Artikel 7 heute nicht mehr berufen.

    Das ist allerdings nicht so einfach.

    Das Völkervertragsrecht kennt für erhebliche Vertragsverletzungen bestimmte Rechtsfolgen. Artikel 60 des Wiener Übereinkommens über das Recht der Verträge regelt unter bestimmten Voraussetzungen die Suspendierung oder Beendigung eines Vertrages.

    Aber daraus folgt nicht automatisch, dass einzelne Bestimmungen eines Vertrages nach Belieben ignoriert werden können.

    Und vor allem stellt sich die Frage, welchen Sinn Artikel 7 überhaupt haben sollte, wenn er ausgerechnet dann nicht mehr gelten sollte, wenn eine Vertragspartei gegen andere Bestimmungen des Vertrages verstößt und dadurch eine gefährliche internationale Situation entsteht.

    Artikel 7 ist schließlich kein Schönwetterartikel.

    Er ist gerade für Situationen formuliert, in denen der Frieden bedroht ist, der Frieden verletzt wurde oder gefährliche internationale Verwicklungen entstehen können.

    Ob und in welchem Umfang die russischen Vertragsverletzungen Auswirkungen auf die Fortgeltung oder Anwendbarkeit von Artikel 7 haben, ist eine völkerrechtliche Frage.

    Aber diese Frage kann man nicht einfach dadurch beantworten, dass man Artikel 7 politisch für erledigt erklärt.

    Und noch etwas ist entscheidend:

    Artikel 7 verpflichtet Deutschland nicht dazu, sich mit Russland zu einigen.

    Er verpflichtet Deutschland auch nicht dazu, russischen Forderungen zuzustimmen oder seine politischen und sicherheitspolitischen Positionen aufzugeben.

    Er sieht zunächst vor, dass beide Seiten unverzüglich miteinander Verbindung aufnehmen und sich bemühen, ihre Positionen abzustimmen und Einverständnis über Maßnahmen zur Verbesserung oder Bewältigung der Lage zu erzielen.

    Es geht also zunächst um den Versuch der Verständigung – nicht um die Garantie eines Verhandlungsergebnisses.

    Warum wurde dieser vertraglich vereinbarte Weg nicht zumindest ernsthaft beschritten?

    Das ist die Frage, die die Bundesregierung beantworten sollte.

    Denn natürlich kann Deutschland Russland sagen:

    Wir halten den Angriff auf die Ukraine für einen schweren Verstoß gegen das Völkerrecht.

    Wir akzeptieren die Annexion ukrainischen Territoriums nicht.

    Wir akzeptieren russische Maximalforderungen nicht.

    Aber wir sind bereit, gemäß Artikel 7 dieses Vertrages mit Ihnen über Wege zu sprechen, diese gefährliche Situation zu beenden.

    Das wäre Diplomatie.

    Nicht Kapitulation.

    Nicht Unterwerfung.

    Nicht die Aufgabe eigener Interessen.

    Sondern der Versuch, einen Krieg zu beenden, bevor aus einer regionalen Katastrophe eine europäische oder gar globale Katastrophe wird.

    Und damit sind wir beim deutschen Verfassungsrecht.

    Artikel 20 Absatz 3 Grundgesetz lautet:

    „Die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.“

    Die Bundesregierung ist also nicht nur an politische Zweckmäßigkeit gebunden.

    Sie ist an Gesetz und Recht gebunden.

    Der Bundeskanzler und die Bundesminister leisten nach Artikel 64 Absatz 2 in Verbindung mit Artikel 56 Grundgesetz einen Amtseid.

    Sie schwören, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes zu wahren und zu verteidigen sowie ihre Amtspflichten gewissenhaft zu erfüllen.

    Natürlich folgt daraus nicht automatisch, dass jede außenpolitische Entscheidung der Bundesregierung auf ihre Vereinbarkeit mit dem Amtseid gerichtlich überprüfbar wäre.

    Aber es stellt sich eine grundsätzliche Frage:

    Wie ernst nimmt eine Bundesregierung ihre Verpflichtung zur gewissenhaften Wahrnehmung ihrer Amtspflichten, wenn sie einen völkerrechtlich verbindlichen Vertrag, den Deutschland ratifiziert hat, bei einer Situation, für die dessen Artikel 7 ausdrücklich einen Konsultationsmechanismus vorsieht, nicht ernsthaft nutzt?

    Das ist keine Frage politischer Sympathien für Russland.

    Und auch nicht die Frage, ob man die Ukraine unterstützen soll.

    Es geht um etwas Grundsätzlicheres:

    Gilt das Recht auch dann, wenn seine Anwendung politisch unerwünscht wird?

    Wenn Deutschland internationale Verträge abschließt, sie ratifiziert und sich dadurch völkerrechtlich bindet, kann die Bundesregierung diese Verpflichtungen nicht einfach nach politischer Opportunität behandeln.

    Denn wenn Staaten Verträge nur so lange einhalten, wie sie ihnen politisch nützen, stellt sich irgendwann die Frage:

    Welche Verträge sind dann überhaupt noch etwas wert?

    Pacta sunt servanda.

    Verträge sind einzuhalten.

    Nach Treu und Glauben.

    Gerade dann, wenn es schwierig wird.

    Gerade dann, wenn die politische Versuchung groß ist, sie zu ignorieren.

    Und gerade dann, wenn es um Krieg und Frieden geht.

    Deutschland hat 1990 einen Vertrag geschlossen, der für eine solche Situation ausdrücklich den Dialog vorsieht.

    Warum wird dieser Weg nicht beschritten?

    Vielleicht wäre es an der Zeit, nicht immer neue Waffen und immer neue Eskalationsstufen zu diskutieren, sondern endlich wieder über das zu sprechen, was 1990 die Grundlage unserer gemeinsamen europäischen Hoffnung war:

    Frieden durch Verständigung statt Sicherheit durch immer neue Konfrontation.

    Denn Verträge sind gerade für die Zeiten gemacht, in denen ihre Einhaltung schwierig wird.

    stralsundProfil bearbeiten

    Wenn das Prinzip pacta sunt servanda nur noch dann gilt, wenn es politisch bequem ist, verliert nicht nur ein einzelner Vertrag seinen Wert.

    Dann steht etwas Grundsätzlicheres auf dem Spiel:

    die Verlässlichkeit Deutschlands als Rechts- und Vertragspartner.

    Und vielleicht sollten wir uns deshalb wieder an etwas erinnern, das 1990 selbstverständlich schien:

    Man muss nicht einer Meinung sein, um miteinander zu reden.

    Man muss nicht nachgeben, um zu verhandeln.

    Und man muss einem Gegner nicht vertrauen, um mit ihm über Wege zu sprechen, einen Krieg zu beenden.

    Pacta sunt servanda.

    Oder gilt das im Verhältnis zu Russland nicht?

    G.B.

  • Ich bin Hausarzt

    Ich bin Hausarzt oder :

    DER GÜRTEL DES NACHBARN

    Vor 40 Jahren habe ich Abitur gemacht. Danach begann ich, Medizin zu studieren,zu lernen, zu praktizieren und schließlich selber Verantwortung für Patienten zu übernehmen. Seit mehr als 26 Jahren bin ich als Internist , Hausarzt und Betriebsmediziner in einer ostwestfälischen Kleinstadt niedergelassen: in Beverungen.

    Wer in Berlin sitzt, weiß vielleicht nicht einmal genau, wo Beverungen liegt. Unser Bundestagsabgeordneter – sofern er es noch nicht vergessen hat – wird es hoffentlich wissen.

    Denn in Beverungen glaubt man, der eigene Ort sei der Mittelpunkt der Welt. Das ist in kleinen Städten so. Besonders dort, wo die Strukturen schwach sind, wo Entfernungen größer werden, Ärzte fehlen und die Menschen darauf angewiesen sind, dass diejenigen, die Verantwortung tragen, ihre Lebenswirklichkeit kennen.

    Ich kenne diese Lebenswirklichkeit.

    Und ich kenne unser Gesundheitssystem.

    Seit den frühen 1990er-Jahren erlebe ich, wie aus einem System, das eigentlich der Versorgung kranker Menschen dienen sollte, zunehmend ein bürokratisches, finanziell ausgedünntes und politisch gesteuertes Monstrum geworden ist.

    Ein System, in dem sich Funktionäre immer neue Zuständigkeiten und Einkommen schaffen, während Ärzte, Therapeuten, Pflegekräfte, Krankenhäuser und vor allem Patienten den Gürtel immer enger schnallen müssen.

    Jeder redet vom Sparen.

    Und jeder zieht den Gürtel des anderen enger.

    Vor allem die Politik.

    Dabei ist Deutschland kein armes Land. Der Staat verfügt über gewaltige Einnahmen. Für 2026 werden für Bund, Länder, Gemeinden und EU-Anteile zusammen Steuereinnahmen von mehr als einer Billion Euro erwartet. Hinzu kommen Sozialabgaben, Energie- und Mehrwertsteuern, CO₂-Abgaben, Gebühren, Umlagen und vieles mehr.

    Geld ist also vorhanden – wie Dreck, hätte mein Vater gesagt.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

    Ist Geld da?

    Sondern:

    Wofür wird es ausgegeben?

    Denn wenn es um politische Projekte, internationale Verpflichtungen, Entwicklungshilfe, Klimafinanzierung, Ukraine-Unterstützung oder andere staatliche Vorhaben geht, findet sich erstaunlich häufig eine Finanzierung.

    Wenn es dagegen um die medizinische Versorgung des eigenen Landes geht, wird plötzlich gespart.

    Dann wird gerechnet.

    Dann wird gekürzt.

