Schlagwort: Hölderlin

  • 1790 – Die Studenten WG in Tübingen

    Dieser Podcast befasst sich mit dem Leben und dem intellektuellen Erbe von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, wobei insbesondere seine prägenden Jahre im Tübinger Stift hervorgehoben werden. Zusammen mit seinen Weggefährten Hölderlin und Schelling entwickelte er dort in einer Atmosphäre aus strenger Disziplin und dem Enthusiasmus für die Französische Revolution die Grundlagen des Deutschen Idealismus. Die Texte beleuchten das Spannungsfeld seiner Philosophie, die einerseits als radikales Denken der Freiheit gefeiert wird, während sie andererseits aufgrund rassistischer Passagen und Vorwürfen des Totalitarismus in der modernen Forschung umstritten bleibt. Darüber hinaus dokumentieren Briefwechsel und historische Anekdoten seinen beruflichen Werdegang von Jena bis Berlin sowie seine lebenslange politische Haltung als Verteidiger bürgerlicher Rechte. Insgesamt zeichnen die Quellen das Bild eines komplexen Denkers, dessen Einfluss auf die politische Philosophie und Soziologie bis heute weltweit von zentraler Bedeutung ist.

    Hegels Studienzeit im Tübinger Stift (1788–1793) war geprägt durch seine enge Gemeinschaft mit Friedrich Hölderlin und dem fünf Jahre jüngeren, als geistig frühreif geltenden Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Diese drei Studenten, die später als das „Tübinger Dreigestirn“ bekannt wurden, teilten sich zeitweise eine enge, beheizbare Stube im zweiten Stock des Stifts.

    Hier sind die zentralen Aspekte ihrer gemeinsamen Jahre:

    • Geistiger Widerstand und verbotene Lektüre: Der Alltag im Stift war von strenger Disziplin, Zensur und einer „entwürdigenden Bevormundung“ durch die religiöse Orthodoxie geprägt. Um dieser Enge zu entfliehen, lasen die Freunde heimlich verbotene Schriften von Autoren wie Rousseau, Kant, Spinoza, Voltaire und Schiller. Diese Bücher versteckten sie oft unter Steinen am Neckarufer.
    • Begeisterung für die Französische Revolution: Die Ereignisse von 1789 in Frankreich waren das politische Grunderlebnis ihrer Studienzeit. Sie betrachteten die Revolution als ein „echt philosophisches Schauspiel“ und als „Morgenröte der Freiheit“. Es bildeten sich konspirative studentische Zirkel, in denen französische Zeitungen „verschlungen“ wurden; Hegel galt dabei vermutlich als einer der Wortführer. Einer bekannten Anekdote nach sollen Hegel, Hölderlin und Schelling am 14. Juli 1793 sogar einen Freiheitsbaum auf dem Tübinger Marktplatz errichtet und umtanzt haben.
    • Gemeinsame Slogans und Symbole: Als Erkennungszeichen ihrer Freundschaft und ihrer philosophischen Ziele dienten Losungen wie „Reich Gottes!“ und die griechische Formel „Ἓν καὶ Πᾶν“ (Hen kai pan – Eins und Alles). In ihren Gesprächen machten sie die Freiheit zu ihrem zentralen Thema und legten den Grundstein für den Deutschen Idealismus.
    • Hegels Rolle und Charakter: Innerhalb der Gruppe hatte Hegel den Spitznamen „alter Mann“. Er galt als besonnener und „spätzünderischer“ im Vergleich zu seinen Mitbewohnern, war aber wegen seines heiteren Wesens bei den Kommilitonen beliebt.
    • Das „Älteste Systemprogramm“: Ein wichtiges Zeugnis ihres gemeinsamen Denkens ist das sogenannte Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus (ca. 1796/97). Der Text ist in Hegels Handschrift überliefert, spiegelt aber Ideen wider, die vermutlich in den intensiven Debatten der drei Freunde in Tübingen entstanden sind, darunter die Forderung nach dem Verschwinden des Staates und die Idee einer „Neuen Mythologie“.

    Trotz der strengen theologischen Ausbildung wurde keiner der drei später Pfarrer. Ihre in der „Idealismusschmiede“ des Stifts geknüpfte Verbindung hielt über Briefwechsel noch Jahre nach dem Studium an. Während Schelling jedoch bereits mit 23 Jahren Professor wurde, schlug Hegel zunächst den mühsameren Weg als Hauslehrer ein.