Kategorie: Sanary

  • Exil und die Flucht über die Pyrenäen

    Dieser Podcast dokumentiert das bewegte Leben und die literarische Arbeit des jüdisch-österreichischen Autors Franz Werfel, wobei der Schwerpunkt auf seiner Flucht vor dem Nationalsozialismus liegt. Zusammen mit seiner Ehefrau Alma Mahler-Werfel und Weggefährten wie Heinrich Mann gelang ihm 1940 unter lebensgefährlichen Umständen die Emigration aus Frankreich über die Pyrenäen in die USA. Ein zentrales Motiv ist dabei Werfels tiefgreifende Verbindung zur christlichen Mystik, die trotz seiner jüdischen Identität seine Werke maßgeblich prägte. Besonders hervorgehoben wird sein Aufenthalt in Lourdes, der ihn zu dem weltberühmten Roman „Das Lied von Bernadette“ inspirierte. Die Texte beleuchten zudem die komplexe Beziehung des Paares sowie die bürokratischen Hürden und persönlichen Entbehrungen während ihres Exils in Kalifornien. Abschließend bieten die Quellen einen Überblick über Werfels Gesamtwerk, das sich immer wieder mit Fragen von Glauben, Schuld und der menschlichen Suche nach Erlösung auseinandersetzt.

    Wie verlief die abenteuerliche Flucht der Werfels über die Pyrenäen?

    Die abenteuerliche Flucht von Alma und Franz Werfel über die Pyrenäen im Jahr 1940 war eine dramatische Odyssee, die von ständiger Angst vor Entdeckung, körperlicher Erschöpfung und glücklichen Wendungen geprägt war.

    1. Vorgeschichte: Irrfahrt und das Gelübde von Lourdes

    Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich flohen die Werfels am 2. Juni 1940 überstürzt aus ihrem Exil in Sanary-sur-Mer. Nach einer zweiwöchigen, nervenaufreibenden Fahrt in Mietautos über Bordeaux zur spanischen Grenze im Westen, an der ein Grenzübertritt jedoch scheiterte, strandeten sie schließlich in Lourdes. Während ihres dortigen siebenwöchigen Aufenthalts legte Franz Werfel – der als jüdischer Intellektueller unter extremster Lebensgefahr stand – ein feierliches Gelübde ab: Sollte ihnen die Flucht nach Amerika gelingen, werde er die Geschichte der heiligen Bernadette Soubirous aufschreiben.

    Das Paar kehrte danach unter falschem Namen nach Marseille zurück. Dort trafen sie auf Heinrich Mann, dessen Ehefrau Nelly sowie deren Neffen Golo Mann. Gemeinsam mit dem amerikanischen Fluchthelfer Varian Fry vom Emergency Rescue Committee versuchten sie verzweifelt, die erforderlichen Visa für die USA, Spanien und Portugal zu organisieren.

    2. Der Aufbruch und das Scheitern in Cerbère

    Am 12. September 1940 um fünf Uhr morgens verließ die Fluchtgruppe Marseille mit dem Zug. Zuvor hatte Franz Werfel am Vortag all seine Schriften und Skizzen in einer Aschenschale verbrannt. Über Perpignan reisten sie nach Cerbère an der französisch-spanischen Grenze.

    Dort stellte sich jedoch heraus, dass die Grenzbeamten sie trotz ihrer amerikanischen Papiere nicht legal passieren lassen wollten. Da die Zeit drängte und der reguläre Grenzübergang versperrt blieb, beschloss die Gruppe, die Pyrenäen illegal zu Fuß zu überqueren.

    3. Der beschwerliche Marsch über die Berge

    Am Morgen des 13. September 1940 brach die Gruppe auf. Nelly Mann geriet im Dorf in Panik, da es sich um einen „Freitag, den 13.“ handelte und sie unbedingt umkehren wollte. Nach einer Verzögerung, weil Golo Mann zuvor noch ein erfrischendes Bad im Meer genommen hatte, begann schließlich der Aufstieg.