    Dann wird reformiert.

    Und dann heißt es:

    Der Gürtel muss enger geschnallt werden.

    Aber merkwürdigerweise fast immer am Gürtel des anderen.

    Währenddessen steigen die finanziellen Leistungen und Privilegien des politischen Apparates weiter. Bundestagsabgeordnete erhalten hohe Diäten und eine steuerfreie Aufwandspauschale. Für Mitarbeiter, Büros, Reisen und weitere Leistungen stellt der Staat zusätzliche Mittel bereit.

    Das ist alles politisch legitimiert.

    Aber dann sollte man wenigstens ehrlich sein.

    Wenn von Sparzwängen gesprochen wird, sollte man zuerst dort anfangen, wo die Entscheidungen getroffen werden.

    Denn inzwischen soll Bundesgesundheitsministerin Warken im System der gesetzlichen Krankenversicherung Milliarden einsparen – zunächst knapp 20 Milliarden Euro, perspektivisch bis 2030 rund 40 Milliarden.

    Und wo soll gespart werden?

    Natürlich dort, wo es weh tut.

    Bei der Versorgung.

    Gleichzeitig soll der Hausarzt immer mehr Aufgaben übernehmen: erste Anlaufstelle, Lotse, Steuerungsinstanz, Filter und Koordinator eines zunehmend komplizierten Systems.

    Mehr Verantwortung.

    Mehr Patienten.

    Mehr Bürokratie.

    Mehr Kontrolle.

    Aber weniger Geld.

    Das ist keine Reform.

    Das ist organisierter Realitätsverlust.

    Man kann nicht die Hausarztpraxis zur tragenden Säule der medizinischen Versorgung erklären und ihr gleichzeitig die Fundamente wegschlagen.

    Doch genau das geschieht.

    Der Arzt soll immer mehr leisten und gleichzeitig immer stärker zum Instrument staatlicher Steuerung werden.

    Und wenn die Politik dann auch noch die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurückdrängen und Patienten wieder wegen jeder Bescheinigung persönlich in die Praxis holen will, zeigt sich dieselbe Logik.

    Missbrauchsgefahr lautet die Begründung.

    Die Realität sieht anders aus.

    Der kranke Patient verschwindet nicht, nur weil man ihm die telefonische AU nimmt.

    Er kommt dann eben mit Fieber, Husten, Ausschlag, Gliederschmerzen oder einem Infekt ins Wartezimmer.

    Das ist nicht automatisch bessere Medizin.

    Es ist häufig einfach mehr Bürokratie, mehr Aufwand und mehr Ansteckungsgefahr.

    Politik am grünen Tisch hat mit der Realität einer Hausarztpraxis manchmal ungefähr so viel zu tun wie ein Fahrplan mit einem Stau.

    Und während all das geschieht, muss sich ein Arzt von einem Bundeskanzler auch noch sagen lassen, er sei ein „Nutznießer“ des Gesundheitssystems.

    Was für ein bemerkenswertes Verständnis von medizinischer Versorgung.

    Natürlich verdient ein Arzt Geld mit seiner Arbeit. Das tun Lehrer, Handwerker, Ingenieure, Richter und viele andere Menschen ebenfalls.

    Aber ein Arzt ist kein Nutznießer, nur weil er innerhalb eines Gesundheitssystems arbeitet.

    Er ist Teil der Versorgung.

    Der eigentliche Nutznießer eines funktionierenden Gesundheitssystems ist der Patient.

    Und ohne Ärzte gibt es keine ärztliche Versorgung.

    Vielleicht sollte man sich deshalb einmal ein Gedankenexperiment erlauben:

    Was würde passieren, wenn morgen alle deutschen Ärzte ihre Kassenzulassung zurückgäben?

    Das Gesundheitssystem würde zusammenbrechen.

    Und was würde mit den Ärzten passieren?

    Vielleicht hätten viele von ihnen plötzlich etwas zurück, das ihnen dieses System längst genommen hat:

    Zeit.

    Selbstbestimmung.

    Verantwortung ohne permanente Gängelung.

    Eine vernünftige Arbeitszeit.

    Und möglicherweise sogar wieder Freude an ihrem Beruf.

    Ein Gesundheitssystem, das nur funktioniert, solange Ärzte bereit sind, sich darin aufzureiben, ist kein gesundes System.

    Und deshalb sage ich als Arzt ganz bewusst:

    Ich bin kein Büttel des Staates.

    Ich bin Arzt.

    Meine Aufgabe ist es, kranken Menschen zu helfen.

    Nicht, politische Fehlentscheidungen durch immer mehr persönliche Arbeitsleistung zu kompensieren.

    Nicht, Patienten für politische Sparziele zu verwalten.

    Und nicht, den Kollaps eines Systems dadurch zu verhindern, dass diejenigen, die es täglich tragen, irgendwann selbst zusammenbrechen.

    Gesundheit ist nicht alles.

    Aber ohne Gesundheit ist alles nichts.

    Seit Menschengedenken brauchen Menschen andere Menschen, die ihnen helfen, den Weg zurück zur Gesundheit zu finden. Früher waren es Heiler, heute sind es Ärzte und andere medizinische Berufe.

    Damit sich möglichst viele Menschen diese Hilfe leisten können, haben wir ein Gesundheitssystem geschaffen.

    Aber dieses System darf nicht zum Selbstzweck werden.

    Es muss dem Menschen dienen.

    Nicht der Verwaltung.

    Nicht den Funktionären.

    Nicht der politischen Ideologie.

    Und schon gar nicht dem politischen Machterhalt.

    Wir stehen deshalb meines Erachtens an einem entscheidenden Punkt.

    Entweder gelingt es, unser Gesundheitssystem wieder auf seinen eigentlichen Zweck auszurichten – die Versorgung kranker Menschen.

    Oder wir erleben, wie es langsam von innen zerfällt.

    Ärzte werden aus dem Beruf gedrängt.

    Praxen geben auf.

    Krankenhäuser geraten unter Druck.

    Pflegekräfte verlassen den Beruf.

    Patienten warten länger.

    Und die Politik erklärt anschließend, das alles sei leider alternativlos gewesen.

    Nein.

    Es ist nicht alternativlos.

    Es sind politische Entscheidungen.

    Und politische Entscheidungen kann man verändern.

    Was mich dabei besonders ärgert, ist die immer gleiche Methode:

    Wenn das Geld knapp wird, wird nicht zuerst gefragt, was der Staat wirklich braucht.

    Es wird gefragt, wem man noch etwas wegnehmen kann.

    Und so wird der Gürtel immer wieder am anderen enger gezogen.

    Beim Patienten.

    Beim Arzt.

    Bei der Pflege.

    Beim Therapeuten.

    Beim Krankenhaus.

    Beim Bürger.

    Aber selten bei denen, die die Regeln machen.

    Ich werde deshalb nicht vor diesem Staat kapitulieren.

    Und ich werde auch nicht aus Deutschland fliehen, nur weil die politischen Verhältnisse mir nicht gefallen.

    Ich bleibe hier.

    Ich behandle meine Patienten.

    Und ich werde weiterhin meine Meinung sagen.

    Nicht, weil ich glaube, immer recht zu haben.

    Sondern weil Demokratie davon lebt, dass Bürger widersprechen dürfen – und dass auch ein Arzt sagen darf, wenn er glaubt, dass die medizinische Versorgung seines Landes in die falsche Richtung läuft.

    Ein Bundeskanzler ist kein Monarch.

    Ein Minister ist kein Fürst.

    Und ein Arzt ist kein Untertan.

    Die Regierung ist dem Bürger verpflichtet.

    Und der Arzt ist seinem Patienten verpflichtet.

    Daran sollte man sich gelegentlich erinnern.

    Denn am Ende geht es nicht um mich.

    Es geht um die Frage, ob wir unseren Kindern und Enkeln ein Land hinterlassen wollen, in dem ein Mensch mit Krankheit noch einen Arzt findet, wenn er ihn braucht.

    Darum geht es.

    Und deshalb werde ich weiter widersprechen.

    Nicht gegen den Staat.

    Sondern für einen Staat, der seinen Bürgern dient.

    Nicht gegen das Gesundheitssystem.

    Sondern für ein Gesundheitssystem, das diesen Namen verdient.

    Und ganz sicher nicht als Büttel.

    Sondern als Arzt.

    G.B

  • Kunst und Handwerk – Vom Bauhaus über Etsy zu Suno

    Dieser Podast behandelt das Thema Bauhaus, Etsy und Suno. Staatliches Bauhaus war eine revolutionäre Kunstschule, die 1919 von Walter Gropius in Weimar ins Leben gerufen wurde, um die Trennung zwischen Kunst und Handwerk aufzuheben. Die Institution wirkte über Stationen in Dessau und Berlin prägend auf die Klassische Moderne ein, bevor sie 1933 unter politischem Druck der Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Besonders innovativ war der fächerübergreifende Vorkurs sowie die Ausbildung in verschiedenen Werkstätten, die von renommierten Künstlern wie Kandinsky oder Klee geleitet wurden. Trotz interner Widerstände ermöglichte die Schule erstmals eine weitgehende Gleichberechtigung von Frauen, die sich in Bereichen wie der Weberei oder Metallwerkstatt bewährten. Die funktionalen Gestaltungsprinzipien des Bauhauses beeinflussen bis heute maßgeblich das weltweite Verständnis von Architektur, Produktdesign und Fotografie. Durch die Emigration vieler Mitglieder verbreitete sich das Konzept international und wird heute in Museen und UNESCO-Welterbestätten gewürdigt.

    Bauhaus und Etsy

    Die Synthese aus Bauhaus, Etsy und Künstlicher Intelligenz offenbart einen bemerkenswerten historischen Kreisbogen: Es ist die über hundert Jahre andauernde Debatte darüber, wie sich die Seele menschlicher Kreativität gegenüber den Verlockungen und Zwängen technologischer Rationalisierung behaupten kann.

    1. Das Bauhaus: Handwerk und die „neue Einheit“ mit der Maschine

    Als Walter Gropius 1919 das Bauhaus in Weimar gründete, stand er vor einem akuten gesellschaftlichen Problem: Die industrielle Massenproduktion hatte das traditionelle Kunsthandwerk an den Rand gedrängt und kopierte im Historismus massenhaft seelenlose Ornamente. Gropius’ ursprüngliche Vision war es, das Kunsthandwerk wiederzubeleben und die Kunst von der Industrialisierung zu emanzipieren.

    Doch bereits wenige Jahre später, im Jahr 1923, vollzog das Bauhaus eine radikale Kehrtwende hin zu dem neuen Leitsatz: „Kunst und Technik – eine neue Einheit“. Statt die Maschine zu bekämpfen, begannen die Bauhäusler, experimentelle Prototypen (wie Leuchten und Möbel) zu entwickeln, die ästhetisch anspruchsvoll, aber gleichzeitig perfekt für die industrielle Massenfertigung geeignet waren. Aus dem reinen, manuellen Handwerk wurde modernes Industriedesign.

    2. Etsy: Die digitale Gegenbewegung und die eigene „Industrielle Revolution“

    Fast ein Jahrhundert später, im Jahr 2005, trat die Online-Plattform Etsy mit einer verblüffend ähnlichen, fast utopischen Mission an: Sie sollte ein digitaler Zufluchtsort für authentic handcrafts sein und die Industrialisierung des Einkaufens aktiv bekämpfen. Etsy war im Grunde die Reinkarnation des frühen Bauhaus-Gedankens im e-Commerce-Zeitalter – ein Ort für die persönliche, menschliche Schöpfung abseits anonymer Fabrikware.

    Doch der Erfolg brachte ein altbekanntes, unerbittliches ökonomisches Gesetz mit sich. Da rein menschliche Handarbeit nicht beliebig skalierbar ist, stießen erfolgreiche Künstler schnell an ihre Grenzen. Das Ergebnis war eine eigene „industrielle Revolution“ auf der Plattform: Eine Flut von Wiederverkäufern schleuste billige, fabrikgefertigte Massenware ein und löste einen ruinösen Preiskampf aus, der echte Handwerker existenziell bedrohte.

    Nach Protesten der Community musste sich Etsy schließlich anpassen. Heute ist die Symbiose aus digitalem Design und maschineller Fertigung – beispielsweise über Print-on-Demand-Dienste wie Printful – auf der Plattform etabliert und unter der Bedingung erlaubt, dass man das Design selbst entworfen hat. Dies ist die moderne Entsprechung der Bauhaus-Vision von „Kunst und Technik“: Das Design stammt vom Menschen, die physische Produktion übernimmt die Maschine.

    3. Künstliche Intelligenz: Die vollständige Eliminierung des Handwerks

    Die aktuelle Welle generativer KI-Generatoren (wie Suno im Audiobereich oder entsprechende Bildgeneratoren im Design) stellt nun die radikalste Stufe dieser Evolution dar.

    • Frictionless Creativity: Während das Bauhaus das Handwerk reformieren wollte und Etsy den Vertrieb von Handwerk organisierte, verspricht die KI nun eine „reibungsfreie“ Kreativität. Man benötigt keine jahrelange handwerkliche Praxis oder Musiktheorie mehr – ein einfacher Text-Prompt genügt, um in Sekunden ein fertiges Werk zu erschaffen.
    • Die totale Entwertung durch unbegrenzten Supply: So wie damals die Fabriken billige historisierende Ornamente ausspuckten und heute Händler Etsy mit fabrikgefertigter Massenware fluten, so erzeugt die KI nun einen unbegrenzten Vorrat (infinite supply) an digitaler Kunst und Musik. Das drückt den ökonomischen und emotionalen Wert kreativer Arbeit auf ein Minimum und lässt sie zu bloßem „Wegwerf-Inhalt“ (disposable digital content) verkommen.

    Fazit: Seele gegen Marktgesetze

    Ob Bauhaus, Etsy oder KI: Es geht im Kern immer um dieselbe Frage. Ist ein Werk wertvoll, weil es leicht und effizient zu reproduzieren ist, oder weil es das Ergebnis von menschlicher Mühe, Fehlerhaftigkeit und emotionaler Verbindung ist?

    Gropius fand die Antwort in der bewussten Gestaltung der Maschine. Etsy-Käufer suchen bis heute gezielt nach Authentizität und sind bereit, dafür einen Aufpreis zu zahlen. Und auch in der Ära der KI wird sich entscheiden, ob wir Kunst nur noch als algorithmischen Hintergrundsound konsumieren oder ob wir die verletzliche, unperfekte Verbindung zu echten menschlichen Schöpfern suchen.

    Es ist faszinierend zu sehen, wie sich Muster über Jahrhunderte hinweg wiederholen. Sollen wir diese historische Parallele – vom handwerklichen Webstuhl bis hin zum KI-Algorithmus – in einem ausführlichen Blog-Entwurf für deine Leser ausformulieren?

    Musik und KI

    KI-Songgeneratoren wie Suno verändern sowohl den rechtlichen Rahmen als auch den ökonomischen und ideellen Wert von Musik grundlegend. Die Auswirkungen lassen sich in mehrere zentrale Bereiche unterteilen:

    1. Der Wert von Musik: Unbegrenztes Angebot und Entwertung

    • Ökonomischer Wertverfall durch unbegrenztes Angebot (Infinite Supply): Während menschliche Musiker nur eine begrenzte Anzahl an Songs erschaffen können, sind KI-Systeme in der Lage, in kürzester Zeit Millionen von Titeln zu generieren. Aus ökonomischer Sicht führt dieses unbegrenzte Angebot zu einem drastischen Wertverfall von Musik. Es besteht das Risiko, dass Musik zunehmend ihren Charakter als künstlerischer Ausdruck verliert und stattdessen zu einem leicht austauschbaren, „wegwerfbaren“ digitalen Inhalt (disposable digital content) deklassiert wird.
    • Verlust der menschlichen Verbindung: Die traditionelle Erschaffung von Musik basiert auf Mühe, jahrelangem Üben und emotionalen Prozessen. KI-Plattformen eliminieren diese Hürden und versprechen eine „reibungsfreie“ Kreativität. Damit droht jedoch auch die menschliche Verbindung zwischen dem Hörer und dem Künstler verlorenzugehen. Es stellt sich die grundlegende Frage, ob Musik wertvoll ist, weil sie leicht zu generieren ist, oder weil sie die echten Emotionen und Anstrengungen von Menschen widerspiegelt. Wenn Hörer KI-Musik als bloßen Hintergrundsound akzeptieren, sinkt der gesellschaftliche Wert des Musikschaffens.

    2. Urheberrechtliche Konflikte beim KI-Training

    • Klagen der Musikindustrie: Große Plattenlabels (wie Universal Music Group, Sony Music und Warner Music Group) sowie die GEMA haben Urheberrechtsklagen gegen KI-Musikunternehmen wie Suno und Udio eingereicht. Sie werfen den Startups vor, ihre KI-Modelle ohne Erlaubnis oder Lizenzierung mit Millionen urheberrechtlich geschützter Musikstücke trainiert zu haben. Die KI-Betreiber argumentieren dagegen, dass dieser Trainingsprozess unter die US-amerikanische Doktrin des Fair Use (freie Nutzung) fällt.

    3. Die „Rechtefalle“ in den AGB von KI-Plattformen

    Wer Songgeneratoren wie Suno nutzt, begibt sich laut Analysen von Juristen in eine weitreichende vertragliche Rechtefalle:

    • Umfassende Lizenzierung an die Plattform: Laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von Suno räumt der Nutzer der Plattform eine weltweite, dauerhafte, unwiderrufliche, gebührenfreie und voll unterlizenzierbare Lizenz an allen Eingaben (Prompts) und generierten Songs (Outputs) ein. Suno darf diese Werke speichern, verändern, für das Modelltraining nutzen, damit werben oder sie an Dritte lizenzieren.
    • Verzicht auf Urheberpersönlichkeitsrechte: Soweit gesetzlich zulässig, müssen Nutzer auf ihre Urheberpersönlichkeitsrechte verzichten. Das bedeutet beispielsweise, dass Suno die generierten Werke auch in Kontexten nutzen darf, die der Nutzer persönlich ablehnt, ohne dass dieser rechtliche Handhabe besitzt.
    • Kommerzielle Nutzung nur im Bezahlabo: In kostenlosen Tarifen (Basic/Free-Plan) ist jegliche kommerzielle Nutzung der generierten Songs ausgeschlossen. Nur zahlende Nutzer (Pro/Premier-Plan) erhalten eine kommerzielle Lizenz für den generierten Output. Doch selbst dann bleibt die oben genannte „Mega-Lizenz“ bestehen, die der Plattform weitreichende Parallelrechte am selben Material einräumt.

