Kategorie: Coté d’Azur

  • Wanderung zum Fort Alban nach Villefranche

    Diese aussichtsreiche Wanderung an der Côte d’Azur verbindet Geschichte, Natur und spektakuläre Meerblicke. Auf relativ kurzer Strecke erlebst du mediterrane Vegetation, militärische Architektur und den Abstieg in eine der schönsten Buchten der Region.

    Mont Alban Nizza
    Foto Klaus Kampe

    Start: Col de Villefranche

    Der Col de Villefranche liegt auf etwa 200 Metern Höhe zwischen Nizza und Villefranche-sur-Mer. Von hier aus führen mehrere gut ausgeschilderte Wege in Richtung Mont Alban. Schon nach wenigen Minuten öffnet sich der Blick auf das tiefblaue Meer um Villefranche sur Mer und die Halbinsel Cap Ferrat.

    Der Weg verläuft zunächst durch lichten Pinienwald. Der Duft von Aleppokiefern, Rosmarin und Thymian begleitet dich – typisch für die Garrigue-Vegetation der Region. Die Steigung ist moderat und gut machbar.


    Etappe 1: Aufstieg zum Fort

    Nach etwa 20–30 Minuten erreichst du das Fort du Mont Alban, eine Festung aus dem 16. Jahrhundert. Die massive Anlage thront auf rund 220 Metern Höhe und bietet eines der schönsten Panoramen der Côte d’Azur:

    • Blick westwärts über die Bucht von Nizza
    • Blick ostwärts über die Reede von Villefranche
    • Bei klarer Sicht: die schneebedeckten Seealpen im Hinterland

    Eine Pause lohnt sich hier unbedingt. Rund um das Fort führen kleine Wege zu verschiedenen Aussichtspunkten.

    Fort Alban
    Foto Klaus Kampe

    Etappe 2: Abstieg Richtung Villefranche

    Vom Fort aus nimmst du den Weg in Richtung Villefranche-sur-Mer. Der Pfad schlängelt sich in Serpentinen bergab durch mediterrane Vegetation. Immer wieder eröffnen sich neue Perspektiven auf die Bucht – das Farbspiel zwischen Ockerfassaden, türkisfarbenem Wasser und grünen Hügeln ist typisch für die Region.

    Der Abstieg dauert etwa 40–60 Minuten, je nach Tempo und Fotostopps. Der Weg ist stellenweise steinig, daher sind feste Schuhe empfehlenswert.


    Ziel: Villefranche-sur-Mer

    Unten angekommen erreichst du die Altstadt von Villefranche-sur-Mer mit ihren engen Gassen und pastellfarbenen Häusern. Besonders sehenswert ist die historische Zitadelle Saint-Elme, die ebenfalls auf die militärische Bedeutung der Region verweist.

    Am Hafen oder am Strand kannst du die Wanderung entspannt ausklingen lassen – vielleicht mit einem Kaffee oder einem Bad im Meer.


    Praktische Hinweise

    • Dauer: ca. 1,5–2,5 Stunden (ohne lange Pausen)
    • Schwierigkeit: leicht bis mittel
    • Höhenunterschied: etwa 200 Meter
    • Beste Zeit: Frühjahr und Herbst (Sommer kann sehr heiß sein)
    • Ausrüstung: Wasser, Sonnenschutz, feste Schuhe
    Mont Boron Nizza

    Fazit

    Die Wanderung vom Col de Villefranche über das Fort Vauban (Mont Alban) nach Villefranche-sur-Mer ist ideal für alle, die eine kurze, aber eindrucksvolle Tour suchen. Sie verbindet Naturerlebnis mit Geschichte und bietet einige der schönsten Ausblicke an der französischen Mittelmeerküste.

    60 Minuten.


    Die Citadelle Saint-Elme in Villefranche

    Am Hafen angekommen erreichst du die beeindruckende Citadelle Saint-Elme. Diese im 16. Jahrhundert errichtete Festung diente der Sicherung der Bucht und war Teil eines umfassenden Verteidigungssystems der Region.

