Schlagwort: Berlin

  • Berlin – immerfort werden, niemals sein

    «Berlin ist dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein.»

    Karl Scheffler schrieb diesen Satz 1910. Er war keineswegs als Liebeserklärung gemeint. Scheffler sah in Berlin eine Stadt ohne organisch gewachsene Gestalt, eine Metropole des Tempos, der Improvisation und der Expansion – und gerade darin lag für ihn ihre eigentümliche Tragik.

    Ein Jahrhundert später liest sich der Satz beinahe wie eine Verheißung.

    Berlin wurde, was andere Städte längst zu sein beanspruchten: eine Stadt ohne endgültige Form. Kaiserreich, Republik, Diktatur, Teilung, Mauer, Wiedervereinigung – jede Epoche hat Berlin verändert, keine hat es endgültig festgelegt.

    Vielleicht liegt darin das eigentliche Berliner Privileg: nicht festgelegt zu sein.

    Doch eine Stadt, die immerfort wird, stellt an jede Politik, die sie gestalten und verwalten will, eine unangenehme Frage:

    Was soll bleiben?

    Denn Kultur ist in Berlin niemals nur Kultur gewesen. Sie berührt die Erinnerung, die Architektur, die Lebensformen, die Milieus – und damit auch die Frage, welches Bild eine Gesellschaft von sich selbst entwerfen will.

    Thomas E. Schmidt schrieb 2004 in der ZEIT über den Berliner «Kulturkampf»:

    «Wenn sich die deutsch-deutschen Gemüter reiben und Hitze im Land entsteht, schlagen in Berlin schon die Flammen hoch.»

    Schmidt beschreibt die Berliner Kultur als «mehr denn je ein symbolisches Schlachtfeld, auf dem anderes, Größeres ausgefochten wird».

    Darin liegt vielleicht ein Schlüssel zum Verständnis Berlins.

    Denn hier wird an der Kultur oft über Dinge gestritten, die weit über die Kultur hinausreichen: über Ost und West, Erinnerung und Vergessen, Kontinuität und Bruch – und letztlich über die Frage, welches Bild Deutschland von sich selbst entwerfen will.

    Berlin ist deshalb nicht nur Hauptstadt der Bundesrepublik. Es ist ihr Gedächtnisraum, ihr Widerspruchsraum – und bisweilen ihr Versuchslabor.

    Was kulturell auf dem Spiel steht, betrifft daher selten nur ein Museum, ein Theater oder einen Stadtraum. Es geht um die Deutung dessen, was war, und um die leisere Frage, welche Vergangenheit noch Gegenwart beanspruchen darf.

    Doch Bewahren ist niemals nur Bewahren.

    Wer Räume schützt, bewahrt Lebensformen.

    Wer Institutionen erhält, entscheidet über Kontinuitäten.

    Wer Erinnerungsorte verteidigt, wirkt daran mit, welche Vergangenheit im öffentlichen Gedächtnis fortlebt.

    Denn Städte sind keine bloßen Räume. Sie sind Speicher menschlicher Gewohnheiten.

    In ihnen lagern sich Lebensformen ab: die Art, wie Menschen wohnen, sich bewegen, feiern, streiten, schweigen und sich an Vergangenes erinnern. Eine Stadt bewahrt ihre Geschichte nicht nur in Archiven und Denkmälern. Sie bewahrt sie in ihren Gewohnheiten.

    Wer diese Gewohnheiten verändert, verändert daher mehr als das äußere Gesicht einer Stadt. Er verändert die Bedingungen, unter denen Menschen sich in ihr wiedererkennen.

    Vielleicht beginnt hier die eigentliche Anthropologie der Stadt: Der Mensch lebt nicht in einem neutralen Raum. Er lebt in Ordnungen, die ihm vorausgehen – in Straßen, Institutionen, Ritualen, Sprachen und Erinnerungen. Erst durch diese vorgefundenen Formen wird aus bloßem Raum ein bewohnter Ort.

    Und gerade deshalb ist jede Politik des Bewahrens zugleich eine Politik darüber, welche Formen des Lebens Zukunft haben sollen.

    Vielleicht ist das die eigentümliche Wendung der Berliner Linken: Aus der Politik des Aufbruchs ist eine Politik des Bewahrens geworden.

    Doch gerade Berlin macht die Sache kompliziert.

    Denn was geschieht mit einer Stadt, deren historische Eigenart gerade darin besteht, nicht fertig zu sein, wenn ihre Kulturpolitik zunehmend von Schutz, Sicherung und Bewahrung spricht?

    Vielleicht liegt hier die eigentliche Berliner Paradoxie:

    Die Stadt, die niemals ganz «sein» konnte, muss plötzlich entscheiden, was von ihr bleiben soll.

    Damit wird Kulturpolitik zu einer Frage, die tiefer reicht als die Kulturpolitik selbst. Sie berührt Vorstellungen von Geschichte, Stadt und Gesellschaft – und schließlich die schlichte, aber unbequeme Frage:

    Was darf sich verändern, ohne dass die Erinnerung abreißt? Und was muss bleiben, damit Veränderung überhaupt noch als Veränderung dieser Stadt erkennbar ist?

    Vielleicht sollte Berlin deshalb nicht danach streben, endlich zu wissen, was es ist.

    Vielleicht wäre es klüger, seine alte Unfertigkeit nicht als Mangel, sondern als eine Form von Freiheit zu begreifen.

    Denn eine Stadt lebt nicht nur von dem, was sie bewahrt.

    Sie lebt auch von dem, was in ihr noch geschehen darf.

    Muhammed Sabbah

    Eduard Gaertner – Berlin zwischen Werden und Bewahren:

    «Panorama von Berlin» (1834)

    «Barrikade in der Breiten Straße» (1848)

    «Die Brüderstraße» (1863)

  • Ahnungslos in Berlin

    “Im Alter von 24 Jahren wachte Byron auf und wusste dass er berühmt war. So ähnlich ging es Lovelock. Am 6. August 1936 stand der bisher in Deutschland unbekannte Medizinstudent aus Neuseeland am Berliner Reichssportfeld, umjubelt von 120000 Zuschauern: er hatte nicht nur die erste olympische Goldmedaille für Neuseeland gewonnen; sein “makelloser” 1500 Meter Lauf gilt noch heute als klassisches Beispiel in der Geschichte internationaler Leichtathletik.”

    Dies ist der Klappentext von “Ahnungslos in Berlin” von James McNeish aus der LCB-Edition.

    Der Autor beschreibt seine Reise im Jahre 1983 in Berlin. Er ist auf den Spuren von Lovelock, der während der Berliner Olympiade 1936 die Bestleistung im 1500 Meter Lauf erzielte. Diese Spurensuche ist spannend geschrieben und verrät viele Details dieser Alibi Olympiade unter der Ägide von Adolf Hitler ausgerichtet und von den Nationen der Welt honoriert. Außerdem ist es eine schöne Beschreibung des damaligen West-Berlin im Jahre 1983.

    Ahnungslos in Berlin - James McNeish