Die Mythologie ist keine willkürliche Dichtung

sondern ein notwendiger Prozeß des Bewußtseins.

— Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

Mythos ist in diesem Sinne weder ein Relikt vormoderner Naivität noch bloßes Produkt kollektiver Einbildungskraft, das mit dem Fortschritt der Vernunft verschwindet. Er verweist vielmehr auf eine tiefere Struktur des Bewusstseins selbst. Er entsteht nicht aus Beliebigkeit, sondern dort, wo das Denken an seine Grenzen stößt. Jede politische Analyse, die diese symbolische Dimension ausblendet, bleibt notwendig unvollständig.

Denn der Mensch, so Ernst Cassirer, «lebt nicht nur in einer physischen, sondern auch in einer symbolischen Welt». Politische Wirklichkeit erschöpft sich nicht in Institutionen, Verfahren oder Interessenlagen, sondern konstituiert sich ebenso durch Bilder, Symbole und Narrative, die ihr erst Bedeutung verleihen. Der Staat gründet nicht allein auf Gesetzen, sondern auf der Bedeutung, die ihm zugeschrieben wird; Gemeinschaft entsteht nicht nur aus Interessen, sondern aus geteilten Vorstellungen; und Geschichte wirkt nicht als bloße Abfolge von Fakten, sondern als erzählbare, glaubhafte Form.

In diesem Sinne erscheint der Mythos nicht als Zusatz zur Politik, sondern als eine ihrer Voraussetzungen. Er erklärt die Welt nicht nur, sondern formt sie: Er bestimmt, wer «wir» sind und wer «die Anderen»; er markiert die Grenzen des Möglichen und des Legitimen. Er operiert nicht auf der Ebene der Wahrheit, sondern auf der des Akzeptablen – er überzeugt nicht, er rahmt.

Doch diese symbolische Ordnung ist weniger eine Antwort auf die Welt als eine Entlastung von ihr. Hier gewinnt die Einsicht von Hans Blumenberg ihr besonderes Gewicht: «Der Mythos ist eine Weise, mit der Ungewißheit der Welt umzugehen». Mythos erklärt nicht – er macht das Unerklärliche erträglich. Er löst keine Widersprüche auf, sondern bringt sie in eine Form, die bewohnbar bleibt. Genau darin liegt seine politische Wirksamkeit: Er beendet Konflikte nicht, sondern macht sie handhabbar.

Politik erscheint so nicht als Gegenpol zum Mythos, sondern als ein Feld, das ohne ihn kaum auskommt. Sie operiert mit Voraussetzungen, die sich rational nicht vollständig begründen lassen, und greift zugleich auf symbolische Formen zurück, um Verbindlichkeit zu erzeugen und diese als selbstverständlich erscheinen zu lassen.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob sich der Mythos überwinden lässt, sondern: Wer ihn formt – und in welcher Gestalt durch ihn Wirklichkeit neu entworfen wird.

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