    Ein junger amerikanischer Helfer führte sie abseits der Straße auf steilen, steinigen Pfaden nach oben, bis sie schließlich weglos klettern mussten. Unter der brennenden spanischen Sonne war der Marsch eine Tortur:

    • Sie kletterten über spiegelglatte, flimmernde Schiefersteine direkt an tiefen Abgründen.
    • Zum Festhalten beim Ausrutschen gab es nichts als stachelige Disteln.
    • Nach zwei Stunden verließ sie der Führer auf dem Berggipfel, um den älteren Heinrich Mann nachzuholen, sodass Alma und Franz Werfel zunächst völlig allein auf dem Gipfel standen.

    4. Absurde Grenzbegegnungen und Port Bou

    Auf dem Gipfel stießen sie auf die Hütte eines spanischen Grenzpostens. Alma bestach den dortigen katalanischen Soldaten mit Zigarettenschachteln. Dieser führte sie jedoch fälschlicherweise nicht tiefer nach Spanien, sondern direkt zum französischen Grenzposten zurück.

    Dort wurden sie vor den Postenchef geführt. Alma war völlig erschöpft, trug alte Sandalen und schleppte eine Tasche mit ihrem restlichen Geld, Schmuck sowie der wertvollen Originalpartitur von Anton Bruckners 3. Symphonie bei sich (die restlichen 12 Koffer brachte Varian Fry später mit der Bahn über die Grenze). Der französische Grenzchef hatte jedoch Mitleid mit dem sichtlich heruntergekommenen Paar und winkte sie ohne Stempel einfach durch.

    Nach dem weiteren Abstieg in unvorstellbarer Hitze erreichten sie schließlich Port Bou. Dort gaben sie lokalen Trägern fast ihr gesamtes verbliebenes Geld in Francs, woraufhin diese sich überschlugen, um ihnen bei der Unterkunft und dem Gepäck zu helfen.

    Bei der gefürchteten Passkontrolle am Bahnhof von Port Bou saßen sie „wie arme Sünder“ auf einer schmalen Wandbank. Heinrich Mann reiste unter dem Falschnamen „Heinrich Ludwig“, während Franz Werfel und Golo Mann unter ihren echten Namen extrem gefährdet waren. Nach qualvollem Warten wurden ihre amerikanischen Papiere jedoch von den spanischen Behörden akzeptiert und abgestempelt.

    5. Über Lissabon in die Freiheit

    Nach einer Nacht in einem vom Bürgerkrieg zerschossenen Hotel reisten sie per Bahn über Barcelona nach Madrid. Da an der portugiesischen Grenze im Zug systematisch Emigranten verhaftet wurden, flogen sie von Madrid nach Lissabon.

    Dort gab es bei der Passkontrolle erneute Schrecksekunden, da der Beamte misstrauisch die Werksliste von Franz Werfel prüfte und ihn wegen Werfels jüdischer Herkunft befragte. Schließlich erhielten sie jedoch den Einlassstempel und verbrachten zwei Wochen in paradiesischer Ruhe im Hotel in Estoril.

    Am 13. Oktober 1940 ging die abenteuerliche Flucht schließlich zu Ende, als sie an Bord des griechischen Schiffs „Nea Hellas“ in New York einliefen und nach Monaten der Todesangst wieder freien Boden betraten.

    Werfel hat diese teils absurden und gefährlichen Erlebnisse der Flucht später in seinem Theaterstück „Jakobowski und der Oberst“ verarbeitet. Ich könnte dir heraussuchen, welche realen Stationen und Personen der Flucht sich in dem Stück wiederfinden.

    Welche Figuren aus der Fluchtgruppe finden sich im Theaterstück wieder?

    In den vorliegenden Quellen wird zwar erwähnt, dass Franz Werfel die abenteuerliche Flucht der Gruppe in seinem Theaterstück „Jakobowski und der Oberst“ verarbeitet hat. Allerdings enthalten die Materialien keine detaillierten Informationen darüber, welche konkreten Figuren des Stücks den realen Mitgliedern der Fluchtgruppe (wie Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel, Heinrich Mann, Nelly Mann, Golo Mann oder Varian Fry) zugeordnet werden können.

    Aus den Dokumenten geht lediglich hervor, dass diese Personen gemeinsam zu Fuß über die Pyrenäen flohen, was als Inspiration für das Werk diente.

    Hier ist, was ich über die realen Vorbilder der Charaktere in Franz Werfels Stück „Jacobowsky und der Oberst“ herausgefunden habe:

    Die Figuren basieren maßgeblich auf den realen Fluchterlebnissen des jüdisch-polnischen Bankiers Stephan (Stefan) S. Jakobowicz, den Werfel im Mai 1940 auf seiner eigenen Flucht in Lourdes traf und der ihm seine abenteuerliche Odyssee schilderte.

    Besondere Erkenntnisse und Themen:

    1. Der echte Jacobowsky: Die Hauptfigur S. L. Jacobowsky geht direkt auf den Stuttgarter Bankier Stephan S. Jakobowicz zurück, der im Juni 1940 zusammen mit einem polnischen Offizier in einem alten Auto aus dem besetzten Paris in den Süden floh. Er widmete später eine Erstausgabe des Stücks als „der wahre Jacobowsky“.
    2. Der reale Oberst: Auch für den hochmütigen, polnischen Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky gab es ein echtes Gegenüber — jenen polnischen Offizier, der mit Jakobowicz floh und ihm anfangs sogar verbot, persönliche Gegenstände mitzunehmen.
    3. Werfels eigene Fluchtgruppe: Obwohl Werfel die Kernanekdote von Jakobowicz übernahm, verwob er darin die Erlebnisse, die Groteske und die Ängste seiner eigenen Pyrenäen-Fluchtgruppe (mit Alma, Heinrich Mann, Nelly und Golo Mann). So gilt die Figur des Lehrers Oskanian als ironische Selbstparodie Werfels.
    4. Humor als Überlebenswaffe: Im Hollywood-Exil brachte Werfel seine Freunde (wie Max Reinhardt und die Strawinskys) oft mit absurden Anekdoten seiner Flucht zum Lachen, woraus die gesamte Tonalität des Stücks entstand.
    5. Marianne als Frankreichs Seele: Während die Männer reale Vorbilder haben, ist die weibliche Hauptfigur Marianne eine reine Allegorie auf Frankreichs ungebrochenen Widerstandsgeist.

    In Franz Werfels Theaterstück „Jacobowsky und der Oberst“ ist die Figur der Marianne eine bewusste Allegorie auf den französischen Freiheitswillen und die Résistance.

    Diese symbolische Bedeutung zeigt sich im Werk an folgenden Aspekten:

    • Verkörperung der Nation („Madame la France“): Marianne wird im Stück direkt als „Madame la France“ bezeichnet. Ihr Name knüpft an das historische Nationalsymbol der französischen Republik (die „Marianne“) an.
    • Kein reales Vorbild: Im Gegensatz zu den männlichen Hauptfiguren Jacobowsky und dem Oberst, die auf realen Personen basieren (dem Bankier Stefan S. Jakobowicz und einem polnischen Offizier), hat Marianne kein physisches Vorbild in Werfels tatsächlicher Pyrenäen-Fluchtgruppe. Sie wurde von Werfel als reine Symbolfigur erschaffen.
    • Entscheidung dazubleiben und Unbesiegbarkeit: Während Jacobowsky und dem Oberst die Flucht gelingt, entscheidet sich Marianne am Ende, im besetzten Frankreich zurückzubleiben. Dies symbolisiert den aktiven Kampf des französischen Volkes gegen die Eindringlinge aus dem Landesinneren heraus. Werfel inszeniert sie damit als Sinnbild für eine Nation, deren Freiheitsdrang letztlich unbesiegbar ist.
    • Einordnung im allegorischen Gefüge: Der tiefere Sinn ihrer Figur wird für den Zuschauer besonders deutlich, wenn im Stück andere hochgradig symbolische Figuren wie der „Ewige Jude“ (der das KZ Dachau überlebt hat) und der Heilige Franziskus gemeinsam auftreten. In diesem Beziehungsgefüge sticht Marianne als eigentliche, moralische Hauptheldin hervor, während der hochmütige Oberst im Vergleich dazu nur als geschlagener, schwacher Krieger erscheint.

    n Ergänzung zu Mariannes Rolle als nationaler Allegorie treten in Franz Werfels „Jacobowsky und der Oberst“ weitere theologische und mythologische Symbole auf, die das Stück tief in Werfels eigenem, komplexen Weltbild verankern.