    4. Risiken für professionelle Musikschaffende und Auftragswerke

    • Kein garantierter Urheberrechtsschutz: Die Plattformen geben keine Garantie, dass an der KI-Musik überhaupt ein eigener Urheberrechtsschutz entsteht – dies gilt insbesondere für rein KI-generierte Stücke ohne nennenswerte menschliche Schöpfungshöhe.
    • Unmöglichkeit von Exklusivität: Wer Musik für Auftraggeber (z. B. Theater, Werbeagenturen oder Marken) erstellt, kann keine echte Exklusivität zusichern. Da die KI-Plattform mit den gleichen Musikstrukturen weiterarbeitet und ähnliche Outputs für andere Nutzer generieren kann, ist eine vertragliche Exklusivitätszusage rechtlich nicht haltbar.
    • Volles Haftungsrisiko beim Nutzer: Die AGB der KI-Anbieter schließen jegliche Haftung aus. Sollte eine generierte Musikdatei zu nah an ein bereits existierendes, geschütztes Werk herandriften und es zu einer Urheberrechtsverletzung kommen, liegt das Haftungsrisiko allein beim Nutzer (bzw. dessen Auftraggeber) und nicht bei der KI-Plattform.

    Nachtrag: Vom Webstuhl zum Algorithmus: 5 überraschende Lektionen über die Zukunft der Kreativität

    Einleitung: Das Paradoxon der Perfektion

    Besitzt die menschliche Handarbeit in einer Welt, die von KI-generierter Perfektion und industrieller Massenware überschwemmt wird, noch einen messbaren Wert? Wir stehen heute an einem ähnlichen Wendepunkt wie Walter Gropius im Jahr 1919, als er das Bauhaus gründete, um Kunst und Handwerk gegen die seelenlose industrielle Massenproduktion zu verteidigen.

    Heute kollidiert die „Handmade Culture“ von Etsy mit der Skalierungsgewalt von Algorithmen und Tools wie Suno AI, die den kreativen Prozess vollständig automatisieren wollen. Was können wir von der harten Realität der Weimarer Werkstätten für das Jahr 2026 lernen? Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme zwischen historischem „Vorkurs“ und moderner „algorithmischer Lobotomie“.

    Lektion 1: Skalierung ist der natürliche Feind (und Freund) der Authentizität

    Der Erfolg von Etsy ist ein wirtschaftliches Paradoxon: Die Plattform wuchs von einer utopischen Idee zu einem Giganten mit 1,35 Milliarden USD Warenumsatz (Stand 2013). Doch dieser Erfolg ist die Geburtsstunde der „Bertrand-Konkurrenz“, einem gnadenlosen Preiskampf nach unten, bei dem Fabrikware die Identität des Echten kannibalisiert.

    Diese Krise ist die digitale Reinkarnation des Konflikts der 1920er Jahre, als das Bauhaus zwischen manuellem Handwerk und industrieller Reproduktion, etwa in der Zusammenarbeit mit Partnern wie Junkers, zerrieben wurde. Wenn Produkte am Bildschirm optisch identisch wirken, kapituliert die Sehnsucht nach Echtheit meist vor dem billigeren Industrieprodukt.

    „…intense friction that happens when handmade culture collides with massive global scale.“ – MIT-Marktanalyse im Etsy-Explainer

    Lektion 2: Der „Bauhaus-Stil“ existiert eigentlich gar nicht

    In der heutigen Marketing-Sprache wird „Bauhaus“ oft als bloßes Label für Minimalismus missbraucht, doch kunsthistorisch betrachtet ist der Begriff „Bauhausstil“ eine Irreführung der Laien. Das Bauhaus war kein statisches Design-Rezept, sondern eine experimentelle Schnittstelle, die Teil globaler Strömungen wie dem Funktionalismus und der Neuen Sachlichkeit war.

    Wir neigen dazu, komplexe kulturelle Bewegungen auf ein verkaufbares Etikett zu reduzieren, um die Marktsättigung zu bedienen. Wer heute alles Schlichte als „minimalistisch“ bezeichnet, begeht denselben Fehler wie jene, die die radikale Zusammenführung von Kunst und Handwerk zu einem bloßen Möbel-Stil degradieren.

    Lektion 3: Die gefährliche Lüge der „reibungslosen“ Kreativität

    Moderne KI-Apologeten wie Suno-CEO Mikey Shulman behaupten, dass Technologie die „Barriere“ der jahrelangen Übung entfernen müsse, weil Musikmachen angeblich keinen Spaß mache. Diese Sichtweise ist ein direkter Frontalangriff auf das Bauhaus-Ideal des Gesamtkunstwerks, in dem Architektur, Handwerk und Kunst eine mühsam erarbeitete Einheit bilden.

    Wahre Kreativität benötigt den Widerstand des Materials und das bewusste „Stolpern“, wie es im legendären Vorkurs gelehrt wurde, um Tiefe zu gewinnen. Wenn die Anstrengung des Erlernens wegrationalisiert wird, mutiert Kunst zu einem bloßen Hintergrundrauschen ohne menschliche Substanz.

    „I think the majority of people don’t enjoy the majority of the time they spend making music.“ – Mikey Shulman, Suno AI-CEO

    Lektion 4: Die Gemeinschaft ist der beste Algorithmus

    Etsy löste seine „Reseller-Krise“ nicht durch teure manuelle Kontrollen, sondern durch „Community Curation“ – eine Form der Crowdsourced-Qualitätskontrolle. In einer Welt des unendlichen KI-Angebots wird der menschliche „Taste Maker“ zur wertvollsten Währung, da er die Flut des Beliebigen filtert.

    Doch Vorsicht vor dem Sättigungseffekt: Die Daten des „Weather Forecast“ zeigen, dass ab einer gewissen Plattformgröße der Traffic den Preis nicht mehr positiv beeinflusst. Wahre Wertschöpfung findet dann nicht mehr über die bloße Skalierung statt, sondern nur noch über die soziale Validierung innerhalb einer organischen Gemeinschaft.

    Lektion 5: Demokratisierung bedeutet nicht immer Gleichberechtigung

    Das Bauhaus versprach Fortschritt, doch die Realität der „Formmeister“ war oft von reaktivem Gatekeeping geprägt. Gropius drängte Frauen systematisch in die Weberei, um sie von der „männlichen“ Architektur fernzuhalten – ein Muster, das wir heute in der „Side-Hustle“-Kultur wiederfinden.

    Plattformen wie Etsy und Print-on-Demand (POD) bieten zwar den scheinbar freien Zugang zum Markt, schaffen aber durch Gebühren und undurchsichtige Algorithmus-Abhängigkeiten neue, unsichtbare Hürden. Die Macht bleibt, wie damals in der Architekturabteilung, hinter verschlossenen Türen – heute sind es lediglich die Code-Strukturen der globalen Marktplätze.

    „Gegen Ausbildung von Architektinnen sprechen wir uns grundsätzlich aus.“ – Walter Gropius, Bauhaus-Programm 1921

    Fazit: Die Rückkehr des Handwerks im digitalen Exil

    Die Geschichte lehrt uns, dass technologische Sprünge die Sehnsucht nach dem Unvollkommenen, dem Menschlichen, nur verstärken. Wir stehen vor der Gründung einer neuen „digitalen Bauhütte“, in der das Handwerk gerade durch seine bewusste Anstrengung und seinen Widerstand gegen die KI-Perfektion überlebt.

    Wenn alles sofort, reibungslos und fehlerfrei generiert werden kann – was sind wir dann noch bereit, mit eigener Seele und schmutzigen Händen selbst zu erschaffen?

  • Exil und die Flucht über die Pyrenäen

    Dieser Podcast dokumentiert das bewegte Leben und die literarische Arbeit des jüdisch-österreichischen Autors Franz Werfel, wobei der Schwerpunkt auf seiner Flucht vor dem Nationalsozialismus liegt. Zusammen mit seiner Ehefrau Alma Mahler-Werfel und Weggefährten wie Heinrich Mann gelang ihm 1940 unter lebensgefährlichen Umständen die Emigration aus Frankreich über die Pyrenäen in die USA. Ein zentrales Motiv ist dabei Werfels tiefgreifende Verbindung zur christlichen Mystik, die trotz seiner jüdischen Identität seine Werke maßgeblich prägte. Besonders hervorgehoben wird sein Aufenthalt in Lourdes, der ihn zu dem weltberühmten Roman „Das Lied von Bernadette“ inspirierte. Die Texte beleuchten zudem die komplexe Beziehung des Paares sowie die bürokratischen Hürden und persönlichen Entbehrungen während ihres Exils in Kalifornien. Abschließend bieten die Quellen einen Überblick über Werfels Gesamtwerk, das sich immer wieder mit Fragen von Glauben, Schuld und der menschlichen Suche nach Erlösung auseinandersetzt.

    Wie verlief die abenteuerliche Flucht der Werfels über die Pyrenäen?

    Die abenteuerliche Flucht von Alma und Franz Werfel über die Pyrenäen im Jahr 1940 war eine dramatische Odyssee, die von ständiger Angst vor Entdeckung, körperlicher Erschöpfung und glücklichen Wendungen geprägt war.

    1. Vorgeschichte: Irrfahrt und das Gelübde von Lourdes

    Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich flohen die Werfels am 2. Juni 1940 überstürzt aus ihrem Exil in Sanary-sur-Mer. Nach einer zweiwöchigen, nervenaufreibenden Fahrt in Mietautos über Bordeaux zur spanischen Grenze im Westen, an der ein Grenzübertritt jedoch scheiterte, strandeten sie schließlich in Lourdes. Während ihres dortigen siebenwöchigen Aufenthalts legte Franz Werfel – der als jüdischer Intellektueller unter extremster Lebensgefahr stand – ein feierliches Gelübde ab: Sollte ihnen die Flucht nach Amerika gelingen, werde er die Geschichte der heiligen Bernadette Soubirous aufschreiben.

