Das globale Rennen

Von Dampfschiffen, Zollmauern und der neuen Geopolitik der KI

Wohlstand war nie ein statischer Zustand. Er war stets das Ergebnis von Wettbewerb, technischer Innovation und politischer Ordnung – und immer auch von Konflikten. Wer die Gegenwart verstehen will, in der sich die großen Mächte erneut in einem globalen Rennen um wirtschaftliche und technologische Vorherrschaft befinden, muss einen Blick zurück ins 19. Jahrhundert werfen. Denn viele der heutigen Auseinandersetzungen folgen vertrauten historischen Mustern.

Handel, Industrie und die Geburt der Großmächte

Im 19. Jahrhundert begann England das erste große Kapitel der industriellen Moderne. Die Kombination aus frühzeitiger Industrialisierung, Kolonialreich, Seemacht und Finanzzentrum machte Großbritannien zur dominierenden Wirtschaftsmacht seiner Zeit. Der Freihandel wurde zur ideologischen Leitlinie – nicht aus moralischer Überzeugung, sondern weil er den eigenen Vorsprung absicherte. Wer technologisch führt, profitiert von offenen Märkten.

Deutschland und Frankreich hingegen befanden sich in einer anderen Lage. Sie waren Nachzügler, Aufholer, Kopierer – und genau deshalb setzten sie auf Protektionismus. Zollschranken, staatliche Industriepolitik und gezielte Förderung nationaler Unternehmen waren keine Anomalie, sondern Voraussetzung für den eigenen Aufstieg. Der deutsche Zollverein, Bismarcks Industriepolitik und der gezielte Ausbau von Chemie-, Stahl- und Maschinenbauindustrie zeigen: Nationalstaaten wurden zu zentralen Akteuren im Kampf um Wohlstand.

Schon damals zeigte sich ein Grundmuster, das bis heute gilt:
Freihandel für die Starken, Schutz für die Aufholenden.

Kopieren als Motor des Aufstiegs

Die industrielle Geschichte Europas ist ohne Imitation nicht denkbar. England wurde kopiert – systematisch, manchmal illegal, oft erfolgreich. Patente wurden umgangen, Ingenieure abgeworben, Maschinen nachgebaut. Der technologische Vorsprung Englands schmolz, während Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts selbst zur führenden Industrienation aufstieg.

Dieses Muster wiederholt sich im 20. und 21. Jahrhundert – diesmal global. Deutschland wurde nach dem Zweiten Weltkrieg selbst zum Vorbild industrieller Effizienz. Und im 21. Jahrhundert war es China, das westliche Produktionsmodelle kopierte, skalierte und schließlich übertraf. Was lange als „Werkbank der Welt“ belächelt wurde, entwickelte sich zu einem technologischen Wettbewerber auf Augenhöhe.

Die Rückkehr der Großmachtkonkurrenz

Heute stehen sich mit den USA und China erneut zwei dominierende Akteure gegenüber. Doch der Wettbewerb hat seine Form verändert. Es geht nicht mehr primär um Textilien, Stahl oder Autos, sondern um digitale Infrastruktur, künstliche Intelligenz, Halbleiter und Rohstoffe.

Chips aus Taiwan sind zum neuralgischen Punkt der Weltwirtschaft geworden. Ohne sie funktionieren weder Smartphones noch moderne Waffensysteme, weder KI-Modelle noch industrielle Automatisierung. Gleichzeitig entscheidet der Zugang zu seltenen Erden darüber, wer die Energiewende, Elektromobilität und Hochtechnologie kontrolliert. China hat sich hier früh strategisch positioniert – nicht durch Zufall, sondern durch staatlich gelenkte Industriepolitik.

Die USA reagieren inzwischen mit eigenen protektionistischen Maßnahmen: Subventionen, Exportkontrollen, Investitionsbeschränkungen. Der Glaube an den globalen Freihandel als Garant für Stabilität ist erschüttert. Nationale Sicherheit und wirtschaftliche Souveränität rücken wieder ins Zentrum politischen Handelns.

KI als neue Schlüsseltechnologie

Künstliche Intelligenz markiert möglicherweise den nächsten großen Wendepunkt. Wer die leistungsfähigsten Modelle entwickelt, wer über die Rechenzentren, Daten und Chips verfügt, verschafft sich nicht nur ökonomische Vorteile, sondern politischen Einfluss. KI ist nicht nur Produktivkraft – sie ist Machtinstrument.

Wie schon im 19. Jahrhundert entscheidet sich hier, ob offene Märkte oder strategische Abschottung dominieren werden. Die Frage lautet nicht mehr, ob Staaten eingreifen, sondern wie stark und mit welchem Ziel.

Geschichte wiederholt sich – aber nicht identisch

Das globale Rennen um die Sicherung von Wohlstand folgt alten Logiken, aber unter neuen Bedingungen. Technologischer Vorsprung, staatliche Steuerung und geopolitische Interessen greifen enger ineinander als je zuvor. Nationalstaaten sind keineswegs Relikte der Vergangenheit – sie sind wieder zentrale Akteure.

Die Lehre aus der Geschichte ist ernüchternd und zugleich klar:
Wohlstand entsteht nicht im luftleeren Raum. Er wird erkämpft, verteidigt und neu definiert – immer wieder.

KK


Beitrag veröffentlicht

in

,

von

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert