Kategorie: Gesellschaft

  • Die Dekonstruktion der Dekokonstruktion

    Version 1:

    Heute dekonstruiere ich die Dekonstruktion. Die Dekonstruktion ist der effektivste jemals gegen eine Zivilisation erdachte geistige Virus. Sie wurde in Frankreich zwischen 1966 und 1980 von drei Männern hergestellt: Foucault, Derrida, Deleuze. Sie wurde in die USA exportiert, mit dem amerikanischen Rassismuspuritanismus hybridisiert und kam dreißig Jahre später unter dem Namen Wokismus zurück, um den gesamten Westen zu lähmen. So funktioniert sie, und deswegen muss man sie zerstören. Die These ist einfach. Jede Wahrheit ist nichts als ein verkleidetes Machtverhältnis. Jeder heilige Text, jedes Gesetz, jede Wissenschaft, jede Norm, jede Hierarchie, jede Identität, jede Institution verbirgt in Wirklichkeit eine Herrschaft. Dekonstruieren heißt, die Gewaltverhältnisse unter dem Anstrich des Wahren aufzuzeigen. Es heißt, die Maske herunterzureißen. Es heißt „entlarven“. So formuliert, wirkt es harmlos. Sogar nützlich. Wer mag nicht ein bisschen kritischen Geist? Die Falle ist hier. Die Dekonstruktion gibt sich als Methode aus. In Wirklichkeit ist sie eine Ontologie. Sie sagt nicht nur „fragen wir die Normen aus“, sie sagt „es gibt *nur* Machtverhältnisse“. Der Unterschied ist zivilisatorisch. Eine Gesellschaft, die ihre Normen befragt, bleibt stehen. Eine Gesellschaft, die glaubt, dass ihre Normen *nichts anderes* sind als Herrschaft, bricht zusammen. Weil sie nichts mehr verteidigen kann. Keine Grenze mehr, kein Gesetz mehr, keine Wissenschaft mehr, keine Sprache mehr, keine Geschichte mehr, keine Biologie mehr, keine Familie mehr. Alles wird verdächtig. Alles wird verhandelbar. Alles wird „konstruiert, also dekonstruierbar“. Das ist der erste Grund, warum es ein Virus ist. Es repliziert sich selbst. Sobald es injiziert ist, verwandelt es alles, was es berührt, in ein Ziel. Die Wissenschaft ist patriarchal, also dekonstruieren wir sie. Die Sprache ist kolonial, also erfinden wir sie neu. Die Meritokratie ist rassistisch, also schaffen wir sie ab. Das Geschlecht ist eine Konstruktion, also wählen wir es aus. Es gibt keinen Fels mehr. Alles ist Sand. Zweiter Grund. Das Virus ist *unwiderlegbar*. Wenn du eine Norm verteidigst, bist du der Unterdrücker. Wenn du leugnest, Unterdrücker zu sein, ist das der Beweis für dein unbewusstes Privileg. Wenn du Fakten zitierst, sind deine Fakten von der Macht kontaminiert, die sie produziert hat. Wenn du die Vernunft zitierst, ist die Vernunft selbst weiß, männlich, westlich. Es gibt keinen Ausweg. Das System ist so konzipiert, dass jede Einwirkung von vornherein unannehmbar ist. Das ist exakt die Struktur einer Sekte. Und das ist exakt das, was sich seit zwanzig Jahren in den Universitäten, Personalabteilungen, Medien, Verwaltungen, Aufsichtsräten eingenistet hat. Dritter Grund. Das Virus widerlegt sich selbst, zerstört sich aber nicht. Wenn jede Wahrheit Macht ist, dann ist der Satz „jede Wahrheit ist Macht“ selbst Macht, also wertlos. Logisch beißt sich die Dekonstruktion schon im ersten Satz in den Schwanz. Aber das ist ihr egal. Weil sie nie Kohärenz gesucht hat. Sie sucht politische Wirksamkeit. Und ihre politische Wirksamkeit ist enorm. Sie entwaffnet ihre Feinde und bewaffnet ihre Militanten. Sie lähmt den Verteidiger und befreit den Angreifer. Es ist eine perfekte asymmetrische Waffe. Vierter Grund. Das Virus produziert geminderte Menschen. Eine ganze Generation hat gelernt zu dekonstruieren und nie, zu bauen. Sie weiß zu misstrauen, nie zu bewundern. Sie sieht Macht überall und Schönheit nirgends. Sie kann tausend Seiten über den unterdrückerischen Charakter Shakespeares produzieren und null Zeilen schreiben, die in hundert Jahren lesenswert sind. Sie hat kritische Intelligenz mit kritischer Pose verwechselt. Sie ist von Konstruktion her steril. Ein Geist, der mit Dekonstruktion genährt wird, ist ein Geist, der nichts mehr aufbauen weiß. Fünfter Grund, der schwerwiegendste. Eine Zivilisation steht auf drei Säulen. Der Glaube, dass eine Wahrheit der Vernunft zugänglich ist. Der Glaube, dass ein Gut vom Bösen zu unterscheiden ist. Der Glaube, dass ein Erbe es verdient, weitergegeben zu werden. Die Dekonstruktion hat methodisch alle drei gesprengt. Nicht aus Bosheit. Aus intellektuellem Spiel, aus Faszination für das Misstrauen, aus Hass auf die Bourgeoisie, die ihre Propheten genährt hat. Aber das Ergebnis ist da. Eine Zivilisation, die nicht mehr an ihre Wahrheit, ihr Gut oder ihr Erbe glaubt, verteidigt sich nicht. Sie entschuldigt sich, während sie auf das Ende wartet. Das haben wir gemacht. Das muss man benennen. Die gute Nachricht ist, dass ein geistiges Virus nur überlebt, solange man ihm die Autorität der Rede einräumt. Es stirbt, sobald man aufhört, sein Spiel zu spielen. Sobald man ruhig wieder behauptet, dass es eine Wahrheit gibt, ein Schönes, ein Gutes, ein Erbe. Sobald man aufhört, den Dekonstrukteuren für den Bau zu gestatten. Sobald man wieder macht. Sobald man weitergibt. Sobald man schafft. Die Baumeister haben immer das letzte Wort gegenüber den Kommentatoren. Immer. Weil am Ende das Besteht bleibt, und nichts von dem, was dekonstruiert wurde. Also dekonstruiere ich heute die Dekonstruktion. Und morgen baue ich.

    Brivael Le Pogam

    Version 2:

