Prof. Ulfried Geuter sagt: “Ich war einmal froh und stolz, ein GrĂŒner zu sein. Ich bin am 5. Oktober 1978 beim GrĂŒndungstreffen der Alternativen Liste fĂŒr Demokratie und Umweltschutz, die 1980 in die neu gegrĂŒndeten GrĂŒnen ĂŒberging, Mitglied geworden. LĂ€nger als ich kann man also nicht Mitglied der GrĂŒnen seinâ, schreibt Geuter, der die BegrĂŒndung fĂŒr seinen Austritt auf dem Internetportal Blog der Republik veröffentlicht hat. Er verlieĂ die GrĂŒnen unter anderem wegen der AuĂenpolitik von Annalena Baerbock, die seiner Meinung völlig der âLogik des Kriegesâ verfallen sei, unzĂ€hlige Todesopfer in Kauf nehme, und einen Atomkrieg riskiere.
Ăhnliche Ansichten vertrat GrĂŒnen Mitglied Antje Vollmer, die leider am 16. MĂ€rz 2023 verstorben ist, sie wurde 79 Jahre alt. Sie war Pazifistin, VizeprĂ€sidentin des Deutschen Bundestages und sie war Gegnerin des Kosovo-, Irak, und Afghanistan Krieges. Hier ein Text von ihr, welchen sie als politisches VermĂ€chtnis in der Berliner Zeitung veröffentlichen wollte:
“Ich stand auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt und wartete auf den ICE. Plötzlich nĂ€herte sich auf dem Nebengleis ein riesiger Geleitzug, vollbeladen mit Panzern â mit Mardern, Geparden oder Leoparden. Ich kann das nicht unterscheiden, aber ich konnte geschockt das Bild lesen. Der Transport fuhr von West nach Ost. Es war nicht schwer, sich das Gegenbild vorzustellen. Irgendwo im Osten des Kontinents rollten zur gleichen Zeit MilitĂ€rtransporte voller russischer Kampfpanzer von Ost nach West. Sie wĂŒrden sich nicht zu einer Panzerschlacht im Stile des Ersten Weltkrieges irgendwo in der Ukraine treffen.
Nein, sie wĂŒrden diesmal erneut den waffenstarrenden Abgrund zwischen zwei Machtblöcken markieren, an dem die Welt sich vielleicht zum letzten Mal in einer Konfrontation mit möglicherweise apokalyptischem Ausgang gegenĂŒbersteht. Wir befanden uns also wieder im Kalten Krieg und in einer Spirale der gegenseitigen existenziellen Bedrohung â ohne Ausweg, ohne Perspektive. Alles, wogegen ich mein Leben lang politisch gekĂ€mpft habe, war mir in diesem Moment prĂ€sent als eine einzige riesige Niederlage.
Bei Geschichte ist es immer wichtig, von welchem Anfang man sie erzÀhlt.
Es ist ĂŒblich geworden, zu Beginn jeder ErwĂ€hnung der ungeheuren Tragödie um den Ukraine-Krieg wie eine Schwurformel von der âZeitenwendeâ, vom völkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieg Putins bei feststehender Alleinschuld der russischen Seite zu reden und demĂŒtig zu bekennen, wie sehr man sich geirrt habe im Vertrauen auf eine Phase der Entspannung und der Versöhnung mit Russland nach der groĂen Wende 1989/90. Diese Schwurformel wird wie ein Ritual eingefordert, wie ein Kotau, um ĂŒberhaupt weiter mitreden zu dĂŒrfen. Die Feststellung ist ja auch nicht falsch, sie verdeckt aber hĂ€ufig genau die zentralen Fragen, die es eigentlich zu klĂ€ren gĂ€be.
Wo genau begann die Niederlage? Wo begann der Irrtum? Wann und wie entstand aus einer der glĂŒcklichsten Phasen in der Geschichte des eurasischen Kontinents, nach dem nahezu gewaltfreien Ende des Kalten Krieges, diese erneute tödliche Eskalation von Krieg, Gewalt und Blockkonfrontation? Wer hatte Interesse daran, dass die damals mögliche friedliche Koexistenz zwischen Ost und West nicht zustande kam, sondern einem erneuten weltweitem Antagonismus anheimfiel?
Und dann die Frage aller Fragen: Warum nur fand ausgerechnet Europa, dieser Kontinent mit all seinen historischen Tragödien und machtpolitischen Irrwegen, nicht die Kraft, zum Zentrum einer friedlichen Vision fĂŒr den bedrohten Planeten zu werden?
FĂŒr die Deutung historischer Ereignisse ist es immer entscheidend, mit welchen Aspekten man beginnt, eine Geschichte zu erzĂ€hlen.
Russlands groĂe Vorleistung des Gewaltverzichts.
Ich widerspreche der heute ĂŒblichen These, 1989 habe es eine etablierte europĂ€ische Friedensordnung gegeben, die dann Schritt um Schritt einseitig von Seiten Russlands unter dem Diktat des KGB-Agenten Putin zerstört worden sei, bis es schlieĂlich zum Ausbruch des Ukrainekrieges kam. Das ist nicht richtig. Richtig ist: 1989 ist eine Ordnung zerbrochen, die man korrekter als âPax atomicaâ bezeichnet hat, ohne dass eine neue Friedensordnung an ihre Stelle trat. Diese zu schaffen, wĂ€re die Aufgabe der Stunde gewesen. Aber die visionĂ€re Phantasie Europas und des Westens in der Wendezeit reichte nicht aus, um sich das haltbare Konzept einer stabilen europĂ€ischen Friedensordnung auszudenken, das allen LĂ€ndern der ehemaligen Sowjetunion einen Platz verlĂ€sslicher Sicherheit und Zukunftshoffnungen anzubieten vermocht hĂ€tte.
Zwei GrĂŒnde sind dafĂŒr entscheidend. Beide haben mit alten europĂ€ischen IrrtĂŒmern zu tun: Zum einen wurde der umfassende wirtschaftliche und politisch Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 einseitig als triumphaler Sieg des Westens im Systemkonflikt zwischen Ost und West interpretiert, der damit endgĂŒltig die historische Niederlage des Ostens besiegelte. Dieser Hang, sich zum Sieger zu erklĂ€ren, ist eine alte westliche Hybris und seit jeher Grund fĂŒr viele DemĂŒtigungen, die das ungleiche VerhĂ€ltnis zum Osten prĂ€gen.
Die UnfĂ€higkeit, nach so umfassenden UmbrĂŒchen andere gleichberechtigte Lösungen zu suchen, hat in dieser fatalen Ăberheblichkeit ihre Hauptursache. Vor allem aber wurde so das ungeheure und einzigartige Verdienst der sowjetischen FĂŒhrung unter Michail Gorbatschow mit einer verblĂŒffenden Ignoranz als gerngesehenes Geschenk der Geschichte eingeordnet: Die groĂe Vorleistung des Gewaltverzichts in der Reaktion auf das Freiheitsbestreben der Völker des Ostblocks galt als nahezu selbstverstĂ€ndlich.
Michail Gorbatschow hat viele seiner BĂŒrger enttĂ€uscht.
Das aber war es gerade nicht. Bis heute ist erstaunlich, ja unfassbar, wie wenig Gewicht dem beigemessen wurde, dass die Auflösung eines sowjetischen Weltimperiums nahezu gewaltfrei vonstatten ging. Die naive Beschreibung dieses einmaligen Vorgangs lautete dann etwa so: Wie ein Kartenhaus, hochverdient und unvermeidlich, sei da ein ganzes System in sich zusammengesackt. Dass gerade diese Gewaltfreiheit das gröĂte Wunder in einer Reihe wundersamer Ereignisse war, wurde kein eigenes Thema. Sie wurde vielmehr als SchwĂ€che gedeutet. Es gibt aber kaum Vorbilder in der Geschichte fĂŒr einen solchen Vorgang. Selbst die schwĂ€chsten Gewaltregime neigen gerade im Stadium ihres Untergangs gesetzmĂ€Ăig dazu, eine Orgie von Gewalt, Zerstörung und Selbstzerstörung anzurichten und alles um sie herum in ihren eigenen Untergang mitzureiĂen â wie exemplarisch beim Untergang des NS-Reiches zu sehen war.
Die Sowjetunion des Jahres 1989 unter Gorbatschow, wiewohl politisch und wirtschaftlich geschwĂ€cht, verfĂŒgte ĂŒber das gröĂte Atompotential, sie hatte eigene Truppen auf dem gesamten Gebiet ihrer Herrschaft stationiert. Es wĂ€re ein Leichtes gewesen, das alles zu mobilisieren. Das wurde ja auch von vielen Vertretern des alten Regimes vehement gefordert.
Mit dem historischen Abstand wird noch viel deutlicher, welche staatsmĂ€nnische Leistung es war, lieber âHelden des RĂŒckzugsâ (Enzensberger) zu sein, als in einem letzten AufbĂ€umen als blutige RĂ€cher und SchlĂ€chter von der Geschichte abzutreten. Die Wahl, die Michail Gorbatschow fast allein getroffen hat, hat ihm nicht zuletzt die EnttĂ€uschung vieler seiner BĂŒrger eingebracht. Es hieĂ, er habe nachtrĂ€glich den GroĂen VaterlĂ€ndischen Krieg verloren.
Die groĂen Reformer haben Mut bewiesen, sie werden heute gerne vergessen.
Wie ein stummes Mahnmal gigantischer europĂ€ischer Undankbarkeit steht dafĂŒr der erschreckend private Charakter der Trauerfeier um den wohl gröĂten Staatsmann unserer Zeit auf dem Moskauer Prominenten-Friedhof. Es wĂ€re ein Gebot der Stunde gewesen, dass die Granden Europas Michail Gorbatschow, der lĂ€ngst im eigenen Land isoliert war, ihre Hochachtung und ihren Respekt erwiesen hĂ€tten, indem sie sich vor ihm verneigten.
Zumindest aus Deutschland, das fast ihm allein das GlĂŒck der Wiedervereinigung verdankt, hĂ€tte ein BundesprĂ€sident Steinmeier an diesem Grab stehen mĂŒssen. Die Einsamkeit um diesen Toten war unertrĂ€glich. So nutzte ausgerechnet Viktor OrbĂĄn die Chance, diesen Boykott einer angemessenen WĂŒrdigung zu unterlaufen. Es bleibt ein beschĂ€mendes Zeichen, ein Menetekel historischer Ignoranz. Wenige Tage spĂ€ter drĂ€ngelten sich die ReprĂ€sentanten des europĂ€ischen Zeitgeistes dann alle mediengerecht am Grab der englischen Queen und des deutschen Papstes Benedikt XVI.
Bis heute ist mir schwer verstĂ€ndlich, warum es nicht zumindest eine Demonstration der Dankbarkeit bei den eigentlichen Profiteuren dieses Gewaltverzichtes, bei den Bewegungen der friedlichen BĂŒrgerproteste gegeben hat. Gerade sie hatten ja hautnah die Ăngste erfahren, was alles hĂ€tte passieren können, wenn es 1989 in Ost-Berlin eine Ă€hnliche Reaktion wie bei den Studentenprotesten in Peking gegeben hĂ€tte.
Und tatsĂ€chlich ist ein Teil der heutigen ZurĂŒckhaltung im Osten Deutschlands gegenĂŒber der einseitigen Anprangerung Russlands wohl dieser anhaltenden Dankbarkeit zuzuschreiben. Mediale WortfĂŒhrer und Interpreten aber wurden andere â und sie wurden immer dreister. Immer kleiner wurde in ihren Interpretationen der Anteil am Verdienst der Gewaltfreiheit auf sowjetischer Seite, immer wirkmĂ€chtiger wurde die Legende von der eigenen groĂartigen Widerstandsleistung.
Alle kundigen Zeitzeugen wissen genau, dass der Widerstand und der Heldenmut von Joachim Gauck, Marianne Birthler, Katrin Göring-Eckardt durchaus maĂvoll war und den Grad ĂŒberlebenstĂŒchtiger Anpassung nicht wesentlich ĂŒberschritt. Manche Selbstbeschreibungen lesen sich allerdings heute wie Hochstapelei. Sie verschweigen oder verkennen, was andere KrĂ€fte zum groĂen Wandel beitrugen und dass mancher Reformer im System keineswegs weniger Einsatz und Mut gewagt hatte.
Billige antirussische Ressentiments.
Das mag menschlich, allzu menschlich sein und also nicht weiter erwĂ€hnenswert. Fatal allerdings ist, dass dieser Teil der BĂŒrgerrechtler heute zu den eifrigsten Kronzeugen eines billigen antirussischen Ressentiments zĂ€hlt. Dies knĂŒpft dabei bruchlos an jene Ideologie des Kalten Krieges an, die vom berechtigten Antistalinismus ĂŒber den verstĂ€ndlichen Antikommunismus bis hin zur irrationalen Slawenphobie viele Varianten von westlichen Feindbildern bis heute prĂ€gt.
Die wichtigsten Fragen, die heute zwischen Ost und West verhandelt werden mĂŒssten, lauten: Was bedeutet es eigentlich, eine europĂ€ische Nation zu sein? Was unterscheidet uns von anderen? Welche FĂ€higkeiten muss eine Nation erwerben, um dazuzugehören? Was sind die Lehren unserer Geschichte? Welche Ideale prĂ€gen uns? Welche IrrtĂŒmer und Verbrechen? Diese Fragen werden in aller Deutlichkeit wachgerufen am Beispiel der Ukraine und ihres Abwehrkampfes gegen die russische Aggression.
Europa sollte nicht immer auf der Suche nach Schurkenstaaten sein.
In unseren Medien verkörpert die Ukraine das Ideal und Vorbild einer freiheitsliebenden westlichen Demokratie heroischen Zuschnitts. Die Ukraine, so heiĂt es, kĂ€mpfe nicht nur fĂŒr ihre eigene Nation, sondern zugleich fĂŒr die universale historische Mission des Westens. Wer sich machtpolitisch behauptet, wer seine Existenz mit blutigen Opfern und Waffen verteidigt, gilt als Bollwerk fĂŒr die europĂ€ischen Ideale der Freiheit, koste es, was es wolle. Wer aber den Weg des Konsenses, der Kooperation, der VerstĂ€ndigung und der Versöhnung sucht, gilt als schwach und deswegen als irrelevant, ja als verachtenswert. Von daher sind Gorbatschow und Selenskyj die eigentlichen Antitypen in der Frage, was es heute heiĂt, EuropĂ€er zu sein und die europĂ€ischen Tugenden zu verkörpern.
Neben diesem Hang zum Heroischen und zur Selbsterhöhung liegt hier die Wurzel, die ich fĂŒr den Grundirrtum einer europĂ€ischen IdentitĂ€t halte: das scheinbar unausrottbare BedĂŒrfnis nach nationalem Chauvinismus. Jahrhundertelang haben nationale Exzesse die Geschichte unseres Kontinents geprĂ€gt. Keine Nation war frei davon: nicht die Franzosen, schon gar nicht die Briten, nicht die Spanier, nicht die Polen, nicht die Ukrainer, nicht die Balten, nicht die Schweden, nicht die Russen, noch nicht einmal die Tschechen â und schon gar nicht die Deutschen.
Es ist ein fataler Irrtum, zu meinen, durch den Widerstand gegen die anderen imperialen MĂ€chte gewinne der eigene Nationalismus so etwas wie eine historische Unschuld. Das ist Selbstbetrug und einer der folgenschwersten europĂ€ischen IrrtĂŒmer. Er verfĂŒhrt auch heute noch viele junge Demokratien dazu, sich nur als Opfer fremder MĂ€chte zu sehen und die eigene Gewaltgeschichte, die eigenen Gewaltphantasien fĂŒr berechtigt zu halten. Was Europa immer wieder zu lernen hatte und historisch meist verfehlte, ist die Kunst der Selbstbegrenzung, der friedlichen Nachbarschaft, der Fairness, der Wahrung gegenseitiger Interessen und des Respektes voreinander. Was Europa endlich verlernen muss, ist das stĂ€ndige Verteilen von KetzerhĂŒten, das Ausmachen von Achsen des Bösen und von immer neuen Schurkenstaaten.
Die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher.
Ach Europa! Jedes Mal, wenn wieder eine der groĂen Krisen und Kriege des Kontinents ĂŒberstanden war â nach dem 30-jĂ€hrigen Krieg, nach dem Feldzug Napoleons gegen Russland, nach zwei Weltkriegen, nach dem Kalten Krieg â, konnte man hoffen, der machtpolitische Irrweg sei nun durch bittere Erfahrung widerlegt und gebe einem ĂŒberlebenstĂŒchtigeren WeltverstĂ€ndnis endlich Raum. Und jedes Mal fielen wie durch einen Fluch die Völker Europas wieder der Versuchung anheim, den Weg der Dominanz und der Konfrontation zu gehen.
Umso wertvoller ist aber das groĂe Gegenbeispiel: Gorbatschows Hoffnung, dass auch fĂŒr alle ehemaligen Staaten der Sowjetunion eine neue Sicherheitsordnung möglich sei, die den unterschiedlichen SicherheitsbedĂŒrfnissen gerecht werden wĂŒrde, war in der Charta von Paris durchaus angedacht als Raum gemeinsamer wirtschaftlicher und politischer Kooperation zwischen dem alten Westeuropa und den neuen östlichen Staaten. Das war damals auch die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Aber es gab keinen Plan, kein Konzept, die Vision war einfach zu undeutlich.
Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden.
Wie schnell sich wieder das GefĂŒhl des leichten Triumphes einstellte, lĂ€sst sich an einem traurigen Beispiel gut ablesen: am Umgang mit Jugoslawien. Jugoslawien gehörte zu den blockfreien Staaten, es hatte sich rechtzeitig vom Stalinismus gelöst und die jahrhundertealten nationalen RivalitĂ€ten aus der Zeit der Donau-Monarchie einigermaĂen befriedet. Es wĂ€re nichts leichter gewesen, als diesem Jugoslawien als Ganzem 1989 eine Ăffnung nach Europa und zur EU anzubieten.
Es hĂ€tte Zeit gebraucht, aber es wĂ€re möglich gewesen. Man hĂ€tte nur darauf verzichten mĂŒssen, dem nationalen DrĂ€ngen der Slowenen und Kroaten zu schnell nachzugeben und das neue Feindbild der aggressiven Serben zu pflegen. Solche Weisheit allerdings fehlte völlig im Ăberbietungswettstreit um die Anerkennung neuer Nationalstaaten auf dem Balkan. Der bosnische BĂŒrgerkrieg, Srebrenica, die Zerstörung Sarajewos, Hunderttausende Tote und traumatisierte Menschen, der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Nato gegen Belgrad, die völkerrechtswidrige Anerkennung des Kosovo als selbstĂ€ndiger Staat, das vielfĂ€ltige AufbĂ€umen von neuen nationalen Chauvinismen wĂ€ren vermeidbar gewesen.
Was bedeutet das alles fĂŒr die unmittelbare Gegenwart und fĂŒr die deutsche Politik im Jahre 2023?
Die Koordinaten haben sich entscheidend verschoben. Bis zum Ende der Regierung Schröder konnte man davon ausgehen, dass gerade Deutschland aus der Zeit der Entspannungspolitik einen privilegierten Zugang, zumindest einen gewissen Spielraum zum Konfliktausgleich zwischen den groĂen geopolitischen Spannungsherden innehatte. Diese Zeit ist endgĂŒltig vorbei.
UngefĂ€hr im Jahre 2008 begann Putin, dem Status quo zu misstrauen und seinen Machtbereich gegen den Westen auszurichten. Deutschland begann, sich als europĂ€ischer RiegenfĂŒhrer im neuen Konzept der Nato zu definieren. Im Rahmen der Reaktionen auf den Ukrainekrieg rĂŒckte es endgĂŒltig ins Zentrum der antirussischen Gegenstrategien. Das begrĂŒĂenswerte, aber medial vielgescholtene Zögern des Kanzlers Olaf Scholz war zu wenig von einer haltbaren politischen Alternative unterfĂŒttert und geriet so ins Rutschen.
Wirtschaftlich und politisch zahlen wir dafĂŒr einen hohen Preis. Der deutsche Wirtschaftsminister bemĂŒht sich, die alten AbhĂ€ngigkeiten von Russland und China durch neue AbhĂ€ngigkeiten zu Staaten zu ersetzen, die keineswegs als Musterdemokratien durchgehen können. Die AuĂenministerin ist die schrillste Trompete der neuen antagonistischen Nato-Strategie.
