Kategorie: Theater

  • Was ist los in Berlin im Monat März

    Hallo, ich bin Klaus. Schön, dass Du da bist. Als Kurator und Wahl-Berliner ist es meine Leidenschaft, die Fäden der Stadt zu entwirren und die wirklich spannenden Momente im hiesigen Kulturbetrieb herauszufiltern. Berlin im März 2026 – das ist diese seltsame Zwischenzeit, in der die Stadt zwischen grauem Asphalt-Chic und dem ersten vorsichtigen Knospen im Tiergarten schwankt.

    Ich habe dir drei Highlights zusammengestellt, die gerade das Gespräch der Stadt sind.


    🎨 Das Highlight im Hamburger Bahnhof: Shilpa Gupta

    Ausstellung: What Still Holds Wo: Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart

    Gestern war die Eröffnung, und ich sage es ganz direkt: Wer sich in dieser unruhigen Welt nach einer künstlerischen Auseinandersetzung mit Grenzen, Identität und dem, „was uns hält“, sehnt, muss hierher. Shilpa Gupta ist eine Meisterin darin, das Politische ins Poetische zu übersetzen.

    • Der Kern: Die Schau zeigt Werke aus den letzten zwei Jahrzehnten, darunter ihre ikonischen Installationen aus Absperrband und Sound.
    • Warum hingehen? In Zeiten, in denen wir ständig über Mauern und Pässe sprechen, erinnert uns Gupta daran, dass die stärksten Grenzen oft in unseren Köpfen existieren.
    • Mein Tipp: Nimm dir Zeit für die Sound-Installationen. Es geht nicht nur ums Sehen, sondern ums Spüren der Vibration im Raum.

    „Gupta schafft es, die Schwere der Welt in eine Leichtigkeit zu hüllen, die einen erst Stunden später mit voller Wucht trifft.“ – Klaus


    🎭 Ein Solo-Triumph am Schiffbauerdamm

    Aufführung: Der Hauptmann von Köpenick (nach Carl Zuckmayer) Wo: Berliner Ensemble

    Man könnte meinen, wir hätten genug vom Schustervogt Wilhelm Voigt gesehen. Aber weit gefehlt. Max Hopp hat gestern Abend im Berliner Ensemble bewiesen, dass dieser Stoff absolut zeitlos ist – wenn man ihn so radikal reduziert wie er.

    • Die Inszenierung: Hopp liest und spielt das Stück als Solo-Performance, unterstützt durch Musik, die die absurde Preußen-Mentalität demaskiert.
    • Der Vibe: Es ist kein verstaubtes Museumstheater. Hopp kitzelt den puren Berliner Witz heraus, ohne die Tragik der Figur zu verraten.
    • Fazit: Ein Muss für alle, die das BE für seine schauspielerische Brillanz lieben.

    🗿 Die Stille der Form: Brancusi in der Neuen Nationalgalerie

    Ausstellung: Constantin Brancusi – Eine Retrospektive Wo: Neue Nationalgalerie

    Mies van der Rohes Glashalle und Brancusis radikale Reduktion der Form – das ist eine Ehe, die im Architekturhimmel geschlossen wurde. Seit dem 20. März ist diese Retrospektive für das Publikum geöffnet.

    • Das Erlebnis: Die Art, wie das Licht durch die Glasfassade auf den polierten Bronze-Vogel im Raum fällt, ist fast religiös.
    • Der Kontrast: Brancusi wollte die „Essenz der Dinge“ einfangen. In unserer lauten, digitalen Welt von 2026 ist dieser Ort der ultimative Rückzugsort für das Auge.

    Klaus’ Kurz-Tipps für das Wochenende:

    • Für Fotografie-Fans: Persistence of Vision im Gropius Bau. Der Dialog zwischen Peter Hujar und Liz Deschenes ist melancholisch, schwarz-weiß und absolut Berlin.
    • Für Neugierige: Simon Faithfull im KINDL in Neukölln. Seine Videoarbeiten über den „Earth-ling“ sind so schräg wie klug.