    Ich möchte im Namen der Franzosen meine Entschuldigungen anbieten dafür, die Französische Theorie hervorgebracht zu haben (die wiederum die schlimmste aller ideologischen Scheiße geboren hat: den Wokismus). Wir haben der Welt Descartes, Pascal, Tocqueville geschenkt. Und dann, in den intellektuellen Trümmern des Nach-68, haben wir Foucault, Derrida, Deleuze geschenkt. Drei brillante Männer, die in der Eleganz unserer Sprache die ideologische Waffe geschmiedet haben, die heute den Westen lähmt. Man muss verstehen, was sie getan haben. Foucault hat gelehrt, dass es keine Wahrheit gibt, dass es nur Machtverhältnisse gibt, die als Wissen verkleidet sind. Dass die Wissenschaft, die Vernunft, die Gerechtigkeit, die medizinische Institution, die Schule, das Gefängnis, die Sexualität – alles nichts anderes ist als eine Inszenierung der Herrschaft. Derrida hat gelehrt, dass Texte keinen stabilen Sinn haben, dass jedes Signifikant gleitet, dass jede Lesart ein Verrat ist, dass der Autor tot ist und der Leser herrscht. Deleuze hat gelehrt, dass man das Rhizom dem Baum vorziehen muss, den Nomaden dem Sesshaften, das Begehren dem Gesetz, das Werden dem Sein, die Differenz der Identität. Isoliert genommen sind das diskutierbare Thesen. Kombiniert, exportiert, popularisiert, bilden sie ein System. Und dieses System ist ein Gift. Denn so ist es passiert. Diese Texte, in Frankreich unlesbar, haben den Atlantik überquert. Die Abteilungen von Yale, Berkeley, Columbia haben sie in den 80er Jahren aufgesogen. Dort fanden sie einen Nährboden, der bei uns nicht existierte: den amerikanischen Puritanismus, seine rassische Schuld, seine identitäre Obsession. Die Französische Theorie hat sich mit diesem Substrat vermählt, und das Kind dieser Ehe heißt Wokismus. Judith Butler liest Foucault und erfindet das performative Geschlecht. Edward Said liest Foucault und erfindet den akademischen Postkolonialismus. Kimberlé Crenshaw erbt den Rahmen und erfindet die Intersektionalität. Auf jedem Schritt ist die Matrix französisch: Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Macht, also ist jede Hierarchie verdächtig, jede Institution unterdrückend, jede Norm Gewalt, jede Identität konstruiert und daher verhandelbar, jede Mehrheit schuldig. So haben drei pariser Philosophen, die ihre praktischen Konsequenzen wahrscheinlich nie vorgestellt haben, den Exploitationscode für eine ganze Generation von Aktivisten, Universitätsbürokraten, Personalern, Journalisten, Gesetzgebern geliefert. So hat man eine Zivilisation bekommen, die nicht mehr weiß, ob eine Frau eine Frau ist, ob ihre eigene Geschichte es verdient, verteidigt zu werden, ob Verdienst existiert, ob Wahrheit sich von Meinung unterscheidet. Es ist Scheiße aus einem einfachen Grund, und man muss das ruhig sagen. Eine Zivilisation steht auf drei Säulen: dem Glauben, dass es eine der Vernunft zugängliche Wahrheit gibt, dem Glauben, dass es ein Gut gibt, das vom Bösen unterschieden ist, dem Glauben, dass es ein Erbe gibt, das weitergegeben werden muss. Die Französische Theorie hat sich vorgenommen, alle drei zu sprengen. Nicht aus Bosheit. Aus intellektuellem Spiel, aus Faszination für den Verdacht, aus Hass auf die Bourgeoisie, die sie genährt hat. Aber das Ergebnis ist da. Eine ganze Generation hat gelernt zu dekonstruieren und nie, zu bauen. Eine ganze Generation weiß zu verdächtigen und nicht mehr zu bewundern. Eine ganze Generation sieht Macht überall und Schönheit nirgends. Ich entschuldige mich, weil wir Franzosen eine besondere Verantwortung tragen. Es ist unsere Sprache, unsere Universitäten, unsere Verlage, unser Prestige, das diesem Nihilismus seinen schicken Verpackung gegeben hat. Ohne die Legitimität der Sorbonne und von Vincennes hätten diese Ideen nie den Ozean überquert. Wir haben den Zweifel exportiert, wie andere Waffen exportieren. Was jetzt in Silicon Valley gebaut wird, in den KI-Labors, in den Startups, in den Werkstätten, in all den Orten, wo Menschen noch Dinge herstellen, statt sie zu dekonstruieren, das ist die Antwort. Eine Zivilisation wird von den Baumeistern wiederaufgebaut, nicht von den Kommentatoren. Von denen, die glauben, dass Wahrheit existiert und es wert ist, sich ihr zu widmen. Von denen, die eine Hierarchie des Schönen, des Wahren, des Guten annehmen und keine Scham haben, sie weiterzugeben. Also: Entschuldigung. Und an die Arbeit.

    Brivael Le Pogam

  • Peter Sloterdijk: Der Fürst und seine Erben

    Oder: Ein Diskurs: Wie kann es sein, das der Eine bei Putin eine imperiale Psychose und der Andere eine berechtigte strukturelle Selbstverteidigung erkennt. Was haben Standpunkte mit Realität zu tun. Und wie kann ich mit dem Anderen einen Diskurs führen, wenn ich ihn bereits zuvor als boshaft disqualifiziert habe. Eine Demokratie, die unfähig ist, Kompromisse einzugehen, lähmt sich selbst.

    Dieser Podcast befasst sich mit Quellen zu Peter Sloterdijks Werk „Der Fürst und seine Erben“, in dem der Philosoph moderne Autokraten durch die Linse von Machiavellis Machttheorie analysiert. Der Autor deutet zeitgenössische Anführer wie Donald Trump und Wladimir Putin als neue Typen von „Fürsten“, die sich über demokratische Normen hinwegsetzen und eine autoritäre Vertikalität etablieren. Während Trump als impulsiver Selbstdarsteller ohne klaren Plan skizziert wird, stuft Sloterdijk Putin aufgrund dessen imperialer Ambitionen als weitaus gefährlicher ein. Kritische Stimmen werfen dem Buch jedoch vor, Machiavelli eher für eigene Phantasien zu instrumentalisieren, statt eine stringente wissenschaftliche Analyse zu liefern. Insgesamt zeichnen die Texte das Bild einer Welt, in der die liberale Demokratie zunehmend durch rücksichtslose Machtpolitik und autokratische Strukturen untergraben wird.

    Wie vergleicht Sloterdijk moderne Autokraten mit Machiavellis historischem Fürstenbild?

    Peter Sloterdijk zieht in seinem Werk „Der Fürst und seine Erben“ tiefgreifende Parallelen zwischen Niccolò Machiavellis historischem Fürstenbild und modernen Autokraten wie Donald Trump, Wladimir Putin, Xi Jinping und Narendra Modi. Seine zentrale These ist, dass die zeitgenössische Welt seit der Mitte des 20. Jahrhunderts einen „langgedehnten machiavellistischen Moment“ erlebt, in dem politische „Strongmen“ die Bühne zurückerobert haben.

    Die folgenden Aspekte verdeutlichen seinen Vergleich:

    1. Die Kunst des „Nicht-gut-Seins“

    Der Kern von Machiavellis Lehre, den Sloterdijk reaktualisiert, ist das Prinzip „potere essere non buono“ – die Fähigkeit, nicht gut zu sein.

    • Historisch: Machiavelli konstatierte, dass ein Fürst, der sich behaupten will, lernen muss, moralische Hemmungen und Skrupel zu überwinden, da er von „bösen Willen“ umgeben ist.
    • Modern: Sloterdijk argumentiert, dass moderne Autokraten diese Lektion verinnerlicht haben. Das „Nicht-gut-sein“ wird als eine eigene Kunstform praktiziert, die ein Training erfordert, um am eigenen Gewissen vorbei zu handeln.

    2. Der Fürst als Projektionsfläche im demokratischen Zeitalter

    Sloterdijk sieht in modernen Autokraten eine Rückkehr zur Verkörperung von Macht in Einzelpersonen, eine Lösung, die man eigentlich durch das moderne Staatswesen für überwunden hielt.

    • Krise der Demokratie: Er beschreibt eine „Erblast der Naivität“ in demokratischen Institutionen. Wähler, die der Kompromisse überdrüssig sind, projizieren ihre Sehnsucht nach Effizienz auf einen „starken Mann“, der nicht mehr um Erlaubnis fragen muss.
    • Der „umgekleidete König“: Oft erweist sich ein neu gewählter Präsident als ein „reformatierter König“, der die demokratische Gewöhnlichkeit abstreit. Souveränität dient hierbei ot nur noch als Vorwand, um den modernen Fürsten für rechtlich unbelangbar zu erklären.

    3. Charakterstudien: Trump vs. Putin

    Sloterdijk differenziert zwischen verschiedenen Typen moderner Fürsten:

    • Donald Trump: Er wird als „mad man ohne Plan“ oder „verrückter König“ (in Anlehnung an Figuren wie Ludwig II. von Bayern) beschrieben. Trump nutzt eine „Madman-Theorie“: Wer unkalkulierbar erscheint, macht die besten Deals. Für Sloterdijk ist er eher ein „Clown, der den Diktator gibt“ und den Staat als ein Spielzeug mit Amüsierpotenzial betrachtet.
    • Wladimir Putin: Im Gegensatz zu Trump hält Sloterdijk Putin für wesentlich gefährlicher, da dieser einen klaren Plan (die Wiederherstellung eines Imperiums) verfolgt. Putin lebe „jeden Tag mehr Auge in Auge mit dem Nichts“ und spiele ein „apokalyptisches Pokerspiel“.