Ihre BegrĂŒndungen verblĂŒffen durch argumentative Schlichtheit. Dabei wachsen die RĂŒstungskosten und der Einfluss der RĂŒstungs- und Energiekonzerne ins Unermessliche. Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden, die fĂŒr die Rettung des Planeten und gegen die Armut des globalen SĂŒdens dringend gebraucht wĂŒrden. Das aufsteigende China aber wird propagandistisch als neuer geopolitischer Gegner ausgemacht und in der Taiwan-Frage stĂ€ndig provoziert. Das sind alles keine guten Auspizien.
Der Frieden und das Ăberleben des ganzen Planeten.
Und dennoch: Wenn mich nicht alles tĂ€uscht, steht Europa kurz vor der Phase einer groĂen ErnĂŒchterung, die das eigene Selbstbild tief erschĂŒttern wird. FĂŒr mich aber ist das ein Grund zur Hoffnung. Der so selbstgewisse Westen muss einfach lernen, dass die ĂŒbrige Welt unser Selbstbild nicht teilt und uns nicht beistehen wird. Die eilig ausgesandten Sendboten einer neuen antichinesischen Allianz im anstehenden Kreuzzug gegen das Reich der Mitte scheinen nicht besonders erfolgreich zu sein.
Wie konnten wir nur annehmen, dass das groĂe China und die Hochkulturen Asiens die Zeit der willkĂŒrlichen Freihandels- und Opiumkriege je vergessen wĂŒrden? Wie sollte der leidgeprĂŒfte afrikanische Kontinent die zwölf Millionen Sklaven und die Ausbeutung all seiner BodenschĂ€tze je verzeihen? Warum sollten die alten Kulturen Lateinamerikas den spanischen und portugiesische Konquistadoren ihre WillkĂŒrherrschaft vergeben? Warum sollten die indigenen Völker weltweit das Unrecht illegaler Siedlungen und Landraubs einfach beiseiteschieben in ihrem historischen GedĂ€chtnis?
Die GrĂŒnen waren mal Pazifisten.
Meine ganz persönliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten. Gerade die GrĂŒnen, meine Partei, hatte einmal alle SchlĂŒssel in der Hand zu einer wirklich neuen Ordnung einer gerechteren Welt. Sie war durch glĂŒckliche UmstĂ€nde dieser Botschaft viel nĂ€her als alle anderen Parteien.
Wir hatten einen echten Schatz zu hĂŒten: Wir waren nicht eingebunden in die machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se Dissidenten. Wir waren gleichermaĂen gegen die AufrĂŒstung in Ost wie West, wir sahen die GefĂ€hrdung des Planeten durch ungebremstes Wirtschaftswachstum und Konsumismus. Wer die Welt retten wollte, musste ein festes BĂŒndnis zwischen Friedens- und Umweltbewegung anstreben, das war eine klare historische Notwendigkeit, die wir lebten. Wir hatten dieses ZukunftsbĂŒndnis greifbar in den HĂ€nden.
Was hat die heutigen GrĂŒnen verfĂŒhrt, all das aufzugeben fĂŒr das bloĂe Ziel, mitzuspielen beim groĂen geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre wertvollsten Wurzeln als lautstarke Antipazifisten verĂ€chtlich zu machen?
Gegen Hass und den Krieg.
Ich erinnere mich an meine groĂen Vorbilder: Die hĂ€rtesten BewĂ€hrungsproben hatten die groĂen ReprĂ€sentanten gewaltfreier Strategien immer in den eigenen Reihen zu bestehen. Gandhi hat mit zwei Hungerstreiks versucht, den RĂŒckfall der Hindus und Moslems in die nationalen Chauvinismen zu stoppen, Nelson Mandela hatte Ă€uĂerste MĂŒhe, die Gewaltbereitschaft seiner jungen Mitstreiter zu brechen, Martin Luther King musste sich von den Black Panthers als zahnloser Onkel Tom verhöhnen lassen. Ihnen wurde nichts geschenkt. Und das gilt auch heute fĂŒr uns letzte Pazifisten.
Der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten groĂer Krisen und existentieller Ăngste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planenten, der muss den Hass und den Krieg grĂŒndlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption.”