    Das Paar kehrte danach unter falschem Namen nach Marseille zurück. Dort trafen sie auf Heinrich Mann, dessen Ehefrau Nelly sowie deren Neffen Golo Mann. Gemeinsam mit dem amerikanischen Fluchthelfer Varian Fry vom Emergency Rescue Committee versuchten sie verzweifelt, die erforderlichen Visa für die USA, Spanien und Portugal zu organisieren.

    2. Der Aufbruch und das Scheitern in Cerbère

    Am 12. September 1940 um fünf Uhr morgens verließ die Fluchtgruppe Marseille mit dem Zug. Zuvor hatte Franz Werfel am Vortag all seine Schriften und Skizzen in einer Aschenschale verbrannt. Über Perpignan reisten sie nach Cerbère an der französisch-spanischen Grenze.

    Dort stellte sich jedoch heraus, dass die Grenzbeamten sie trotz ihrer amerikanischen Papiere nicht legal passieren lassen wollten. Da die Zeit drängte und der reguläre Grenzübergang versperrt blieb, beschloss die Gruppe, die Pyrenäen illegal zu Fuß zu überqueren.

    3. Der beschwerliche Marsch über die Berge

    Am Morgen des 13. September 1940 brach die Gruppe auf. Nelly Mann geriet im Dorf in Panik, da es sich um einen „Freitag, den 13.“ handelte und sie unbedingt umkehren wollte. Nach einer Verzögerung, weil Golo Mann zuvor noch ein erfrischendes Bad im Meer genommen hatte, begann schließlich der Aufstieg.

    Ein junger amerikanischer Helfer führte sie abseits der Straße auf steilen, steinigen Pfaden nach oben, bis sie schließlich weglos klettern mussten. Unter der brennenden spanischen Sonne war der Marsch eine Tortur:

    • Sie kletterten über spiegelglatte, flimmernde Schiefersteine direkt an tiefen Abgründen.
    • Zum Festhalten beim Ausrutschen gab es nichts als stachelige Disteln.
    • Nach zwei Stunden verließ sie der Führer auf dem Berggipfel, um den älteren Heinrich Mann nachzuholen, sodass Alma und Franz Werfel zunächst völlig allein auf dem Gipfel standen.

    4. Absurde Grenzbegegnungen und Port Bou

    Auf dem Gipfel stießen sie auf die Hütte eines spanischen Grenzpostens. Alma bestach den dortigen katalanischen Soldaten mit Zigarettenschachteln. Dieser führte sie jedoch fälschlicherweise nicht tiefer nach Spanien, sondern direkt zum französischen Grenzposten zurück.

    Dort wurden sie vor den Postenchef geführt. Alma war völlig erschöpft, trug alte Sandalen und schleppte eine Tasche mit ihrem restlichen Geld, Schmuck sowie der wertvollen Originalpartitur von Anton Bruckners 3. Symphonie bei sich (die restlichen 12 Koffer brachte Varian Fry später mit der Bahn über die Grenze). Der französische Grenzchef hatte jedoch Mitleid mit dem sichtlich heruntergekommenen Paar und winkte sie ohne Stempel einfach durch.

    Nach dem weiteren Abstieg in unvorstellbarer Hitze erreichten sie schließlich Port Bou. Dort gaben sie lokalen Trägern fast ihr gesamtes verbliebenes Geld in Francs, woraufhin diese sich überschlugen, um ihnen bei der Unterkunft und dem Gepäck zu helfen.

    Bei der gefürchteten Passkontrolle am Bahnhof von Port Bou saßen sie „wie arme Sünder“ auf einer schmalen Wandbank. Heinrich Mann reiste unter dem Falschnamen „Heinrich Ludwig“, während Franz Werfel und Golo Mann unter ihren echten Namen extrem gefährdet waren. Nach qualvollem Warten wurden ihre amerikanischen Papiere jedoch von den spanischen Behörden akzeptiert und abgestempelt.

    5. Über Lissabon in die Freiheit

    Nach einer Nacht in einem vom Bürgerkrieg zerschossenen Hotel reisten sie per Bahn über Barcelona nach Madrid. Da an der portugiesischen Grenze im Zug systematisch Emigranten verhaftet wurden, flogen sie von Madrid nach Lissabon.

    Dort gab es bei der Passkontrolle erneute Schrecksekunden, da der Beamte misstrauisch die Werksliste von Franz Werfel prüfte und ihn wegen Werfels jüdischer Herkunft befragte. Schließlich erhielten sie jedoch den Einlassstempel und verbrachten zwei Wochen in paradiesischer Ruhe im Hotel in Estoril.

    Am 13. Oktober 1940 ging die abenteuerliche Flucht schließlich zu Ende, als sie an Bord des griechischen Schiffs „Nea Hellas“ in New York einliefen und nach Monaten der Todesangst wieder freien Boden betraten.

    Werfel hat diese teils absurden und gefährlichen Erlebnisse der Flucht später in seinem Theaterstück „Jakobowski und der Oberst“ verarbeitet. Ich könnte dir heraussuchen, welche realen Stationen und Personen der Flucht sich in dem Stück wiederfinden.

    Welche Figuren aus der Fluchtgruppe finden sich im Theaterstück wieder?

    In den vorliegenden Quellen wird zwar erwähnt, dass Franz Werfel die abenteuerliche Flucht der Gruppe in seinem Theaterstück „Jakobowski und der Oberst“ verarbeitet hat. Allerdings enthalten die Materialien keine detaillierten Informationen darüber, welche konkreten Figuren des Stücks den realen Mitgliedern der Fluchtgruppe (wie Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, Heinrich Mann, Nelly Mann, Golo Mann oder Varian Fry) zugeordnet werden können.

    Aus den Dokumenten geht lediglich hervor, dass diese Personen gemeinsam zu Fuß über die Pyrenäen flohen, was als Inspiration für das Werk diente.

    Hier ist, was ich über die realen Vorbilder der Charaktere in Franz Werfels Stück „Jacobowsky und der Oberst“ herausgefunden habe:

    Die Figuren basieren maßgeblich auf den realen Fluchterlebnissen des jüdisch-polnischen Bankiers Stephan (Stefan) S. Jakobowicz, den Werfel im Mai 1940 auf seiner eigenen Flucht in Lourdes traf und der ihm seine abenteuerliche Odyssee schilderte.

    Besondere Erkenntnisse und Themen:

    1. Der echte Jacobowsky: Die Hauptfigur S. L. Jacobowsky geht direkt auf den Stuttgarter Bankier Stephan S. Jakobowicz zurück, der im Juni 1940 zusammen mit einem polnischen Offizier in einem alten Auto aus dem besetzten Paris in den Süden floh. Er widmete später eine Erstausgabe des Stücks als „der wahre Jacobowsky“.
    2. Der reale Oberst: Auch für den hochmütigen, polnischen Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky gab es ein echtes Gegenüber — jenen polnischen Offizier, der mit Jakobowicz floh und ihm anfangs sogar verbot, persönliche Gegenstände mitzunehmen.
    3. Werfels eigene Fluchtgruppe: Obwohl Werfel die Kernanekdote von Jakobowicz übernahm, verwob er darin die Erlebnisse, die Groteske und die Ängste seiner eigenen Pyrenäen-Fluchtgruppe (mit Alma, Heinrich Mann, Nelly und Golo Mann). So gilt die Figur des Lehrers Oskanian als ironische Selbstparodie Werfels.
    4. Humor als Überlebenswaffe: Im Hollywood-Exil brachte Werfel seine Freunde (wie Max Reinhardt und die Strawinskys) oft mit absurden Anekdoten seiner Flucht zum Lachen, woraus die gesamte Tonalität des Stücks entstand.
    5. Marianne als Frankreichs Seele: Während die Männer reale Vorbilder haben, ist die weibliche Hauptfigur Marianne eine reine Allegorie auf Frankreichs ungebrochenen Widerstandsgeist.

    In Franz Werfels Theaterstück „Jacobowsky und der Oberst“ ist die Figur der Marianne eine bewusste Allegorie auf den französischen Freiheitswillen und die Résistance.

    Diese symbolische Bedeutung zeigt sich im Werk an folgenden Aspekten:

    • Verkörperung der Nation („Madame la France“): Marianne wird im Stück direkt als „Madame la France“ bezeichnet. Ihr Name knüpft an das historische Nationalsymbol der französischen Republik (die „Marianne“) an.
    • Kein reales Vorbild: Im Gegensatz zu den männlichen Hauptfiguren Jacobowsky und dem Oberst, die auf realen Personen basieren (dem Bankier Stefan S. Jakobowicz und einem polnischen Offizier), hat Marianne kein physisches Vorbild in Werfels tatsächlicher Pyrenäen-Fluchtgruppe. Sie wurde von Werfel als reine Symbolfigur erschaffen.
    • Entscheidung dazubleiben und Unbesiegbarkeit: Während Jacobowsky und dem Oberst die Flucht gelingt, entscheidet sich Marianne am Ende, im besetzten Frankreich zurückzubleiben. Dies symbolisiert den aktiven Kampf des französischen Volkes gegen die Eindringlinge aus dem Landesinneren heraus. Werfel inszeniert sie damit als Sinnbild für eine Nation, deren Freiheitsdrang letztlich unbesiegbar ist.
    • Einordnung im allegorischen Gefüge: Der tiefere Sinn ihrer Figur wird für den Zuschauer besonders deutlich, wenn im Stück andere hochgradig symbolische Figuren wie der „Ewige Jude“ (der das KZ Dachau überlebt hat) und der Heilige Franziskus gemeinsam auftreten. In diesem Beziehungsgefüge sticht Marianne als eigentliche, moralische Hauptheldin hervor, während der hochmütige Oberst im Vergleich dazu nur als geschlagener, schwacher Krieger erscheint.

    n Ergänzung zu Mariannes Rolle als nationaler Allegorie treten in Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ weitere theologische und mythologische Symbole auf, die das Stück tief in Werfels eigenem, komplexen Weltbild verankern.

