Unter den zahlreichen philosophischen Zielen und Bestrebungen Spinozas war keines für ihn von größerer Bedeutung als die Befähigung des Menschen, zur Freiheit zu gelangen. Nahezu jedes seiner metaphysischen Werke von seiner frühen Darstellungen der Prinzipien der cartesischen Philosophie (René Descartes’ Grundlagen der Philosophie) bis zu seinem späten Meisterwerk, der Ethik kulminiert in einer Erörterung der Freiheit und insistiert sowohl auf ihrer Möglichkeit als auch auf ihrer fundamentalen Bedeutung. Tatsächlich besteht das zentrale Anliegen der Ethik darin, uns den Weg zur Freiheit aufzuzeigen.
Auch das Hauptkorpus seiner übrigen Schriften, nämlich seine politische Philosophie, ist wesentlich von der Sorge um die menschliche Freiheit motiviert. Ausgehend von der These, dass der wahre Zweck des Staates in Wirklichkeit die Freiheit ist, entwickelt Spinoza Überlegungen dazu, wie Staaten verfasst und regiert werden sollten, um die Freiheit ihrer Bürger zu schützen und zu fördern. Die zentrale These des Theologisch-politischen Traktats wird durch ein Tacitus-Zitat pointiert, wonach die beste Staatsordnung jedem Einzelnen gestattet, „so zu denken, wie er will, und zu sagen, was er denkt“. Selbst Spinozas Begriff der Erlösung lässt sich als auf unsere Freiheit ausgerichtet verstehen, insofern diese aus der Einheit mit dem ewigen und göttlichen Wesen hervorgeht und damit eine Befreiung von der Macht äußerer Kräfte voraussetzt.
Die Konzentration auf das Thema der Freiheit eröffnet zugleich eine andere Perspektive auf Spinozas ethische Zielsetzungen. Denn Freiheit ist für ihn nicht zuletzt deshalb von fundamentaler Bedeutung, weil sie in einem ursprünglichen Zusammenhang mit unserem Guten steht. Frei zu sein bedeutet, aus der eigenen Macht heraus zu handeln, aus jener Macht also, die Spinoza als conatus, als Streben, bestimmt. Zugleich versteht er unter dem Guten alles dasjenige, was die individuelle Handlungsmacht steigert. Daraus folgt, dass die Verwirklichung unseres Guten notwendig auch unsere Freiheit erweitert, sodass das Streben nach dem höchsten Gut letztlich mit dem Streben nach dem größtmöglichen Maß an Freiheit zusammenfällt.
Spinoza entwirft damit ein konkretes und zugleich differenziertes Bild des guten Lebens: ein Leben, das von Freiheit und Tugend (virtus) erfüllt ist. Freiheit bedeutet, eine eigene kausale Wirksamkeit in der Welt zu entfalten und in ihr eine Spur des eigenen Handelns zu hinterlassen. Zwar räumt Spinoza ein, dass die vernunftgeleitete Lebensführung unserer Macht in höchstem Maße zuträglich ist; daraus folgt jedoch keineswegs eine Bevorzugung rein kontemplativer oder intellektueller Tätigkeiten. Denn rationale Einsichten steigern unsere Aktivität nicht nur in einem abstrakt metaphysischen Sinne also durch eine Erweiterung unserer geistigen Macht , sondern auch in einem eminent praktischen Sinne: Sie befähigen uns dazu, uns aktiv auf die Welt einzulassen, Freundschaftsbeziehungen zu begründen, anderen mit Wohlwollen zu begegnen und uns am politischen Leben des Gemeinwesens zu beteiligen. Darüber hinaus kann ein freies Leben niemals von den praktischen und weltlichen Bedingungen seiner Möglichkeit abstrahieren. Spinoza erkennt ausdrücklich an, dass die Ausbildung und Ausübung unserer Vernunft von materiellen Voraussetzungen abhängen, darunter auch von politischen Bedingungen etwa von einer staatlichen Ordnung, die den freien Austausch von Gedanken und Meinungen gewährleistet.
Spinoza argumentiert, dass ein wahrhaft freier Mensch keine Vorstellungen von Gut und Böse bildet. Dies könnte zunächst den Eindruck erwecken, die grundlegende Form moralischer Bewertung sei für ihn lediglich eine Illusion. Richtet man den Blick jedoch unmittelbar auf Spinozas praktische Philosophie, zeigt sich, dass dieser Vorwurf nicht haltbar ist. Wir sind durchaus in der Lage, Gut und Böse zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Eine genauere Aufarbeitung dieser begrifflichen Verwechslungen und Unklarheiten führt vielmehr zu dem Ergebnis, dass Spinozas Ethik uns an praktische, normative, verbindliche und unparteiische Regeln bindet, die uns dazu anleiten, das Gute auch für andere zu verwirklichen.
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