Dieser Podcast von Radio-Nice.Club untersucht das Konzept der gemeinsamen Kreativität und der aktiven Bürgerbeteiligung in den Bereichen der Nachhaltigkeitsforschung und der europäischen Kulturpolitik. Ein zentraler Fokus liegt auf der engagierten Wissenschaft, die durch transformative Methoden wie Co-Creation versucht, gesellschaftlichen Wandel und soziale Inklusion direkt in den Forschungsprozess zu integrieren. Parallel dazu analysiert der zweite Text die historische Entwicklung der Europäischen Kulturhauptstädte, bei denen die Partizipation von einer bloßen Beratung hin zu einer tieferen Einbindung der Zivilgesellschaft gereift ist. Beide Texte betonen, dass partizipative Ansätze entscheidend sind, um demokratische Legitimität zu stärken und alternative Lebensentwürfe in lokalen Gemeinschaften sichtbar zu machen. Trotz der positiven Potenziale warnen die Autoren vor instrumenteller Nutzung und institutionellen Machtungleichgewichten, die eine echte Mitgestaltung behindern können. Letztlich plädieren die Quellen für eine Forschung und Kulturplanung, die den Menschen nicht nur als Objekt, sondern als aktiven Mitgestalter seiner Umwelt begreift.


Wie fördert Co-Kreativität sozialen Wandel und nachhaltige Forschungspraxis?
Co-Kreativität fördert sozialen Wandel und eine nachhaltige Forschungspraxis, indem sie Forschung nicht als isolierten Akt eines „kreativen Genies“, sondern als relationalen, inklusiven und transformativen Prozess begreift. Dabei verschiebt sich der Fokus von der Produktion bloßen Wissens hin zur Veränderung bestehender Machtstrukturen und der Gestaltung alternativer Lebensweisen.
Hier sind die zentralen Mechanismen, wie Co-Kreativität diesen Wandel unterstützt:
1. Förderung sozialen Wandels durch alternative Weltbilder
Co-kreative Methoden fungieren als Instrument des sozialen Wandels, indem sie Räume für alternative Verständnisse dessen eröffnen, wie die Welt ist und wie sie sein könnte.
- Empowerment: Sie ermöglichen es insbesondere marginalisierten Gruppen, von passiven Empfängern zu aktiven „Storytellern“ und Mitgestaltern ihrer eigenen Lebensbedingungen zu werden.
- Kulturelle Transformation: Durch künstlerische Prozesse und „generative Engagements“ können tief verwurzelte Denkmuster und anthropozentrische Zeitskalen aufgebrochen werden, was neue Handlungsspielräume für Nachhaltigkeit schafft.
- Kollektive Problemlösung: Partizipative Kunstprojekte in ländlichen Räumen stärken nachweislich die kollektive Problemlösungsfähigkeit der Bevölkerung und fördern den sozialen Zusammenhalt.
2. Etablierung einer nachhaltigen Forschungspraxis
Nachhaltige Forschung wird in den Quellen oft als „Engaged Scholarship“ beschrieben – eine Praxis, die Theorie und Handeln verbindet und nicht nur darauf abzielt, die Welt zu interpretieren, sondern sie aktiv zu verändern.
- Vom „Forschen über“ zum „Forschen mit“: Nachhaltige Praxis bedeutet, Forschungsteilnehmer als Co-Forscher anzuerkennen und den Forschungsprozess selbst als Begegnung auf Augenhöhe zu gestalten.
- Ethik der Sorge (Ethics of Care): Eine nachhaltige Forschungspraxis integriert eine „care-full scholarship“, die Emotionen, Empathie und die gegenseitige Verantwortung von Forschenden und Erforschten in den Mittelpunkt stellt.
- Prozess- statt Ergebnisorientierung: Anstatt sich nur auf messbare Veröffentlichungen (Output) zu konzentrieren, betont Co-Kreativität den Wert des Forschungsprozesses selbst als Chance zur Etablierung neuer Praktiken und Werte.
3. Kritik an bürokratischen Barrieren
Die Quellen weisen darauf hin, dass echte Co-Kreativität oft im Widerspruch zu aktuellen akademischen und bürokratischen Systemen steht:
- Widerstand gegen „Forced Creativity“: In einer zunehmend betriebswirtschaftlich gesteuerten Universitätslandschaft („Managerial University“) besteht die Gefahr, dass kreative Methoden zu bloßen Marketinginstrumenten oder „Artwashing“ degradiert werden.