    Die wichtigsten theologischen Symbole und Bezüge im Stück lassen sich wie folgt einordnen:

    1. Das symbolische Paar: Der „Ewige Jude“ und der Heilige Franziskus

    Der tiefere, metaphysische Sinn des Stücks offenbart sich dem Zuschauer spätestens beim gemeinsamen Auftritt zweier hochgradig symbolischer Figuren:

    • Der Ewige Jude (Ahasver): Diese uralte christlich-jüdische Legendenfigur verkörpert bei Werfel das zeitgenössische jüdische Schicksal im Zweiten Weltkrieg. Werfel verleiht der mythologischen Figur eine beklemmend reale Dimension, indem er im Stück erwähnt, dass dieser Ewige Jude zwei Jahre im Konzentrationslager Dachau hinter sich hat.
    • Der Heilige Franziskus: Als Gegenpart tritt der Heilige Franziskus von Assisi auf, eine der am meisten verehrten Heiligengestalten der katholischen Kirche.

    Dieses Zusammentreffen ist kein Zufall, sondern spiegelt Werfels eigene existenzielle Position als „jüdischer Grenzgänger mit christlichem Sensorium“ wider. Werfel, der aus einer jüdischen Familie stammte, war zeitlebens von einer tiefen Sehnsucht nach einer Versöhnung zwischen dem Urjudentum und der katholischen Kirche geprägt. Er zeichnete in seinen Werken oft religiöse Grenzgänger oder „jesusgläubige Juden“, die in ihrer Zerrissenheit nirgends sesshaft werden (wie in seinem Drama Paulus oder in der Figur des Alfred Engländer in Barbara oder die Frömmigkeit). In der Begegnung zwischen dem Ewigen Juden und dem Heiligen Franziskus im Stück inszeniert Werfel diese Sehnsucht nach einem friedlichen, fast mystischen Miteinander.

    2. Der sprechende Name „Jacobowsky“

    Auch der Name der jüdischen Hauptfigur ist theologisch aufgeladen. Jacobowsky leitet sich direkt vom biblischen Stammvater Jakob (Israel) ab.

    • In der biblischen Tradition ist Jakob derjenige, der „mit Gott und den Menschen gerungen und gesiegt“ hat.
    • Im Stück zeigt sich Jacobowsky trotz ständiger Flucht und Lebensgefahr als der eigentlich Überlegene, der mit Lebensklugheit und Chuzpe das Überleben der Gruppe sichert. Er bildet das moralische Fundament des Stücks, während sein Gegenpart, der polnische Oberst, trotz seines stolzen militärischen Gehabes am Ende nur als ein „mit ziemlich allen menschlichen Schwächen behafteter geschlagener Krieger“ dasteht.

    3. Werfels katholische Symbolwelten

    Werfels lebenslange Beschäftigung mit den Themen Schuld, Gnade, Opfer und Erlösung führte ihn immer wieder in die Nähe katholischer Symbolwelten, ohne dass er dabei jemals seine jüdische Herkunft auslöschte. Für ihn war Christus „das entscheidende Ereignis der jüdischen Geschichte“. Diese theologische Gratwanderung ermöglichte es ihm, in „Jacobowsky und der Oberst“ die traumatische Erfahrung der Vertreibung und des Exils nicht nur als historisches Ereignis zu schildern, sondern sie allegorisch zu einer universellen Parabel über das menschliche Leiden und die rettende Kraft der Mitmenschlichkeit zu erheben.


    Was war das Motiv des „berechnenden Himmels“?

    Das Motiv des „berechnenden Himmels“ ist das theologische und moralische Kernthema in Franz Werfels 1939 erschienenem Roman Der veruntreute Himmel.

    Es bezeichnet eine naive, fast geschäftsmäßige Form der Frömmigkeit, bei der das jenseitige Seelenheil wie eine Ware durch ein Tauschgeschäft gesichert werden soll:

    • Das religiöse „Geschäft“: Die fromme, tschechische Dienstbotin Teta Linek opfert über dreißig Jahre lang all ihre hart erarbeiteten Ersparnisse, um ihrem Neffen Mojmir das Priesterstudium zu finanzieren. Ihr Kalkül dahinter ist rein pragmatisch: Nach ihrem Tod soll der Neffe als geweihter Priester heilige Messen für sie lesen und ihr so einen sicheren, quasi „vertraglich garantierten“ Platz im Himmel verschaffen.
    • Religion als Tauschhandel: Teta versucht auf diese Weise, ihre Unsterblichkeit im Jenseits abzusichern. Religion verkommt bei ihr zu einer Art menschlicher Buchführung und einem bloßen Tauschhandel zwischen Mensch und Gott.
    • Der Zusammenbruch des Kalküls: Das religiöse Geschäft erweist sich als bitterer Betrug. Mojmir wird nie Priester, sondern erschwindelt sich nur Tetas Geld für ein moralisch zweifelhaftes Leben. Als Teta den Betrug aufdeckt, bricht ihre naive Frömmigkeit und ihre vermeintliche jenseitige Sicherheit in sich zusammen.

    Werfel zeigt mit diesem Motiv eindringlich die Gefahren eines berechnenden Glaubens auf. Das Seelenheil lässt sich nicht durch menschliche Transaktionen erzwingen. Teta findet ihren inneren Frieden erst, als sie sich von diesem rationalen Tauschgeschäft löst, eine demütige Pilgerfahrt nach Rom antritt und die befreiende Kraft göttlicher Gnade jenseits aller Buchführung erfährt.

    KK

  • Ziele und Bestrebungen aus der Sicht von Spinoza

    Unter den zahlreichen philosophischen Zielen und Bestrebungen Spinozas war keines für ihn von größerer Bedeutung als die Befähigung des Menschen, zur Freiheit zu gelangen. Nahezu jedes seiner metaphysischen Werke von seiner frühen Darstellungen der Prinzipien der cartesischen Philosophie (René Descartes’ Grundlagen der Philosophie) bis zu seinem späten Meisterwerk, der Ethik kulminiert in einer Erörterung der Freiheit und insistiert sowohl auf ihrer Möglichkeit als auch auf ihrer fundamentalen Bedeutung. Tatsächlich besteht das zentrale Anliegen der Ethik darin, uns den Weg zur Freiheit aufzuzeigen.

    Auch das Hauptkorpus seiner übrigen Schriften, nämlich seine politische Philosophie, ist wesentlich von der Sorge um die menschliche Freiheit motiviert. Ausgehend von der These, dass der wahre Zweck des Staates in Wirklichkeit die Freiheit ist, entwickelt Spinoza Überlegungen dazu, wie Staaten verfasst und regiert werden sollten, um die Freiheit ihrer Bürger zu schützen und zu fördern. Die zentrale These des Theologisch-politischen Traktats wird durch ein Tacitus-Zitat pointiert, wonach die beste Staatsordnung jedem Einzelnen gestattet, „so zu denken, wie er will, und zu sagen, was er denkt“. Selbst Spinozas Begriff der Erlösung lässt sich als auf unsere Freiheit ausgerichtet verstehen, insofern diese aus der Einheit mit dem ewigen und göttlichen Wesen hervorgeht und damit eine Befreiung von der Macht äußerer Kräfte voraussetzt.

    Die Konzentration auf das Thema der Freiheit eröffnet zugleich eine andere Perspektive auf Spinozas ethische Zielsetzungen. Denn Freiheit ist für ihn nicht zuletzt deshalb von fundamentaler Bedeutung, weil sie in einem ursprünglichen Zusammenhang mit unserem Guten steht. Frei zu sein bedeutet, aus der eigenen Macht heraus zu handeln, aus jener Macht also, die Spinoza als conatus, als Streben, bestimmt. Zugleich versteht er unter dem Guten alles dasjenige, was die individuelle Handlungsmacht steigert. Daraus folgt, dass die Verwirklichung unseres Guten notwendig auch unsere Freiheit erweitert, sodass das Streben nach dem höchsten Gut letztlich mit dem Streben nach dem größtmöglichen Maß an Freiheit zusammenfällt.

    Spinoza entwirft damit ein konkretes und zugleich differenziertes Bild des guten Lebens: ein Leben, das von Freiheit und Tugend (virtus) erfüllt ist. Freiheit bedeutet, eine eigene kausale Wirksamkeit in der Welt zu entfalten und in ihr eine Spur des eigenen Handelns zu hinterlassen. Zwar räumt Spinoza ein, dass die vernunftgeleitete Lebensführung unserer Macht in höchstem Maße zuträglich ist; daraus folgt jedoch keineswegs eine Bevorzugung rein kontemplativer oder intellektueller Tätigkeiten. Denn rationale Einsichten steigern unsere Aktivität nicht nur in einem abstrakt metaphysischen Sinne also durch eine Erweiterung unserer geistigen Macht , sondern auch in einem eminent praktischen Sinne: Sie befähigen uns dazu, uns aktiv auf die Welt einzulassen, Freundschaftsbeziehungen zu begründen, anderen mit Wohlwollen zu begegnen und uns am politischen Leben des Gemeinwesens zu beteiligen. Darüber hinaus kann ein freies Leben niemals von den praktischen und weltlichen Bedingungen seiner Möglichkeit abstrahieren. Spinoza erkennt ausdrücklich an, dass die Ausbildung und Ausübung unserer Vernunft von materiellen Voraussetzungen abhängen, darunter auch von politischen Bedingungen etwa von einer staatlichen Ordnung, die den freien Austausch von Gedanken und Meinungen gewährleistet.

