Arminius und der Wald, den nicht jeder sieht

Verfasst von

in

Im Herbst des Jahres 9 n. Chr. marschierten drei römische Legionen unter dem Kommando des Publius Quinctilius Varus nach Germanien. Arminius, der einst im römischen Heer gedient hatte, dessen Sprache und Kriegskunst kannte und mit der Macht Roms aus eigener Erfahrung vertraut war, führte in den Wäldern des Teutoburger Waldes germanische Stämme gegen die Römer. Die Schlacht endete in einer Katastrophe für Rom.

Doch die eigentlich interessante Frage lautet nicht nur: Wer hat gesiegt? Sondern: Was war Arminius?

Für Rom war er ein Aufständischer und Verräter, für jene, die mit ihm kämpften, ein Anführer des Widerstands gegen eine fremde Macht. Jahrhunderte später wurde Arminius als «Hermann» zu einer Figur des deutschen kulturellen Gedächtnisses. Der Teutoburger Wald war nun nicht mehr nur Schauplatz einer militärischen Niederlage, sondern Teil einer Erzählung über Widerstand und nationale Zugehörigkeit.

Das Ereignis ist dasselbe geblieben. Seine Bedeutung hat sich verändert.

Hier beginnt das philosophische Problem. Wir leben nicht in einer Welt bloßer Tatsachen, sondern in einer Welt von Bedeutungen, durch die Tatsachen geordnet und gedeutet werden. Der Mensch steht nicht außerhalb der Geschichte. Er wird in eine Sprache hineingeboren, wächst in einer Kultur auf, erbt Erinnerungen und übernimmt Vorstellungen vom Menschen, von Gesellschaft, Herrschaft, Gut und Böse, lange bevor er beginnt, sie kritisch zu hinterfragen.

Hier liegt der eigentliche Sinn des Begriffs Weltanschauung. Sie ist nicht einfach eine Ansammlung politischer oder philosophischer Meinungen, sondern ein Deutungsrahmen, innerhalb dessen die Welt überhaupt erst verständlich wird. Der Nationalist betrachtet Geschichte durch die Kategorie der Nation, der Liberale durch das Individuum und seine Rechte, der Marxist durch Klasse und Produktionsverhältnisse, der Konservative durch Kontinuität und Überlieferung, der religiöse Mensch durch Schöpfung, Offenbarung, Schuld und Erlösung.

Keine dieser Perspektiven liefert lediglich eine andere Antwort. Sie bestimmt bereits mit, welche Fragen gestellt werden, welche Begriffe als selbstverständlich gelten und nach welchen Maßstäben Geschichte und Gesellschaft beurteilt werden.

Damit beginnt die politische Dimension. Hinter politischen Auseinandersetzungen stehen häufig unterschiedliche Vorstellungen davon, was der Mensch ist, was eine Gesellschaft zusammenhält, woher politische Legitimität stammt und welche Ordnung als sinnvoll gilt. Politik ist daher nicht nur ein Kampf um Macht, sondern auch ein Kampf darum, wie Wirklichkeit gedeutet wird.

Hier wird Nietzsche wichtig. Er fragte nicht nur: Was ist gut und was ist böse? Er fragte: Woher kommt überhaupt unsere Vorstellung vom Guten und Bösen? Warum erscheint uns ein bestimmter Wert selbstverständlich? Welches Menschenbild liegt ihm zugrunde, und welche Form des Lebens bringt er hervor?

Damit verschiebt sich die philosophische Frage: Wir fragen nicht nur «Ist dieser Wert richtig?», sondern ebenso: «Wie ist dieser Wert für uns zu einem gültigen Wert geworden?»

Von hier aus lässt sich auch die Bedeutung so unterschiedlicher Denker wie Max Weber, Karl Mannheim, Martin Heidegger, Carl Schmitt oder Eric Voegelin verstehen. Sie vertraten keineswegs dieselben Positionen, beschäftigten sich aber auf unterschiedliche Weise mit dem Verhältnis von Denken, Geschichte, Gesellschaft und Politik.

Auch Macht wirkt nicht nur durch Zwang. Sie kann darin liegen, Menschen dazu zu bringen, die Welt auf eine bestimmte Weise zu sehen. Wer festlegt, was als «natürlich», «vernünftig», «akzeptabel» oder «fortschrittlich» gilt, verfügt bereits über kulturelle Macht.

Hier wird Kultur zu einer anderen Form von Politik.

Die Anerkennung verschiedener Weltanschauungen bedeutet allerdings nicht, dass alles relativ wäre. Die Schlacht im Teutoburger Wald hat stattgefunden. Arminius hat gelebt. Das römische Heer wurde geschlagen. Das sind historische Tatsachen.

Aber eine Tatsache trägt ihre politische Bedeutung nicht immer schon in sich.

Das Ereignis ist das eine, seine Stellung innerhalb eines Geschichtsbildes etwas anderes.

Ein und dieselbe historische Gestalt kann in der einen Erzählung als «Verräter», in einer anderen als «Held» erscheinen. Damit sind die Begriffe nicht automatisch gleichwertig. Doch jeder von ihnen setzt bestimmte Vorstellungen von Legitimität, Zugehörigkeit und politischer Ordnung voraus.

Hier wird Erinnerung zu politischer Macht. Nationen leben nicht allein von Institutionen und Interessen, sondern auch von Bildern, die sie von sich selbst haben: Wer sind wir? Woher kommen wir? Wen erinnern wir als Helden? Welche Niederlagen bewahren wir im Gedächtnis? Was gilt uns als Verrat, was als Opfer?

Solche Fragen sind historisch und politisch zugleich, weil sie mitentscheiden, welche Gemeinschaft wir sein wollen.

Arminius war deshalb nicht nur eine historische Gestalt. Er wurde zu einem Symbol – zu einem Punkt, an dem die Vergangenheit zu einer Kraft der Gegenwart wird.

Vielleicht genügt es deshalb nicht zu fragen: «Welche Weltanschauung ist die richtige?» Zuvor müsste man fragen: «Aus welchem Horizont beurteilen wir überhaupt die verschiedenen Weltanschauungen?»

Der Mensch wählt den Rahmen, durch den er die Welt betrachtet, nicht immer selbst. Er erbt Sprache, Geschichte, Symbole und Erinnerungen und kann für selbstverständlich halten, was nur innerhalb seiner eigenen Zeit und Kultur selbstverständlich geworden ist.

Vielleicht gehört es deshalb zu den wichtigsten Aufgaben der Philosophie, den Rahmen sichtbar zu machen, durch den wir selbst sehen.

Und damit kehren wir zu Arminius zurück. Die Schlacht wurde zur Erinnerung, die Erinnerung zum Symbol, das Symbol zur Identität und die Identität zur Politik. Die Vergangenheit bleibt niemals einfach Vergangenheit. Sie tritt in die Gegenwart ein und wirkt an der Vorstellung von Zukunft mit.

Die großen Kämpfe finden daher nicht immer auf Schlachtfeldern statt. Manchmal finden sie in Sprache, Kunst, Bildung, Philosophie und Erinnerung statt. Und manchmal besteht der eigentliche Konflikt darin, wie wir die Geschichte eines Mannes erzählen, der vor zweitausend Jahren gelebt hat.

Denn die Frage «Wer war Arminius?» ist letztlich nicht nur eine Frage nach einem Mann.

Sie ist eine Frage danach, wer wir selbst sind.

Mohammad Sabbah


Entdecke mehr von Radio Stralsund – das freie Web-Radio

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert