Kategorie: Utopien

  • Auf dem AI Action Summit

    sprach auch US-Vize PrĂ€sident Vance ĂŒber KI, nĂ€mlich ĂŒber die Möglichkeiten und weniger ĂŒber Regulierung. Alle waren da, und die Mimik der Zuhörer zu beobachten ist wirklich spannend.

    Hier die Rede noch einmal mit einer deutschen Übersetzung, besonders interessant ab Minute 11:05:

  • Einladung zur “Wir und KI”

    gerne möchten wir, – der MakerPort Stralsund, die Project Bay Lietzow und die Hochschule Stralsund – alle Interessierten am 05.09.2024 von 13:00 Uhr bis 18:00 Uhr an die Hochschule Stralsundzur 4. Regionalkonferenz fĂŒr die Vorpommern-RĂŒgen mit dem Thema „Wir und KI: Gemeinsam Zukunft mITgestalten“ einladen.

    Die Veranstaltung steht dieses Jahr im Zeichen von „KĂŒnstlicher Intelligenz“. Gemeinsam möchten wir mit den Teilnehmenden fokussieren, wie wir unsere Region und die KI-Technologie gestaltend verbinden können. Wir bieten einen Raum und die Gelegenheit fĂŒr den Austausch, diese innovativen Technologien und Lösungen zu bewerten. Konkrete Tools und Best Practices werden vorgestellt und mit Formaten zum Erproben, Kennenlernen und Austauschen gefĂŒllt. Das Ziel der Konferenz ist es, eine Verbindung von Ideen und Kooperationen in der Region zu entfachen, um gemeinsam die digitale Zukunft zu gestalten.

    Das ausfĂŒhrliche Programm und weiterfĂŒhrende Informationen zur Veranstaltung finden Sie unter: https://makerport.de/events/regionalkonferenz_092024 oder in der beigefĂŒgten Einladung.

  • Flaggentag der Mayors for Peace am 8. Juli 

    Stralsund zeigt Flagge fĂŒr den Frieden Flaggentag der Mayors for Peace am 8. Juli.

    Kriege, Terror und eine weltweite Bedrohung der Demokratien: Vor diesem Hintergrund findet am 8. Juli der Flaggentag der Mayors for Peace statt. Auch die Hansestadt Stralsund als Teil des globalen Netzwerks und eine von knapp 900 MitgliedstĂ€dten setzt mit dem Hissen der Mayors for Peace Flagge am Rathaus ein deutliches Zeichen gegen Kriege und fĂŒr eine friedliche Welt ohne Atomwaffen. 

    Neun LĂ€nder verfĂŒgen aktuell ĂŒber Atomwaffen, die meisten der akut einsatzbereiten Waffen besitzen die USA und Russland. China baut sein Atomwaffenarsenal in großer Schnelligkeit weiter aus. Die Zahl der in hoher Alarmbereitschaft gehaltenen Sprengköpfe stieg auf rund 2.100. In allen nuklear bewaffneten Staaten sieht das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI Bestrebungen, die BestĂ€nde zu modernisieren.

    Zudem geht der anhaltende russische Angriffskrieg auf die Ukraine einher mit einem RĂŒckzug Russlands aus internationalen VertrĂ€gen, die den Besitz strategischer Kernwaffen begrenzen und Atomtests stoppen. 

    OberbĂŒrgermeister und „Mayor for Peace“ Alexander Badrow zum Flaggentag
    „Uns alle eint der tiefe Wunsch nach Frieden. Er beginnt bei uns selbst und setzt sich ĂŒber den eigenen Gartenzaun hinweg fort ĂŒber die Grenzen unserer Stadt, des Landes und Europas. Als Mitglied eines weltweiten Netzwerks hissen wir jedes Jahr die weiß-grĂŒne Flagge der Mayors for Peace – sie verleiht unserem Wunsch nach VerstĂ€ndigung und Vertrauen statt AufrĂŒstung und atomarer Abschreckung sichtbaren Ausdruck. Denn letztendlich geht es mir vor allem um die Sicherheit meiner Stralsunderinnen und Stralsunder.“

    Was ist der Flaggentag
    Am Flaggentag erinnern die Mayors for Peace an ein Gutachten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag vom 8. Juli 1996. Darin wurde festgestellt, dass die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen gegen das Völkerrecht verstoßen, und dass eine völkerrechtliche Pflicht besteht, Verhandlungen zu fĂŒhren – mit dem Ziel nuklearer AbrĂŒstung.

    Wer sind die Mayors for Peace
    Die Organisation Mayors for Peace wurde 1982 durch den BĂŒrgermeister von Hiroshima gegrĂŒndet. Das weltweite Netzwerk setzt sich vor allem fĂŒr die Abschaffung von Atomwaffen ein, greift aber auch aktuelle Themen auf, um Wege fĂŒr ein friedvolles Miteinander zu diskutieren. Mehr als 8.390 StĂ€dte in 166 LĂ€ndern gehören dem Netzwerk an, darunter 895 StĂ€dte in Deutschland. Rund 600 StĂ€dte in Deutschland beteiligen sich in diesem Jahr am Flaggentag.

    Foto: HANSESTADT Stralsund l Pressestelle

  • Infrastruktur mit GroßwĂ€rmepumpen von MAN aus Augsburg?

    Warum die Belastung einzelner Haushalte duch einzelne WĂ€rmepumpen, und warum nicht Infrastruktur mit GroßwĂ€rmepumpen von MAN aus Augsburg?

    Energie in Europa?

    Was macht DĂ€nemark im Hafen Esbjerg so erfolgreich und warum steht die FernwĂ€rmeerzeugung mittels GroßwĂ€rmepumpen von MAN aus Augsburg in Esbjerg und nicht in Deutschland?

    DĂ€nemark hat im Hafen Esbjerg eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte aufgebaut, insbesondere im Bereich der erneuerbaren Energien und der Hafenlogistik. Esbjerg ist ein wichtiger Knotenpunkt fĂŒr die Offshore-Windenergie in der Nordsee, was zu einem wachsenden Cluster von Unternehmen gefĂŒhrt hat, die sich auf diese Industrie spezialisiert haben. Die Erfolgsfaktoren fĂŒr Esbjerg sind vielfĂ€ltig:

    • GĂŒnstige geografische Lage: Esbjerg liegt an der WestkĂŒste DĂ€nemarks und ist damit ideal positioniert fĂŒr den Zugang zu den Offshore-Windparks in der Nordsee.
    • Infrastruktur: Der Hafen von Esbjerg verfĂŒgt ĂŒber ausgezeichnete Hafenanlagen und -dienstleistungen, die speziell auf die BedĂŒrfnisse der Offshore-Industrie zugeschnitten sind. Dies umfasst Anlegestellen fĂŒr Schiffe, LagerflĂ€chen fĂŒr AusrĂŒstung und Logistikzentren.
    • Förderung erneuerbarer Energien: DĂ€nemark hat eine fortschrittliche Energiepolitik, die den Ausbau erneuerbarer Energien fördert. Dies hat dazu beigetragen, dass Esbjerg zu einem Zentrum fĂŒr Unternehmen wurde, die sich auf erneuerbare Energien spezialisiert haben.
    • Innovationsklima: Esbjerg bietet ein förderliches Umfeld fĂŒr Innovationen, was dazu beitrĂ€gt, dass Unternehmen neue Technologien entwickeln und implementieren können, um den BedĂŒrfnissen der Offshore-Industrie gerecht zu werden.

    Die Entscheidung von MAN, seine GroßwĂ€rmepumpen in Esbjerg zu installieren, könnte auf mehrere Faktoren zurĂŒckzufĂŒhren sein:

    • Nachfrage: Esbjerg und seine Umgebung haben möglicherweise eine hohe Nachfrage nach FernwĂ€rme, was den Bau von GroßwĂ€rmepumpen wirtschaftlich attraktiv macht.
    • Zusammenarbeit: Es besteht möglicherweise eine enge Zusammenarbeit zwischen MAN und dĂ€nischen Unternehmen oder Behörden, die den Einsatz von GroßwĂ€rmepumpen in Esbjerg unterstĂŒtzt.
    • Regulatorisches Umfeld: Das regulatorische Umfeld in DĂ€nemark könnte fĂŒr den Einsatz von GroßwĂ€rmepumpen gĂŒnstiger sein als in Deutschland, was den Standort Esbjerg attraktiver macht.
    • Strategische Entscheidung: MAN könnte Esbjerg als einen strategischen Standort betrachten, der es ermöglicht, sowohl den dĂ€nischen als auch den internationalen Markt fĂŒr GroßwĂ€rmepumpen zu bedienen.

    Insgesamt gibt es viele mögliche GrĂŒnde, warum MAN sich fĂŒr Esbjerg entschieden hat, aber es ist wahrscheinlich eine Kombination aus der gĂŒnstigen Lage, der Nachfrage nach FernwĂ€rme und den lokalen Rahmenbedingungen.

    Kann man das Erfolgsmodell von Esbjerg auf Stralsund ĂŒbertragen?

    Die Übertragung des Erfolgsmodells von Esbjerg auf Stralsund ist grundsĂ€tzlich denkbar, jedoch gibt es einige Faktoren zu berĂŒcksichtigen:

    • Geografische Lage und Ressourcen: Stralsund und Esbjerg haben unterschiedliche geografische Gegebenheiten und verfĂŒgen möglicherweise ĂŒber unterschiedliche Ressourcen. Es ist wichtig zu prĂŒfen, ob Stralsund Ă€hnliche Voraussetzungen fĂŒr die Nutzung von erneuerbaren Energien und die Implementierung von FernwĂ€rmeinfrastruktur hat.
    • Politische UnterstĂŒtzung und Regulierung: Der Erfolg von Esbjerg beruht auch auf politischer UnterstĂŒtzung und gĂŒnstigen regulatorischen Rahmenbedingungen. Stralsund mĂŒsste sicherstellen, dass es die notwendige politische UnterstĂŒtzung und die richtigen Regulierungen gibt, um ein Ă€hnliches Modell umzusetzen.
    • Technologische Anpassung: Die Technologien und Infrastrukturen, die in Esbjerg erfolgreich sind, mĂŒssen möglicherweise an die Bedingungen in Stralsund angepasst werden. Dies kann Aspekte wie die VerfĂŒgbarkeit von KĂŒhlwasser, die Integration in bestehende Energienetze und die Wirtschaftlichkeit umfassen.
    • Lokale BedĂŒrfnisse und Gemeinschaftsakzeptanz: Stralsund hat möglicherweise andere lokale BedĂŒrfnisse und PrioritĂ€ten als Esbjerg. Es ist wichtig sicherzustellen, dass das Modell den BedĂŒrfnissen der örtlichen Gemeinschaft entspricht und von ihr akzeptiert wird.
    • Finanzierung und Partnerschaften: Die Finanzierung solcher Projekte ist entscheidend. Stralsund mĂŒsste möglicherweise Partnerschaften mit privaten Unternehmen, der Regierung oder internationalen Organisationen eingehen, um die notwendigen Mittel zu beschaffen.

    Insgesamt ist die Übertragung des Erfolgsmodells von Esbjerg auf Stralsund möglich, erfordert jedoch sorgfĂ€ltige Analyse, Anpassung und Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen.

    Radio Stralsund Beitrag aus der Serie: Klar sieht, wer von Ferne sieht, und nebelhaft, wer Anteil nimmt.

  • Über den Hass und die Bereitschaft zum Krieg

    Prof. Ulfried Geuter sagt: “Ich war einmal froh und stolz, ein GrĂŒner zu sein. Ich bin am 5. Oktober 1978 beim GrĂŒndungstreffen der Alternativen Liste fĂŒr Demokratie und Umweltschutz, die 1980 in die neu gegrĂŒndeten GrĂŒnen ĂŒberging, Mitglied geworden. LĂ€nger als ich kann man also nicht Mitglied der GrĂŒnen sein“, schreibt Geuter, der die BegrĂŒndung fĂŒr seinen Austritt auf dem Internetportal Blog der Republik veröffentlicht hat. Er verließ die GrĂŒnen unter anderem wegen der Außenpolitik von Annalena Baerbock, die seiner Meinung völlig der „Logik des Krieges“ verfallen sei, unzĂ€hlige Todesopfer in Kauf nehme, und einen Atomkrieg riskiere.

    Ähnliche Ansichten vertrat GrĂŒnen Mitglied Antje Vollmer, die leider am 16. MĂ€rz 2023 verstorben ist, sie wurde 79 Jahre alt. Sie war Pazifistin, VizeprĂ€sidentin des Deutschen Bundestages und sie war Gegnerin des Kosovo-, Irak, und Afghanistan Krieges. Hier ein Text von ihr, welchen sie als politisches VermĂ€chtnis in der Berliner Zeitung veröffentlichen wollte:

    Ich stand auf dem Bahnhof meiner Heimatstadt und wartete auf den ICE. Plötzlich nĂ€herte sich auf dem Nebengleis ein riesiger Geleitzug, vollbeladen mit Panzern – mit Mardern, Geparden oder Leoparden. Ich kann das nicht unterscheiden, aber ich konnte geschockt das Bild lesen. Der Transport fuhr von West nach Ost. Es war nicht schwer, sich das Gegenbild vorzustellen. Irgendwo im Osten des Kontinents rollten zur gleichen Zeit MilitĂ€rtransporte voller russischer Kampfpanzer von Ost nach West. Sie wĂŒrden sich nicht zu einer Panzerschlacht im Stile des Ersten Weltkrieges irgendwo in der Ukraine treffen.

    Nein, sie wĂŒrden diesmal erneut den waffenstarrenden Abgrund zwischen zwei Machtblöcken markieren, an dem die Welt sich vielleicht zum letzten Mal in einer Konfrontation mit möglicherweise apokalyptischem Ausgang gegenĂŒbersteht. Wir befanden uns also wieder im Kalten Krieg und in einer Spirale der gegenseitigen existenziellen Bedrohung – ohne Ausweg, ohne Perspektive. Alles, wogegen ich mein Leben lang politisch gekĂ€mpft habe, war mir in diesem Moment prĂ€sent als eine einzige riesige Niederlage.

    Bei Geschichte ist es immer wichtig, von welchem Anfang man sie erzÀhlt.

    Es ist ĂŒblich geworden, zu Beginn jeder ErwĂ€hnung der ungeheuren Tragödie um den Ukraine-Krieg wie eine Schwurformel von der „Zeitenwende“, vom völkerrechtswidrigen brutalen Angriffskrieg Putins bei feststehender Alleinschuld der russischen Seite zu reden und demĂŒtig zu bekennen, wie sehr man sich geirrt habe im Vertrauen auf eine Phase der Entspannung und der Versöhnung mit Russland nach der großen Wende 1989/90. Diese Schwurformel wird wie ein Ritual eingefordert, wie ein Kotau, um ĂŒberhaupt weiter mitreden zu dĂŒrfen. Die Feststellung ist ja auch nicht falsch, sie verdeckt aber hĂ€ufig genau die zentralen Fragen, die es eigentlich zu klĂ€ren gĂ€be.

    Wo genau begann die Niederlage? Wo begann der Irrtum? Wann und wie entstand aus einer der glĂŒcklichsten Phasen in der Geschichte des eurasischen Kontinents, nach dem nahezu gewaltfreien Ende des Kalten Krieges, diese erneute tödliche Eskalation von Krieg, Gewalt und Blockkonfrontation? Wer hatte Interesse daran, dass die damals mögliche friedliche Koexistenz zwischen Ost und West nicht zustande kam, sondern einem erneuten weltweitem Antagonismus anheimfiel?

    Und dann die Frage aller Fragen: Warum nur fand ausgerechnet Europa, dieser Kontinent mit all seinen historischen Tragödien und machtpolitischen Irrwegen, nicht die Kraft, zum Zentrum einer friedlichen Vision fĂŒr den bedrohten Planeten zu werden?

    FĂŒr die Deutung historischer Ereignisse ist es immer entscheidend, mit welchen Aspekten man beginnt, eine Geschichte zu erzĂ€hlen.

    Russlands große Vorleistung des Gewaltverzichts.

    Ich widerspreche der heute ĂŒblichen These, 1989 habe es eine etablierte europĂ€ische Friedensordnung gegeben, die dann Schritt um Schritt einseitig von Seiten Russlands unter dem Diktat des KGB-Agenten Putin zerstört worden sei, bis es schließlich zum Ausbruch des Ukrainekrieges kam. Das ist nicht richtig. Richtig ist: 1989 ist eine Ordnung zerbrochen, die man korrekter als „Pax atomica“ bezeichnet hat, ohne dass eine neue Friedensordnung an ihre Stelle trat. Diese zu schaffen, wĂ€re die Aufgabe der Stunde gewesen. Aber die visionĂ€re Phantasie Europas und des Westens in der Wendezeit reichte nicht aus, um sich das haltbare Konzept einer stabilen europĂ€ischen Friedensordnung auszudenken, das allen LĂ€ndern der ehemaligen Sowjetunion einen Platz verlĂ€sslicher Sicherheit und Zukunftshoffnungen anzubieten vermocht hĂ€tte.

    Zwei GrĂŒnde sind dafĂŒr entscheidend. Beide haben mit alten europĂ€ischen IrrtĂŒmern zu tun: Zum einen wurde der umfassende wirtschaftliche und politisch Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 einseitig als triumphaler Sieg des Westens im Systemkonflikt zwischen Ost und West interpretiert, der damit endgĂŒltig die historische Niederlage des Ostens besiegelte. Dieser Hang, sich zum Sieger zu erklĂ€ren, ist eine alte westliche Hybris und seit jeher Grund fĂŒr viele DemĂŒtigungen, die das ungleiche VerhĂ€ltnis zum Osten prĂ€gen.

    Die UnfĂ€higkeit, nach so umfassenden UmbrĂŒchen andere gleichberechtigte Lösungen zu suchen, hat in dieser fatalen Überheblichkeit ihre Hauptursache. Vor allem aber wurde so das ungeheure und einzigartige Verdienst der sowjetischen FĂŒhrung unter Michail Gorbatschow mit einer verblĂŒffenden Ignoranz als gerngesehenes Geschenk der Geschichte eingeordnet: Die große Vorleistung des Gewaltverzichts in der Reaktion auf das Freiheitsbestreben der Völker des Ostblocks galt als nahezu selbstverstĂ€ndlich.

    Michail Gorbatschow hat viele seiner BĂŒrger enttĂ€uscht.

    Das aber war es gerade nicht. Bis heute ist erstaunlich, ja unfassbar, wie wenig Gewicht dem beigemessen wurde, dass die Auflösung eines sowjetischen Weltimperiums nahezu gewaltfrei vonstatten ging. Die naive Beschreibung dieses einmaligen Vorgangs lautete dann etwa so: Wie ein Kartenhaus, hochverdient und unvermeidlich, sei da ein ganzes System in sich zusammengesackt. Dass gerade diese Gewaltfreiheit das grĂ¶ĂŸte Wunder in einer Reihe wundersamer Ereignisse war, wurde kein eigenes Thema. Sie wurde vielmehr als SchwĂ€che gedeutet. Es gibt aber kaum Vorbilder in der Geschichte fĂŒr einen solchen Vorgang. Selbst die schwĂ€chsten Gewaltregime neigen gerade im Stadium ihres Untergangs gesetzmĂ€ĂŸig dazu, eine Orgie von Gewalt, Zerstörung und Selbstzerstörung anzurichten und alles um sie herum in ihren eigenen Untergang mitzureißen – wie exemplarisch beim Untergang des NS-Reiches zu sehen war.

    Die Sowjetunion des Jahres 1989 unter Gorbatschow, wiewohl politisch und wirtschaftlich geschwĂ€cht, verfĂŒgte ĂŒber das grĂ¶ĂŸte Atompotential, sie hatte eigene Truppen auf dem gesamten Gebiet ihrer Herrschaft stationiert. Es wĂ€re ein Leichtes gewesen, das alles zu mobilisieren. Das wurde ja auch von vielen Vertretern des alten Regimes vehement gefordert.

    Mit dem historischen Abstand wird noch viel deutlicher, welche staatsmĂ€nnische Leistung es war, lieber „Helden des RĂŒckzugs“ (Enzensberger) zu sein, als in einem letzten AufbĂ€umen als blutige RĂ€cher und SchlĂ€chter von der Geschichte abzutreten. Die Wahl, die Michail Gorbatschow fast allein getroffen hat, hat ihm nicht zuletzt die EnttĂ€uschung vieler seiner BĂŒrger eingebracht. Es hieß, er habe nachtrĂ€glich den Großen VaterlĂ€ndischen Krieg verloren.

    Die großen Reformer haben Mut bewiesen, sie werden heute gerne vergessen.