- Nachhaltige Strukturen: Um sozialen Wandel wirklich zu unterstützen, müssen Fördersysteme von kurzfristigen Projekten hin zu langfristiger Prozessförderung und infrastruktureller Unterstützung übergehen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Co-Kreativität sozialen Wandel dadurch befördert, dass sie die kollektive Vorstellungskraft aktiviert und Forschung zu einer gemeinschaftlichen Suche nach gerechteren und ökologischeren Zukünften macht.
Was sind konkrete Beispiele für alternative Forschungsmethoden aus dem Buch?
Das Buch „Co-Creativity and Engaged Scholarship“ präsentiert eine Vielzahl transformativer Forschungsmethoden, die darauf abzielen, nicht nur Wissen zu produzieren, sondern sozialen Wandel aktiv mitzugestalten. Diese Methoden stammen primär aus den sozialen Nachhaltigkeitswissenschaften und zeichnen sich durch Inklusivität und das Forschen „mit“ statt „über“ Menschen aus.
Hier sind konkrete Beispiele für alternative Forschungsmethoden aus dem Buch:
1. Kreative Kartierungsmethoden (Mapping)
Anstatt traditioneller, rein geografischer Karten werden Methoden genutzt, die subjektive und komplexe räumliche Beziehungen darstellen:
- Deep Mapping: Diese Methode wird genutzt, um die vielschichtigen, oft informellen Nutzungen und Erinnerungen eines Ortes (z. B. Brachflächen) zu erfassen, die in herkömmlichen Stadtplänen unsichtbar bleiben.
- Social Cartography (Soziale Kartographie): Hierbei geht es darum, soziale Beziehungen und Machtverhältnisse anstelle von rein physischen Landschaften abzubilden, um alternative Diskurse und mini-narrative sichtbar zu machen.
- Digital Participatory Mapping (DPM): Die Nutzung von Web-Apps (wie „My Green Place“ oder „Greenmapper“), um die sozialen Werte und emotionalen Bindungen von Gemeinschaften an Grünflächen direkt in Planungsprozesse einzubringen.
2. Visuelle und narrative Methoden
Diese Ansätze nutzen Bilder und Geschichten, um tieferliegende Bedeutungen und marginalisierte Perspektiven zu erschließen:
- Photo-voice: Teilnehmer (oft marginalisierte Gruppen) fotografieren ihren Alltag und reflektieren darüber, um ihre Bedürfnisse zu artikulieren und politische Entscheidungsträger zu erreichen.
- Guerrilla Narrative: Eine Methode, bei der Forschung zur „sozialen Intervention“ wird, indem Wissen direkt für soziale Kämpfe produziert wird (z. B. im Kontext von Solidaritätsküchen).
- Visual Analysis (Visuelle Analyse): Untersuchung der affektiven Qualität von Bildern (z. B. historische Darstellungen von Wildtieren), um gesellschaftliche Mensch-Natur-Beziehungen zu verstehen.
3. Partizipative und handlungsorientierte Ansätze
Diese Methoden basieren oft auf der Participatory Action Research (PAR) und zielen auf eine Demokratisierung der Wissensproduktion ab:
- Appreciative Inquiry (AI): Ein stärkenorientierter Ansatz, der kollektive Visionen für die Zukunft in Gemeinschaften fördert, anstatt nur Probleme zu analysieren.
- Living Labs (Reallabore): Ein kollaborativer Planungsansatz, bei dem Wissenschaftler, Bürger und Institutionen in realen Umgebungen gemeinsam innovative Lösungen (z. B. für Wasserinfrastruktur) testen.
- Militant Scholarship: Eine Form der Forschung, die sich explizit auf die Seite sozialer Bewegungen stellt und Wissen für den sozialen Kampf generiert.
4. Spezifische kunstbasierte und verkörperte Methoden
Angela Moriggi beschreibt in ihrer Forschung fünf spezifische kreative Techniken:
- Circle of Objects (Kreis der Objekte): Teilnehmer bringen Objekte mit, die ihre Arbeit symbolisieren, um eine Atmosphäre der „Einheit in der Vielfalt“ zu schaffen und emotionales Wissen zu teilen.
- Creating with the Soil (Gestalten mit Erde): Eine somatische Übung, bei der Teilnehmer durch das Formen von Ton oder Erde ihre Verbindung zur Natur und zum „Mehr-als-Menschlichen“ körperlich erfahren.
- Council of Beings (Rat der Wesen): Ein Ritual, bei dem Menschen die Identität anderer Lebensformen annehmen, um anthropozentrische Weltbilder zu hinterfragen.