    Berlin ist gerade ein riesiger Spielplatz für den Geist. Vielleicht sehen wir uns ja bei einer Vernissage – ich bin meistens der Typ mit dem schwarzen Rollkragen und dem leicht skeptischen, aber begeisterten Blick.

    Vorschläge für Deine Routen:

    🏛️ Route 1: Klassik trifft Kontroverse (Mitte)

    Dieser Walk konzentriert sich auf die Gegend rund um die Auguststraße und die Museumsinsel. Ideal für einen Nachmittag.

    1. Start: Neue Nationalgalerie
      • Was: Constantin Brancusi – Eine Retrospektive. (Seit 20.03.2026)
      • Warum: Beginne mit der Stille. Die Symbiose aus Brancusis Skulpturen und der Mies-Architektur ist das ästhetische Fundament deines Tages.
    2. Transfer: Mit dem 200er Bus oder einem kurzen Spaziergang Richtung Friedrichstraße/Auguststraße.
    3. Galerie Haverkampf Leistenschneider (Auguststraße 12/13)
      • Was: Gruppenausstellung Figures of Delay (u.a. Katherine Bradford, Alex Müller).
      • Warum: Hier siehst du, was die Berliner Malerei-Szene aktuell bewegt – von figurativ bis abstrakt.
    4. KOW Berlin (Lindenstraße 35 oder via Friedrichstraße)
      • Was: Hudinilson Jr. (im Rahmen der Gallery Weekend Previews).
      • Warum: KOW steht für politisch-gesellschaftlich relevante Kunst. Hudinilson Jr. setzt sich intensiv mit dem Körper und dem Narzissmus auseinander.
    5. Abschluss: Hamburger Bahnhof
      • Was: Shilpa Gupta: What Still Holds.
      • Warum: Das monumentale Wort „TRUTH“, durch das man hindurchlaufen kann, ist der perfekte Schlusspunkt, um über die Macht der Sprache nachzudenken.

    🍻 Route 2: Neuköllner Industrie-Chic & Streetart

    Dieser Walk ist für Entdecker, die den Kontrast zwischen hippen Cafés und konzeptioneller Kunst lieben.

    1. Start: KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst (Am Sudhaus 3)
      • Was: Simon Faithfull – Earth-ling. (Seit 22.03.2026)
      • Warum: Besuche das Maschinenhaus. Faithfulls „Bienenstock“-Skulptur an der Fassade und seine Videoarbeiten im M1 VideoSpace thematisieren unsere Verbindung zum Planeten auf sehr eigenwillige Weise.
    2. Museum Neukölln (Alt-Britz 81 – kurz mit dem Rad oder Bus M44)
      • Was: ZEICHEN.SPRACHEN.STADTRAUM.
      • Warum: Diese Ausstellung über Streetart und Graffiti in Neukölln gibt dir den nötigen Kontext für das, was du gleich auf der Straße siehst.
    3. Galerie im Körnerpark (Schierker Str. 8)
      • Was: Architecture of Hidden Activity.
      • Warum: Der Körnerpark ist eine der schönsten Anlagen Berlins. Die Ausstellung beleuchtet die physischen Dimensionen des Digitalen – ein spannender Kontrast zur neobarocken Parkanlage.
    4. Abschluss: Weserstraße
      • Tipp: Kehr in eine der vielen Bars ein (z. B. TiER oder Ä), um die Eindrücke sacken zu lassen. In Neukölln verschwimmen die Grenzen zwischen Kunstraum und Lebensraum oft komplett.

    💡 Klaus’ Insider-Tipp:

    Wenn du am kommenden Wochenende (28./29. März) unterwegs bist: In vielen Galerien in Mitte laufen bereits die Vorbereitungen für das große Gallery Weekend im Mai. Oft hängen schon die „Pre-Shows“. Achte besonders auf die Fenster der Galerien in der Linienstraße – dort gibt es oft tolle Entdeckungen, ohne dass man eine Klinke drücken muss.

  • Klaus Mann in Sanary

    Café de Lyon, Sanary-sur-Mer – Frühsommer 1935

    Die Markisen spenden Schatten, der Hafen glitzert, Boote knarren leise. In der Ecke des Café de Lyon sitzen sie, eine kleine Insel aus Sprache und Exil.

    Klaus Mann (unruhig, mit fahrigen Gesten):
    Der Schmerz eines Sommers – ein Buch von Melancholie. Ich wollte nichts anderes als den Zustand einer verlorenen Jugend festhalten. Aber es verfolgt mich, wie ein Geständnis, das die Welt nicht hören will.“

    Eva Herrmann (lehnt sich vor, die Zigarette zwischen den Fingern):
    „Klaus, dein Schmerz ist wahr. Aber Wahrheit allein verändert nichts. In Zeiten wie diesen muss Literatur mehr als Spiegel sein – sie muss Waffe sein.“

    Egon Erwin Kisch (lacht kehlig, schlägt mit der Hand auf den Tisch):
    „Endlich sagt es jemand! Ich bringe Reportagen, ihr schreibt Elegien. Dein Mephisto dagegen, Klaus, das ist Dynamit. Da entlarvst du nicht nur Gründgens, sondern die ganze Clique, die sich vor den Nazis verbeugt.“

    Aldous Huxley (ruhig, fast kühl, mit einem schmalen Lächeln):
    „Doch verrätst du nicht zugleich deine Freunde, Klaus? Das Theater war schon immer ein Spiegel der Gesellschaft. Aber ein Schlüsselroman – das ist gefährlich. Die Person vergeht, die Allegorie bleibt. Wird dein Mephisto überdauern, oder bleibt er nur eine bittere Abrechnung?“

    Sybille (leise, aber bestimmt):
    „Gerade die Abrechnung macht es so brennend. Wer Gründgens erkennt, erkennt auch den Preis, den viele zahlen, um Karriere zu machen. Ein Verrat? Vielleicht. Aber ein notwendiger Verrat.“

    Ludwig Marcuse (bedächtig, dozierend, die Hände gefaltet):
    „Jeder Verrat birgt Wahrheit. Mephisto ist weniger ein Schlüssel, mehr ein Symbol. Er zeigt, dass man nicht Macht haben kann, ohne seine Moral einzutauschen. Aber sag mir, Klaus – ist das ein Zeitroman, oder willst du ein Werk schaffen, das künftige Generationen noch verstehen?“

    Klaus Mann (zögert, dann heftig):
    „Ich will beides. Ankläger sein – und Chronist. Ich will, dass meine Figuren schreien für die, die keine Stimme haben. Dass sie die Zukunft warnen vor dem, was heute geschieht.“

    Maria Huxley (sanft, fast beschwichtigend):
    „Vielleicht braucht es gerade hier, in Sanary, all eure Stimmen – den Reporter, den Dichter, den Philosophen. Die Welt da draußen ist taub. Aber wenn ihr vereint sprecht, vielleicht hallt es wider.“

    (Stille breitet sich aus, der Wind rauscht durch die Markise, man hört das ferne Klirren von Gläsern. Dann erhebt Kisch sein Glas.)

    Kisch:
    „Auf den Schmerz. Auf den Teufel. Auf das Exil – und auf die Freiheit im Café de Lyon.“

    Klaus Mann (mit einem angedeuteten Lächeln, fast trotzig):
    „Und auf die Hoffnung, dass Worte noch eine Waffe sind.“

    Die Gläser klingen zusammen. Das Meer rauscht, unbeirrt, als wäre alles Gesagte nur ein Flüstern am Rande der Ewigkeit.