Aus gegebenem Anlass hole ich diesen Kommentar aus dem Dezember vergangenen Jahres noch einmal hervor.
Friedrich Merz verweigert Donald Trump offenbar ein Telefonat, weil dieser – was selbstverständlich sein gutes Recht ist – der AfD zu ihrem Wahlsieg in Sachsen-Anhalt gratuliert hat.
Das erinnert eher an ein beleidigtes Kleinkind im Sandkasten als an die Außenpolitik eines Bundeskanzlers.
Seit 1990 verfolgten die Vereinigten Staaten eine einzige, konsistente strategische Linie: Russland darf nicht in Europa verankert bleiben. Das ergibt sich zwingend aus der Heartland-Theorie und ist die Essenz Brzezinskis, des Hohepriesters amerikanischer Geopolitik. Wer Eurasien kontrolliert, kontrolliert die Welt. Und wer Russland dauerhaft schwächen will, muss zuerst die Ukraine aus Moskaus Orbit herausbrechen.
Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern klassische Geopolitik. Für jeden nachprüfbar, aber für Ideologen unlesbar, weil sie die Konsequenzen nicht ertragen.
Doch der Fehler beginnt früher. Bereits in den 1990er Jahren demütigte der Westen Russland in historischer Tiefe, versprach „not one inch eastward“ und tat das Gegenteil. Die gesamte europäische Sicherheitsarchitektur wurde unterlaufen, und gleichzeitig entstand die Energiepartnerschaft zwischen Deutschland und Russland – jene Verbindung, die Deutschland zur letzten verbleibenden industriellen Macht Europas gemacht hatte und die deshalb in Washington als strategisches Risiko galt. Die Energiewaffe war nie Russlands Drohung. Sie war Deutschlands Chance. Eine Chance, die systematisch zerstört wurde.
Der erste Maidan 2004 war aus US-Sicht gescheitert. Der zweite 2014 war erfolgreich, aber für die Staaten zu spät, in einer Welt, die sich bereits verschoben hatte. China war zur Weltmacht aufgestiegen, Russland war nicht zerschlagen, und der amerikanische Hegemon begann zu wanken. In Washington erkannte man sehr schnell, dass die Ukraine-Krise Russland in eine lose-lose-Situation zwingen würde, vergleichbar mit Japans Lage vor Pearl Harbor. Greift Russland nicht ein, verliert es die Krim und den Zugang zu den Weltmeeren. Greift es ein, verliert es die moralische Deutungshoheit und tappt in die strategische Falle, die Brzezinski skizziert hatte.
Während Berlin diese Zusammenhänge bis heute nicht erkennt, haben die USA längst umgeschaltet – und zwar nicht nur weg von Europa, sondern über Europa hinweg nach Osten. Der neue geopolitische Kern besteht nicht mehr aus Paris und Berlin, sondern aus Warschau, Vilnius, Riga, Tallinn, Bukarest und – in amerikanischer Perspektive – Kiew. Ein ganzer Gürtel proamerikanischer, russlandfeindlicher Staaten bildet nun das neue europäische Machtzentrum. Polen verfügt inzwischen über mehr US-Truppen und modernere Waffensysteme als Deutschland, die „Three Seas Initiative“ ersetzt den alten westeuropäischen Block, und der amerikanische Einfluss verlagert sich bewusst dorthin, wo er noch auf Loyalität trifft. Deutschland wird nicht nur fallen gelassen. Deutschland wird umgangen. Umstellt. Neutralisiert. Der von George Friedman auf der Chicagoer Sicherheitskonferenz 2015 geforderte Sicherheitskorridor vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer ist geschaffen.
Gleichzeitig vollzog sich die vielleicht gefährlichste Entwicklung nicht durch äußeren Druck, sondern durch deutsche Hände. Der Niedergang Deutschlands ist nicht nur Folge amerikanischer Strategie. Er ist Ergebnis deutscher Politik. Ein Land, das seine Energieversorgung abwickelt, das seine Industrie stranguliert, das Masseneinwanderung ohne Integrationskonzept betreibt, das seine Demografie kollabieren lässt und seine Außenpolitik moralisiert, als wäre Moral ein Ersatz für Macht – ein solches Land braucht niemanden, der es entmachtet. Es entmachtet sich selbst.