    Heute ist die Zitadelle kulturelles Zentrum der Stadt und beherbergt mehrere Museen und Ausstellungen:

    Museen und Galerien in der Zitadelle

    • Musée Volti – Skulpturen des Künstlers Antoniucci Volti
    • Musée Goetz-Boumeester – Werke moderner Kunst
    • Sammlungen zur Stadtgeschichte – historische Dokumente und Modelle

    Die Innenhöfe, Gewölbegänge und Bastionen können frei erkundet werden. Besonders eindrucksvoll sind die dicken Mauern und die Aussicht von den Bastionen auf die Bucht.

    Besichtigungszeit: ca. 1–1,5 Stunden

  • Die Kunst der Buchbinderei in Nizza

    Das Atelier RAISE in Nizza, geführt von dem Experten Vincent Bottasso-Daideri, widmet sich der professionellen Buchbinderei und der Restaurierung historischer sowie moderner Werke. Die Quellen beschreiben ein breites Spektrum an Dienstleistungen, das von handwerklichen Fachkursen bis hin zur Gestaltung luxuriöser Künstlereditionen und humorvoller Kunstprojekte wie dem „Pass des Rosa Katzen-Landes“ reicht. Bottasso-Daideri ist zudem in der regionalen Kulturszene tief verwurzelt, unter anderem als Generalsekretär der Freunde des Kunstmuseums von Nizza und durch Kooperationen mit lokalen Künstlern wie Gérard Serée. Historische Rückblicke beleuchten die lange Tradition des Buchbinderhandwerks in der Region, während technische Erklärungen Einblicke in anspruchsvolle Verfahren wie die Vergoldung oder die Mosaik-Bindung geben. Das Atelier versteht sich somit als ein Zentrum für die Bewahrung des schriftlichen Kulturerbes und die Förderung zeitgenössischer Buchkunst.

    Kunst und Buch
    Kunst und Buch
    Kunst und Buch
  • Buchbesprechung “Deutsche Exilanten”

    Podcast von Arcoplexus zum Buch “Deutsche Exilanten an der Côte d’Azur” von Klaus Kampe. Das Werk dokumentiert das bewegte Leben deutscher Exilanten an der Côte d’Azur während der 1930er Jahre. Im Fokus stehen Zufluchtsorte wie Sanary-sur-Mer und Nizza, wo bedeutende Intellektuelle wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Hannah Arendt versuchten, ihre kulturelle Identität gegen das NS-Regime zu verteidigen. Die Texte beleuchten zudem die mutigen Rettungsaktionen von Varian Fry in Marseille sowie die künstlerische Arbeit des Fotografen Walter Bondy. Neben literarischen Analysen und historischen Fakten fließen persönliche Anekdoten und fiktive Dialoge ein, die das Spannungsfeld zwischen mediterraner Idylle und existenzieller Bedrohung spürbar machen. Letztlich dient das Buch als Hommage an die schöpferische Kraft einer Generation, die trotz Verfolgung und Internierung an Humanismus und Freiheit festhielt. Es verbindet dabei die historische Spurensuche mit dem kollektiven Gedächtnis einer verlorenen Welt. Zum Buch:


    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe
    Deutsche Exilanten an der Côte d'Azur von Klaus Kampe

  • Berliner Tageblatt, „Zehn Jahre Nizza“

    Kurt und Theodor Wolff, das Berliner Tageblatt, „Zehn Jahre Nizza“ und Alfred Neumann – Facetten einer liberalen Öffentlichkeit

    Diese Männer waren vor allem im späten 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätig, mit einem Schwerpunkt auf der Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Die Geschichte der deutschen Presse- und Geisteswelt im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist ohne das Berliner Tageblatt kaum denkbar. Als eines der bedeutendsten liberalen Massenblätter des Kaiserreichs und der Weimarer Republik war es nicht nur ein Nachrichtenmedium, sondern ein Forum politischer Debatten, literarischer Innovationen und europäischer Selbstverständigung. In diesem Umfeld wirkten Persönlichkeiten wie Kurt und Theodor Wolff sowie Autoren wie Alfred Neumann, deren Beiträge exemplarisch für die Verbindung von Journalismus, Literatur und politischem Denken stehen.