    4. Methoden der Machterhaltung

    Die modernen Erben Machiavellis eint laut Sloterdijk das Ziel, ihre Wählerschaft so zu „hypnotisieren“, dass der Gedanke an eine Alternative ausgeschlossen wird.

    • Kriminalisierung der Opposition: Ein gemeinsamer Nenner ist das Bestreben, jegliche Form von Gegnerschaft tendenziell als kriminell darzustellen.
    • Telemalignität: Ein moderner Aspekt, den Machiavelli nicht kennen konnte, ist die Fähigkeit des „Bösen“, Unwahrheiten und Drohungen in Echtzeit global zu exportieren – ein Zustand, den Sloterdijk als „Festival der Erreichbarkeit“ bezeichnet.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Sloterdijk moderne Autokraten als Wiedergänger des machiavellistischen Fürsten sieht, die in einer Zeit der „verwilderten Vertikalität“ agieren und die Mechanismen der Macht jenseits demokratischer Domestikation nutzen

  • Bernt Engelmann und die Geschichte der Entrechteten

    Dieser Podcast von Klaus Kampe und Radio-Nice.Club dokumentiert das Leben und Wirken von Bernt Engelmann, einem bedeutenden deutschen Journalisten, Soziologen und Widerstandskämpfer, sowie die intellektuellen Traditionen der „deutschen Misere“. Engelmann widmete sein literarisches Schaffen der Aufdeckung von Machtmissbrauch und einer kritischen Geschichtsschreibung „von unten“, die sich gegen die Perspektive der Herrschenden richtet. Seine Werke, darunter das „Anti-Geschichtsbuch“ Wir Untertanen, untersuchen die systematischer Unterdrückung und die historischen Fehlentwicklungen, die schließlich in den Nationalsozialismus mündeten. Ergänzend dazu beleuchten die Texte das Misere-Narrativ als marxistisches Deutungsschema des „deutschen Sonderwegs“, das besonders in der frühen DDR den Diskurs prägte. Ein prominentes Beispiel für die kulturelle Umsetzung dieser ideologiekritischen Ansätze ist das politische Oratorium „Proletenpassion“ der Gruppe Schmetterlinge. Zusammengefasst verdeutlichen die Materialien eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit und den Wunsch nach demokratischer Erneuerung durch historische Aufklärung.

    Welche historischen Mythen und Legenden werden in den Quellen hinterfragt?

    In den Quellen werden zahlreiche historische Mythen und Legenden hinterfragt, wobei die Kritik meist aus der Perspektive der sogenannten „deutschen Misere“ oder einer „Geschichte von unten“ erfolgt. Das zentrale Anliegen dieser Texte ist die Dekonstruktion der traditionellen nationalen Meistererzählung, die sich oft auf Herrscherhäuser und militärische Siege konzentriert.

    Hier sind die wichtigsten Mythen und Legenden, die in den Quellen problematisiert werden:

    1. Die „Preußen-Legende“ und die Mission der Hohenzollern

    Ein Hauptziel der Kritik ist die Verklärung Preußens und des Hauses Hohenzollern als Träger des nationalen Fortschritts.

    • Die nationale Mission: Die Quellen bestreiten, dass Preußen die deutsche Einigung aus nationalem Altruismus vorantrieb. Vielmehr wird Preußen als Macht dargestellt, die oft durch Verrat an Kaiser und Reich groß wurde und deren Außenpolitik häufig deutschen Interessen entgegenstand.
    • Der soziale Charakter: Die Legende von der „sozialen Mission“ Preußens (z. B. das Bild Friedrichs II. als „König der Bettler“) wird als Ideologie entlarvt, die die Vorherrschaft des Junkertums und die Ausbeutung der Bauern verschleierte.

    2. Die „Fridericus-“ und „Lessing-Legende“

    Franz Mehring hinterfragte in seinem Werk Die Lessing-Legende die bürgerliche Rezeption der Aufklärung.

    • Friedrich der Große: Die Legende vom „Alten Fritz“ als aufgeklärtem, toleranten Monarchen wird dekonstruiert. Die Quellen stellen ihn stattdessen als Repräsentanten eines rücksichtslosen Machtstaats dar.
    • Gotthold Ephraim Lessing: Es wird kritisiert, dass das Bürgertum Lessing zum Zeugen preußischer Toleranz umdeutete, während er in Wahrheit ein radikaler Aufklärer war, dessen revolutionäre Tendenzen politisch folgenlos blieben.

    3. Mythen um die Reformation und Martin Luther

    In der marxistischen Geschichtsbetrachtung wird das herkömmliche Luther-Bild radikal revidiert.

    • Luther als Befreier: Die Quellen hinterfragen den Mythos von Luther als reinem Befreier des Geistes. Er wird stattdessen als „Totengräber der deutschen Freiheit“ bezeichnet, der die aufständischen Bauern im Bauernkrieg verriet und den ideologischen Überbau für den fürstlichen Obrigkeitsstaat schuf.
    • Der Bauernkrieg als Urkatastrophe: Statt als bloße religiöse Unruhe wird der Bauernkrieg als gescheiterte „frühbürgerliche Revolution“ gedeutet, deren Niederlage Deutschland für Jahrhunderte in die politische „Misere“ stürzte.

    4. Der Bismarck-Mythos

    Die Rolle Otto von Bismarcks als heroischer Reichsgründer wird durch eine sozioökonomische Perspektive ersetzt.

    • Die „Revolution von oben“: Bismarcks Einigungswerk wird nicht als nationale Tat, sondern als dynastisches Projekt dargestellt, das einen „faulen Klassenkompromiss“ zwischen Junkertum und Großbourgeoisie zementierte.
    • Der „Schnapps-König“: In der umstrittenen Darstellung des Historischen Museums Frankfurt wurde Bismarck sogar auf die Rolle eines Junkers reduziert, der Kolonialpolitik betrieb, um seine unrentablen Schnapsbrennereien durch Exporte nach Afrika zu retten.

    5. Nationalcharakter und Symbole: Faust und der „deutsche Michel“

    Literarische und kulturelle Figuren werden als Ausdruck der politischen Rückständigkeit analysiert.

    • Faust: Die Figur des Faust wird als „Zentralgestalt der deutschen Misere“ hinterfragt. Seine Zerrissenheit zwischen Geist und Macht spiegelt nach dieser Sicht die Flucht des politisch ohnmächtigen Bürgertums in die „Innerlichkeit“ wider.
    • Der deutsche Michel: Diese Figur wird im Vormärz als Symbol für den politisch unreifen, verschlafenen und phlegmatischen Bürger gedeutet, der die Unterdrückung klaglos hinnimmt.

    6. Mythen der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus

    Bernt Engelmann setzt sich in seinen „Anti-Geschichtsbüchern“ gezielt mit den Legenden der Zwischenkriegszeit auseinander.

    • Die Dolchstoßlegende: Die Behauptung, das Heer sei „im Felde unbesiegt“ geblieben, wird als mörderische Lüge entlarvt.
    • Kollektivschuld vs. Verführung: Das Narrativ hinterfragt den Mythos, die Deutschen seien lediglich Opfer oder Verführte Hitlers gewesen, und betont stattdessen die tiefen historischen Wurzeln des Autoritarismus in der deutschen Geschichte.

    7. Revision des Bildes der Westmächte im Zweiten Weltkrieg

    In der späteren Phase des DDR-Diskurses wurden auch die „Befreier-Legenden“ der USA hinterfragt.

    • Verschwörungstheorien zur „Zweiten Front“: Den USA und England wurde unterstellt, die Invasion in Frankreich absichtlich hinausgezögert zu haben, um die Sowjetunion im Kampf gegen Deutschland ausbluten zu lassen.
    • Amerikanischer „Militärfaschismus“: Der Einsatz der USA im Krieg wurde umgedeutet, indem man behauptete, reaktionäre Kräfte in der US-Führung hätten bereits damals ein Bündnis mit deutschen Nationalsozialisten gegen den Osten geplant.
  • Vom Dichtertraum zum Untertanen-Trauma

    Vom Dichtertraum zum Untertanen-Trauma: Die überraschende Geschichte der „deutschen Misere“

    Einleitung: Der Riss im deutschen Selbstbild

    Deutschland blickt mit beinahe obsessiver Selbstgefälligkeit auf sein Erbe als „Volk der Dichter und Denker“. Doch hinter der glänzenden Fassade von Klassik und Kant verbirgt sich ein historisches Trauma, das wir nur allzu gern verdrängen: eine jahrhundertelange Tradition der politischen Unterwürfigkeit und des dumpfen Untertanengeistes. Warum fühlten sich Deutschlands klügste Köpfe über Generationen hinweg in einer Realität gefangen, die sie selbst als „miserabel“ geißelten? Diese Kluft zwischen geistigem Höhenflug und politischer Ohnmacht ist das, was wir als „deutsche Misere“ bezeichnen. Einer der profiliertesten Köpfe, der dieses Narrativ von der Elite-Marketing-Veranstaltung zur Geschichte der Beherrschten umdeutete, war Bernt Engelmann. Als Investigativ-Journalist par excellence entlarvte er die Geschichtsklitterung und erzählte die Historie konsequent „von unten“.

    Takeaway 1: Die „Misere“ als philosophischer Turbo

    Das Paradoxon der deutschen Geschichte ist so bitter wie faszinierend: Gerade die politische Rückständigkeit schuf den Raum für den deutschen Idealismus. Während Frankreich Barrikaden baute, flüchteten sich deutsche Intellektuelle in den Äther des Geistes. Friedrich Engels nannte dies die „Abstraktion von der miserablen Wirklichkeit“ – eine Flucht, die paradoxerweise erst die theoretische Überlegenheit von Leibniz bis Hegel ermöglichte.

    Heinrich Heine erkannte messerscharf, dass die deutsche Philosophie lediglich der „Traum“ der französischen Revolution war, während die Deutschen faktisch schliefen. Es herrschte die Hoffnung auf einen philosophischen „Salto Mortale“: die kühne Vorstellung, man könne das bürgerliche Stadium einfach überspringen und direkt zur menschlichen Emanzipation springen, weil das Denken bereits so viel weiter war als die klägliche Realität.

    „Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wißt, der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht. […] Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die französische Revolution nur wie eine harmlose Idylle erscheinen möchte.“

    Dieser „deutsche Donner“ blieb jedoch lange Zeit ein bloßes Echo in den Studierstuben, während die politische Tatkraft im preußischen Exzeptionalismus und kleinbürgerlicher Borniertheit erstickte.

    Takeaway 2: Bernt Engelmann – Der Ullstein-Erbe im KZ

    Wer Bernt Engelmann verstehen will, muss die Brüche seiner Biografie sehen. Als Urenkel des Verlagsgründers Leopold Ullstein war er im Epizentrum des Bildungsbürgertums geboren, doch er verweigerte sich dem bequemen Aufstieg. Stattdessen wählte er den Widerstand. Wegen „Judenbegünstigung“ wurde er 1944 verhaftet und durchlitt die Hölle der Konzentrationslager Hersbruck und Dachau.

    Als Häftling Nr. 28738 in Block 12 des Außenlagers Hersbruck erlebte er die deutsche Misere in ihrer mörderischen Endstufe. Zeit seines Lebens blieb er ein erbitterter Kritiker des „Totschweigens“ der Ursprünge dieser Anlagen. Nach 1945 wandelte er sich vom Soldaten zum „Aufdeckungsautor“, der die bundesdeutsche Nachkriegsidylle als das entlarvte, was sie war: ein Schutzraum für alte Seilschaften. Sein Tatsachenroman Großes Bundesverdienstkreuz nahm sich den „Arisierungs-König“ Fritz Ries vor – jenen Industriellen, der während der NS-Zeit jüdische Fabriken geraubt hatte und im Wirtschaftswunder erneut ganz oben thronte.

    Eine besondere Ironie seiner Biografie: Trotz seiner unnachgiebigen Haltung wurde er 1982 vom MfS als „vertrauenswürdig“ unter dem Tarnnamen „IM Albers“ registriert. Ein Beleg für den „Stresstest“, dem seine Person und sein Narrativ zwischen den Fronten des Kalten Krieges ständig ausgesetzt waren.

    Takeaway 3: „Geschichte von unten“ – Gegen die Chronik der Herrscher

    In seinen bahnbrechenden Werken wie Wir Untertanen und Einig gegen Recht und Freiheit radikalisierte Engelmann die Geschichtsschreibung. Er verstand seine Bücher als „Anti-Geschichtsbücher“, die das klassische Bildungsmonopol der Eliten angriffen. Er zertrümmerte das herrschende Narrativ, das Geschichte lediglich als Abfolge von Königen, Schlachten und Dynastien begriff. Engelmanns Fokus war radikal anders:

    • Entlarvung als Eliten-Marketing: Er zeigte auf, dass Kriege nicht für nationale Ideale, sondern aus reinem Machtkalkül der Herrscherhäuser und zur Besitzvermehrung der „Schlotbarone“ geführt wurden.
    • Systematische Unterdrückung: Detailliert dokumentierte er drakonische Strafgesetze, Zensur und hoheitliche Willkür, mit denen das Volk diszipliniert wurde.
    • Der Preis des Glanzes: Er thematisierte den brutalen Kontrast zwischen jenen, die „im Lichte standen“, und dem gemeinen Volk, das den Prunk der Oberschicht mit seinen Abgaben, seinem Elend und oft mit seinem Leben bezahlen musste.

    Takeaway 4: Die DDR und der „Stresstest“ eines Narrativs

    In der Frühphase der DDR (1945–1952) avancierte die Misere-Konzeption kurzzeitig zur offiziellen Staatslehre. Intellektuelle wie Alexander Abusch (Irrweg einer Nation) und vor allem Ernst Niekisch mit seinem Werk Deutsche Daseinsverfehlung versuchten, die Katastrophe des Nationalsozialismus als logische Konsequenz einer gescheiterten deutschen Geschichte zu erklären.

    Doch 1952 folgte unter Walter Ulbricht der abrupte Kurswechsel. Ein Staat, der nach nationaler Legitimation gierte, konnte ein Narrativ des „Nationalnihilismus“ nicht länger brauchen. Die politische Strategie war so simpel wie perfide: Um den Osten von der Last der Misere zu befreien, wurde der Westen zum Alleinerben erklärt. Die Bundesrepublik wurde als „transatlantischer Erbe“ Hitlers geframed, während die DDR sich eine neue, patriotische Traditionslinie zimmerte. Das kritische Misere-Bild wurde als unbrauchbar verfemt; die Wahrheit musste der staatlichen Identitätspolitik weichen.

    Takeaway 5: Wenn Geschichte rockt – Die „Proletenpassion“

    In den 1970er Jahren bewies die Misere-Theorie ihre kulturelle Sprengkraft. Die österreichische Gruppe Schmetterlinge transformierte Engelmanns „Anti-Geschichte“ in das Polit-Oratorium Proletenpassion. Heinz Rudolf Unger brachte 500 Jahre Klassenkampf auf die Bühne und schuf damit ein Monument der Gegenkultur.

    Nirgendwo wurde die Verbindung von politischer Analyse und Popkultur deutlicher als im populären „Jalava-Lied“. Es erzählt von Lenins illegaler Reise als Heizer verkleidet – eine kraftvolle Metapher:

    „Jalava, Jalava, du Finne, was lachst du so gegen den Wind? Ich lache, weil meine Sinne alle beisammen sind und weil wir weiterkamen und weil die Welt sich dreht, und weil mein Heizer von Flammen und Dampfkesseln was versteht.“

    In diesem Kontext war der „Heizer“ weit mehr als ein Bahnangestellter: Er war der metaphorische „Anheizer“ der Revolution, derjenige, der den Kessel der Geschichte unter Druck setzt, um die Misere endlich zu sprengen.

