Die Pandemie der Langeweile.
Glasfassaden, rechte Winkel, serielle Wiederholungen: Wer durch viele Neubauviertel geht, bewegt sich durch eine Architektur, die vor allem eines vermeidet – Auffälligkeit. Der britische Designer Thomas Heatherwick spricht von einer „Blandemic“, einer globalen Pandemie der Langeweile. Seine Diagnose trifft einen Nerv – auch in Berlin.
„Wir haben Orte geschaffen, an denen niemand gerne ist“, sagt Heatherwick in Interviews. Gemeint sind Gebäude, die zwar effizient funktionieren, aber kaum Emotionen auslösen. Fassaden ohne Tiefe, Raster ohne Variation – Architektur als Hintergrundrauschen.
Im Zentrum der Kritik steht der Einfluss des Modernismus und damit auch eine seiner Schlüsselfiguren: Le Corbusier. Seine Ideen – standardisierte Grundrisse, klare Geometrie, die Trennung von Funktionen – haben das Bauen weltweit geprägt. Für Heatherwick ist genau darin das Problem angelegt: „Wenn man Schönheit aus der Gleichung entfernt, bleibt nur noch Effizienz übrig.“
Doch so eindeutig ist die Sache nicht. Architekturhistoriker widersprechen. Le Corbusier habe nicht die monotone Stadt gewollt, sondern im Gegenteil bessere Lebensbedingungen. Licht, Luft, Grünflächen – seine Vision richtete sich gegen die Enge der Vorkriegsstadt. „Die heutige Gleichförmigkeit ist eher eine Vereinfachung seiner Ideen als deren Umsetzung“, heißt es aus Fachkreisen.
In Berlin lässt sich diese Ambivalenz konkret beobachten. Das Corbusierhaus im Westend – ein massiver, horizontal gegliederter Wohnblock – wirkt für manche wie ein Prototyp der funktionalen Großstruktur. Für andere ist es ein Denkmal sozialen Fortschritts, ein Experiment des gemeinschaftlichen Wohnens.
Auch das nahegelegene Hansaviertel erzählt diese Geschichte. Entstanden im Rahmen der Interbau 1957, sollte es die Stadt der Zukunft zeigen: aufgelockert, durchgrünt, modern. Heute wirkt es zugleich visionär und distanziert. Die Freiräume sind großzügig, doch die Gebäude bleiben oft kühl.
Heatherwicks Vorwurf zielt genau auf diese Distanz. Architektur, so seine These, habe sich vom Menschen entfernt. Studien stützen diese Wahrnehmung: Menschen reagieren messbar positiver auf abwechslungsreiche, detailreiche Fassaden als auf monotone Flächen.
Die Gründe für die heutige Baupraxis liegen jedoch nicht nur in ästhetischen Ideologien. Zeitdruck, Kostenoptimierung und standardisierte Bauprozesse begünstigen einfache Lösungen. Investoren verlangen Planungssicherheit, Städte schnellen Wohnraum. Das Ergebnis: Wiederholung.
Heatherwick fordert deshalb einen Kurswechsel. „Gebäude sollten uns etwas fühlen lassen“, sagt er. Mehr Mut zu Ornament, zu Materialität, zu Individualität – kurz: mehr Risiko.
Doch auch diese Forderung bleibt umstritten. Kritiker warnen vor einer Romantisierung. Architektur müsse bezahlbar bleiben, nachhaltig sein und auf komplexe urbane Anforderungen reagieren. Die Reduktion auf die Frage der Schönheit greife zu kurz.
Die Debatte um die „Blandemic“ ist damit mehr als ein ästhetischer Streit. Sie berührt den Kern der Stadtentwicklung: Wie wollen wir leben? In funktionalen Strukturen – oder in Räumen, die Identität stiften?
Berlin, mit seiner gebauten Geschichte zwischen Experiment und Pragmatismus, wird auf diese Frage eine eigene Antwort finden müssen.