Die USA haben Deutschland nicht fallen gelassen, weil wir schwach wurden.
Wir sind schwach geworden, weil die USA uns fallen lassen wollten.
Beides ist gleichzeitig wahr.
In diese tektonische Verschiebung fällt die Sprengung von Nord Stream. Der Tag, an dem Deutschland energetisch entkernt wurde. Der Tag, an dem die letzte deutsche Machtressource verschwand. Der Tag, an dem man begriff, dass selbst die Frage nach der Verantwortung nicht mehr gestellt werden darf, weil ein Vasall keine Aufklärung verlangen kann. Seitdem ist Deutschland kraftlos, abhängig, politisch verängstigt – und bereit, jede amerikanische oder europäische Ersatzenergie zu überhöhten Preisen zu kaufen. Aus Souveränität wurde Bittstellerei.
Auf dieser Bühne wirkt Biden wie ein Verwalter des Niedergangs und Trump wie dessen Vollstrecker. Unter Trump wird sichtbar, was die USA längst entschieden haben: Sie wollen keinen großen Krieg. Sie können ihn sich nicht leisten. Und sie werden nicht für eine europäische Eskalation haften, die sie nicht mehr kontrollieren. America First bedeutet im Klartext: Nicht Germany First, nicht Europe First – nicht einmal NATO First.
Gleichzeitig wird im Hintergrund still und leise die nukleare Frage neu geordnet. Die amerikanische Nuklearstrategie sieht Deutschland nicht mehr als verlässlichen Pfeiler. Die Modernisierung der nuklearen Teilhabe wird nicht mehr hier vollzogen. Die Verlegung modernisierter B-61-Bomben Richtung Polen, die Reaktivierung von Lakenheath, das Auslaufen des Tornado-Systems ohne klare Nachfolge – all das bedeutet: Die nukleare Schutzgarantie für Deutschland wird nicht erneuert. Sie wird verlagert. Auch hier gilt: Deutschland wird nicht nur marginalisiert. Es wird ersetzt.
Und während all dies geschieht, verharrt die deutsche Politik in einer Welt aus Phrasen, Illusionen und moralischen Selbstbildern. Deutschland ist innenpolitisch instabil, außenpolitisch erratisch, ein zerrissenes Land ohne Rückhalt, jederzeit bereit, in innere Unruhen zu kippen. Friedrich Merz träumt laut von der „stärksten konventionellen Armee Europas“ – Worte, die aus amerikanischer Sicht nicht inspirierend sind, sondern gefährlich, weil sie aus dem Mund eines Landes kommen, das weder strategisch noch militärisch noch politisch stabil ist.
Amerika liebt keine Staaten. Amerika benutzt Staaten. Und nur jene, die nützlich sind. Deutschland ist nicht mehr nützlich. Seit der erfolgreichen Zerstörung seiner Energieversorgung und der Abwanderung seiner Industrie hat dieses Land keine geostrategische Bedeutung mehr. Kein Hebel, keine Ressource, kein Druckmittel.
Wenn ein deutscher General nun bestätigt, dass die USA den Kontakt zur deutschen Militärelite abgebrochen haben, dann ist das der diplomatische Ausdruck dessen, was längst Realität ist: Die Partnerschaft existiert nicht mehr. Man spricht nur noch über Umwege, aus Höflichkeit, nicht aus Notwendigkeit. Die amerikanischen Truppen stehen noch hier, aber wie Denkmäler aus einer vergangenen Epoche – teurer abzuziehen als stehenzulassen.
Amerika betrachtet uns nicht mehr als Verbündete. Wahrscheinlich hat es das nie getan. In den Augen amerikanischer Strategen war Deutschland stets ein verwalteter Raum, ein Dominion westlicher Interessen. Nun, da wir energetisch entkernt, industriell geschwächt, demografisch bedroht und militärisch orientierungslos sind, bleibt nichts mehr, was Washington gebrauchen könnte.
Der Bruch ist sichtbar. Und er ist endgültig. Deutschland hat den Vereinigten Staaten nichts mehr zu bieten.
Mein Vater hat immer gesagt: Die Amerikaner sind nicht unsere Freunde, sie sind unsere Herren, und eines Tages werden sie uns opfern oder fallen lassen.
Nun kann es jeder sehen.
G.B.