    Die wichtigsten theologischen Symbole und Bezüge im Stück lassen sich wie folgt einordnen:

    1. Das symbolische Paar: Der „Ewige Jude“ und der Heilige Franziskus

    Der tiefere, metaphysische Sinn des Stücks offenbart sich dem Zuschauer spätestens beim gemeinsamen Auftritt zweier hochgradig symbolischer Figuren:

    • Der Ewige Jude (Ahasver): Diese uralte christlich-jüdische Legendenfigur verkörpert bei Werfel das zeitgenössische jüdische Schicksal im Zweiten Weltkrieg. Werfel verleiht der mythologischen Figur eine beklemmend reale Dimension, indem er im Stück erwähnt, dass dieser Ewige Jude zwei Jahre im Konzentrationslager Dachau hinter sich hat.
    • Der Heilige Franziskus: Als Gegenpart tritt der Heilige Franziskus von Assisi auf, eine der am meisten verehrten Heiligengestalten der katholischen Kirche.

    Dieses Zusammentreffen ist kein Zufall, sondern spiegelt Werfels eigene existenzielle Position als „jüdischer Grenzgänger mit christlichem Sensorium“ wider. Werfel, der aus einer jüdischen Familie stammte, war zeitlebens von einer tiefen Sehnsucht nach einer Versöhnung zwischen dem Urjudentum und der katholischen Kirche geprägt. Er zeichnete in seinen Werken oft religiöse Grenzgänger oder „jesusgläubige Juden“, die in ihrer Zerrissenheit nirgends sesshaft werden (wie in seinem Drama Paulus oder in der Figur des Alfred Engländer in Barbara oder die Frömmigkeit). In der Begegnung zwischen dem Ewigen Juden und dem Heiligen Franziskus im Stück inszeniert Werfel diese Sehnsucht nach einem friedlichen, fast mystischen Miteinander.

    2. Der sprechende Name „Jacobowsky“

    Auch der Name der jüdischen Hauptfigur ist theologisch aufgeladen. Jacobowsky leitet sich direkt vom biblischen Stammvater Jakob (Israel) ab.

    • In der biblischen Tradition ist Jakob derjenige, der „mit Gott und den Menschen gerungen und gesiegt“ hat.
    • Im Stück zeigt sich Jacobowsky trotz ständiger Flucht und Lebensgefahr als der eigentlich Überlegene, der mit Lebensklugheit und Chuzpe das Überleben der Gruppe sichert. Er bildet das moralische Fundament des Stücks, während sein Gegenpart, der polnische Oberst, trotz seines stolzen militärischen Gehabes am Ende nur als ein „mit ziemlich allen menschlichen Schwächen behafteter geschlagener Krieger“ dasteht.

    3. Werfels katholische Symbolwelten

    Werfels lebenslange Beschäftigung mit den Themen Schuld, Gnade, Opfer und Erlösung führte ihn immer wieder in die Nähe katholischer Symbolwelten, ohne dass er dabei jemals seine jüdische Herkunft auslöschte. Für ihn war Christus „das entscheidende Ereignis der jüdischen Geschichte“. Diese theologische Gratwanderung ermöglichte es ihm, in „Jacobowsky und der Oberst“ die traumatische Erfahrung der Vertreibung und des Exils nicht nur als historisches Ereignis zu schildern, sondern sie allegorisch zu einer universellen Parabel über das menschliche Leiden und die rettende Kraft der Mitmenschlichkeit zu erheben.


    Was war das Motiv des „berechnenden Himmels“?

    Das Motiv des „berechnenden Himmels“ ist das theologische und moralische Kernthema in Franz Werfels 1939 erschienenem Roman Der veruntreute Himmel.

    Es bezeichnet eine naive, fast geschäftsmäßige Form der Frömmigkeit, bei der das jenseitige Seelenheil wie eine Ware durch ein Tauschgeschäft gesichert werden soll:

    • Das religiöse „Geschäft“: Die fromme, tschechische Dienstbotin Teta Linek opfert über dreißig Jahre lang all ihre hart erarbeiteten Ersparnisse, um ihrem Neffen Mojmir das Priesterstudium zu finanzieren. Ihr Kalkül dahinter ist rein pragmatisch: Nach ihrem Tod soll der Neffe als geweihter Priester heilige Messen für sie lesen und ihr so einen sicheren, quasi „vertraglich garantierten“ Platz im Himmel verschaffen.
    • Religion als Tauschhandel: Teta versucht auf diese Weise, ihre Unsterblichkeit im Jenseits abzusichern. Religion verkommt bei ihr zu einer Art menschlicher Buchführung und einem bloßen Tauschhandel zwischen Mensch und Gott.
    • Der Zusammenbruch des Kalküls: Das religiöse Geschäft erweist sich als bitterer Betrug. Mojmir wird nie Priester, sondern erschwindelt sich nur Tetas Geld für ein moralisch zweifelhaftes Leben. Als Teta den Betrug aufdeckt, bricht ihre naive Frömmigkeit und ihre vermeintliche jenseitige Sicherheit in sich zusammen.

    Werfel zeigt mit diesem Motiv eindringlich die Gefahren eines berechnenden Glaubens auf. Das Seelenheil lässt sich nicht durch menschliche Transaktionen erzwingen. Teta findet ihren inneren Frieden erst, als sie sich von diesem rationalen Tauschgeschäft löst, eine demütige Pilgerfahrt nach Rom antritt und die befreiende Kraft göttlicher Gnade jenseits aller Buchführung erfährt.

    KK

  • Buchbesprechung “Deutsche Exilanten”

    Podcast von Arcoplexus zum Buch “Deutsche Exilanten an der Côte d’Azur” von Klaus Kampe. Das Werk dokumentiert das bewegte Leben deutscher Exilanten an der Côte d’Azur während der 1930er Jahre. Im Fokus stehen Zufluchtsorte wie Sanary-sur-Mer und Nizza, wo bedeutende Intellektuelle wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Hannah Arendt versuchten, ihre kulturelle Identität gegen das NS-Regime zu verteidigen. Die Texte beleuchten zudem die mutigen Rettungsaktionen von Varian Fry in Marseille sowie die künstlerische Arbeit des Fotografen Walter Bondy. Neben literarischen Analysen und historischen Fakten fließen persönliche Anekdoten und fiktive Dialoge ein, die das Spannungsfeld zwischen mediterraner Idylle und existenzieller Bedrohung spürbar machen. Letztlich dient das Buch als Hommage an die schöpferische Kraft einer Generation, die trotz Verfolgung und Internierung an Humanismus und Freiheit festhielt. Es verbindet dabei die historische Spurensuche mit dem kollektiven Gedächtnis einer verlorenen Welt. Zum Buch:


    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe

  • Varian Fry – Von Berlin nach Marseille

    Ein Leben zwischen Beobachtung und Verantwortung.

    Aus dem Buch “Deutsche Exilanten an der Coté d’Azur”

    Als Varian Fry 1935 an Bord des Transatlantikliners Bremen nach Europa reiste, war er noch ein junger Journalist, getrieben von Neugier, Scharfsinn und einem unbestechlichen Blick für die politischen Spannungen seiner Zeit. Schon auf der Überfahrt, zwischen Diplomaten, Geschäftsleuten und Emigranten, hörte er Gespräche über Hitlers Arbeitsbeschaffungsprogramme, über Devisenkontrollen und über den wachsenden Antisemitismus. Es war eine Vorahnung dessen, was ihn auf dem Kontinent erwartete.

    In Berlin bezog er Quartier in der Hotel-Pension Stern am Kurfürstendamm, einem bürgerlichen Haus im Herzen der Hauptstadt. Dort, in den Frühstücksräumen, beim Rascheln der Zeitungen, führte er seine ersten Interviews: Politiker, die noch zwischen Loyalität und innerem Widerstand schwankten, Wirtschaftsführer, die im Regime ebenso Bedrohung wie Chance sahen, und Universitätsdozenten, die zwischen akademischer Vorsicht und offener Ideologietreue lavierten. Doch Fry hörte nicht nur den Stimmen der Eliten zu. Er sprach mit Ladenbesitzern, die von Boykottaktionen berichteten, mit Kellnern, die im Flüsterton von verschwundenen Gästen erzählten, mit Kirchenbesuchern, die den Druck auf ihre Pfarrer schilderten, und mit Taxichauffeuren, deren nüchterner Zynismus oft mehr Wahrheit enthielt als die offiziellen Parolen.

