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  • Ich bin Hausarzt

    Ich bin Hausarzt oder :

    DER GÜRTEL DES NACHBARN

    Vor 40 Jahren habe ich Abitur gemacht. Danach begann ich, Medizin zu studieren,zu lernen, zu praktizieren und schließlich selber Verantwortung für Patienten zu übernehmen. Seit mehr als 26 Jahren bin ich als Internist , Hausarzt und Betriebsmediziner in einer ostwestfälischen Kleinstadt niedergelassen: in Beverungen.

    Wer in Berlin sitzt, weiß vielleicht nicht einmal genau, wo Beverungen liegt. Unser Bundestagsabgeordneter – sofern er es noch nicht vergessen hat – wird es hoffentlich wissen.

    Denn in Beverungen glaubt man, der eigene Ort sei der Mittelpunkt der Welt. Das ist in kleinen Städten so. Besonders dort, wo die Strukturen schwach sind, wo Entfernungen größer werden, Ärzte fehlen und die Menschen darauf angewiesen sind, dass diejenigen, die Verantwortung tragen, ihre Lebenswirklichkeit kennen.

    Ich kenne diese Lebenswirklichkeit.

    Und ich kenne unser Gesundheitssystem.

    Seit den frühen 1990er-Jahren erlebe ich, wie aus einem System, das eigentlich der Versorgung kranker Menschen dienen sollte, zunehmend ein bürokratisches, finanziell ausgedünntes und politisch gesteuertes Monstrum geworden ist.

    Ein System, in dem sich Funktionäre immer neue Zuständigkeiten und Einkommen schaffen, während Ärzte, Therapeuten, Pflegekräfte, Krankenhäuser und vor allem Patienten den Gürtel immer enger schnallen müssen.

    Jeder redet vom Sparen.

    Und jeder zieht den Gürtel des anderen enger.

    Vor allem die Politik.

    Dabei ist Deutschland kein armes Land. Der Staat verfügt über gewaltige Einnahmen. Für 2026 werden für Bund, Länder, Gemeinden und EU-Anteile zusammen Steuereinnahmen von mehr als einer Billion Euro erwartet. Hinzu kommen Sozialabgaben, Energie- und Mehrwertsteuern, CO₂-Abgaben, Gebühren, Umlagen und vieles mehr.

    Geld ist also vorhanden – wie Dreck, hätte mein Vater gesagt.

    Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

    Ist Geld da?

    Sondern:

    Wofür wird es ausgegeben?

    Denn wenn es um politische Projekte, internationale Verpflichtungen, Entwicklungshilfe, Klimafinanzierung, Ukraine-Unterstützung oder andere staatliche Vorhaben geht, findet sich erstaunlich häufig eine Finanzierung.

    Wenn es dagegen um die medizinische Versorgung des eigenen Landes geht, wird plötzlich gespart.

    Dann wird gerechnet.

    Dann wird gekürzt.

    Dann wird reformiert.

    Und dann heißt es:

    Der Gürtel muss enger geschnallt werden.

    Aber merkwürdigerweise fast immer am Gürtel des anderen.

    Währenddessen steigen die finanziellen Leistungen und Privilegien des politischen Apparates weiter. Bundestagsabgeordnete erhalten hohe Diäten und eine steuerfreie Aufwandspauschale. Für Mitarbeiter, Büros, Reisen und weitere Leistungen stellt der Staat zusätzliche Mittel bereit.

    Das ist alles politisch legitimiert.

    Aber dann sollte man wenigstens ehrlich sein.

    Wenn von Sparzwängen gesprochen wird, sollte man zuerst dort anfangen, wo die Entscheidungen getroffen werden.

    Denn inzwischen soll Bundesgesundheitsministerin Warken im System der gesetzlichen Krankenversicherung Milliarden einsparen – zunächst knapp 20 Milliarden Euro, perspektivisch bis 2030 rund 40 Milliarden.

    Und wo soll gespart werden?

    Natürlich dort, wo es weh tut.

    Bei der Versorgung.

    Gleichzeitig soll der Hausarzt immer mehr Aufgaben übernehmen: erste Anlaufstelle, Lotse, Steuerungsinstanz, Filter und Koordinator eines zunehmend komplizierten Systems.

    Mehr Verantwortung.

    Mehr Patienten.

    Mehr Bürokratie.

    Mehr Kontrolle.

    Aber weniger Geld.

    Das ist keine Reform.

    Das ist organisierter Realitätsverlust.

    Man kann nicht die Hausarztpraxis zur tragenden Säule der medizinischen Versorgung erklären und ihr gleichzeitig die Fundamente wegschlagen.

    Doch genau das geschieht.

    Der Arzt soll immer mehr leisten und gleichzeitig immer stärker zum Instrument staatlicher Steuerung werden.

    Und wenn die Politik dann auch noch die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurückdrängen und Patienten wieder wegen jeder Bescheinigung persönlich in die Praxis holen will, zeigt sich dieselbe Logik.

    Missbrauchsgefahr lautet die Begründung.

    Die Realität sieht anders aus.

    Der kranke Patient verschwindet nicht, nur weil man ihm die telefonische AU nimmt.

    Er kommt dann eben mit Fieber, Husten, Ausschlag, Gliederschmerzen oder einem Infekt ins Wartezimmer.

    Das ist nicht automatisch bessere Medizin.

    Es ist häufig einfach mehr Bürokratie, mehr Aufwand und mehr Ansteckungsgefahr.

    Politik am grünen Tisch hat mit der Realität einer Hausarztpraxis manchmal ungefähr so viel zu tun wie ein Fahrplan mit einem Stau.

    Und während all das geschieht, muss sich ein Arzt von einem Bundeskanzler auch noch sagen lassen, er sei ein „Nutznießer“ des Gesundheitssystems.

    Was für ein bemerkenswertes Verständnis von medizinischer Versorgung.

    Natürlich verdient ein Arzt Geld mit seiner Arbeit. Das tun Lehrer, Handwerker, Ingenieure, Richter und viele andere Menschen ebenfalls.

    Aber ein Arzt ist kein Nutznießer, nur weil er innerhalb eines Gesundheitssystems arbeitet.

    Er ist Teil der Versorgung.

    Der eigentliche Nutznießer eines funktionierenden Gesundheitssystems ist der Patient.

    Und ohne Ärzte gibt es keine ärztliche Versorgung.

    Vielleicht sollte man sich deshalb einmal ein Gedankenexperiment erlauben:

    Was würde passieren, wenn morgen alle deutschen Ärzte ihre Kassenzulassung zurückgäben?

    Das Gesundheitssystem würde zusammenbrechen.

    Und was würde mit den Ärzten passieren?

    Vielleicht hätten viele von ihnen plötzlich etwas zurück, das ihnen dieses System längst genommen hat:

    Zeit.

    Selbstbestimmung.

    Verantwortung ohne permanente Gängelung.

    Eine vernünftige Arbeitszeit.

    Und möglicherweise sogar wieder Freude an ihrem Beruf.

    Ein Gesundheitssystem, das nur funktioniert, solange Ärzte bereit sind, sich darin aufzureiben, ist kein gesundes System.

    Und deshalb sage ich als Arzt ganz bewusst:

    Ich bin kein Büttel des Staates.

    Ich bin Arzt.

    Meine Aufgabe ist es, kranken Menschen zu helfen.

    Nicht, politische Fehlentscheidungen durch immer mehr persönliche Arbeitsleistung zu kompensieren.

    Nicht, Patienten für politische Sparziele zu verwalten.

    Und nicht, den Kollaps eines Systems dadurch zu verhindern, dass diejenigen, die es täglich tragen, irgendwann selbst zusammenbrechen.

    Gesundheit ist nicht alles.

    Aber ohne Gesundheit ist alles nichts.

    Seit Menschengedenken brauchen Menschen andere Menschen, die ihnen helfen, den Weg zurück zur Gesundheit zu finden. Früher waren es Heiler, heute sind es Ärzte und andere medizinische Berufe.

    Damit sich möglichst viele Menschen diese Hilfe leisten können, haben wir ein Gesundheitssystem geschaffen.

    Aber dieses System darf nicht zum Selbstzweck werden.

    Es muss dem Menschen dienen.

    Nicht der Verwaltung.

    Nicht den Funktionären.

    Nicht der politischen Ideologie.

    Und schon gar nicht dem politischen Machterhalt.

    Wir stehen deshalb meines Erachtens an einem entscheidenden Punkt.

    Entweder gelingt es, unser Gesundheitssystem wieder auf seinen eigentlichen Zweck auszurichten – die Versorgung kranker Menschen.

    Oder wir erleben, wie es langsam von innen zerfällt.

    Ärzte werden aus dem Beruf gedrängt.

    Praxen geben auf.

    Krankenhäuser geraten unter Druck.

    Pflegekräfte verlassen den Beruf.

    Patienten warten länger.

    Und die Politik erklärt anschließend, das alles sei leider alternativlos gewesen.

    Nein.

    Es ist nicht alternativlos.

    Es sind politische Entscheidungen.

    Und politische Entscheidungen kann man verändern.

    Was mich dabei besonders ärgert, ist die immer gleiche Methode:

    Wenn das Geld knapp wird, wird nicht zuerst gefragt, was der Staat wirklich braucht.

    Es wird gefragt, wem man noch etwas wegnehmen kann.

    Und so wird der Gürtel immer wieder am anderen enger gezogen.

    Beim Patienten.

    Beim Arzt.

    Bei der Pflege.

    Beim Therapeuten.

    Beim Krankenhaus.

    Beim Bürger.

    Aber selten bei denen, die die Regeln machen.

    Ich werde deshalb nicht vor diesem Staat kapitulieren.

    Und ich werde auch nicht aus Deutschland fliehen, nur weil die politischen Verhältnisse mir nicht gefallen.

    Ich bleibe hier.

    Ich behandle meine Patienten.

    Und ich werde weiterhin meine Meinung sagen.

    Nicht, weil ich glaube, immer recht zu haben.

    Sondern weil Demokratie davon lebt, dass Bürger widersprechen dürfen – und dass auch ein Arzt sagen darf, wenn er glaubt, dass die medizinische Versorgung seines Landes in die falsche Richtung läuft.

    Ein Bundeskanzler ist kein Monarch.

    Ein Minister ist kein Fürst.

    Und ein Arzt ist kein Untertan.

    Die Regierung ist dem Bürger verpflichtet.

    Und der Arzt ist seinem Patienten verpflichtet.

    Daran sollte man sich gelegentlich erinnern.

    Denn am Ende geht es nicht um mich.

    Es geht um die Frage, ob wir unseren Kindern und Enkeln ein Land hinterlassen wollen, in dem ein Mensch mit Krankheit noch einen Arzt findet, wenn er ihn braucht.

    Darum geht es.

    Und deshalb werde ich weiter widersprechen.

    Nicht gegen den Staat.

    Sondern für einen Staat, der seinen Bürgern dient.

    Nicht gegen das Gesundheitssystem.

    Sondern für ein Gesundheitssystem, das diesen Namen verdient.

    Und ganz sicher nicht als Büttel.

    Sondern als Arzt.

    G.B