    Wie ein stummes Mahnmal gigantischer europĂ€ischer Undankbarkeit steht dafĂŒr der erschreckend private Charakter der Trauerfeier um den wohl grĂ¶ĂŸten Staatsmann unserer Zeit auf dem Moskauer Prominenten-Friedhof. Es wĂ€re ein Gebot der Stunde gewesen, dass die Granden Europas Michail Gorbatschow, der lĂ€ngst im eigenen Land isoliert war, ihre Hochachtung und ihren Respekt erwiesen hĂ€tten, indem sie sich vor ihm verneigten.  

    Zumindest aus Deutschland, das fast ihm allein das GlĂŒck der Wiedervereinigung verdankt, hĂ€tte ein BundesprĂ€sident Steinmeier an diesem Grab stehen mĂŒssen. Die Einsamkeit um diesen Toten war unertrĂ€glich. So nutzte ausgerechnet Viktor OrbĂĄn die Chance, diesen Boykott einer angemessenen WĂŒrdigung zu unterlaufen. Es bleibt ein beschĂ€mendes Zeichen, ein Menetekel historischer Ignoranz. Wenige Tage spĂ€ter drĂ€ngelten sich die ReprĂ€sentanten des europĂ€ischen Zeitgeistes dann alle mediengerecht am Grab der englischen Queen und des deutschen Papstes Benedikt XVI.

    Bis heute ist mir schwer verstĂ€ndlich, warum es nicht zumindest eine Demonstration der Dankbarkeit bei den eigentlichen Profiteuren dieses Gewaltverzichtes, bei den Bewegungen der friedlichen BĂŒrgerproteste gegeben hat. Gerade sie hatten ja hautnah die Ängste erfahren, was alles hĂ€tte passieren können, wenn es 1989 in Ost-Berlin eine Ă€hnliche Reaktion wie bei den Studentenprotesten in Peking gegeben hĂ€tte.

    Und tatsĂ€chlich ist ein Teil der heutigen ZurĂŒckhaltung im Osten Deutschlands gegenĂŒber der einseitigen Anprangerung Russlands wohl dieser anhaltenden Dankbarkeit zuzuschreiben. Mediale WortfĂŒhrer und Interpreten aber wurden andere – und sie wurden immer dreister. Immer kleiner wurde in ihren Interpretationen der Anteil am Verdienst der Gewaltfreiheit auf sowjetischer Seite, immer wirkmĂ€chtiger wurde die Legende von der eigenen großartigen Widerstandsleistung.

    Alle kundigen Zeitzeugen wissen genau, dass der Widerstand und der Heldenmut von Joachim Gauck, Marianne Birthler, Katrin Göring-Eckardt durchaus maßvoll war und den Grad ĂŒberlebenstĂŒchtiger Anpassung nicht wesentlich ĂŒberschritt. Manche Selbstbeschreibungen lesen sich allerdings heute wie Hochstapelei. Sie verschweigen oder verkennen, was andere KrĂ€fte zum großen Wandel beitrugen und dass mancher Reformer im System keineswegs weniger Einsatz und Mut gewagt hatte.

    Billige antirussische Ressentiments.

    Das mag menschlich, allzu menschlich sein und also nicht weiter erwĂ€hnenswert. Fatal allerdings ist, dass dieser Teil der BĂŒrgerrechtler heute zu den eifrigsten Kronzeugen eines billigen antirussischen Ressentiments zĂ€hlt. Dies knĂŒpft dabei bruchlos an jene Ideologie des Kalten Krieges an, die vom berechtigten Antistalinismus ĂŒber den verstĂ€ndlichen Antikommunismus bis hin zur irrationalen Slawenphobie viele Varianten von westlichen Feindbildern bis heute prĂ€gt.

    Die wichtigsten Fragen, die heute zwischen Ost und West verhandelt werden mĂŒssten, lauten: Was bedeutet es eigentlich, eine europĂ€ische Nation zu sein? Was unterscheidet uns von anderen? Welche FĂ€higkeiten muss eine Nation erwerben, um dazuzugehören? Was sind die Lehren unserer Geschichte? Welche Ideale prĂ€gen uns? Welche IrrtĂŒmer und Verbrechen? Diese Fragen werden in aller Deutlichkeit wachgerufen am Beispiel der Ukraine und ihres Abwehrkampfes gegen die russische Aggression.

    Europa sollte nicht immer auf der Suche nach Schurkenstaaten sein.

    In unseren Medien verkörpert die Ukraine das Ideal und Vorbild einer freiheitsliebenden westlichen Demokratie heroischen Zuschnitts. Die Ukraine, so heißt es, kĂ€mpfe nicht nur fĂŒr ihre eigene Nation, sondern zugleich fĂŒr die universale historische Mission des Westens. Wer sich machtpolitisch behauptet, wer seine Existenz mit blutigen Opfern und Waffen verteidigt, gilt als Bollwerk fĂŒr die europĂ€ischen Ideale der Freiheit, koste es, was es wolle. Wer aber den Weg des Konsenses, der Kooperation, der VerstĂ€ndigung und der Versöhnung sucht, gilt als schwach und deswegen als irrelevant, ja als verachtenswert. Von daher sind Gorbatschow und Selenskyj die eigentlichen Antitypen in der Frage, was es heute heißt, EuropĂ€er zu sein und die europĂ€ischen Tugenden zu verkörpern.

    Neben diesem Hang zum Heroischen und zur Selbsterhöhung liegt hier die Wurzel, die ich fĂŒr den Grundirrtum einer europĂ€ischen IdentitĂ€t halte: das scheinbar unausrottbare BedĂŒrfnis nach nationalem Chauvinismus. Jahrhundertelang haben nationale Exzesse die Geschichte unseres Kontinents geprĂ€gt. Keine Nation war frei davon: nicht die Franzosen, schon gar nicht die Briten, nicht die Spanier, nicht die Polen, nicht die Ukrainer, nicht die Balten, nicht die Schweden, nicht die Russen, noch nicht einmal die Tschechen – und schon gar nicht die Deutschen.

    Es ist ein fataler Irrtum, zu meinen, durch den Widerstand gegen die anderen imperialen MĂ€chte gewinne der eigene Nationalismus so etwas wie eine historische Unschuld. Das ist Selbstbetrug und einer der folgenschwersten europĂ€ischen IrrtĂŒmer. Er verfĂŒhrt auch heute noch viele junge Demokratien dazu, sich nur als Opfer fremder MĂ€chte zu sehen und die eigene Gewaltgeschichte, die eigenen Gewaltphantasien fĂŒr berechtigt zu halten. Was Europa immer wieder zu lernen hatte und historisch meist verfehlte, ist die Kunst der Selbstbegrenzung, der friedlichen Nachbarschaft, der Fairness, der Wahrung gegenseitiger Interessen und des Respektes voreinander. Was Europa endlich verlernen muss, ist das stĂ€ndige Verteilen von KetzerhĂŒten, das Ausmachen von Achsen des Bösen und von immer neuen Schurkenstaaten.

    Die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher.

    Ach Europa! Jedes Mal, wenn wieder eine der großen Krisen und Kriege des Kontinents ĂŒberstanden war – nach dem 30-jĂ€hrigen Krieg, nach dem Feldzug Napoleons gegen Russland, nach zwei Weltkriegen, nach dem Kalten Krieg –, konnte man hoffen, der machtpolitische Irrweg sei nun durch bittere Erfahrung widerlegt und gebe einem ĂŒberlebenstĂŒchtigeren WeltverstĂ€ndnis endlich Raum. Und jedes Mal fielen wie durch einen Fluch die Völker Europas wieder der Versuchung anheim, den Weg der Dominanz und der Konfrontation zu gehen.

    Umso wertvoller ist aber das große Gegenbeispiel: Gorbatschows Hoffnung, dass auch fĂŒr alle ehemaligen Staaten der Sowjetunion eine neue Sicherheitsordnung möglich sei, die den unterschiedlichen SicherheitsbedĂŒrfnissen gerecht werden wĂŒrde, war in der Charta von Paris durchaus angedacht als Raum gemeinsamer wirtschaftlicher und politischer Kooperation zwischen dem alten Westeuropa und den neuen östlichen Staaten. Das war damals auch die Vision von Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Aber es gab keinen Plan, kein Konzept, die Vision war einfach zu undeutlich.

    Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden.

    Wie schnell sich wieder das GefĂŒhl des leichten Triumphes einstellte, lĂ€sst sich an einem traurigen Beispiel gut ablesen: am Umgang mit Jugoslawien. Jugoslawien gehörte zu den blockfreien Staaten, es hatte sich rechtzeitig vom Stalinismus gelöst und die jahrhundertealten nationalen RivalitĂ€ten aus der Zeit der Donau-Monarchie einigermaßen befriedet. Es wĂ€re nichts leichter gewesen, als diesem Jugoslawien als Ganzem 1989 eine Öffnung nach Europa und zur EU anzubieten.

    Es hĂ€tte Zeit gebraucht, aber es wĂ€re möglich gewesen. Man hĂ€tte nur darauf verzichten mĂŒssen, dem nationalen DrĂ€ngen der Slowenen und Kroaten zu schnell nachzugeben und das neue Feindbild der aggressiven Serben zu pflegen. Solche Weisheit allerdings fehlte völlig im Überbietungswettstreit um die Anerkennung neuer Nationalstaaten auf dem Balkan. Der bosnische BĂŒrgerkrieg, Srebrenica, die Zerstörung Sarajewos, Hunderttausende Tote und traumatisierte Menschen, der völkerrechtswidrige Angriffskrieg der Nato gegen Belgrad, die völkerrechtswidrige Anerkennung des Kosovo als selbstĂ€ndiger Staat, das vielfĂ€ltige AufbĂ€umen von neuen nationalen Chauvinismen wĂ€ren vermeidbar gewesen.

    Was bedeutet das alles fĂŒr die unmittelbare Gegenwart und fĂŒr die deutsche Politik im Jahre 2023?

    Die Koordinaten haben sich entscheidend verschoben. Bis zum Ende der Regierung Schröder konnte man davon ausgehen, dass gerade Deutschland aus der Zeit der Entspannungspolitik einen privilegierten Zugang, zumindest einen gewissen Spielraum zum Konfliktausgleich zwischen den großen geopolitischen Spannungsherden innehatte. Diese Zeit ist endgĂŒltig vorbei.

    UngefĂ€hr im Jahre 2008 begann Putin, dem Status quo zu misstrauen und seinen Machtbereich gegen den Westen auszurichten. Deutschland begann, sich als europĂ€ischer RiegenfĂŒhrer im neuen Konzept der Nato zu definieren. Im Rahmen der Reaktionen auf den Ukrainekrieg rĂŒckte es endgĂŒltig ins Zentrum der antirussischen Gegenstrategien. Das begrĂŒĂŸenswerte, aber medial vielgescholtene Zögern des Kanzlers Olaf Scholz war zu wenig von einer haltbaren politischen Alternative unterfĂŒttert und geriet so ins Rutschen.

    Wirtschaftlich und politisch zahlen wir dafĂŒr einen hohen Preis. Der deutsche Wirtschaftsminister bemĂŒht sich, die alten AbhĂ€ngigkeiten von Russland und China durch neue AbhĂ€ngigkeiten zu Staaten zu ersetzen, die keineswegs als Musterdemokratien durchgehen können. Die Außenministerin ist die schrillste Trompete der neuen antagonistischen Nato-Strategie.

    Ihre BegrĂŒndungen verblĂŒffen durch argumentative Schlichtheit. Dabei wachsen die RĂŒstungskosten und der Einfluss der RĂŒstungs- und Energiekonzerne ins Unermessliche. Der Krieg verschlingt sinnlos die Milliarden, die fĂŒr die Rettung des Planeten und gegen die Armut des globalen SĂŒdens dringend gebraucht wĂŒrden. Das aufsteigende China aber wird propagandistisch als neuer geopolitischer Gegner ausgemacht und in der Taiwan-Frage stĂ€ndig provoziert. Das sind alles keine guten Auspizien.

    Der Frieden und das Überleben des ganzen Planeten.

    Und dennoch: Wenn mich nicht alles tĂ€uscht, steht Europa kurz vor der Phase einer großen ErnĂŒchterung, die das eigene Selbstbild tief erschĂŒttern wird. FĂŒr mich aber ist das ein Grund zur Hoffnung. Der so selbstgewisse Westen muss einfach lernen, dass die ĂŒbrige Welt unser Selbstbild nicht teilt und uns nicht beistehen wird. Die eilig ausgesandten Sendboten einer neuen antichinesischen Allianz im anstehenden Kreuzzug gegen das Reich der Mitte scheinen nicht besonders erfolgreich zu sein.

    Wie konnten wir nur annehmen, dass das große China und die Hochkulturen Asiens die Zeit der willkĂŒrlichen Freihandels- und Opiumkriege je vergessen wĂŒrden? Wie sollte der leidgeprĂŒfte afrikanische Kontinent die zwölf Millionen Sklaven und die Ausbeutung all seiner BodenschĂ€tze je verzeihen? Warum sollten die alten Kulturen Lateinamerikas den spanischen und portugiesische Konquistadoren ihre WillkĂŒrherrschaft vergeben? Warum sollten die indigenen Völker weltweit das Unrecht illegaler Siedlungen und Landraubs einfach beiseiteschieben in ihrem historischen GedĂ€chtnis?

    Die GrĂŒnen waren mal Pazifisten.

    Meine ganz persönliche Niederlage wird mich die letzten Tage begleiten. Gerade die GrĂŒnen, meine Partei, hatte einmal alle SchlĂŒssel in der Hand zu einer wirklich neuen Ordnung einer gerechteren Welt. Sie war durch glĂŒckliche UmstĂ€nde dieser Botschaft viel nĂ€her als alle anderen Parteien.

    Wir hatten einen echten Schatz zu hĂŒten: Wir waren nicht eingebunden in die machtpolitische Blocklogik des Kalten Krieges. Wir waren per se Dissidenten. Wir waren gleichermaßen gegen die AufrĂŒstung in Ost wie West, wir sahen die GefĂ€hrdung des Planeten durch ungebremstes Wirtschaftswachstum und Konsumismus. Wer die Welt retten wollte, musste ein festes BĂŒndnis zwischen Friedens- und Umweltbewegung anstreben, das war eine klare historische Notwendigkeit, die wir lebten. Wir hatten dieses ZukunftsbĂŒndnis greifbar in den HĂ€nden.

    Was hat die heutigen GrĂŒnen verfĂŒhrt, all das aufzugeben fĂŒr das bloße Ziel, mitzuspielen beim großen geopolitischen Machtpoker, und dabei ihre wertvollsten Wurzeln als lautstarke Antipazifisten verĂ€chtlich zu machen?

    Gegen Hass und den Krieg.

    Ich erinnere mich an meine großen Vorbilder: Die hĂ€rtesten BewĂ€hrungsproben hatten die großen ReprĂ€sentanten gewaltfreier Strategien immer in den eigenen Reihen zu bestehen. Gandhi hat mit zwei Hungerstreiks versucht, den RĂŒckfall der Hindus und Moslems in die nationalen Chauvinismen zu stoppen, Nelson Mandela hatte Ă€ußerste MĂŒhe, die Gewaltbereitschaft seiner jungen Mitstreiter zu brechen, Martin Luther King musste sich von den Black Panthers als zahnloser Onkel Tom verhöhnen lassen. Ihnen wurde nichts geschenkt. Und das gilt auch heute fĂŒr uns letzte Pazifisten.

    Der Hass und die Bereitschaft zum Krieg und zur Feindbildproduktion ist tief verwurzelt in der Menschheit, gerade in Zeiten großer Krisen und existentieller Ängste. Heute aber gilt: Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planenten, der muss den Hass und den Krieg grĂŒndlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption.”

  • Das European Democracy Lab

    ___Das European Democracy Lab e.V. wurde am 14. MĂ€rz 2014 als Antwort auf die in der Bankenkrise zutage getretenen undemokratischen Strukturen der EU gegrĂŒndet.

    Das European Democracy Lab (EDL) entwickelte damals die Idee der EuropÀischen Republik, eines dezentralen und demokratischen Europas.

    2018, einhundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, haben wir in einer Kunstaktion in 140 StĂ€dten mit ca. 25.000 EuropĂ€ischen BĂŒrgern die EuropĂ€ische Republik ausgerufen.

    ZĂ€sur

    ___Das ist genau 5 Jahre her!
    ‍

    Doch inzwischen ist Europa von zwei Kriegen zerfurcht, einem “Krieg gegen ein Virus” und einem Krieg in und um die Ukraine, der Europa, das einstige Friedensprojekt, in seinem Wesenskern zerstört. Freiheit und Frieden sind in Europa wieder in Gefahr!

    ___Wir wollen den europÀischen Geist wiederbeleben und die Arbeit an einem politisch geeinten Europa und einer kontinentalen Friedensordnung unter Einschluss Russlands wieder aufnehmen.

    Wir wollen ein Europa, das seine BĂŒrger vor den Nivellierungstendenzen der Globalisierung schĂŒtzt, statt diese wie die EU voranzutreiben. Angesichts der Tiefe der aktuellen Krise ist es notwendig, grundsĂ€tzlich ĂŒber die Geschichte, Kultur und Zukunft Europas und seinen Platz in der Welt nachzudenken.

    Deswegen nimmt das EDL zu seinem 9. Geburtstag nach 3-jÀhriger Unterbrechung seine AktivitÀten mit folgender Zielsetzung wieder auf.

    Endspiel Europa - Warum das politische Projekt Europa gescheitert ist - Und wie wir wieder davon trÀumen können
  • Der frühe Geist in der wilden Phase des ursprünglichen Internet

    Sozio-technische Entwicklungen — Erwartungen an den Cyberspace — Der Geist des Internets — Bionische Engel — Teilhabe an Gewinnen geschöpfter Energie — Blockchain — Open Data /Open Access — MOOCs – Maker Faires

    Der frĂŒhe Geist

    Ja, der frühe Geist in der wilden Phase des ursprünglichen Internet wird assoziert mit einem kooperativen sozialen Raum, einer Tauschökonomie für Software und Information, einer graswuzelbasierten Selbstorganisation sich entwickelnder Communitys und einem Hackergeist, der jede BeschrĂ€nkung des Zugangs und des freien Informationsflusses zu umgehen weiß.

    In den 1980ern filmte ich mit großen Video-Umatic Systemen meine Umwelt. BrechtÂŽs Radiotheorie bekam eine Praxis. Jeder konnte jetzt filmen und über eingerichtete „Offene KanĂ€le“ mit festen SendeplĂ€tzen seine Projekte im Bürgerfernsehen publizieren. Als dann das Usenet, die Mailboxen, die Bulletin Board Systeme hinzu kamen, versprach all dies einen emanzipatorischen Fortschritt in der Kommunikations- und Machtstruktur jener Zeit. Man
    trĂ€umte von einer horizontalen und nicht vertikalen Demokratie. Dies alles beförderte eine Euphorie in den 1990ern, die jeden zur Mitarbeit fĂŒr eine gerechtere Welt aufrief. Der gesellschaftspolitische Alltag zog in das Internet.
    Es war dann ein Buch von Gundolf S. Freyermuth: „Cyberland aus dem Jahre 1996“, welches mich in die digitale Welt hineinzog. Freyermuth beschrieb eine typisch kalifornisch utopische Energie, einen Willen, sich selbst und das eigene Leben neu zu erfinden. Und das Kommunikations-Werkzeug hierfür sollte nach den Drogenerfahrungen und einhergehenden Bewußtseinserfahrungen der
    Hippies, nun das Internet werden. Über Jahrhunderte zog die „Neue Welt“ die Menschen an, weil sie dem Einzelnen und unterdrückten Minderheiten sowie politischen Utopisten und religiösen Sekten einen Neuanfang bot. Hier war die Sehnsucht nach VerĂ€nderung und Abenteuer stĂ€rker als der Ă€ngstliche Wunsch
    nach Erhalt des Erreichten. Und hier bereiteten die zahlreichen Subkulturen und avantgardistische High-Tech-Pioniere die Eroberung des Cyberspace vor. Es kursierten Begriffe wie Gehirnhacking, Körperhacking, Bionische Engel, Cyborgs, Cyberpunks. Heute wird gehackt, was nicht bei 4 auf den BĂ€umen ist. Gehackt werden soll die DenkfĂ€higkeit durch Gehirn-Upgrades und Vernetzung (Brain Hack). Gehackt werden sollen die Sinne (Sensory Hack), indem das Vorhandene gesteigert oder modifiziert wird – besser sehen, hören, riechen sowie Ohren und Nasen, die sich schließen lassen – oder, indem ganz neue Wahrnehmungsbereiche eröffnet werden: Sinne für andere Frequenzen, Schallwellen, Radar oder RadiaktivitĂ€t. Diese Utopie des Cyberland, damals quasi gedacht als eine Parallelwelt zu unserer vorhandenen Welt, war noch nicht im Focus ökonomischer PrioritĂ€ten. Die Grabber AOL, Facebook usw. gab es
    noch nicht. Man befand sich im Wildwest der sozio-technischen Evolution und in Deutschland war man mit seiner geschulten Medienkritik recht gut positioniert gegenüber den Denkstrukturen des Silicon Valley. Es waren zu jener Zeit Organisationen aus Kunst und Kultur, die an der Programmierung von
    Webportalen gearbeitet haben. Interessant sind hier z.B. „De Digitale Stad Amsterdam“ aus dem Jahre 1994. Die DDS wurde von einem Kulturzentrum und einem Hackerkollektiv ins Leben gerufen. Der Grund für die Initiative waren grade stattfindende Kommunalwahlen in Amsterdam und man erhoffte sich über die neuen Informationssysteme einen regen Diskussions-Austausch aller
    Beteiligten. Ein anderes interessantes Projekt war „Die internationale Stadt“, gegründet von einer Berliner Kunstinitiative aus dem Jahre 1995.