    Fazit: Ein Erbe, das zum Nachdenken zwingt

    Die „deutsche Misere“ ist kein bloßes historisches Lamento. Sie war und ist ein unverzichtbares Werkzeug zur „sozialen Abnabelung“ von nationalen Mythen und zur gnadenlosen Selbstreflexion. Bernt Engelmann hat uns gelehrt, dass wir die Geschichte der Herrschenden nicht als unsere eigene akzeptieren dürfen.

    Heute verstecken wir uns vielleicht nicht mehr hinter Pickelhauben, aber in welchen neuen Narrativen suchen wir heute Zuflucht, um der Realität zu entfliehen? Wenn Bernt Engelmann heute ein „Anti-Geschichtsbuch“ über unsere Gegenwart schreiben würde – wer wären darin die unterdrückten „Untertanen“ und wer die modernen „Schlotbarone“, die im Hintergrund die Fäden ziehen?

    KK

  • Kultur, Förderung und Teilhabe

    Dieser Podcast von Radio-Nice.Club untersucht das Konzept der gemeinsamen Kreativität und der aktiven Bürgerbeteiligung in den Bereichen der Nachhaltigkeitsforschung und der europäischen Kulturpolitik. Ein zentraler Fokus liegt auf der engagierten Wissenschaft, die durch transformative Methoden wie Co-Creation versucht, gesellschaftlichen Wandel und soziale Inklusion direkt in den Forschungsprozess zu integrieren. Parallel dazu analysiert der zweite Text die historische Entwicklung der Europäischen Kulturhauptstädte, bei denen die Partizipation von einer bloßen Beratung hin zu einer tieferen Einbindung der Zivilgesellschaft gereift ist. Beide Texte betonen, dass partizipative Ansätze entscheidend sind, um demokratische Legitimität zu stärken und alternative Lebensentwürfe in lokalen Gemeinschaften sichtbar zu machen. Trotz der positiven Potenziale warnen die Autoren vor instrumenteller Nutzung und institutionellen Machtungleichgewichten, die eine echte Mitgestaltung behindern können. Letztlich plädieren die Quellen für eine Forschung und Kulturplanung, die den Menschen nicht nur als Objekt, sondern als aktiven Mitgestalter seiner Umwelt begreift.

    CO-Kreativität jenseits der Schlagworte
    Innovation - Social Network

    Wie fördert Co-Kreativität sozialen Wandel und nachhaltige Forschungspraxis?

    Co-Kreativität fördert sozialen Wandel und eine nachhaltige Forschungspraxis, indem sie Forschung nicht als isolierten Akt eines „kreativen Genies“, sondern als relationalen, inklusiven und transformativen Prozess begreift. Dabei verschiebt sich der Fokus von der Produktion bloßen Wissens hin zur Veränderung bestehender Machtstrukturen und der Gestaltung alternativer Lebensweisen.

    Hier sind die zentralen Mechanismen, wie Co-Kreativität diesen Wandel unterstützt:

    1. Förderung sozialen Wandels durch alternative Weltbilder

    Co-kreative Methoden fungieren als Instrument des sozialen Wandels, indem sie Räume für alternative Verständnisse dessen eröffnen, wie die Welt ist und wie sie sein könnte.

    • Empowerment: Sie ermöglichen es insbesondere marginalisierten Gruppen, von passiven Empfängern zu aktiven „Storytellern“ und Mitgestaltern ihrer eigenen Lebensbedingungen zu werden.
    • Kulturelle Transformation: Durch künstlerische Prozesse und „generative Engagements“ können tief verwurzelte Denkmuster und anthropozentrische Zeitskalen aufgebrochen werden, was neue Handlungsspielräume für Nachhaltigkeit schafft.
    • Kollektive Problemlösung: Partizipative Kunstprojekte in ländlichen Räumen stärken nachweislich die kollektive Problemlösungsfähigkeit der Bevölkerung und fördern den sozialen Zusammenhalt.

    2. Etablierung einer nachhaltigen Forschungspraxis

    Nachhaltige Forschung wird in den Quellen oft als „Engaged Scholarship“ beschrieben – eine Praxis, die Theorie und Handeln verbindet und nicht nur darauf abzielt, die Welt zu interpretieren, sondern sie aktiv zu verändern.

    • Vom „Forschen über“ zum „Forschen mit“: Nachhaltige Praxis bedeutet, Forschungsteilnehmer als Co-Forscher anzuerkennen und den Forschungsprozess selbst als Begegnung auf Augenhöhe zu gestalten.
    • Ethik der Sorge (Ethics of Care): Eine nachhaltige Forschungspraxis integriert eine „care-full scholarship“, die Emotionen, Empathie und die gegenseitige Verantwortung von Forschenden und Erforschten in den Mittelpunkt stellt.
    • Prozess- statt Ergebnisorientierung: Anstatt sich nur auf messbare Veröffentlichungen (Output) zu konzentrieren, betont Co-Kreativität den Wert des Forschungsprozesses selbst als Chance zur Etablierung neuer Praktiken und Werte.

    3. Kritik an bürokratischen Barrieren

    Die Quellen weisen darauf hin, dass echte Co-Kreativität oft im Widerspruch zu aktuellen akademischen und bürokratischen Systemen steht:

    • Widerstand gegen „Forced Creativity“: In einer zunehmend betriebswirtschaftlich gesteuerten Universitätslandschaft („Managerial University“) besteht die Gefahr, dass kreative Methoden zu bloßen Marketinginstrumenten oder „Artwashing“ degradiert werden.
    • Nachhaltige Strukturen: Um sozialen Wandel wirklich zu unterstützen, müssen Fördersysteme von kurzfristigen Projekten hin zu langfristiger Prozessförderung und infrastruktureller Unterstützung übergehen.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Co-Kreativität sozialen Wandel dadurch befördert, dass sie die kollektive Vorstellungskraft aktiviert und Forschung zu einer gemeinschaftlichen Suche nach gerechteren und ökologischeren Zukünften macht.

    Was sind konkrete Beispiele für alternative Forschungsmethoden aus dem Buch?

    Das Buch „Co-Creativity and Engaged Scholarship“ präsentiert eine Vielzahl transformativer Forschungsmethoden, die darauf abzielen, nicht nur Wissen zu produzieren, sondern sozialen Wandel aktiv mitzugestalten. Diese Methoden stammen primär aus den sozialen Nachhaltigkeitswissenschaften und zeichnen sich durch Inklusivität und das Forschen „mit“ statt „über“ Menschen aus.

    Hier sind konkrete Beispiele für alternative Forschungsmethoden aus dem Buch:

    1. Kreative Kartierungsmethoden (Mapping)

    Anstatt traditioneller, rein geografischer Karten werden Methoden genutzt, die subjektive und komplexe räumliche Beziehungen darstellen:

    • Deep Mapping: Diese Methode wird genutzt, um die vielschichtigen, oft informellen Nutzungen und Erinnerungen eines Ortes (z. B. Brachflächen) zu erfassen, die in herkömmlichen Stadtplänen unsichtbar bleiben.
    • Social Cartography (Soziale Kartographie): Hierbei geht es darum, soziale Beziehungen und Machtverhältnisse anstelle von rein physischen Landschaften abzubilden, um alternative Diskurse und mini-narrative sichtbar zu machen.
    • Digital Participatory Mapping (DPM): Die Nutzung von Web-Apps (wie „My Green Place“ oder „Greenmapper“), um die sozialen Werte und emotionalen Bindungen von Gemeinschaften an Grünflächen direkt in Planungsprozesse einzubringen.