    Spinoza argumentiert, dass ein wahrhaft freier Mensch keine Vorstellungen von Gut und Böse bildet. Dies könnte zunächst den Eindruck erwecken, die grundlegende Form moralischer Bewertung sei für ihn lediglich eine Illusion. Richtet man den Blick jedoch unmittelbar auf Spinozas praktische Philosophie, zeigt sich, dass dieser Vorwurf nicht haltbar ist. Wir sind durchaus in der Lage, Gut und Böse zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Eine genauere Aufarbeitung dieser begrifflichen Verwechslungen und Unklarheiten führt vielmehr zu dem Ergebnis, dass Spinozas Ethik uns an praktische, normative, verbindliche und unparteiische Regeln bindet, die uns dazu anleiten, das Gute auch für andere zu verwirklichen.

    Muhammed Sabbah 

  • Leipzig und das Recht auf Wirklichkeit

    Leipzig und das Recht auf Wirklichkeit

    Der Gegensatz zwischen Leipzig und Frankfurt ist weit mehr als ein Streit zwischen zwei Hochschulstandorten oder eine akademische Kontroverse unter Soziologen. Im Kern geht es um zwei Menschenbilder, zwei Vorstellungen von Gesellschaft und zwei sehr unterschiedliche Auffassungen davon, was Denken leisten soll.

    Auf der einen Seite steht die Frankfurter Schule – Horkheimer, Adorno, Marcuse, später Habermas. Ihre große Stärke war die Kritik: die Kritik an Herrschaft, Entfremdung, Ideologie, gesellschaftlichen Zwängen und den verborgenen Mechanismen der Macht.

    Auf der anderen Seite steht jene Leipziger Linie, die mit Hans Freyer, Arnold Gehlen und Helmut Schelsky verbunden ist: skeptischer gegenüber dem Intellektuellen, der sich über die Gesellschaft stellt und aus der Distanz entscheidet, welche Institutionen, Traditionen und Lebensformen als überholt, repressiv oder «befreiungsbedürftig» gelten dürfen.

    Gerade nach dem Krieg gewann die Frankfurter Schule in der Bundesrepublik eine außerordentliche kulturelle Wirkung. Sie lieferte nicht nur Begriffe zur Analyse der Gesellschaft, sondern prägte zunehmend auch die Sprache, in der über Autorität, Emanzipation, Fortschritt, Herrschaft und gesellschaftliche Legitimität gesprochen wurde.

    Und genau hier beginnt das Unbehagen der Leipziger Perspektive:

    Wer die Begriffe liefert, mit denen eine Gesellschaft sich selbst beurteilt, besitzt bereits einen Teil der Macht über diese Gesellschaft.

    Denn wer definiert, was «Fortschritt» ist, kann den anderen leicht zum Rückständigen erklären. Wer bestimmt, was «Emanzipation» bedeutet, kann den Widersprechenden als Gegner der Freiheit darstellen. Und wer festlegt, was «richtiges Bewusstsein» ist, gerät schnell in die Versuchung, den anderen erst einmal beibringen zu müssen, wie sie zu denken haben.

    Dann wird Kritik selbst zur Herrschaftsform.

    Hier wird die Leipziger Perspektive unbequem – gerade weil sie nicht nur fragt:

    «Wer übt Macht aus?»

    Sondern:

    «Wer besitzt eigentlich das Recht, zu bestimmen, was als Macht gilt?»

    Hans Freyer dachte stärker von Geschichte, Institutionen und gesellschaftlicher Wirklichkeit her. Arnold Gehlen erinnerte daran, dass der Mensch kein vollkommen autonomes Wesen ist, das außerhalb aller Institutionen existieren könnte. Familie, Recht, Staat, Gewohnheiten und soziale Rollen sind nicht einfach Gefängnisse, die auf ihre Abschaffung warten. Sie können ebenso Bedingungen menschlicher Existenz sein.

    Und dann kommt Helmut Schelsky – und richtet den Blick dorthin, wo es für den Intellektuellen unangenehm wird:

    auf ihn selbst.

    Schelskys Begriff der «Sinnvermittler» verschiebt die alte Klassenfrage. Es geht nicht mehr nur darum, wer die Produktionsmittel besitzt, sondern auch darum, wer die Mittel zur Produktion von Sinn besitzt.

    Es gibt Menschen, die arbeiten, produzieren, bauen, pflanzen, forschen und organisieren. Und es gibt jene, die zunehmend bestimmen, was diese Arbeit bedeutet, welche moralische Bedeutung ihr zukommt und welche Deutung des eigenen Lebens als legitim zu gelten hat.

    Schelsky formuliert es im Zusammenhang mit der von ihm beschriebenen Klasse der Sinnvermittler und Sinnproduzenten:

    ««Die Klasse der Sinnvermittler und Sinnproduzenten, die von der Arbeit der anderen lebt, indem sie den praktisch Tätigen die Sinngebung ihrer Existenz diktiert.»»

    Der entscheidende Ausdruck ist:

    «die Sinngebung ihrer Existenz diktiert».

    Denn Schelskys Vorwurf richtet sich nicht gegen das Denken als solches. Er richtet sich gegen den Moment, in dem Deutung in Bevormundung umschlägt und geistige Produktion einen Anspruch auf moralische Oberhoheit entwickelt.

    Hier gewinnt auch Schelskys provokanter Gedanke einer modernen «Priesterherrschaft» seine Schärfe.

    Der alte Priester beanspruchte die Deutung des Heils.

    Der moderne Intellektuelle kann versucht sein, die Deutung der Emanzipation zu monopolisieren.

    Der Priester verschwindet durch die Tür – und der Intellektuelle kommt durch das Fenster.

    Frankfurt war meisterhaft darin, die Masken der Herrschaft sichtbar zu machen.

    Die Leipziger Frage lautet jedoch:

    Was ist mit der Maske des Kritikers selbst?

    Nicht alles, was alt ist, ist Unterdrückung. Nicht jede Institution ist ein Gefängnis. Nicht jede Tradition ist Rückständigkeit. Und nicht jede Auflösung von Grenzen ist Freiheit.

    Der Mensch lebt schließlich nicht in einer Theorie. Er lebt in Familie, Recht, Arbeit, Sprache, Staat, Geschichte und Erinnerung.

    Wer all diese Ordnungen im Namen der Emanzipation zerlegen will, sollte deshalb eine unangenehme Frage beantworten:

    Was kommt danach?

    Genau hier liegt die Stärke der Leipziger Skepsis. Sie misstraut der Vorstellung, Gesellschaft lasse sich vom Schreibtisch des Intellektuellen aus neu entwerfen.

    Die Gesellschaft ist kein Manuskript des Philosophen. Die Geschichte ist kein weißes Blatt. Und der Mensch ist kein Rohstoff für ein kulturelles Reformprojekt.

    Darum richtet sich die härteste Frage Leipzigs an Frankfurt:

    «Wenn ihr den Menschen von Bevormundung befreien wollt – wer befreit ihn eigentlich von eurer eigenen Bevormundung?»

    Vielleicht liegt genau hier der tiefste Gegensatz.

    Frankfurt wollte nach dem Krieg eine Gesellschaft hervorbringen, die gelernt hatte, sich selbst kritisch zu betrachten. Leipzig erinnert daran, dass auch die Instanz, die einer Gesellschaft beibringt, wie sie über sich selbst zu denken hat, eine Machtposition einnimmt.

    Damit verschiebt sich die alte Frage:

    Nicht nur:

    «Wer besitzt die Produktionsmittel?»

    Sondern:

    «Wer besitzt die Mittel zur Produktion von Sinn?»

    Denn wer den Sinn definiert, kann das Bewusstsein prägen, ohne ein politisches Amt zu besitzen.

    Und genau deshalb ist der Gegensatz zwischen Leipzig und Frankfurt mehr als ein Kapitel deutscher Soziologie.

    Es geht um die alte und zugleich immer wieder neue Frage:

    «Wer darf den Menschen definieren – und wer darf ihm sagen, was es heißt, frei zu sein?»

    Vielleicht liegt die eigentliche Leipziger Provokation gerade darin, dass sie dem Intellektuellen eine einfache Wahrheit zumutet:

    Auch derjenige, der die Macht kritisiert, muss sich der Kritik seiner eigenen Macht stellen.

    Muhammed Sabbah

  • Die Hand am Rad der Geschichte

    «… was für ein Mensch man sein muß, um seine Hand in die Speichen des Rades der Geschichte legen zu dürfen.»

    — Max Weber

    Max Weber fragte nicht nach dem Politiker als Amtsträger, sondern nach dem Menschen, der bereit ist, politische Verantwortung zu übernehmen. Für ihn ist Politik weder eine bloße Funktion im Staatsapparat noch eine Verlängerung der Verwaltung mit parteipolitischen Mitteln.

    Deshalb besteht Weber auf der Unterscheidung zwischen dem Beamten und dem Politiker. Der «echte Beamte» soll nicht Politik treiben, sondern verwalten. Der Politiker hingegen muss tun, was der Beamte gerade nicht tun soll: Stellung beziehen, kämpfen und Verantwortung übernehmen.

    Weber unterscheidet zugleich zwischen demjenigen, der «für die Politik» lebt, und demjenigen, der «von der Politik» lebt. Das ist keine einfache moralische Gegenüberstellung. Auch wer von der Politik lebt, kann für die Politik leben. Entscheidend ist vielmehr die innere Beziehung zur politischen Sache: Ist das Amt nur Beruf und Erwerbsquelle – oder steht dahinter die Bereitschaft, für eine Sache einzustehen und die Folgen einer Entscheidung zu tragen?

