Ist eine Abweichung vom gesellschaftlichen Rhythmus bereits eine Krankheit?

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Wie konnte der moderne Mensch zu der Überzeugung gelangen, dass jede Abweichung vom gesellschaftlichen Rhythmus bereits eine Krankheit sei? Und warum beruhigt man sich so bereitwillig mit der Vorstellung, Vernunft lasse sich messen, klassifizieren und institutionell normalisieren? Vielleicht deshalb, weil die moderne Gesellschaft den Wahnsinn nicht wirklich fürchtet, sondern alles, was Leistung unterbricht.

Der Wahnsinn war historisch nicht einfach eine Störung des Gehirns. Bereits diese Definition ist ein Produkt der Moderne. Bevor der Psychiater zum Verwalter der Vernunft wurde, galt der Wahnsinn als philosophisches und existenzielles Problem – als Frage nach Wahrheit, Freiheit und den Grenzen des Subjekts. Die eigentliche Frage lautete daher nie: „Was fehlt dem Wahnsinnigen?“, sondern vielmehr: „Welche Art von Mensch gilt innerhalb dieser Gesellschaft überhaupt als lebensfähig?“

Hier beginnt die Bedeutung Michel Foucaults. Für Foucault ist Wahnsinn keine zeitlose medizinische Tatsache, sondern das Resultat historischer Machtordnungen. In dem Moment, in dem die europäische Moderne Rationalität, Produktivität und Disziplin zu höchsten Normen erhob, wurde jede Form des Nicht-Anpassbaren isoliert, diagnostiziert und verwaltet. Die Psychiatrie war nie bloß Heilung; sie wurde Teil der moralischen Infrastruktur der modernen Gesellschaft – ein Ort, an dem der Mensch für die Ordnung kompatibel gemacht wird.

Die zeitgenössischen deutschen Denker verschärften jedoch die Frage: Was, wenn nicht das Individuum krank ist, sondern die Form des modernen Lebens selbst?

Byung-Chul Han beschreibt den heutigen Menschen nicht mehr als Opfer äußerer Unterdrückung, sondern als Gefangenen permanenter Selbstoptimierung. Die Macht sagt nicht länger: „Gehorche“, sondern: „Verwirkliche dich selbst.“ Genau darin liegt die moderne Gewalt. Das Individuum beutet sich selbst aus, überwacht sich selbst und treibt sich freiwillig in die Erschöpfung – im Namen der Freiheit. Depression erscheint deshalb nicht mehr als Ausnahme, sondern als psychischer Grundzustand der Leistungsgesellschaft.

Hartmut Rosa wiederum diagnostiziert eine permanente soziale Beschleunigung, welche die Fähigkeit des Menschen zerstört, überhaupt noch in Resonanz mit der Welt zu treten. Arbeit, Kommunikation, Information und selbst emotionale Erfahrungen unterliegen einer krankhaften Dynamik der Beschleunigung. Das Resultat ist nicht bloß Stress, sondern eine tiefe Form der Entfremdung: Der Mensch verliert die Fähigkeit, wirklich in seinem eigenen Leben anwesend zu sein.

Peter Sloterdijk geht noch weiter. Für ihn hat die Moderne einen psychologisch domestizierten Menschen hervorgebracht – ein Wesen, das sich dem permanenten Druck so weit angepasst hat, dass es die Gewalt der Verhältnisse kaum noch wahrnimmt. Der moderne Mensch wird nicht mit Ketten unterworfen, sondern durch ununterbrochene Motivation.

Deshalb lässt sich psychisches Leiden heute nicht mehr allein neurochemisch erklären. Es ist ebenso ein Symptom der Zivilisation selbst. Eine Gesellschaft, die den Menschen auf permanente Leistung reduziert und seinen Wert an Effizienz misst, erzeugt keine freien Individuen, sondern erschöpfte, verunsicherte und innerlich fragmentierte Subjekte.

Die eigentliche Gewalt der Moderne besteht nicht darin, den Wahnsinn eingesperrt zu haben. Ihre größte Leistung war es, die Menschen davon zu überzeugen, dass vollständige Anpassung an eine kranke Welt bereits als geistige Gesundheit gilt.

Muhammed Sabbah 

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