    Der Kurfürstendamm wurde für Fry zu einem Brennspiegel. Elegantes Flanieren und Einschüchterung durch SA-Männer existierten nebeneinander. Eines Abends geriet er in eine Straßenschlacht: Studenten protestierten gegen die Gleichschaltung, SA-Männer trieben sie mit Stiefeln und Schlagstöcken auseinander. Fry, der nur beobachten wollte, wurde in das Getümmel hineingezogen. Er entkam, aber nicht ohne Verletzungen – und nicht ohne ein Bild jener Gewalt, die er später so eindringlich beschrieb. Berlin hatte ihm gezeigt, wie tief Ideologie, Angst und Gewalt bereits in den Alltag eingedrungen waren.

    Als Fry 1940, nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich, im Auftrag des Emergency Rescue Committee nach Marseille entsandt wurde, war er vorbereitet. Was er in Berlin nur beobachtet hatte, bestimmte nun sein Handeln: Menschen retten, die auf den schwarzen Listen der Gestapo standen.

    Marseille, der letzte große Hafen im unbesetzten Frankreich, war ein Ort der Hoffnung und Verzweiflung zugleich. Flüchtlinge aus ganz Europa strömten dorthin – Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, politische Dissidenten. Fry arbeitete unter dem Deckmantel eines Journalisten, doch sein eigentlicher Auftrag war die Organisation einer Rettungsmaschine, die zugleich improvisiert und lebensgefährlich war.

    Sein Team war bunt zusammengesetzt: Miriam Davenport, die Kunsthistorikerin; Mary Jayne Gold, eine wohlhabende Amerikanerin, die Geld und Mut beisteuerte; Daniel Bénédite, der französische Gewerkschafter, der Kontakte zu Beamten und Arbeitern hielt; später auch der junge Ökonom Albert Hirschman, der Pässe fälschte und Fluchtwege organisierte. Gemeinsam retteten sie Hunderte – unter ihnen Marc Chagall, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Max Ernst, Hannah Arendt und viele andere, deren Werk das kulturelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts prägt.

    Die Kooperation der USA war ambivalent. Das Emergency Rescue Committee hatte ihn entsandt, doch Washington hielt Distanz: Offiziell wollte man keine Konfrontation mit Vichy-Frankreich oder Berlin riskieren. Fry agierte daher im Graubereich, geduldet, aber misstrauisch beäugt. Auch Frankreich zeigte zwei Gesichter: Einzelne Beamte halfen im Stillen, doch die Vichy-Administration kooperierte eng mit den Deutschen und lieferte Flüchtlinge aus. Nur durch Bestechungen, Fälschungen und heimliche Netzwerke gelang es Fry, seine Arbeit fortzuführen.

    Von Marseille aus reichten seine Kontakte auch an die Côte d’Azur: nach Nizza und nach Sanary-sur-Mer, wo bereits seit den frühen 1930er Jahren deutsche Exilanten lebten – Heinrich und Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel und viele andere. Fry knüpfte an diese Strukturen an, half beim Weitertransport, organisierte Visa und Schiffspassagen nach Spanien und Portugal. So verband er die Fluchtwege an der Küste mit den Rettungsrouten in Marseille.

    Doch 1941 setzte Vichy seiner Arbeit ein Ende. Fry wurde ausgewiesen, ausgelaugt und von Schuldgefühlen geplagt, weil er nicht alle retten konnte. Zurück in New York berichtete er, schrieb 1945 sein Buch Surrender on Demand, doch es blieb lange unbeachtet. Amerika wollte in den ersten Nachkriegsjahren nicht erinnert werden an jene Zeit der Untätigkeit, als Einzelne mehr Mut gezeigt hatten als Staaten. Fry selbst lebte am Rande der intellektuellen Szene, gezeichnet von dem, was er erlebt hatte.

    Erst Jahrzehnte später erhielt er die Anerkennung, die ihm gebührte. 1996 ehrte ihn Yad Vashem als ersten Amerikaner mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“. Auch in Frankreich und Deutschland erinnert man heute an den „amerikanischen Schindler“, der nicht aus politischem Kalkül, sondern aus moralischer Klarheit handelte.

