Dieser Podcast dokumentiert das bewegte Leben und die literarische Arbeit des jüdisch-österreichischen Autors Franz Werfel, wobei der Schwerpunkt auf seiner Flucht vor dem Nationalsozialismus liegt. Zusammen mit seiner Ehefrau Alma Mahler-Werfel und Weggefährten wie Heinrich Mann gelang ihm 1940 unter lebensgefährlichen Umständen die Emigration aus Frankreich über die Pyrenäen in die USA. Ein zentrales Motiv ist dabei Werfels tiefgreifende Verbindung zur christlichen Mystik, die trotz seiner jüdischen Identität seine Werke maßgeblich prägte. Besonders hervorgehoben wird sein Aufenthalt in Lourdes, der ihn zu dem weltberühmten Roman „Das Lied von Bernadette“ inspirierte. Die Texte beleuchten zudem die komplexe Beziehung des Paares sowie die bürokratischen Hürden und persönlichen Entbehrungen während ihres Exils in Kalifornien. Abschließend bieten die Quellen einen Überblick über Werfels Gesamtwerk, das sich immer wieder mit Fragen von Glauben, Schuld und der menschlichen Suche nach Erlösung auseinandersetzt.
Wie verlief die abenteuerliche Flucht der Werfels über die Pyrenäen?
Die abenteuerliche Flucht von Alma und Franz Werfel über die Pyrenäen im Jahr 1940 war eine dramatische Odyssee, die von ständiger Angst vor Entdeckung, körperlicher Erschöpfung und glücklichen Wendungen geprägt war.
1. Vorgeschichte: Irrfahrt und das Gelübde von Lourdes
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich flohen die Werfels am 2. Juni 1940 überstürzt aus ihrem Exil in Sanary-sur-Mer. Nach einer zweiwöchigen, nervenaufreibenden Fahrt in Mietautos über Bordeaux zur spanischen Grenze im Westen, an der ein Grenzübertritt jedoch scheiterte, strandeten sie schließlich in Lourdes. Während ihres dortigen siebenwöchigen Aufenthalts legte Franz Werfel – der als jüdischer Intellektueller unter extremster Lebensgefahr stand – ein feierliches Gelübde ab: Sollte ihnen die Flucht nach Amerika gelingen, werde er die Geschichte der heiligen Bernadette Soubirous aufschreiben.
Das Paar kehrte danach unter falschem Namen nach Marseille zurück. Dort trafen sie auf Heinrich Mann, dessen Ehefrau Nelly sowie deren Neffen Golo Mann. Gemeinsam mit dem amerikanischen Fluchthelfer Varian Fry vom Emergency Rescue Committee versuchten sie verzweifelt, die erforderlichen Visa für die USA, Spanien und Portugal zu organisieren.
2. Der Aufbruch und das Scheitern in Cerbère
Am 12. September 1940 um fünf Uhr morgens verließ die Fluchtgruppe Marseille mit dem Zug. Zuvor hatte Franz Werfel am Vortag all seine Schriften und Skizzen in einer Aschenschale verbrannt. Über Perpignan reisten sie nach Cerbère an der französisch-spanischen Grenze.
Dort stellte sich jedoch heraus, dass die Grenzbeamten sie trotz ihrer amerikanischen Papiere nicht legal passieren lassen wollten. Da die Zeit drängte und der reguläre Grenzübergang versperrt blieb, beschloss die Gruppe, die Pyrenäen illegal zu Fuß zu überqueren.
3. Der beschwerliche Marsch über die Berge
Am Morgen des 13. September 1940 brach die Gruppe auf. Nelly Mann geriet im Dorf in Panik, da es sich um einen „Freitag, den 13.“ handelte und sie unbedingt umkehren wollte. Nach einer Verzögerung, weil Golo Mann zuvor noch ein erfrischendes Bad im Meer genommen hatte, begann schließlich der Aufstieg.
Ein junger amerikanischer Helfer führte sie abseits der Straße auf steilen, steinigen Pfaden nach oben, bis sie schließlich weglos klettern mussten. Unter der brennenden spanischen Sonne war der Marsch eine Tortur:
- Sie kletterten über spiegelglatte, flimmernde Schiefersteine direkt an tiefen Abgründen.
- Zum Festhalten beim Ausrutschen gab es nichts als stachelige Disteln.
- Nach zwei Stunden verließ sie der Führer auf dem Berggipfel, um den älteren Heinrich Mann nachzuholen, sodass Alma und Franz Werfel zunächst völlig allein auf dem Gipfel standen.
4. Absurde Grenzbegegnungen und Port Bou
Auf dem Gipfel stießen sie auf die Hütte eines spanischen Grenzpostens. Alma bestach den dortigen katalanischen Soldaten mit Zigarettenschachteln. Dieser führte sie jedoch fälschlicherweise nicht tiefer nach Spanien, sondern direkt zum französischen Grenzposten zurück.
Dort wurden sie vor den Postenchef geführt. Alma war völlig erschöpft, trug alte Sandalen und schleppte eine Tasche mit ihrem restlichen Geld, Schmuck sowie der wertvollen Originalpartitur von Anton Bruckners 3. Symphonie bei sich (die restlichen 12 Koffer brachte Varian Fry später mit der Bahn über die Grenze). Der französische Grenzchef hatte jedoch Mitleid mit dem sichtlich heruntergekommenen Paar und winkte sie ohne Stempel einfach durch.
Nach dem weiteren Abstieg in unvorstellbarer Hitze erreichten sie schließlich Port Bou. Dort gaben sie lokalen Trägern fast ihr gesamtes verbliebenes Geld in Francs, woraufhin diese sich überschlugen, um ihnen bei der Unterkunft und dem Gepäck zu helfen.
Bei der gefürchteten Passkontrolle am Bahnhof von Port Bou saßen sie „wie arme Sünder“ auf einer schmalen Wandbank. Heinrich Mann reiste unter dem Falschnamen „Heinrich Ludwig“, während Franz Werfel und Golo Mann unter ihren echten Namen extrem gefährdet waren. Nach qualvollem Warten wurden ihre amerikanischen Papiere jedoch von den spanischen Behörden akzeptiert und abgestempelt.
5. Über Lissabon in die Freiheit
Nach einer Nacht in einem vom Bürgerkrieg zerschossenen Hotel reisten sie per Bahn über Barcelona nach Madrid. Da an der portugiesischen Grenze im Zug systematisch Emigranten verhaftet wurden, flogen sie von Madrid nach Lissabon.
Dort gab es bei der Passkontrolle erneute Schrecksekunden, da der Beamte misstrauisch die Werksliste von Franz Werfel prüfte und ihn wegen Werfels jüdischer Herkunft befragte. Schließlich erhielten sie jedoch den Einlassstempel und verbrachten zwei Wochen in paradiesischer Ruhe im Hotel in Estoril.
Am 13. Oktober 1940 ging die abenteuerliche Flucht schließlich zu Ende, als sie an Bord des griechischen Schiffs „Nea Hellas“ in New York einliefen und nach Monaten der Todesangst wieder freien Boden betraten.
Werfel hat diese teils absurden und gefährlichen Erlebnisse der Flucht später in seinem Theaterstück „Jakobowski und der Oberst“ verarbeitet. Ich könnte dir heraussuchen, welche realen Stationen und Personen der Flucht sich in dem Stück wiederfinden.
Welche Figuren aus der Fluchtgruppe finden sich im Theaterstück wieder?
In den vorliegenden Quellen wird zwar erwähnt, dass Franz Werfel die abenteuerliche Flucht der Gruppe in seinem Theaterstück „Jakobowski und der Oberst“ verarbeitet hat. Allerdings enthalten die Materialien keine detaillierten Informationen darüber, welche konkreten Figuren des Stücks den realen Mitgliedern der Fluchtgruppe (wie Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, Heinrich Mann, Nelly Mann, Golo Mann oder Varian Fry) zugeordnet werden können.
Aus den Dokumenten geht lediglich hervor, dass diese Personen gemeinsam zu Fuß über die Pyrenäen flohen, was als Inspiration für das Werk diente.
Hier ist, was ich über die realen Vorbilder der Charaktere in Franz Werfels Stück „Jacobowsky und der Oberst“ herausgefunden habe:
Die Figuren basieren maßgeblich auf den realen Fluchterlebnissen des jüdisch-polnischen Bankiers Stephan (Stefan) S. Jakobowicz, den Werfel im Mai 1940 auf seiner eigenen Flucht in Lourdes traf und der ihm seine abenteuerliche Odyssee schilderte.
Besondere Erkenntnisse und Themen:
- Der echte Jacobowsky: Die Hauptfigur S. L. Jacobowsky geht direkt auf den Stuttgarter Bankier Stephan S. Jakobowicz zurück, der im Juni 1940 zusammen mit einem polnischen Offizier in einem alten Auto aus dem besetzten Paris in den Süden floh. Er widmete später eine Erstausgabe des Stücks als „der wahre Jacobowsky“.