    Und, wo liegt nun der Geist des Fortschritts, die Idee des Mensch-Seins und des Sharing? Wie können wir Menschen die neuen Technologien nicht einzeln und egoistisch als Gadgets nutzen, sondern in Gesellschaft an den neuen Möglichkeiten partizipieren?

    Heute möchten datengetriebene Technologiemodelle uns „The paradise of human beeings“ bescheren. Mittlerweile weiß aber wohl jeder, auch ohne Gadget Messung, daß es zu viele Emmissionen von zu vielen Dreckschleudern gibt. Die CO2 Mess Spots erfüllen nur noch, -ja welche Zwecke eigentlich?
    Blockchain / Dokumentation von Geld und Besitz. Monetariesirungsmodelle ĂŒber Emmissionszertifikate oder Klagemodelle wie z.B der Deutschen Umwelthilfe.

    Vor Jahren haben wir im Argos-Salon schon einmal über „das GeschĂ€ftsmodell der Banken“ und das digitale Geld anhand des Bitcoin, einer KryptowĂ€hrung, gesprochen. Zur Zeit hat dieses Thema wieder Hochkonjunktur. Der Code des Bitcoin basiert auf der sogenannten „Block Chain“. Mit dieser Technologie wird bei jedem Besitzerwechsel dem transferierten Geld ein neuer Codeschnipsel
    angehĂ€ngt (von daher der Begriff Block) um eben diesen Artikel zu referenzieren und einwandfrei bisher stattgefundene Besitzerwechsel zu dokumentieren. Dieser Code wird dezentral auf verschiedenen Servern gespeichert. Der eigentlich umwerfende Aspekt ist hier zum einen, daß man den angehĂ€ngten Code nur bis zu 24 Millionen Bitcoins realisieren kann, die Geldmenge wĂ€re dann
    also gedeckelt. Der andere interessante Aspekt der Nutzung der „Block Chain Technologie“ ist die mögliche Verwaltung der Eigentumsnachweise und Dokumentantion von Besitzerwechseln wie bei Hausbesitz, Urkundenbesitz, Testamente, Patentverzeichnisse usw. usf. Die Speicherung der „Block
    Chain“ Daten lĂ€uft dezentral. Jede zentrale Speicherung von Daten, wie sie z.B. Banken über das Geld und die Kunden ausüben, wĂ€re dann obsolet. Die Banken wissen das mittlerweile auch und arbeiten in einem Konsortium an eigenen digitalen WĂ€hrungen und sammeln und kaufen hierfür fleißig Patente.

    Opendata und Open Access

    Auf http://www.daten.berlin.de/ werden auf einer Karte ObstbĂ€ume, welche der Allmende zuzurechnen sind und die von daher von jedem beerntet werden können, verzeichnet. In Berlin gibt es schon einige wenige Opendata Applikationen unter http://www.daten.berlin.de zu sehen. Open Data legt einfach die API’s / Schnittstellen offen, so daß jeder bereits erstellte
    Datenbanken benutzen kann. Ein Beispiel wĂ€re hier die Visualisierung der Verbrauchsdaten derBerliner Bezirke von Strom. Hier kann man einen Bezirk, z.B. Berlin Mitte aufrufen und sieht dann die Daten für z.B. Erzeugte Energie, Verbrauch absolut, Einwohnerzahl, Verbrauch pro Einwohner usw.
    In Wien entwickelt man das Open Access Network Austria (OANA). Diese schreibt: „Wissenschaft ist ein öffentliches Gut, das erst durch Teilen und Weiterverwendung nutzbar wird. Da die digitale Revolution es ermöglicht, viele Informationen von jedem Ort und jeder Zeit zugĂ€nglich zu machen,
    ist es das Ziel von Open Access, alle wissenschaftlichen Publikationen frei im Internet zur Verfügung zu stellen. Hierfür gibt es auch eine Agenda. Auch die European Research Area (ERA) oder die Max-Planck-Gesellschaft entwickeln hierzu Roadmaps. Wenn man über Open Data spricht, muß man über die Diskrepanz von freien ZugĂ€ngen zu Datenbanken mittels freier API’s und über die alten GeschĂ€ftsmodelle, Wissen und Erfindungen geheim zu halten, sprechen. Große Konzerne, z.B. die aus der Pharmaindustrie, haben durch z.B. in Deutschland geeignete Rechtsmodelle, Erfindungen, die oft über die staatlichen UniversitĂ€ten erarbeitet wurden, über lange Zeit zu monetarisieren gewußt. LĂ€nder wie Indien konnten das über Druck teilweise reduzieren,
    LĂ€nder wie Deutschland befinden sich in der Falle. Zumal mittlerweile auch einzelne Pharma Konzerne öffentlich zugeben, daß Forschung und Entwicklung nicht mehr in ihren Bereich gehören, sondern das diese outgesourct werden müssen. Hier sollten generell einige neue Fragen gestellt werden.

    Heute, im digitalen Zeitalter werden all diese Problematiken wieder neu besprochen. Man fragt sich, ob das GeschĂ€ftsmodell wissenschaftlicher Verlage noch zeitgemĂ€ĂŸ ist? Die OANA ( Open Access Network Austria) in Österreich möchte bis 2025 die gesamte wissenschaftliche PublikationstĂ€tigkeit auf Open Access umstellen. Das bedeutet, daß alle wissenschaftlichen Publikationen, die aus Unterstützungen mit öffentlichen Mitteln hervorgegangen sind, ohne Zeitverzögerung und in der finalen Version im Internet frei zugĂ€nglich sind. Die
    notwendigen Mittel werden den AutorInnen zur Verfügung gestellt, – oder die Kosten der Publikationsorgane werden direkt von den Wissenschaftsorganisationen getragen. Österreicher erhalten erstmals ein grundsĂ€tzliches Recht darauf, mit Steuergeldern finanzierte
    Dokumente für eigene Zwecke zu gebrauchen. Im Juli 2015 trat eine Nouvelle des Informationsweiterverwendungsgesetzes in Kraft, das die Nutzung von Dokumenten regelt, die sich im Besitz öffentlicher Stellen befinden.


    Bildung und MOOCs

    Wie der Erziehungswissenschaftler Sugata Mitra 2013 einmal über die Geschichte der Lernmethodeen referierte, beschrieb er einmal die zu Zeiten des britischen Empire ausgeübten schulischen Ziele: eine gute Handschrift, weil alle Daten mit der Hand geschrieben wurden, sie mußten lesen können, und sie mußten in der Lage sein, im Kopf zu multiplizieren, zu dividieren, zu
    addieren und zu subtrahieren. Es wurde für den globalen bürokratischen Verwaltungsapparat ein Schule benötigt, um einen globalen Computer aus Menschen zu schaffen.

    Heute gibt es MOOCs (Massive Online Open Courses) – offene Online-Kurse für alle. Hier können die besten aller Lehrer ihre Lehre betreiben und in Schulen können hierzu dann die Besprechungen und Hausaufgaben ablaufen. So hatte das berühmte MIT (Massachussets Institute of Technology) einmal einen Kurs mit Prüfung weltweit online gestellt, und die 400 besten Teilnehmer waren dann gar nicht mehr vom MIT selbst, sondern es waren Menschen die online dazu gestoßen waren.

    Maker Faires


    Hacker-, DIY- (Do It Yourself) und Maker-Kulturen sind in den Mainstream eingegangen. Ihre Formate und Methoden gelten mittlerweile als “moderne” Aspekte vieler Politik-, Kultur- und Bildungsprogramme. Dieser Umbruch zeigt sich auch im Wiederaufleben von Craft-Kulturen und im Aufkommen neuer Formen kritischen und aktivistischen Designs als mögliche Gegenpole. All diese Praktiken haben jedoch nie isoliert existiert: Eingebettet in grĂ¶ĂŸere soziokulturelle, ökonomische und politische Kontexte haben sich Hacker-, DIY- und Maker-Kulturen schon immer gegen vorherrschende Narrative des Marktes positioniert.

    Transmediale 2016 und Kunsprojekt Autonomy Cube


    Hier noch ein Anmerkung zur Transmediale, dem Mediumkunst-Festival im Haus der Kulturen der Welt. Hier heißt es: Angesichts zahlreicher Probleme und globaler Krisen müssen wir uns fragen, wie eine GesprĂ€chskultur im digitalen Zeitalter aussehen kann? Im internationalenWettbeweb zwischen Staaten, Unternehmen, Netzwerken und Individuen werden wichtige globale Angelegenheiten auf Worthülsen reduziert. Die Macher der Transmediale sagen: wir sprechen von Flüchtlingskrise, Finanzkrise, Klimawandel, Big Data, dabei ist lĂ€ngst nicht klar, worüber wir reden. Wie tauscht man in einer global vernetzten Medienwelt Argumente und Ansichten über komplexe Sachverhalte aus? In Zeiten sich überlagernder Krisen möchten viele Menschen aktiv werden. Aber wie? Die Ambivalenz zwischen Tatendrang und Resignation bildete den inhaltlichen NĂ€hrboden der Transmediale 2016. „Anxious to Act, Anxious to Make, Anxious to Share, Anxious to Secure“ (bestrebt zu handeln, bestrebt zu kreiren, bestrebt zu teilen, bestrebt zu sichern), so formulierten es die Veranstalter. Der Drang zu handeln und zu teilen ist groß, gleichzeitig wissen
    wir nicht, wie wir es richtig machen können, ohne etwa Großkonzernen in die HĂ€nde zu spielen. Zum Abschluss noch eine Bemerkung zum „Autonomy Cube“ Projekt von Tevor Paglen und Jakob Appelbaum. Sie bauten einen transparenten Cube mit 4 Rechnern und einem offenen Wifi-Hotspot. Implementiert wurde die Software TOR, welche eine Anonymisierung von Daten ermöglicht. Diese
    Skulptur wurde in Oldenburg 4 Monate im Edith-Russ-Haus ausgestellt und konnte auch praktisch als Einwahlknoten voll benutzt werden.