    Theodor Wolff, langjähriger Chefredakteur des Berliner Tageblatts, prägte das Blatt entscheidend. Er verstand Journalismus als moralische und politische Aufgabe. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Zeitung zu einer Stimme des Liberalismus, der Rechtsstaatlichkeit und der Verständigung zwischen den europäischen Nationen. Wolffs Leitartikel verbanden analytische Schärfe mit sprachlicher Eleganz und machten das Berliner Tageblatt zu einem Leitmedium der gebildeten Öffentlichkeit. Sein Wirken zeigte, dass politische Publizistik mehr sein konnte als bloße Berichterstattung: Sie wurde zur intellektuellen Intervention.

    Kurt Wolff, obwohl nicht direkt Teil der Redaktion, steht für eine verwandte geistige Haltung. Als einer der bedeutendsten Verleger des 20. Jahrhunderts förderte er Autoren der literarischen Moderne wie Franz Kafka, Georg Trakl oder Else Lasker-Schüler. Die Nähe zwischen Presse und Literatur, wie sie sich im Umfeld des Berliner Tageblatts zeigte, verweist auf ein gemeinsames kulturelles Projekt: die Erneuerung von Sprache, Denken und gesellschaftlicher Sensibilität. Kurt Wolffs verlegerisches Wirken ergänzte damit die publizistische Arbeit Theodor Wolffs auf einer anderen, literarischen Ebene.

    Ein Beispiel für die europäische Perspektive des Berliner Tageblatts ist der Rückblick „Zehn Jahre Nizza“. Solche Beiträge waren typisch für das Blatt: Sie verbanden aktuelle Politik mit historischer Reflexion. Der Verweis auf Nizza – als Ort internationaler Konferenzen und diplomatischer Aushandlung – steht symbolisch für das Interesse an europäischen Machtverhältnissen, Friedensordnungen und der Rolle Deutschlands in der internationalen Politik. Rückblicke dieser Art dienten nicht nur der Information, sondern auch der politischen Bildung der Leserinnen und Leser.

    In diesem Kontext ist auch Alfred Neumann zu verorten, der als Journalist und Schriftsteller zum intellektuellen Milieu der Zeit beitrug. Seine Texte verbanden häufig politische Analyse mit literarischem Anspruch und passten damit in das Profil des Berliner Tageblatts. Autoren wie Neumann verkörperten den Typus des schreibenden Intellektuellen, der zwischen Feuilleton, politischem Kommentar und literarischer Form vermittelte.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kurt und Theodor Wolff, das Berliner Tageblatt, Beiträge wie „Zehn Jahre Nizza“ und Autoren wie Alfred Neumann Teil eines gemeinsamen kulturellen Zusammenhangs waren. Sie stehen für eine Epoche, in der Journalismus, Literatur und Politik eng miteinander verflochten waren und in der die liberale Öffentlichkeit als zentrale Voraussetzung demokratischer Kultur verstanden wurde. Gerade in der Rückschau wird deutlich, wie fragil – und zugleich wie bedeutend – diese Tradition war.

    Diese Männer waren vor allem im späten 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätig, mit einem Schwerpunkt auf der Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik.

    Kurz und übersichtlich:

    Theodor Wolff (1868–1943)

    • Aktiv ca. 1900–1933
    • Chefredakteur des Berliner Tageblatts von 1906 bis 1933
    • Prägende Figur des linksliberalen Journalismus im Kaiserreich und in der Weimarer Republik
    • Musste 1933 vor den Nationalsozialisten ins Exil gehen

    Kurt Wolff (1887–1963)

    • Aktiv ab ca. 1910 bis in die 1950er Jahre
    • Bedeutendster Verleger der literarischen Moderne
    • Schwerpunkt seiner Arbeit: 1910er und 1920er Jahre
    • Ebenfalls Emigration nach 1933 (USA)

    Alfred Neumann (1895–1952)

    • Aktiv vor allem in den 1920er und frühen 1930er Jahren
    • Journalist und Schriftsteller der Weimarer Republik
    • Schrieb politische und literarische Texte
    • Emigration nach 1933

    Gemeinsamer historischer Rahmen

    • Deutsches Kaiserreich (1871–1918)
    • Erster Weltkrieg
    • Weimarer Republik (1919–1933)
    • Ende ihrer Tätigkeit in Deutschland durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten

    Insgesamt gehören sie zur liberal-intellektuellen Öffentlichkeit Deutschlands zwischen 1900 und 1933.