- Der reale Oberst: Auch für den hochmütigen, polnischen Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky gab es ein echtes Gegenüber — jenen polnischen Offizier, der mit Jakobowicz floh und ihm anfangs sogar verbot, persönliche Gegenstände mitzunehmen.
- Werfels eigene Fluchtgruppe: Obwohl Werfel die Kernanekdote von Jakobowicz übernahm, verwob er darin die Erlebnisse, die Groteske und die Ängste seiner eigenen Pyrenäen-Fluchtgruppe (mit Alma, Heinrich Mann, Nelly und Golo Mann). So gilt die Figur des Lehrers Oskanian als ironische Selbstparodie Werfels.
- Humor als Überlebenswaffe: Im Hollywood-Exil brachte Werfel seine Freunde (wie Max Reinhardt und die Strawinskys) oft mit absurden Anekdoten seiner Flucht zum Lachen, woraus die gesamte Tonalität des Stücks entstand.
- Marianne als Frankreichs Seele: Während die Männer reale Vorbilder haben, ist die weibliche Hauptfigur Marianne eine reine Allegorie auf Frankreichs ungebrochenen Widerstandsgeist.
In Franz Werfels Theaterstück „Jacobowsky und der Oberst“ ist die Figur der Marianne eine bewusste Allegorie auf den französischen Freiheitswillen und die Résistance.
Diese symbolische Bedeutung zeigt sich im Werk an folgenden Aspekten:
- Verkörperung der Nation („Madame la France“): Marianne wird im Stück direkt als „Madame la France“ bezeichnet. Ihr Name knüpft an das historische Nationalsymbol der französischen Republik (die „Marianne“) an.
- Kein reales Vorbild: Im Gegensatz zu den männlichen Hauptfiguren Jacobowsky und dem Oberst, die auf realen Personen basieren (dem Bankier Stefan S. Jakobowicz und einem polnischen Offizier), hat Marianne kein physisches Vorbild in Werfels tatsächlicher Pyrenäen-Fluchtgruppe. Sie wurde von Werfel als reine Symbolfigur erschaffen.
- Entscheidung dazubleiben und Unbesiegbarkeit: Während Jacobowsky und dem Oberst die Flucht gelingt, entscheidet sich Marianne am Ende, im besetzten Frankreich zurückzubleiben. Dies symbolisiert den aktiven Kampf des französischen Volkes gegen die Eindringlinge aus dem Landesinneren heraus. Werfel inszeniert sie damit als Sinnbild für eine Nation, deren Freiheitsdrang letztlich unbesiegbar ist.
- Einordnung im allegorischen Gefüge: Der tiefere Sinn ihrer Figur wird für den Zuschauer besonders deutlich, wenn im Stück andere hochgradig symbolische Figuren wie der „Ewige Jude“ (der das KZ Dachau überlebt hat) und der Heilige Franziskus gemeinsam auftreten. In diesem Beziehungsgefüge sticht Marianne als eigentliche, moralische Hauptheldin hervor, während der hochmütige Oberst im Vergleich dazu nur als geschlagener, schwacher Krieger erscheint.
n Ergänzung zu Mariannes Rolle als nationaler Allegorie treten in Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ weitere theologische und mythologische Symbole auf, die das Stück tief in Werfels eigenem, komplexen Weltbild verankern.
Die wichtigsten theologischen Symbole und Bezüge im Stück lassen sich wie folgt einordnen:
1. Das symbolische Paar: Der „Ewige Jude“ und der Heilige Franziskus
Der tiefere, metaphysische Sinn des Stücks offenbart sich dem Zuschauer spätestens beim gemeinsamen Auftritt zweier hochgradig symbolischer Figuren:
- Der Ewige Jude (Ahasver): Diese uralte christlich-jüdische Legendenfigur verkörpert bei Werfel das zeitgenössische jüdische Schicksal im Zweiten Weltkrieg. Werfel verleiht der mythologischen Figur eine beklemmend reale Dimension, indem er im Stück erwähnt, dass dieser Ewige Jude zwei Jahre im Konzentrationslager Dachau hinter sich hat.
- Der Heilige Franziskus: Als Gegenpart tritt der Heilige Franziskus von Assisi auf, eine der am meisten verehrten Heiligengestalten der katholischen Kirche.