    Varian Fry war Beobachter und Akteur zugleich. In Berlin hatte er gelernt, hinter die Fassaden zu sehen, in Marseille hatte er gehandelt, in den USA hatte er für Erinnerung gestritten. Sein Lebensweg – von den Salons des Linienschiffs Bremen über die Pension Stern am Kurfürstendamm bis zu den improvisierten Rettungsbüros in Marseille – ist ein Zeugnis dafür, dass auch ein Einzelner im Angesicht der Gewalt Verantwortung übernehmen kann.

    Varian Fry

    Photo: Varian Fry in Marseille. Frankreich, 1940–1941 in Marseille. US Holocaust Memorial Museum, courtesy of Annette Fry

  • Klaus Mann in Sanary

    Café de Lyon, Sanary-sur-Mer – Frühsommer 1935

    Die Markisen spenden Schatten, der Hafen glitzert, Boote knarren leise. In der Ecke des Café de Lyon sitzen sie, eine kleine Insel aus Sprache und Exil.

    Klaus Mann (unruhig, mit fahrigen Gesten):
    Der Schmerz eines Sommers – ein Buch von Melancholie. Ich wollte nichts anderes als den Zustand einer verlorenen Jugend festhalten. Aber es verfolgt mich, wie ein Geständnis, das die Welt nicht hören will.“

    Eva Herrmann (lehnt sich vor, die Zigarette zwischen den Fingern):
    „Klaus, dein Schmerz ist wahr. Aber Wahrheit allein verändert nichts. In Zeiten wie diesen muss Literatur mehr als Spiegel sein – sie muss Waffe sein.“

    Egon Erwin Kisch (lacht kehlig, schlägt mit der Hand auf den Tisch):
    „Endlich sagt es jemand! Ich bringe Reportagen, ihr schreibt Elegien. Dein Mephisto dagegen, Klaus, das ist Dynamit. Da entlarvst du nicht nur Gründgens, sondern die ganze Clique, die sich vor den Nazis verbeugt.“

    Aldous Huxley (ruhig, fast kühl, mit einem schmalen Lächeln):
    „Doch verrätst du nicht zugleich deine Freunde, Klaus? Das Theater war schon immer ein Spiegel der Gesellschaft. Aber ein Schlüsselroman – das ist gefährlich. Die Person vergeht, die Allegorie bleibt. Wird dein Mephisto überdauern, oder bleibt er nur eine bittere Abrechnung?“

    Sybille (leise, aber bestimmt):
    „Gerade die Abrechnung macht es so brennend. Wer Gründgens erkennt, erkennt auch den Preis, den viele zahlen, um Karriere zu machen. Ein Verrat? Vielleicht. Aber ein notwendiger Verrat.“

    Ludwig Marcuse (bedächtig, dozierend, die Hände gefaltet):
    „Jeder Verrat birgt Wahrheit. Mephisto ist weniger ein Schlüssel, mehr ein Symbol. Er zeigt, dass man nicht Macht haben kann, ohne seine Moral einzutauschen. Aber sag mir, Klaus – ist das ein Zeitroman, oder willst du ein Werk schaffen, das künftige Generationen noch verstehen?“

    Klaus Mann (zögert, dann heftig):
    „Ich will beides. Ankläger sein – und Chronist. Ich will, dass meine Figuren schreien für die, die keine Stimme haben. Dass sie die Zukunft warnen vor dem, was heute geschieht.“

    Maria Huxley (sanft, fast beschwichtigend):
    „Vielleicht braucht es gerade hier, in Sanary, all eure Stimmen – den Reporter, den Dichter, den Philosophen. Die Welt da draußen ist taub. Aber wenn ihr vereint sprecht, vielleicht hallt es wider.“

    (Stille breitet sich aus, der Wind rauscht durch die Markise, man hört das ferne Klirren von Gläsern. Dann erhebt Kisch sein Glas.)

    Kisch:
    „Auf den Schmerz. Auf den Teufel. Auf das Exil – und auf die Freiheit im Café de Lyon.“

    Klaus Mann (mit einem angedeuteten Lächeln, fast trotzig):
    „Und auf die Hoffnung, dass Worte noch eine Waffe sind.“

    Die Gläser klingen zusammen. Das Meer rauscht, unbeirrt, als wäre alles Gesagte nur ein Flüstern am Rande der Ewigkeit.