- Letters from the Future (Briefe aus der Zukunft): Teilnehmer schreiben Briefe aus der Perspektive künftiger Generationen oder anderer Wesen.
5. Reflexive Methoden
- Embodied Researcher & Formative Accompanying Research: Hierbei reflektiert der Forscher seine eigene Positionierung, Emotionen und körperliche Präsenz im Feld, um eine „care-full scholarship“ (eine Ethik der Sorge) in transdisziplinären Teams zu etablieren.
Wie funktioniert die Methode ‘Rat der Wesen’ in der Praxis?
Die Methode „Rat der Wesen“ (engl. Council of Beings) ist eine kreative und rituelle Forschungspraxis, die darauf abzielt, anthropozentrische (menschenzentrierte) Weltbilder zu hinterfragen und ein tieferes Bewusstsein für die Vernetzung mit anderen Lebensformen zu schaffen. In der Praxis wird sie häufig in Workshops zur Nachhaltigkeitsforschung oder Zukunftsgestaltung eingesetzt, wie etwa in den Studien von Angela Moriggi mit „Green Care“-Praktikern in Finnland.
Hier ist der konkrete Ablauf der Methode in der Praxis:
1. Vorbereitung: Die Zeitlinie (Timeline of Change)
Bevor die Teilnehmer in andere Rollen schlüpfen, wird oft eine visuelle Zeitlinie präsentiert, die die unterschiedlichen Lebensspannen von Menschen und Nicht-Menschen im jeweiligen Kontext darstellt.
- Beispiel: In einem Projekt auf einem Pflegebauernhof umfasste die Zeitlinie ein Gebäude (ca. 200 Jahre), verschiedene Menschen (ca. 85 Jahre), ein Schwein (ca. 12 Jahre) und einen Schmetterling (ca. 1 Monat).
- Ziel: Dies soll die Wahrnehmung von Zeit weiten und verdeutlichen, dass ökologische Bedürfnisse oft über kurzfristige menschliche Zeitpläne hinausgehen.
2. Auswahl der Identität
Die Teilnehmer wählen eine Karte aus, die eines der Wesen oder Elemente von der Zeitlinie (oder aus der lokalen Umgebung) repräsentiert. Dies können Tiere, Pflanzen oder sogar unbelebte Objekte wie Gebäude oder Flüsse sein.
3. Verkörperung und Vorstellung (Embodiment)
Die Teilnehmer verlassen symbolisch ihre menschliche Identität und nehmen die Perspektive ihres gewählten Wesens an.
- Der „neue Selbst“: Jeder Teilnehmer stellt sich der Gruppe als dieses Wesen vor und nennt eine Eigenschaft, die er an seinem Charakter liebt.
- Ziel: Dieser spielerische Ansatz hilft dabei, die eigene Komfortzone zu verlassen und Empathie für die Bedürfnisse anderer Arten zu entwickeln.
4. Durchführung des Rats
Im eigentlichen „Rat“ sprechen die Teilnehmer aus der Sicht ihrer gewählten Rollen über ihre Wünsche, Sorgen und Bedürfnisse für die Zukunft eines Ortes oder einer Praxis.
- Anstatt Probleme technisch-rational zu diskutieren, werden die Fragen so umformuliert, dass sie die ökologische Abhängigkeit und das „Mehr-als-Menschliche“ einbeziehen.
5. Kombination mit anderen Methoden
In der Praxis wird der „Rat der Wesen“ oft direkt mit der Methode „Briefe aus der Zukunft“ (engl. Letters from the Future) verknüpft:
- Die Teilnehmer schreiben einen Brief an ihr gegenwärtiges menschliches Selbst aus der Perspektive ihres Wesens im Jahr 2039 (20 Jahre in der Zukunft).
- Darin beschreiben sie einen idealen Zustand ihres Ortes und was ihnen in dieser Zukunft Freude bereitet.
Praktische Wirkungen und Herausforderungen
- Wirkung: Die Methode bricht gewohnte Denkmuster auf, fördert kollektive Vorstellungskraft und bringt oft „unerschlossene Weisheiten“ ans Licht.
- Herausforderung: Es erfordert ein hohes Maß an Vertrauen in den Prozess. Manche Teilnehmer könnten Widerstand leisten oder sich weigern, eine positive/utopische Perspektive einzunehmen, was die Gruppendynamik beeinflussen kann.
Zusammenfassend funktioniert die Methode als ein Instrument der „epistemologischen Dehnung“, um Teilnehmern zu helfen, die Welt nicht nur als Objekt für menschliche Zwecke zu sehen, sondern als ein System fühlender und kommunizierender Wesen.