Dieses Zusammentreffen ist kein Zufall, sondern spiegelt Werfels eigene existenzielle Position als „jüdischer Grenzgänger mit christlichem Sensorium“ wider. Werfel, der aus einer jüdischen Familie stammte, war zeitlebens von einer tiefen Sehnsucht nach einer Versöhnung zwischen dem Urjudentum und der katholischen Kirche geprägt. Er zeichnete in seinen Werken oft religiöse Grenzgänger oder „jesusgläubige Juden“, die in ihrer Zerrissenheit nirgends sesshaft werden (wie in seinem Drama Paulus oder in der Figur des Alfred Engländer in Barbara oder die Frömmigkeit). In der Begegnung zwischen dem Ewigen Juden und dem Heiligen Franziskus im Stück inszeniert Werfel diese Sehnsucht nach einem friedlichen, fast mystischen Miteinander.
2. Der sprechende Name „Jacobowsky“
Auch der Name der jüdischen Hauptfigur ist theologisch aufgeladen. Jacobowsky leitet sich direkt vom biblischen Stammvater Jakob (Israel) ab.
- In der biblischen Tradition ist Jakob derjenige, der „mit Gott und den Menschen gerungen und gesiegt“ hat.
- Im Stück zeigt sich Jacobowsky trotz ständiger Flucht und Lebensgefahr als der eigentlich Überlegene, der mit Lebensklugheit und Chuzpe das Überleben der Gruppe sichert. Er bildet das moralische Fundament des Stücks, während sein Gegenpart, der polnische Oberst, trotz seines stolzen militärischen Gehabes am Ende nur als ein „mit ziemlich allen menschlichen Schwächen behafteter geschlagener Krieger“ dasteht.
3. Werfels katholische Symbolwelten
Werfels lebenslange Beschäftigung mit den Themen Schuld, Gnade, Opfer und Erlösung führte ihn immer wieder in die Nähe katholischer Symbolwelten, ohne dass er dabei jemals seine jüdische Herkunft auslöschte. Für ihn war Christus „das entscheidende Ereignis der jüdischen Geschichte“. Diese theologische Gratwanderung ermöglichte es ihm, in „Jacobowsky und der Oberst“ die traumatische Erfahrung der Vertreibung und des Exils nicht nur als historisches Ereignis zu schildern, sondern sie allegorisch zu einer universellen Parabel über das menschliche Leiden und die rettende Kraft der Mitmenschlichkeit zu erheben.
Was war das Motiv des „berechnenden Himmels“?
Das Motiv des „berechnenden Himmels“ ist das theologische und moralische Kernthema in Franz Werfels 1939 erschienenem Roman Der veruntreute Himmel.
Es bezeichnet eine naive, fast geschäftsmäßige Form der Frömmigkeit, bei der das jenseitige Seelenheil wie eine Ware durch ein Tauschgeschäft gesichert werden soll:
- Das religiöse „Geschäft“: Die fromme, tschechische Dienstbotin Teta Linek opfert über dreißig Jahre lang all ihre hart erarbeiteten Ersparnisse, um ihrem Neffen Mojmir das Priesterstudium zu finanzieren. Ihr Kalkül dahinter ist rein pragmatisch: Nach ihrem Tod soll der Neffe als geweihter Priester heilige Messen für sie lesen und ihr so einen sicheren, quasi „vertraglich garantierten“ Platz im Himmel verschaffen.
- Religion als Tauschhandel: Teta versucht auf diese Weise, ihre Unsterblichkeit im Jenseits abzusichern. Religion verkommt bei ihr zu einer Art menschlicher Buchführung und einem bloßen Tauschhandel zwischen Mensch und Gott.
- Der Zusammenbruch des Kalküls: Das religiöse Geschäft erweist sich als bitterer Betrug. Mojmir wird nie Priester, sondern erschwindelt sich nur Tetas Geld für ein moralisch zweifelhaftes Leben. Als Teta den Betrug aufdeckt, bricht ihre naive Frömmigkeit und ihre vermeintliche jenseitige Sicherheit in sich zusammen.
Werfel zeigt mit diesem Motiv eindringlich die Gefahren eines berechnenden Glaubens auf. Das Seelenheil lässt sich nicht durch menschliche Transaktionen erzwingen. Teta findet ihren inneren Frieden erst, als sie sich von diesem rationalen Tauschgeschäft löst, eine demütige Pilgerfahrt nach Rom antritt und die befreiende Kraft göttlicher Gnade jenseits aller Buchführung erfährt.
KK