    2. Visuelle und narrative Methoden

    Diese Ansätze nutzen Bilder und Geschichten, um tieferliegende Bedeutungen und marginalisierte Perspektiven zu erschließen:

    • Photo-voice: Teilnehmer (oft marginalisierte Gruppen) fotografieren ihren Alltag und reflektieren darüber, um ihre Bedürfnisse zu artikulieren und politische Entscheidungsträger zu erreichen.
    • Guerrilla Narrative: Eine Methode, bei der Forschung zur „sozialen Intervention“ wird, indem Wissen direkt für soziale Kämpfe produziert wird (z. B. im Kontext von Solidaritätsküchen).
    • Visual Analysis (Visuelle Analyse): Untersuchung der affektiven Qualität von Bildern (z. B. historische Darstellungen von Wildtieren), um gesellschaftliche Mensch-Natur-Beziehungen zu verstehen.

    3. Partizipative und handlungsorientierte Ansätze

    Diese Methoden basieren oft auf der Participatory Action Research (PAR) und zielen auf eine Demokratisierung der Wissensproduktion ab:

    • Appreciative Inquiry (AI): Ein stärkenorientierter Ansatz, der kollektive Visionen für die Zukunft in Gemeinschaften fördert, anstatt nur Probleme zu analysieren.
    • Living Labs (Reallabore): Ein kollaborativer Planungsansatz, bei dem Wissenschaftler, Bürger und Institutionen in realen Umgebungen gemeinsam innovative Lösungen (z. B. für Wasserinfrastruktur) testen.
    • Militant Scholarship: Eine Form der Forschung, die sich explizit auf die Seite sozialer Bewegungen stellt und Wissen für den sozialen Kampf generiert.

    4. Spezifische kunstbasierte und verkörperte Methoden

    Angela Moriggi beschreibt in ihrer Forschung fünf spezifische kreative Techniken:

    • Circle of Objects (Kreis der Objekte): Teilnehmer bringen Objekte mit, die ihre Arbeit symbolisieren, um eine Atmosphäre der „Einheit in der Vielfalt“ zu schaffen und emotionales Wissen zu teilen.
    • Creating with the Soil (Gestalten mit Erde): Eine somatische Übung, bei der Teilnehmer durch das Formen von Ton oder Erde ihre Verbindung zur Natur und zum „Mehr-als-Menschlichen“ körperlich erfahren.
    • Council of Beings (Rat der Wesen): Ein Ritual, bei dem Menschen die Identität anderer Lebensformen annehmen, um anthropozentrische Weltbilder zu hinterfragen.
    • Letters from the Future (Briefe aus der Zukunft): Teilnehmer schreiben Briefe aus der Perspektive künftiger Generationen oder anderer Wesen.

    5. Reflexive Methoden

    • Embodied Researcher & Formative Accompanying Research: Hierbei reflektiert der Forscher seine eigene Positionierung, Emotionen und körperliche Präsenz im Feld, um eine „care-full scholarship“ (eine Ethik der Sorge) in transdisziplinären Teams zu etablieren.

    Wie funktioniert die Methode ‘Rat der Wesen’ in der Praxis?

    Die Methode „Rat der Wesen“ (engl. Council of Beings) ist eine kreative und rituelle Forschungspraxis, die darauf abzielt, anthropozentrische (menschenzentrierte) Weltbilder zu hinterfragen und ein tieferes Bewusstsein für die Vernetzung mit anderen Lebensformen zu schaffen. In der Praxis wird sie häufig in Workshops zur Nachhaltigkeitsforschung oder Zukunftsgestaltung eingesetzt, wie etwa in den Studien von Angela Moriggi mit „Green Care“-Praktikern in Finnland.

    Hier ist der konkrete Ablauf der Methode in der Praxis:

    1. Vorbereitung: Die Zeitlinie (Timeline of Change)

    Bevor die Teilnehmer in andere Rollen schlüpfen, wird oft eine visuelle Zeitlinie präsentiert, die die unterschiedlichen Lebensspannen von Menschen und Nicht-Menschen im jeweiligen Kontext darstellt.

    • Beispiel: In einem Projekt auf einem Pflegebauernhof umfasste die Zeitlinie ein Gebäude (ca. 200 Jahre), verschiedene Menschen (ca. 85 Jahre), ein Schwein (ca. 12 Jahre) und einen Schmetterling (ca. 1 Monat).
    • Ziel: Dies soll die Wahrnehmung von Zeit weiten und verdeutlichen, dass ökologische Bedürfnisse oft über kurzfristige menschliche Zeitpläne hinausgehen.

    2. Auswahl der Identität

    Die Teilnehmer wählen eine Karte aus, die eines der Wesen oder Elemente von der Zeitlinie (oder aus der lokalen Umgebung) repräsentiert. Dies können Tiere, Pflanzen oder sogar unbelebte Objekte wie Gebäude oder Flüsse sein.

    3. Verkörperung und Vorstellung (Embodiment)

    Die Teilnehmer verlassen symbolisch ihre menschliche Identität und nehmen die Perspektive ihres gewählten Wesens an.

    • Der „neue Selbst“: Jeder Teilnehmer stellt sich der Gruppe als dieses Wesen vor und nennt eine Eigenschaft, die er an seinem Charakter liebt.
    • Ziel: Dieser spielerische Ansatz hilft dabei, die eigene Komfortzone zu verlassen und Empathie für die Bedürfnisse anderer Arten zu entwickeln.

    4. Durchführung des Rats

    Im eigentlichen „Rat“ sprechen die Teilnehmer aus der Sicht ihrer gewählten Rollen über ihre Wünsche, Sorgen und Bedürfnisse für die Zukunft eines Ortes oder einer Praxis.

    • Anstatt Probleme technisch-rational zu diskutieren, werden die Fragen so umformuliert, dass sie die ökologische Abhängigkeit und das „Mehr-als-Menschliche“ einbeziehen.

    5. Kombination mit anderen Methoden

    In der Praxis wird der „Rat der Wesen“ oft direkt mit der Methode „Briefe aus der Zukunft“ (engl. Letters from the Future) verknüpft:

    • Die Teilnehmer schreiben einen Brief an ihr gegenwärtiges menschliches Selbst aus der Perspektive ihres Wesens im Jahr 2039 (20 Jahre in der Zukunft).
    • Darin beschreiben sie einen idealen Zustand ihres Ortes und was ihnen in dieser Zukunft Freude bereitet.

    Praktische Wirkungen und Herausforderungen

    • Wirkung: Die Methode bricht gewohnte Denkmuster auf, fördert kollektive Vorstellungskraft und bringt oft „unerschlossene Weisheiten“ ans Licht.
    • Herausforderung: Es erfordert ein hohes Maß an Vertrauen in den Prozess. Manche Teilnehmer könnten Widerstand leisten oder sich weigern, eine positive/utopische Perspektive einzunehmen, was die Gruppendynamik beeinflussen kann.

    Zusammenfassend funktioniert die Methode als ein Instrument der „epistemologischen Dehnung“, um Teilnehmern zu helfen, die Welt nicht nur als Objekt für menschliche Zwecke zu sehen, sondern als ein System fühlender und kommunizierender Wesen.

  • Vier Beine gut – Zwei Beine schlecht

    Die Entwicklung der Tyrannei: Führung und Korruption in „Animal Farm“

    Farm der Tiere - George Orwell

    Der Podcast bietet eine tiefgreifende Analyse von George Orwells Werk Farm der Tiere und beleuchten dessen Status als politische Allegorie auf die Sowjetunion. Der Diskurs untersucht die ideologische Entwicklung vom utopischen „Animalismus“ hin zu einem totalitären Regime, wobei die Schweine Napoleon und Snowball als Symbole für Stalin und Trotzki fungieren. Ein besonderer Fokus liegt auf der instrumentellen Nutzung von Propaganda, der Manipulation von Sprache und der schleichenden Korruption von Macht. Neben detaillierten Charakterstudien wird die zeitlose Relevanz des Romans als Warnung vor autoritärer Unterdrückung und dem Verrat an revolutionären Idealen hervorgehoben. Zusammenfassend verdeutlichen die Quellen, wie eine einst auf Gleichheit basierende Vision durch Gewalt und Desinformation in eine neue Form der Tyrannei umschlägt.