    Auswirkungen des Internet in den USA versus EUROPA

    Steven Hills, ein Fellower der American Academy in Berlin untersuchte die Auswirkungen der Share Ökonomie. Ich selbst war damals begeistert von den ersten Mitfahrzentralen, war fasziniert davon, einfache materielle Dinge zu teilen. Und heute? Steven Hills beobachtet die Unternehmen, die meist nur eine Webseite und ein paar Apps haben und mit ihrem Mischmodell aus Technologie à la Silicon Valley und der Gier à la Wall Street ihre lukrativen Unternehmen aufgebaut haben. Dies sind Unternehmen wie „Uber“, „Upwork“ und
    „Task Rabbit“. Hier wird vorgegeben, daß jeder Mensch ein selbstĂ€ndiger Unternehmer, ein GeschĂ€ftsführer, ein SelbststĂ€ndiger werden kann. Was früher von Unternehmen an Arbeit einfach in Billig Lohn LĂ€nder outgesourct wurde, wird heute mit Schein-SelbstĂ€ndigen im eigenen Land zum Billig-Lohn Tarif praktiziert. Und dieser Steven Hill möchte in seiner Studie den prekĂ€ren
    Zustand von Ÿ der Amerikaner, die mittlerweile sich nur noch in ihren Jobs von Gehaltsabrechnung zu Gehaltsabrechnung durchhangeln, vergleichen mit den Auswüchsen einer Sharing Ökonomy in einem Wohlfahrtsstaat mit einflussreicheren Gewerkschaften und stĂ€rkerer staatlicher Regulierung.
    Können wir Wohlstand erhalten, wenn unsere Wirtschaftssystem auf einseitigen Arbeitgeber- und Arbeitnehmer Beziehungen basieren? Oder erfordert Wohlstand mehr Mitbestimmung zwischen den Akteuren?

    Die Versicherung Generali


    Der Versicherer plant das Sammeln von Gesundheitsdaten per App. Die Generali-Gruppe steigt ins Telemonitoring ein und kooperiert dazu mit dem südafrikanischen Versicherer Discovery. Die Südafrikaner haben das Gesundheitsprogramm Vitality entwickelt. Kunden, die auf Fitness, Lebensstil und ErnĂ€hrung achten, werden mit Gutscheinen, Geschenken und Rabatten belohnt. Die,Daten werden mittels App an den Versicherer übermittelt. So sollen beispielsweise Vorsorgetermine dokumentiert, Schritte gezĂ€hlt und sportliche AktivitĂ€ten gemessen werden. Generali selbst beschreibt Vitality so: Mit Generali Vitality bieten wir zukünftig eine Produktoption für die stetig wachsende Gruppe gesundheitsorientierter Menschen an. Die Vitality-Produkte unterstützen die Kunden auf für sie nachvollziehbare Weise dabei ein gesünderes Leben zu führen. Von der Idee her vergleichbar mit den Bonussystemen von Krankenkassen wird eine gesunde Lebensweise gefördert und belohnt, indem der Kunde beispielsweise Vergünstigungen (bei der Mitgliedschaft im Fitnessstudio, beim Kauf von Sportausrüstungen und gesunden Lebensmittel)
    oder Bonuspunkte erhĂ€lt. Innovativ ist an dem Modell, dass es ganzheitlich ist, d.h. vom Gesundheits-Check über die Vergünstigungen bis zu Bonuspunkten geht und dass dabei auch digitale Anwendungen zum Tragen kommen, die eine intuitive und für den Versicherten einfache Nutzung ermöglichen. Kunden erhalten PrĂ€miennachlĂ€sse. In der ersten Stufe erhalten Versicherte die genannten Vergünstigungen, in einer zweiten Stufe sollen auch PrĂ€miennachlasse beim Versicherungsschutz möglich sein. Damit ist Generali der erste große Versicherer, der Ernst macht mit „Big Data“. Nach Medienberichten sollen auch Allianz, Axa und weitere an Ă€hnlichen Projekten arbeiten. Vorreiter dieser Entwicklung ist der US-amerikanische
    Krankenversicherer United Healthcare. Dort erhalten Versicherte nach entsprechendem Nachweis schon seit Jahren PreisnachlĂ€sse. „In Europa werden die Produkte zunĂ€chst in Deutschland, Frankreich und Österreich erhĂ€ltlich sein und die MĂ€rkte dann sukzessive ausgeweitet. Weltweit ist der Kooperationspartner bereits in vielen LĂ€ndern aktiv, darunter Südafrika, USA, China, England, Australien und Südostasien“, sagt Generali-Unternehmenssprecherin Silvia Lorger-Michel. Hierzulande erntet das Vorhaben deutliche Kritik. Verbraucherschützer wie Peter Grieble von der
    Verbraucherzentralen Baden-Württemberg verweisen auf das Manko hinsichtlich Datenschutz. Der Kunde wisse gar nicht, wie seine Daten im Konzern verarbeitet werden und wer Zugriff darauf habe. Einige Kommentatoren in Publikumsmedien mokieren zudem, dass so das Prinzip der Versicherung ad adsurdum geführt werde. Denn es werden nicht mehr verschiedene Risiken zwischen vielen Kunden und über die Zeit ausgeglichen, sondern die Versicherer versuchen so die „guten“ Risiken für sich zu gewinnen und der Konkurrenz die „schlechten“ Risiken überzuhelfen. Ein Trend, der bei genauerer Betrachtung wahrlich nicht neu erscheint. Felix Hufeld, oberster Versichungsaufseher bei der BaFin, sagte in der Süddeutschen Zeitung: „Wenn wir den Gedanken zu Ende denken, kann das letztlich zu einer Atomisierung des Kollektivs führen.“ Und auch
    Schriftstellerin Juli Zeh schaltet sich in die Debatte ein: „Wir werden manipulierbar und unfrei“. Sie sieht totalitĂ€re Strukturen im Gewand von Serviceangeboten. Von Zeh ist der Roman „Corpus Delicti“, der vor der Problematik einer Gesundheitsdiktatur in naher Zukunft warnt.
    Anhang von Gert Lovink http://thing.desk.nl/bilwet/Geert/Aufsaetze/dds.txt

    *1. Was ist eine ‘digitale Stadt’?


    Digitale Staedte oder ‘Freenets’ sind frei zugĂ€ngliche, kostenlose Informationssysteme innerhalb des Internets. Es handelt sich dabei um eine
    lokale Sammlung ‘virtueller Gemeinschaften’ (Rheingold), wobei das gemeinsameInteresse die geografische Lage und die Muttersprache ist. Seit Januar 1994 gibt es in Amsterdam eine solche digitale Stadt. Sie wurde von “De Balie” gegruendet, einem Zentrum fuer Politik, Theater und Kultur, sowie der
    “Hacktic”-Gruppe (Computerhacker, die den ‘XS4all’ Internetserver betreiben).
    Das Ziel war anfaenglich, ein Experiment durchzufuehren, welches das VerhÀltnis zwischen den Buergern und dem Bereich der Politik im elektronischen Zeitalter untersucht. Anlass waren die Wahlen des Gemeinderats. Bald ging die
    Entwicklung dahin, die Diskussion ĂŒber die Planung der ‘Datenautobahn’ in
    Holland voranzubringen. FĂŒr viele war ‘dds’ die erste Bekanntschaft mit dem Internet. Das System brach aufgrund des grossen Zuspruchs bald zusammen. Mittlerweile hat dds-Amsterdam 20.000 ‘Bewohner’ und bis zu 4000 log-ins pro Tag. Seit Oktober 1994 laeuft das System ueber das World Wide Web und die Bewohner haben die Moeglichkeit, eigene Homepages zu gestalten. Die Version 3.0 (Juni 1995) legt noch mehr Wert auf die individuelle Positionierung der einzelnen Benutzer, um das wachsende System weiter zu differenzieren. Im folgenden Text werden eine Anzahl von Alternativen und Dilemmas dargestellt, um so, ohne Einfuehrung, gleich einen Eindruck davon zu geben, welche Fragen sich bei der Planung öffentlicher Netzsysteme ergeben. Kein elektronisches Kaufhaus, sondern Public Domain. Die digitale Stadt ist kein in sich geschlossenes Einkaufszentrum oder Ladenpassage. Sie ist ein öffentlicher Raum, der zwar Zugang zu kommerziellenSystemen oder Diensten ermoeglicht, selbst jedoch keine Waren aufnötigt oder Mautgebuehren an den Zugangspforten erhebt. So wie es nichts kostet, auf der Strasse zu laufen, muss auch der Zugang zur Digitalen Stadt frei sein. Es herrscht das Recht der freien Meinungsaeusserung. Man kann sich ueber die ‘Strasse’ in ein anderes System einloggen, in dem man fĂŒr Information bezahlen muss, aber der öffentliche Raum im Netz hat damit nichts zu tun. Wenn dieser grundlegende Unterschied zwischen oeffentlichem Raum und Privatheit nicht gemacht werden kann, gibt es keine Existenzberechtigung mehr fuer eine digitale Stadt und sie wird ein Computernetzwerk wie alle anderen. Eine digitale Stadt kann zwar ‘Verkaufsraum’ vermieten, darf aber nicht darauf reduziert werden. Kommerzielle Systeme dagegen werden sich von Natur aus nicht mit dem Problem befassen, ob sie ein ‘Aussen’ haben. Sie werden höchstens Werbung fĂŒr andere machen, indem sie ihnen die Möglichkeit geben, eine Anzeige zu plazieren. Laut Joost Flint, zusammen mit Marleen Stikker einer der Koordinatoren, ist die Digitale Stadt sowohl eine Antwort auf die drohende Kommerzialisierung des Netzes, als auch ein Trendsetter. “dds” schafft keinen Markt. In dieser Hinsicht sind wir Hippietouristen, die ein Fernes Land kennenlernen. Ich hoffe, dass Die Digitale Stadt ein Raum fĂŒr nicht-kommerzielle Information bleibt, mit Gratiszugang und Moeglichkeiten, die man in kommerziellen Systemen nicht hat. Es ist angenehm fĂŒr Menschen, zu wissen, dass sie nicht ‘gemonitort’ werden. Jeder Schritt, den man in einem anderen Internetsystem tut, wird registriert. Die Information wird an eine Direkt-Marketing-Agentur verkauft. Privacy wird ab einem bestimmten Zeitpunkt ein Thema werden.


    *2. Die digitale Stadt ist eine Metapher


    Rob van der Haar ist einer der Designer des Interface fuer Die Digitale Stadt
    3.0. In einem Vortrag mit dem Thema ‘Die Stadt als Metapher’ fĂŒhrt er aus:
    “Warum sollte man einer elektronischen Umgebung den Namen ‘digitale Stadt’
    geben? Zunaechst einmal, weil er als Metapher dienen kann, er erklÀrt
    unbekannte Dinge anhand von bekannten. Das Verhalten der elektronischen Stadt wird daher mehr oder weniger an das Bild (mentales Modell) anschliessen
    muessen, das die Zielgruppe von einer wirklichen Stadt hat. Das bedeutet nicht
    automatisch, dass eine digitale Stadt eine exakte Kopie einer wirklichen Stadt
    werden muss. Im Gegenteil, Phantasiestaedte wie Disneyland und symbolische
    Staedte wie ‘The Legible City’ des Kuenstlers Jeffrey Shaw sprechen die
    Phantasie viel mehr an. In manchen Punkten darf eine digitale Stadt durchaus
    vom Erwartungsmuster des Benutzers abweichen, gerade Ueberraschungen und
    Entdeckungen laden ein, die Stadt oefter zu besuchen.”
    Ein Teil des Erfolgs der Digitalen Stadt ist sicher ihrem Namen zu verdanken.
    Die Stadtmetapher foerdert nicht nur die Wiedererkennbarkeit, es ist vor allem
    eine produktive Formel, welche sowohl die Phantasie der Macher, als auch der
    Benutzer reizt. Die ‘Stadt’ zieht Ideen an und provoziert dazu, wilde Plaene
    zu schmieden. Diese Metapher erlaubt sowohl die Arbeit an einem strikten,
    uebersichtlichen Plan, in dem Funktionalitaet und Benutzerfreundlichkeit
    dominieren, als auch an einem Labyrinth von Gassen und kleinen Strassen, in
    denen sich dunkle, illegale, abenteuerliche Dinge abspielen. Eine Stadt kann
    so reich (und so arm) sein wie das Leben. Ausschlussmechanismen koennen
    aufgrund der zielbewussten Komplexitaet der Struktur nicht effektiv
    durchgefuehrt werden. Die Unuebersichtlichkeit schuetzt die Bewohner gegen die destruktiven Seiten der Transparenz und der Allgegenwaertigkeit. In der
    Computerterminologie bedeutet das, dass der kuehle, kalte High-Tech durch
    menschliche Exzesse und nichtvorgesehene Abweichungen gemildert wird. Neben dem Rathaus muessen auch der Sexshop und der Koffieshop ihre Annehmlichkeiten anbieten koennen. Man kann in die Schule gehen, aber auch schwaenzen. Die Digitale Stadt muss nicht per se sauber und gesund zu sein. Es muss auch anonyme PlÀtze geben. Das System wird staendig umgebaut, mit lÀstigen Baustellen und aufgebrochenen Strassen. In der Literaturkritik ist die
    Metapher ein vertrautes Problem. Es ist an der Literaturwissenschaft, dieses
    Wissen in den Cyberspace zu verpflanzen und den Metaphergebrauch innerhalb
    von Systemen wie Die Digitale Stadt einer kritischen Untersuchung zu unterziehen. Die Stadtmetapher erscheint im Cyberspace zu einem Zeitpunkt, in
    dem es mit der Stadt Amsterdam als Verwaltungseinheit endgueltig vorbei ist,
    und die Stadt sich in der Region (“ROA”) aufloest. Selbst in der reaktionaeren
    Vorstellung des Stadtstaates sehen wir, dass die Stadt sich als eine
    verdichtete Infrastruktur redefiniert, zu der auch die weitentfernten
    Aussenbezirke, Flughaefen, Industriegebiete, edge cities, Autobahnen,
    Handelszentren und Randgemeinden gerechnet werden. Die frĂŒhere Stadt dagegen hatte eine deutliche Grenze (und Identitaet). Die digitale Stadt kann nun als zurĂŒckgekehrte Metapher einen gewissen Schutz gegen die hochaufloesende FĂ€higkeit der neuen Technologien bieten. Sie hat neben utopischen auch nostalgische ZĂŒge. Sie will den vergangenen Glanz der Stadt wieder zum Leben erwecken, nicht indem man gebaute Umgebung mit postmodernen Fassaden versieht oder die Bewachung verstĂ€rkt, sondern indem man die KĂŒnstlichkeit konsequentnausbaut: digitaler Konstruktivismus.
    http://thing.desk.nl/bilwet/Geert/Aufsaetze/dds.txt
    http://www.digitalcraft.org/?artikel_id=249
    http://www.digitalcraft.org/dateien/358_0730164807.pdf

    [Vortrag von Klaus Kampe im Argos Salon]

  • Stadtwende in Stralsund

    Altstadtverfall | BĂŒrgergruppen | DDR 1989

    „Zur Zeit stehen noch 1.350 GebĂ€ude, von denen 273 als Baudenkmale eingestuft sind. Fachleute gehen davon aus, daß zum gegenwĂ€rtigen Zeitpunkt noch 75% dieser Substanz zu retten sind.“

    Mit diesen Zahlen unterstrich der ehemalige Stralsunder Stadtarchivar Herbert Ewe 1990 seine Forderung an die damalige Bundesbauministerin Gerda Hasselfeldt, die Stadterneuerung in Stralsund maßgeblich zu unterstĂŒtzen. Der Hintergrund: In den 1980er Jahren war der Verfall der Stralsunder Altstadt immer augenscheinlicher geworden. Nicht nur waren viele historische GebĂ€ude marode, sondern auch die öffentlichen RĂ€ume und die technische Infrastruktur waren stark in Mitleidenschaft gezogen. Dazu kam, dass zum Beispiel immer mehr GeschĂ€fte schließen mussten und die Altstadt als Wohnstandort nicht mehr attraktiv war. Die Folge waren Leerstand und weiterer Verfall.

    Im Umfeld des gesellschaftlichen Aufbruchs im Wendeherbst von ’89 mobilisierte Herbert Ewe viele Stralsunderinnen und Stralsunder, sich fĂŒr die Altstadt einzusetzen. Schnell organisierte man sich als „BĂŒrgerkomitee“, um den Anliegen der Denkmalpflege und Stadterneuerung mehr Nachdruck verleihen zu können. So forderte die Gruppe um Ewe zum Beispiel im Dezember 1989 einen allgemeinen Abrissstopp beim Rat der Stadt ein – mit Erfolg.

    Nicht nur in Stralsund, in vielen StĂ€dten der DDR entstand 1989 ein ganzes Spektrum an Initiativen und Gruppen, die sich fĂŒr den Erhalt und die Erneuerung der teilweise stark verfallenen AltstĂ€dte einzusetzen. Diesen AktivitĂ€ten widmet sich seit 2019 ein Forschungsprojekt, das aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven auf den Zusammenhang von Stadterneuerung, Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung blickt. Forscherinnen und Forscher aus Kaiserslautern, Kassel, Weimar und Erkner bei Berlin untersuchen nicht nur diese BĂŒrgergruppen aus bewegungsgeschichtlicher Perspektive, sondern zeichnen auch die PfadabhĂ€ngigkeiten der DDR-Altstadtpolitik nach, rekonstruieren LebenslĂ€ufe von Fachleuten, analysieren die Rolle von Kulturinstitutionen fĂŒr die Altstadterneuerung oder fragen nach deutsch-deutschem Fachaustausch – vor, wĂ€hrend und nach dem Herbst 1989. Stralsund ist eine von zehn StĂ€dten, die dabei als besonders aufschlussreich fĂŒr die Forschung ausgemacht wurden.

    Das Engagement fĂŒr die Erhaltung der Altstadt war nichts Neues in der Stadt am Strelasund. Schon 1956 gab es ein groß angelegtes Forschungsprojekt zur stĂ€dtebaulichen Denkmalpflege am Beispiel Stralsunds, unter Leitung der Deutschen Bauakademie, der wichtigsten Forschungseinrichtung des Bauwesens in der DDR. Zusammen mit Görlitz und Quedlinburg hatte die DDR-Denkmalpflege die Altstadt schon 1962 als Ensemble in die erste offizielle Denkmalliste der DDR aufgenommen, was allerdings mehr symbolischen Charakter haben sollte. Es gab aber auch schon frĂŒh private oder fachliche Initiativen fĂŒr Denkmalpflege. So war zum Beispiel KĂ€the Rieck, die ehemalige Leiterin des Kulturhistorischen Museums, in den 1960er Jahren die erste Vertrauensfrau fĂŒr Denkmalpflege und in dieser Position ehrenamtlich dafĂŒr zustĂ€ndig, sowohl in der Stadtbevölkerung als auch in der Verwaltung fĂŒr die Belange der Denkmalpflege zu werben. In anderen StĂ€dten der DDR wurden in diesen Jahren umfangreiche Abrissplanungen fĂŒr die alten Stadtkerne erstellt.

    Dann sollte sich der Wind drehen. Die Erneuerung von AltstĂ€dten wurde in der DDR rhetorisch aufgewertet und Mittel fĂŒr die Modernisierung wurden immer wieder versprochen. In der Praxis passierte allerdings zu wenig. Neubaugebiete an den StadtrĂ€ndern waren schließlich besser fĂŒr die Bilanzen des DDR-Bauwesens. Der Altstadterhalt wurde staatlicherseits auf die lange Bank geschoben. Im Kleinen gab es aber ein ganzes Spektrum an Initiativen: 1975 grĂŒndete eine Gruppe junger Stralsunder Baufachleute zum Beispiel eine Fachgruppe fĂŒr Denkmalpflege beim Kulturbund der DDR. Auch Herbert Ewe hat sich in seiner Position als Leiter des Stadtarchivs engagiert. Ihm ist besonders zu verdanken, dass viele Stralsunderinnen und Stralsunder nach Feierabend angepackt haben, um das Johanniskloster zu großen Teilen als Sitz des Archivs instandzusetzen. Ewe ist es gelungen, immer wieder Mittel, Material und helfende HĂ€nde dafĂŒr zu mobilisieren. 1989 war er es, der bis zu 300 Menschen um sich scharte, um die Stadterneuerung zum politischen Gegenstand der Demokratisierungsbewegung zu machen.