    Textauszüge aus „Zehn Jahre Nizza“

    1. Rückblick und historischer Abstand

    Zehn Jahre sind vergangen, seit in Nizza die diplomatischen Formeln mit feierlichem Ernst verkündet wurden. Was damals als Abschluss galt, erscheint heute eher als Zwischenstation einer europäischen Entwicklung, deren Richtung noch immer ungewiss ist.


    2. Kritik an der Diplomatie

    Die Konferenzen von Nizza zeigten bereits jene eigentümliche Mischung aus Selbstzufriedenheit und Kurzsichtigkeit, die der europäischen Politik so oft eigen ist. Man regelte Zuständigkeiten, ohne die geistigen Voraussetzungen des Friedens ernsthaft zu bedenken.


    3. Europa als geistige Aufgabe

    Europa ist nicht allein ein System von Verträgen, sondern eine Verpflichtung des Denkens. Wo der politische Wille nicht von Verantwortung getragen wird, bleiben selbst die besten Abkommen leere Konstruktionen.


    4. Liberal-demokratische Perspektive

    Der Rückblick auf Nizza mahnt zur Besonnenheit. Nicht nationale Eitelkeiten, sondern Recht, Öffentlichkeit und Verständigung müssen das Fundament der Politik bilden, soll Europa mehr sein als eine Bühne wechselnder Machtspiele.

  • Abdruck aus “Deutsche Exilanten an der Côte d’Azur”

    Eine Reise durch die 1930er von Klaus Kampe

    HISTORISCHER KONTEXT UND EXIL IN SÜDFRANKREICH

    Als im Januar 1933 die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht übernahmen, begann für viele Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle eine Zeit der Verfolgung und des Verlustes. Bühnen wurden geschlossen, Redaktionen gesäubert, Bücher verbrannt. Wer blieb, riskierte Berufsverbot, Haft oder Schlimmeres. Wer ging, musste sich eine neue Welt suchen. So setzten sich unzählige Deutsche in Bewegung – mit Koffern voller Manuskripte, Skizzen oder einfach nur Hoffnung.

    Der Süden Frankreichs, die Côte d’Azur, wurde für viele von ihnen zum Rettungsanker. Das Licht, die Weite des Meeres, die Olivenhaine und Pinienhügel gaben den Flüchtenden eine Ahnung von Freiheit. Auch praktisch war die Region günstig: Die Lebenshaltungskosten waren niedriger als in Paris, und von Marseille aus bot sich die Möglichkeit, weiterzureisen, falls die Lage unsicher wurde. Schon zuvor hatten Künstler und Literaten die Küste entdeckt, und so wirkte sie in den 1930er Jahren wie eine alte Bekannte, die nun ein neues Gesicht zeigte – die eines Exils.

    In diesen Jahren trafen hier die großen Namen der deutschen Kultur zusammen: Thomas Mann schrieb in den Pensionen der Küste, sein Bruder Heinrich lebte mit Nelly Kröger in Nizza. Lion Feuchtwanger schuf in seiner Villa in Sanary-sur-Mer einen geistigen Mittelpunkt, an dem Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel und viele andere verkehrten. Bertolt Brecht zog unstet durch Südfrankreich, stets auf der Suche nach einem Ort, an dem Arbeit und Sicherheit zusammenfielen. Maler wie Walter Bondy oder Schriftstellerinnen wie Annette Kolb prägten die Atmosphäre zusätzlich.