    Die Architektur der Lüge - Farm der Tiere - George Orwell
    Vier Beine gut - Zwei Beine schlecht - Huxley - Farm der Tiere
    Vier Beine gut - Zwei Beine besser - Huxley - Farm der Tiere
  • Work Live Balance

    Worke life balance! Was ist das? Hier in Bangladesch arbeiten die Menschen hart, trotzdem bleiben sie arm. Was stimmt da nicht? Als Besucher sehe ich nur, wie sie sich abrackern. Weil sie das schon ein Leben lang tun, liegt der Schluß nahe, dass sie zu wenig verdienen, um jemals der Armutsfalle zu entkommen. Der Kontrast könnte gravierender nicht sein. Ich sitze im reichen Bangkok und archiviere Bilder der Armut. Schnell werden sich wieder Kritiker melden, solche, die es unmoralisch finden, den Finger in die Wunde zu legen und derartige Armut aufzuzeigen. Wer sonst sollte es tun, wenn nicht ein Reisender, ein Fotograf. Tabus brechen, zeigen was ist und hoffen, dass das Sichtbarmachen dieser Szenen, etwas bewirkt. Was soll es bewirken? Bei allem was wir tun, entscheiden, kritisieren oder loben, ist ein Bewußtsein im Spiel, das individuell in der Seele verankert, unsere Indentität bildet. Unser Verhalten speist sich aus der Summe der Erfahrungen und diese sind sehr unterschiedlich. Sympathie oder Ablehnung, Empathie oder Aggression, diese Emotionen sind empirisch unterbaut und liefern den Menschenfeinden, wie den Philanthropen die Argumente. In einer Zeit, in der Verrückte und geistig minderbemittelte in höchste Positionen gelangen können, bleibt eine orientierungslose Gesellschaft zurück, deren Vorbilder in die Irre führen und Ratlosigkeit verbreiten. Ich schaue immer noch die Weltnachrichten, obwohl ich weiß, dass ich belogen werde. Hier liegt der Unterschied. Ich kann reagieren und alternative Informationen einholen. Ich kann dagegen sein. Was aber kann der Lastenträger oder die Analfabetin in Bangladesch? Nichts! Die Imame halten sie dumm und die Regierungen arm. So funktionieren heute die Mechanismen der Unterdrückung und die der Ausbeutung. Nicht nur in Bangladesch, sondern weltweit.

    GC

  • Der Green Deal war kein Klimaplan, sondern ein Deindustrialisierungsprojekt

    Ein Satz aus dem EU Parlament
    zur Politik von Frans Timmermans,
    der plötzlich eine ganz andere Schärfe bekommt
    und wie eine realistische Beschreibung wirkt.

    NGOs wurden mit Milliarden aus EU-Mitteln finanziert
    und gezielt gegen Industrie eingesetzt:

    gegen Kohlekraftwerke
    gegen Automobilunternehmen
    gegen industrielle Anwendungen

    Immer mit derselben Stoßrichtung:

    mehr Druck
    mehr Einschränkung
    weniger Industrie

    Wer von „Degrowth“ spricht,
    meint genau das.

    Wenn Klimaziele nur noch erreichbar erscheinen,
    weil industrielle Substanz verschwindet,
    ist das kein Kollateralschaden mehr.

    𝗗𝗮𝗻𝗻 𝗶𝘀𝘁 𝗲𝘀 𝗠𝗲𝘁𝗵𝗼𝗱𝗲.

    Irgendwann stellt sich die Frage, wem dieses System dient
    und ob es noch dem entspricht, was behauptet wird.

    Jetzt wird geklagt. Zu Recht.

    Es geht um ~7 Milliarden Euro
    und deren Verwendung.

    „Andere Gruppen bekamen Geld für die Beeinflussung von EU-Abgeordneten bei Abstimmungen zu … Chemikalien.“

    𝗪𝗲𝗿 𝘃𝗼𝗻 𝗱𝗲𝗿 𝗲𝗶𝗴𝗲𝗻𝗲𝗻 𝗣𝗼𝘀𝗶𝘁𝗶𝗼𝗻 ü𝗯𝗲𝗿𝘇𝗲𝘂𝗴𝘁 𝗶𝘀𝘁, 𝗯𝗿𝗮𝘂𝗰𝗵𝘁 𝗸𝗲𝗶𝗻𝗲 𝘀𝗼𝗹𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗦𝘁𝗿𝘂𝗸𝘁𝘂𝗿𝗲𝗻.

    Denn hier wird entschieden,
    was in Europa künftig noch möglich ist und was nicht mehr.

    Und wie ganze Branchen Schritt für Schritt
    faktisch unmöglich gemacht werden.

    Weil Maßstäbe so gesetzt werden,
    dass sie nicht mehr erfüllbar sind.

    Wer diese Verfahren kennt, weiß:

    Das Problem ist, wie sie geführt werden.

    Willkür.
    Ideologisch gefärbte Bewertungen.
    Ein erschreckendes Maß an Unkenntnis über industrielle Prozesse und Anwendungen.

    Flankiert von Akteuren,
    die ein klares Ziel verfolgen
    und dafür auch finanziert wurden.

    Sich ständig verschiebende Anforderungen.
    Regeln, die im laufenden Verfahren verändert werden.
    Behörden klagen über Überlastung
    verursacht durch selbst geschaffene Detailsteuerung.

    Entscheidungen,
    die ganze Wertschöpfungsketten ins Wanken bringen.

    Ich erlebe es seit über 15 Jahren.
    Gemeinsam mit vielen anderen, die diesen Verfahren ausgesetzt sind.

    Was jetzt fehlt,
    sind die konkreten Beispiele aus der Praxis.

    Wie es tatsächlich abläuft.
    Was im Hintergrund entschieden wird.
    Was wir erleben.
    Dinge, die man kaum für möglich hält.

    Aktuell entscheidet sich daran
    die Zukunft ganzer Branchen
    und damit ganzer Liefer- und Wertschöpfungsketten in Europa.

    Die größte Gefahr für diese industrielle Basis
    liegt nicht in Washington, Peking oder Moskau.

    Sondern in den eigenen Strukturen.

    Jetzt fügt sich das Bild.

    Es fühlt sich an wie ein Wirtschaftskrimi.

    Nur dass er real ist.
    Und gerade geschrieben wird.

    Über das,
    was hinter den Kulissen passiert.

    Über Verfahren,
    in denen nicht nur reguliert,
    sondern entschieden wird,
    welche Industrie in Europa noch eine Zukunft hat.

    Was hier öffentlich wird,
    ist nur die Spitze des Eisbergs.

    Das ganze Bild entsteht erst
    durch die Beispiele der Betroffenen.

    IZW Initiative Zukunft Wirtschaft Deutschland e.V.

    Hashtag#Industriepolitik
    Hashtag#EU
    Hashtag#GreenDeal
    Hashtag#Wirtschaft
    Hashtag#REACH

    ATB

  • Was ist los in Berlin im Monat März

    Hallo, ich bin Klaus. Schön, dass Du da bist. Als Kurator und Wahl-Berliner ist es meine Leidenschaft, die Fäden der Stadt zu entwirren und die wirklich spannenden Momente im hiesigen Kulturbetrieb herauszufiltern. Berlin im März 2026 – das ist diese seltsame Zwischenzeit, in der die Stadt zwischen grauem Asphalt-Chic und dem ersten vorsichtigen Knospen im Tiergarten schwankt.

    Ich habe dir drei Highlights zusammengestellt, die gerade das Gespräch der Stadt sind.


    🎨 Das Highlight im Hamburger Bahnhof: Shilpa Gupta

    Ausstellung: What Still Holds Wo: Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

    Gestern war die Eröffnung, und ich sage es ganz direkt: Wer sich in dieser unruhigen Welt nach einer künstlerischen Auseinandersetzung mit Grenzen, Identität und dem, „was uns hält“, sehnt, muss hierher. Shilpa Gupta ist eine Meisterin darin, das Politische ins Poetische zu übersetzen.