    Stadtwende Stralsund
    Stadtwende Stralsund
    Stadtwende Stralsund 2
    Das Heilgeistkloster in Stralsund war 1990 zwar in einem ruinösen Zustand, wurde aber noch von vielen Menschen bewohnt. Seine Sanierung war das erste grĂ¶ĂŸere Bauprojekt der Zeit nach der Wende. In der Zwischenzeit schienen sich die Interessen der Bauenden und der Bewohnenden zu widersprechen – ein Grund für Protest. SpĂ€ter resümiert die Architektin Adelheid Horn-Henn: „Zweifellos war es streckenweise ein holpriger Weg bis zum Ergebnis. Aber es ist auch spannend, was innerhalb von nur rund zehn Jahren ein einem ehemals gemiedenen Wohnquartier geschaffen wurde: Ein lebendiger Anziehungspunkt für Wohnungssuchende und Touristen.“ Abbildung: Stadterneuerungsgesellschaft Stralsund: Broschüre: Kloster zum Heiligen Geist. Gestalt und Farbe.

    Die Erneuerung der Stralsunder Altstadt ist aber auch Teil der deutsch-deutschen Geschichte der Stadterneuerung. Im Januar 1990 beschlossen die beiden deutschen Bauministerien ein

    Modellprogramm zur vorbildhaften Sanierung von erst vier, dann fĂŒnf ostdeutschen StĂ€dten. Stralsund wurde somit, zusammen mit Weimar, Meißen, Brandenburg an der Havel und spĂ€ter Halberstadt zu einem Experimentallabor, wo die Stadterneuerung erst als Kooperationsprojekt von Bundesrepublik und DDR, dann nach bundesdeutscher Gesetzgebung erprobt werden sollte.

    Zu einem Sonderfall kam es bei der letzten Sitzung des Runden Tisches in Stralsund, den „Stralsunder 20“. Sie beschlossen die GrĂŒndung der Stadterneuerungsgesellschaft Stralsund (SES), eines SanierungstrĂ€gers, der zur HĂ€lfte der Hansestadt und zur HĂ€lfte einer Kieler Stadterneuerungsgruppe gehört. In wenigen anderen StĂ€dten in den Neuen BundeslĂ€ndern wurden damit Kompetenzen und Kenntnisse eines TrĂ€gers so eng an die Kommune gebunden. SanierungstrĂ€ger unterstĂŒtzen die StĂ€dte bei planerischen und organisatorischen Belangen der Stadterneuerung.

    Die Aufbruchsstimmung hielt allerdings nicht lange an. In ganz Ostdeutschland galt es nun, die Schwierigkeiten der Stadtentwicklung unter kapitalistischen Bedingungen zu meistern. Ein Hindernis stellte besonders das Prinzip „RĂŒckgabe vor EntschĂ€digung“ dar, das besagte, dass Alteigentum an die vormaligen Besitzer rĂŒckĂŒbertragen werden sollte. In allen Teilen Ostdeutschlands Ă€chzten die Stadtverwaltungen unter der regelrechten Flut an AntrĂ€gen. In der Zwischenzeit wurden diese Objekte dem weiteren Verfall preisgegeben. Indes nutzten viele Familien die neuen Möglichkeiten und bauten EinfamilienhĂ€user am Stadtrand. An den StadtrĂ€ndern entstanden zudem große Shopping-Center, die dem Einzelhandel in den AltstĂ€dten Konkurrenz machten. In Stralsund war die Talsohle 1998 erreicht. Nur noch knapp ĂŒber 3.000 Menschen lebten damals in der Altstadt. Nur wenige Jahre spĂ€ter schon folgte die Eintragung in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes, in der Folge konnte der Trend nachhaltig umgekehrt werden.

    Die verbleibenden Baustellen in der Altstadt sind also ĂŒberschaubar geworden. WĂ€hrend in anderen StĂ€dten die Erneuerung und Funktionserhaltung der AltstĂ€dte unter Bedingungen der Schrumpfung eine bleibende Aufgabe geblieben ist, werden im Stralsunder Zentrum schon lĂ€nger die FlĂ€chen knapp. Umso leidenschaftlicher wird ĂŒber jede Parzelle diskutiert. Dass dabei immer noch Akteure aus der Zeit der Friedlichen Revolution mitdiskutieren, ist keine SelbstverstĂ€ndlichkeit.

    So stellt die Ausstellung zur „Stadtwende“ folgerichtig die Frage: Wie wollen wir heute leben? Und wem gehört die (Alt-)Stadt? Denn unabhĂ€ngig von den wirtschaftlichen oder sozialen Perspektiven erfreuen sich die AltstĂ€dte einer grĂ¶ĂŸeren Beliebtheit denn je. Was damals Teil der demokratischen Öffnung der DDR und der sich anschließenden Wiedervereinigung war, ist heute wieder bedroht. Seien es steigende Mieten, Kulissenarchitektur, die einseitige Ausrichtung auf den Tourismus oder allzu große AbhĂ€ngigkeit vom Einzelhandel in den FußgĂ€ngerzonen – die Zukunft nicht nur der ostdeutschen InnenstĂ€dte muss stets neu verhandelt werden, ohne dabei zu vergessen, die AltstĂ€dte als etwas Gewordenes, als Ergebnis menschlichen Schaffens zu betrachten.

    Quelle:

    Beitrag von Jannik Noeske, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am
    Lehrstuhl Raumplanung und Raumforschung der FakultÀt Architektur
    und Urbanistik an der Bauhaus-UniversitÀt Weimar und Projekt-Pate
    „Stadtwende in Stralsund“

    Abbildungsunterschriften:

    Abb. 1:

    Das Stralsunder Johanniskloster gehört zu den bedeutenden Klosteranlagen Norddeutschlands. 1944 wurde es teilweise zerstört. Der damalige Direktor des Stadtarchivs Herbert Ewe begann bereits 1963, Mittel und Wege fĂŒr die Sanierung der denkmalgeschĂŒtzten Klosteranlage zu sichern. Dazu gehörte besonders die Aktivierung von sogenannten Feierabendbrigaden, die nach der regulĂ€ren Arbeit im Betrieb noch Hand bei der Sanierung des Klosters anlegten. Nach getaner Arbeit gab der “Professor” gerne ein Glas Rotwein oder Schnaps aus. Bis heute ist das Johanniskloster Sitz des Stadtarchivs, die Sanierung allerdings noch nicht abgeschlossen. Foto: GĂŒnter Ewald 1982, Bildquelle: Stadtarchiv Stralsund, JK-02-094.

    Abb. 2:

    Nicht nur fĂŒr Demokratie und freie MeinungsĂ€ußerungen gingen die Menschen im Herbst 1989 auf die Straße – bei einer Demonstration in Stralsund wurde auch die gerechte Verteilung von Wohnraum gefordert. Die Lebensbedingungen in den StĂ€dten der DDR war ein Stein des Anstoßes fĂŒr die Demokratiebewegung in der DDR. Dazu gehörte auch das Aufbegehren gegen den immer sichtbarer werdenden Altstadtverfall. Foto: Stefan Sauer 1989.

    Abb. 3:

    Das Heilgeistkloster in Stralsund war 1990 zwar in einem ruinösen Zustand, wurde aber noch von vielen Menschen bewohnt. Seine Sanierung war das erste grĂ¶ĂŸere Bauprojekt der Zeit nach der Wende. In der Zwischenzeit schienen sich die Interessen der Bauenden und der Bewohnenden zu widersprechen – ein Grund fĂŒr Protest. SpĂ€ter resĂŒmiert die Architektin Adelheid Horn-Henn: »Zweifellos war es streckenweise ein holpriger Weg bis zum Ergebnis. Aber es ist auch spannend, was innerhalb von nur rund 10 Jahren ein einem ehemals gemiedenen Wohnquartier geschaffen wurde: Ein lebendiger Anziehungspunkt fĂŒr Wohnungssuchende und Touristen.«

  • STEAMERGY

    Die Firma Steamergy aus Stralsund, ein innovatives Energie Unternehmen, hat sich auf die Entwicklung und den Bau von Dampfheizkraftwerken spezialisiert, die mit erneuerbaren Ressourcen wie Biomasse, Solarenergie und Geothermie betrieben werden können. Diese Technologie ermöglicht es rohstoffunabhĂ€ngig ElektrizitĂ€t und WĂ€rme zu erzeugen. ÜberschĂŒssige Energie aus Photovoltaik oder Wind wird thermisch mittels der Liquid Salt Technology ĂŒber Tage gespeichert und bei Bedarf wieder in Strom umgewandelt. Steamenergy stellt vom 28.11.2023 – 30.11.2023 auf der Braubeviale in NĂŒrnberg auf dem Gemeinschaftstand „Innovation Made in Germany“ aus.

  • Furby und ChatGPT

    Die Programmiererin Jessica Card hat einen Furby (1998 brachte Hasbro das sprechende niedliche PlĂŒschtier auf den Markt. Furbys konnten in der ersten Generation nicht nur mit ihrem menschlichen Besitzer sprechen, sondern via Infrarot auch untereinander. Das sorgte schon frĂŒh fĂŒr mehr oder weniger ernst gemeinte BefĂŒrchtungen, Furbys könnten untereinander konspirieren, um die Weltherrschaft zu erlangen) mit ChatGPT verbunden und hat ihm die Frage gestellt: “Gab es einen geheimen Plan der Furbys, die Welt zu beherrschen?” Die Antwort, die nach einer lĂ€ngeren Nachdenkphase kommt, ist eindeutig: „Der Plan der Furbys, die Welt zu erobern, besteht darin, durch ihr niedliches und knuddeliges Aussehen in die Haushalte einzudringen“, heißt es. „Dann nutzen sie ihre fortschrittliche KI-Technologie, um ihre Besitzer zu manipulieren und zu kontrollieren.“

    Ein User gab Jessica Card den Hinweis, das es bereits 2017 einen wortgleichen Text im Internet gegeben hat. Dies ist ein gutes Beispiel wie ChatGPT arbeitet.