    Besonders zwei Orte wurden zu Symbolen dieses Exils: Nizza, mit seiner kosmopolitischen Lebendigkeit und den Boulevards, auf denen sich Sprachen und Kulturen mischten; und Sanary-sur-Mer, ein kleiner Fischerort, dessen Hafenbecken zur Bühne einer Welt im Umbruch wurde. Dort, zwischen einfachen Fischerbooten und den Fassaden weißer Häuser, entstand eine dichte Gemeinschaft von Exilanten, die im Schatten der drohenden Diktatur versuchten, ihre Sprache, ihre Kunst und ihre Hoffnung zu bewahren.

    So verband sich an der Côte d’Azur die Schönheit der Landschaft mit der Dringlichkeit des Überlebens – und hinterließ Spuren, die bis heute sichtbar sind.


    INHALTSVERZEICHNIS

    Einleitung

    Varian Fry – Von Berlin nach Marseille

    Historischer Kontext und Exil in Südfrankreich

    Exilanten in Nizza – Die Stadt der Zuflucht

    Sanary-sur-Mer – Das deutsche Dorf

    Berühmte Persönlichkeiten im Exil

    Die Portraits – Gesichter einer verlorenen Welt

    Marta und Lion Feuchtwanger

    Treffen im Café du Lyon

    Max Colpet

    Thomas Mann und die Exil-Salonkunst

    Die Stimmen im Exil

    Kunst, Literatur und das Ringen um das Wort

    Begegnungen und Gemeinschaften

    Bedrohung, Internierung und Flucht

    Die Wohnorten heute – Historische Orte entdecken

    Vergleich von historischen Fotografien

    Links zu Fotos und Orten

    Bildquellen

    Epilog

    Anhang

  • Varian Fry – Von Berlin nach Marseille

    Ein Leben zwischen Beobachtung und Verantwortung.

    Aus dem Buch “Deutsche Exilanten an der Coté d’Azur”

    Als Varian Fry 1935 an Bord des Transatlantikliners Bremen nach Europa reiste, war er noch ein junger Journalist, getrieben von Neugier, Scharfsinn und einem unbestechlichen Blick für die politischen Spannungen seiner Zeit. Schon auf der Überfahrt, zwischen Diplomaten, Geschäftsleuten und Emigranten, hörte er Gespräche über Hitlers Arbeitsbeschaffungsprogramme, über Devisenkontrollen und über den wachsenden Antisemitismus. Es war eine Vorahnung dessen, was ihn auf dem Kontinent erwartete.

    In Berlin bezog er Quartier in der Hotel-Pension Stern am Kurfürstendamm, einem bürgerlichen Haus im Herzen der Hauptstadt. Dort, in den Frühstücksräumen, beim Rascheln der Zeitungen, führte er seine ersten Interviews: Politiker, die noch zwischen Loyalität und innerem Widerstand schwankten, Wirtschaftsführer, die im Regime ebenso Bedrohung wie Chance sahen, und Universitätsdozenten, die zwischen akademischer Vorsicht und offener Ideologietreue lavierten. Doch Fry hörte nicht nur den Stimmen der Eliten zu. Er sprach mit Ladenbesitzern, die von Boykottaktionen berichteten, mit Kellnern, die im Flüsterton von verschwundenen Gästen erzählten, mit Kirchenbesuchern, die den Druck auf ihre Pfarrer schilderten, und mit Taxichauffeuren, deren nüchterner Zynismus oft mehr Wahrheit enthielt als die offiziellen Parolen.

    Der Kurfürstendamm wurde für Fry zu einem Brennspiegel. Elegantes Flanieren und Einschüchterung durch SA-Männer existierten nebeneinander. Eines Abends geriet er in eine Straßenschlacht: Studenten protestierten gegen die Gleichschaltung, SA-Männer trieben sie mit Stiefeln und Schlagstöcken auseinander. Fry, der nur beobachten wollte, wurde in das Getümmel hineingezogen. Er entkam, aber nicht ohne Verletzungen – und nicht ohne ein Bild jener Gewalt, die er später so eindringlich beschrieb. Berlin hatte ihm gezeigt, wie tief Ideologie, Angst und Gewalt bereits in den Alltag eingedrungen waren.