    • Der Kern: Die Schau zeigt Werke aus den letzten zwei Jahrzehnten, darunter ihre ikonischen Installationen aus Absperrband und Sound.
    • Warum hingehen? In Zeiten, in denen wir ständig über Mauern und Pässe sprechen, erinnert uns Gupta daran, dass die stärksten Grenzen oft in unseren Köpfen existieren.
    • Mein Tipp: Nimm dir Zeit für die Sound-Installationen. Es geht nicht nur ums Sehen, sondern ums Spüren der Vibration im Raum.

    „Gupta schafft es, die Schwere der Welt in eine Leichtigkeit zu hüllen, die einen erst Stunden später mit voller Wucht trifft.“ – Klaus


    🎭 Ein Solo-Triumph am Schiffbauerdamm

    Aufführung: Der Hauptmann von Köpenick (nach Carl Zuckmayer) Wo: Berliner Ensemble

    Man könnte meinen, wir hätten genug vom Schustervogt Wilhelm Voigt gesehen. Aber weit gefehlt. Max Hopp hat gestern Abend im Berliner Ensemble bewiesen, dass dieser Stoff absolut zeitlos ist – wenn man ihn so radikal reduziert wie er.

    • Die Inszenierung: Hopp liest und spielt das Stück als Solo-Performance, unterstützt durch Musik, die die absurde Preußen-Mentalität demaskiert.
    • Der Vibe: Es ist kein verstaubtes Museumstheater. Hopp kitzelt den puren Berliner Witz heraus, ohne die Tragik der Figur zu verraten.
    • Fazit: Ein Muss für alle, die das BE für seine schauspielerische Brillanz lieben.

    🗿 Die Stille der Form: Brancusi in der Neuen Nationalgalerie

    Ausstellung: Constantin Brancusi – Eine Retrospektive Wo: Neue Nationalgalerie

    Mies van der Rohes Glashalle und Brancusis radikale Reduktion der Form – das ist eine Ehe, die im Architekturhimmel geschlossen wurde. Seit dem 20. März ist diese Retrospektive für das Publikum geöffnet.

    • Das Erlebnis: Die Art, wie das Licht durch die Glasfassade auf den polierten Bronze-Vogel im Raum fällt, ist fast religiös.
    • Der Kontrast: Brancusi wollte die „Essenz der Dinge“ einfangen. In unserer lauten, digitalen Welt von 2026 ist dieser Ort der ultimative Rückzugsort für das Auge.

    Klaus’ Kurz-Tipps für das Wochenende:

    • Für Fotografie-Fans: Persistence of Vision im Gropius Bau. Der Dialog zwischen Peter Hujar und Liz Deschenes ist melancholisch, schwarz-weiß und absolut Berlin.
    • Für Neugierige: Simon Faithfull im KINDL in Neukölln. Seine Videoarbeiten über den „Earth-ling“ sind so schräg wie klug.

    Berlin ist gerade ein riesiger Spielplatz für den Geist. Vielleicht sehen wir uns ja bei einer Vernissage – ich bin meistens der Typ mit dem schwarzen Rollkragen und dem leicht skeptischen, aber begeisterten Blick.

    Vorschläge für Deine Routen:

    🏛️ Route 1: Klassik trifft Kontroverse (Mitte)

    Dieser Walk konzentriert sich auf die Gegend rund um die Auguststraße und die Museumsinsel. Ideal für einen Nachmittag.

    1. Start: Neue Nationalgalerie
      • Was: Constantin Brancusi – Eine Retrospektive. (Seit 20.03.2026)
      • Warum: Beginne mit der Stille. Die Symbiose aus Brancusis Skulpturen und der Mies-Architektur ist das ästhetische Fundament deines Tages.
    2. Transfer: Mit dem 200er Bus oder einem kurzen Spaziergang Richtung Friedrichstraße/Auguststraße.
    3. Galerie Haverkampf Leistenschneider (Auguststraße 12/13)
      • Was: Gruppenausstellung Figures of Delay (u.a. Katherine Bradford, Alex Müller).
      • Warum: Hier siehst du, was die Berliner Malerei-Szene aktuell bewegt – von figurativ bis abstrakt.
    4. KOW Berlin (Lindenstraße 35 oder via Friedrichstraße)
      • Was: Hudinilson Jr. (im Rahmen der Gallery Weekend Previews).
      • Warum: KOW steht für politisch-gesellschaftlich relevante Kunst. Hudinilson Jr. setzt sich intensiv mit dem Körper und dem Narzissmus auseinander.
    5. Abschluss: Hamburger Bahnhof
      • Was: Shilpa Gupta: What Still Holds.
      • Warum: Das monumentale Wort „TRUTH“, durch das man hindurchlaufen kann, ist der perfekte Schlusspunkt, um über die Macht der Sprache nachzudenken.

    🍻 Route 2: Neuköllner Industrie-Chic & Streetart

    Dieser Walk ist für Entdecker, die den Kontrast zwischen hippen Cafés und konzeptioneller Kunst lieben.

    1. Start: KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst (Am Sudhaus 3)
      • Was: Simon Faithfull – Earth-ling. (Seit 22.03.2026)
      • Warum: Besuche das Maschinenhaus. Faithfulls „Bienenstock“-Skulptur an der Fassade und seine Videoarbeiten im M1 VideoSpace thematisieren unsere Verbindung zum Planeten auf sehr eigenwillige Weise.
    2. Museum Neukölln (Alt-Britz 81 – kurz mit dem Rad oder Bus M44)
      • Was: ZEICHEN.SPRACHEN.STADTRAUM.
      • Warum: Diese Ausstellung über Streetart und Graffiti in Neukölln gibt dir den nötigen Kontext für das, was du gleich auf der Straße siehst.
    3. Galerie im Körnerpark (Schierker Str. 8)
      • Was: Architecture of Hidden Activity.
      • Warum: Der Körnerpark ist eine der schönsten Anlagen Berlins. Die Ausstellung beleuchtet die physischen Dimensionen des Digitalen – ein spannender Kontrast zur neobarocken Parkanlage.
    4. Abschluss: Weserstraße
      • Tipp: Kehr in eine der vielen Bars ein (z. B. TiER oder Ä), um die Eindrücke sacken zu lassen. In Neukölln verschwimmen die Grenzen zwischen Kunstraum und Lebensraum oft komplett.

    💡 Klaus’ Insider-Tipp:

    Wenn du am kommenden Wochenende (28./29. März) unterwegs bist: In vielen Galerien in Mitte laufen bereits die Vorbereitungen für das große Gallery Weekend im Mai. Oft hängen schon die „Pre-Shows“. Achte besonders auf die Fenster der Galerien in der Linienstraße – dort gibt es oft tolle Entdeckungen, ohne dass man eine Klinke drücken muss.

  • Kata: Wissenschaftliches Denken

    Die vorliegenden Quellen beschreiben die Toyota Kata als ein systematisches Modell zur Etablierung einer wissenschaftlichen Denkweise und einer Kultur der kontinuierlichen Verbesserung. Im Kern besteht diese Methode aus der Verbesserungs-Kata, die Lernende durch experimentelle Schritte zu anspruchsvollen Zielen führt, und der Coaching-Kata, mit der Führungskräfte diesen Prozess aktiv begleiten. Durch tägliche, strukturierte Routinen sollen Problemlösungsfähigkeiten als mentale Gewohnheiten tief im Unterbewusstsein verankert werden. Dieser Ansatz hilft Organisationen dabei, Unsicherheiten in dynamischen Märkten zu bewältigen und nachhaltige Erfolge jenseits temporärer Projekte zu erzielen. Ergänzend wird die neurobiologische Wirkung dieser Übungen erläutert, die durch ständige Wiederholung neue neuronale Bahnen für effizientes Handeln unter Druck schafft. Damit dient die Toyota Kata als strategisches Bindeglied zwischen theoretischen Lean-Prinzipien und der praktischen, alltäglichen Umsetzung von Innovationen.

    Kata