    Weber nennt dafür drei Voraussetzungen: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß.

    Mit Leidenschaft meint er nicht politischen Lärm, sondern Hingabe an eine Sache. Verantwortungsgefühl bedeutet, die Folgen des eigenen Handelns auf sich zu nehmen. Und Augenmaß bedeutet, der Wirklichkeit ins Gesicht zu sehen, ohne von der eigenen Überzeugung verschlungen zu werden.

    Diese Unterscheidung scheint heute wichtiger denn je.

    Der moderne Staat ist außerordentlich gut im Verwalten geworden: Kommissionen, Institutionen, Verfahren, Experten, Pressestellen, Compliance-Regeln, Berichte und eine politische Sprache, die kaum noch irrt, weil sie kaum noch etwas entscheidet.

    Aber was geschieht, wenn aus dem Politiker ein hervorragender Verwaltungsfachmann geworden ist?

    Der Beamte fragt:

    «Was erlaubt die Regel?»

    Der Politiker muss bisweilen eine andere Frage stellen:

    «Was müssen wir tun, wenn die Regel nicht ausreicht?»

    Hier kommt Carl Schmitt mit seiner berühmten Formel ins Spiel:

    «Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.»

    Die Bedeutung der politischen Entscheidung zeigt sich für Schmitt nicht dort, wo Institutionen reibungslos funktionieren und Regeln automatisch angewendet werden. Sie zeigt sich dort, wo eine Situation entsteht, die von den allgemeinen Regeln nicht mehr vollständig erfasst wird.

    Dann lautet die Frage nicht mehr:

    «Wer kann die Ordnung verwalten?»

    Sondern:

    «Wer kann entscheiden?»

    Ein Staat, der nur Menschen hervorbringt, die Regeln korrekt anwenden können, mag stabil erscheinen, solange die Welt stabil bleibt. Wenn sich jedoch die Verhältnisse verändern und die Geschichte plötzlich vor seiner Tür steht, taucht eine Frage auf, auf die Bürokratie keine Antwort geben kann:

    «Wo ist der Politiker?»

    Damit wird auch die Demokratie komplizierter, als es ihr prozedurales Selbstbild vermuten lässt.

    Joseph Schumpeter verstand Demokratie nicht einfach als Verwirklichung eines bereits vorhandenen Volkswillens. Für ihn war sie auch eine Institution des Wettbewerbs um politische Führung und politische Entscheidung.

    Eine Demokratie, die ihre Fähigkeit verliert, wirkliche politische Persönlichkeiten hervorzubringen, wird deshalb nicht notwendig demokratischer. Sie kann auch einfach administrativer werden.

    Genau darin liegt der Widerspruch, den Europa heute zu erleben scheint.

    Die Politik ist institutioneller, rechtlicher und technischer geworden. Sie ist immer besser darin, Einzelheiten zu verwalten. Zugleich scheint sie immer weniger in der Lage zu sein, einen Staatsmann hervorzubringen – einen Menschen, der eine politische Frage in eine klare Entscheidung übersetzen kann, der deren Folgen trägt und sagt:

    «Das ist die Entscheidung. Und dafür trage ich die Verantwortung.»

    Die Gefahr besteht deshalb nicht nur darin, dass der Politiker aus dem Parlament verschwindet.

    Die größere Gefahr besteht darin, dass das Parlament selbst ohne Politiker funktionieren kann.

    Je weiter die Sprache der Verwaltung wächst, desto enger wird die Sprache der Entscheidung.

    Je mehr Mechanismen des Konsenses geschaffen werden, desto schwieriger wird die Entscheidung selbst.

    So wird Politik zunehmend «flüssig» – nicht unbedingt, weil die Gesellschaft freier geworden wäre, sondern weil der Ort der Entscheidung selbst an Festigkeit verliert.

    Alles ist verhandelbar. Jede Position kann verändert, jede Frage neu formuliert, jeder Konflikt in ein Verfahren überführt werden.

    Bis am Ende die einfachste Frage verschwindet:

    «Was wollen wir eigentlich?»

    Hier kehrt Weber mit beinahe unbequemer Aktualität zurück.

    Politik bedeutet für ihn nicht einfach, Macht zu besitzen. Sie bedeutet, bereit zu sein, für den Gebrauch dieser Macht Verantwortung zu übernehmen.

    Wer seine Hand in das Rad der Geschichte legt, kann sich anschließend nicht so verhalten, als sei er lediglich ein Beamter, der Anweisungen ausführt.

    Vielleicht lautet die eigentliche europäische Frage heute deshalb nicht:

    «Wo ist der Politiker geblieben?»

    Sondern:

    «Will Europa überhaupt noch den Politiker?»

    Vielleicht hat Europa im Laufe von Jahrzehnten des Friedens und der Stabilität ein hochentwickeltes System für eine einzige Aufgabe geschaffen:

    die Abwesenheit von Entscheidung zu verwalten.

    Aber Geschichte lässt sich nicht auf Dauer verwalten.

    Wenn sie wieder eine Entscheidung verlangt, wird die Frage nicht lauten, wie viele Institutionen wir haben, wie viele Experten oder wie viele Regeln.

    Die Frage wird einfacher sein. Und älter:

    «Wer trägt die Verantwortung?»

    Und wer kann sagen:

    «Ich entscheide.

    Ich trage die Verantwortung dafür.»

    Muhammed Sabbah 

  • 1790 – Die Studenten WG in Tübingen

    Dieser Podcast befasst sich mit dem Leben und dem intellektuellen Erbe von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, wobei insbesondere seine prägenden Jahre im Tübinger Stift hervorgehoben werden. Zusammen mit seinen Weggefährten Hölderlin und Schelling entwickelte er dort in einer Atmosphäre aus strenger Disziplin und dem Enthusiasmus für die Französische Revolution die Grundlagen des Deutschen Idealismus. Die Texte beleuchten das Spannungsfeld seiner Philosophie, die einerseits als radikales Denken der Freiheit gefeiert wird, während sie andererseits aufgrund rassistischer Passagen und Vorwürfen des Totalitarismus in der modernen Forschung umstritten bleibt. Darüber hinaus dokumentieren Briefwechsel und historische Anekdoten seinen beruflichen Werdegang von Jena bis Berlin sowie seine lebenslange politische Haltung als Verteidiger bürgerlicher Rechte. Insgesamt zeichnen die Quellen das Bild eines komplexen Denkers, dessen Einfluss auf die politische Philosophie und Soziologie bis heute weltweit von zentraler Bedeutung ist.

    Hegels Studienzeit im Tübinger Stift (1788–1793) war geprägt durch seine enge Gemeinschaft mit Friedrich Hölderlin und dem fünf Jahre jüngeren, als geistig frühreif geltenden Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Diese drei Studenten, die später als das „Tübinger Dreigestirn“ bekannt wurden, teilten sich zeitweise eine enge, beheizbare Stube im zweiten Stock des Stifts.

    Hier sind die zentralen Aspekte ihrer gemeinsamen Jahre:

    • Geistiger Widerstand und verbotene Lektüre: Der Alltag im Stift war von strenger Disziplin, Zensur und einer „entwürdigenden Bevormundung“ durch die religiöse Orthodoxie geprägt. Um dieser Enge zu entfliehen, lasen die Freunde heimlich verbotene Schriften von Autoren wie Rousseau, Kant, Spinoza, Voltaire und Schiller. Diese Bücher versteckten sie oft unter Steinen am Neckarufer.
    • Begeisterung für die Französische Revolution: Die Ereignisse von 1789 in Frankreich waren das politische Grunderlebnis ihrer Studienzeit. Sie betrachteten die Revolution als ein „echt philosophisches Schauspiel“ und als „Morgenröte der Freiheit“. Es bildeten sich konspirative studentische Zirkel, in denen französische Zeitungen „verschlungen“ wurden; Hegel galt dabei vermutlich als einer der Wortführer. Einer bekannten Anekdote nach sollen Hegel, Hölderlin und Schelling am 14. Juli 1793 sogar einen Freiheitsbaum auf dem Tübinger Marktplatz errichtet und umtanzt haben.
    • Gemeinsame Slogans und Symbole: Als Erkennungszeichen ihrer Freundschaft und ihrer philosophischen Ziele dienten Losungen wie „Reich Gottes!“ und die griechische Formel „Ἓν καὶ Πᾶν“ (Hen kai pan – Eins und Alles). In ihren Gesprächen machten sie die Freiheit zu ihrem zentralen Thema und legten den Grundstein für den Deutschen Idealismus.
    • Hegels Rolle und Charakter: Innerhalb der Gruppe hatte Hegel den Spitznamen „alter Mann“. Er galt als besonnener und „spätzünderischer“ im Vergleich zu seinen Mitbewohnern, war aber wegen seines heiteren Wesens bei den Kommilitonen beliebt.
    • Das „Älteste Systemprogramm“: Ein wichtiges Zeugnis ihres gemeinsamen Denkens ist das sogenannte Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (ca. 1796/97). Der Text ist in Hegels Handschrift überliefert, spiegelt aber Ideen wider, die vermutlich in den intensiven Debatten der drei Freunde in Tübingen entstanden sind, darunter die Forderung nach dem Verschwinden des Staates und die Idee einer „Neuen Mythologie“.

    Trotz der strengen theologischen Ausbildung wurde keiner der drei später Pfarrer. Ihre in der „Idealismusschmiede“ des Stifts geknüpfte Verbindung hielt über Briefwechsel noch Jahre nach dem Studium an. Während Schelling jedoch bereits mit 23 Jahren Professor wurde, schlug Hegel zunächst den mühsameren Weg als Hauslehrer ein.