    Als Fry 1940, nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich, im Auftrag des Emergency Rescue Committee nach Marseille entsandt wurde, war er vorbereitet. Was er in Berlin nur beobachtet hatte, bestimmte nun sein Handeln: Menschen retten, die auf den schwarzen Listen der Gestapo standen.

    Marseille, der letzte große Hafen im unbesetzten Frankreich, war ein Ort der Hoffnung und Verzweiflung zugleich. Flüchtlinge aus ganz Europa strömten dorthin – Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, politische Dissidenten. Fry arbeitete unter dem Deckmantel eines Journalisten, doch sein eigentlicher Auftrag war die Organisation einer Rettungsmaschine, die zugleich improvisiert und lebensgefährlich war.

    Sein Team war bunt zusammengesetzt: Miriam Davenport, die Kunsthistorikerin; Mary Jayne Gold, eine wohlhabende Amerikanerin, die Geld und Mut beisteuerte; Daniel Bénédite, der französische Gewerkschafter, der Kontakte zu Beamten und Arbeitern hielt; später auch der junge Ökonom Albert Hirschman, der Pässe fälschte und Fluchtwege organisierte. Gemeinsam retteten sie Hunderte – unter ihnen Marc Chagall, Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Max Ernst, Hannah Arendt und viele andere, deren Werk das kulturelle Gedächtnis des 20. Jahrhunderts prägt.

    Die Kooperation der USA war ambivalent. Das Emergency Rescue Committee hatte ihn entsandt, doch Washington hielt Distanz: Offiziell wollte man keine Konfrontation mit Vichy-Frankreich oder Berlin riskieren. Fry agierte daher im Graubereich, geduldet, aber misstrauisch beäugt. Auch Frankreich zeigte zwei Gesichter: Einzelne Beamte halfen im Stillen, doch die Vichy-Administration kooperierte eng mit den Deutschen und lieferte Flüchtlinge aus. Nur durch Bestechungen, Fälschungen und heimliche Netzwerke gelang es Fry, seine Arbeit fortzuführen.

    Von Marseille aus reichten seine Kontakte auch an die Côte d’Azur: nach Nizza und nach Sanary-sur-Mer, wo bereits seit den frühen 1930er Jahren deutsche Exilanten lebten – Heinrich und Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Alma Mahler-Werfel und viele andere. Fry knüpfte an diese Strukturen an, half beim Weitertransport, organisierte Visa und Schiffspassagen nach Spanien und Portugal. So verband er die Fluchtwege an der Küste mit den Rettungsrouten in Marseille.

    Doch 1941 setzte Vichy seiner Arbeit ein Ende. Fry wurde ausgewiesen, ausgelaugt und von Schuldgefühlen geplagt, weil er nicht alle retten konnte. Zurück in New York berichtete er, schrieb 1945 sein Buch Surrender on Demand, doch es blieb lange unbeachtet. Amerika wollte in den ersten Nachkriegsjahren nicht erinnert werden an jene Zeit der Untätigkeit, als Einzelne mehr Mut gezeigt hatten als Staaten. Fry selbst lebte am Rande der intellektuellen Szene, gezeichnet von dem, was er erlebt hatte.

    Erst Jahrzehnte später erhielt er die Anerkennung, die ihm gebührte. 1996 ehrte ihn Yad Vashem als ersten Amerikaner mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“. Auch in Frankreich und Deutschland erinnert man heute an den „amerikanischen Schindler“, der nicht aus politischem Kalkül, sondern aus moralischer Klarheit handelte.

    Varian Fry war Beobachter und Akteur zugleich. In Berlin hatte er gelernt, hinter die Fassaden zu sehen, in Marseille hatte er gehandelt, in den USA hatte er für Erinnerung gestritten. Sein Lebensweg – von den Salons des Linienschiffs Bremen über die Pension Stern am Kurfürstendamm bis zu den improvisierten Rettungsbüros in Marseille – ist ein Zeugnis dafür, dass auch ein Einzelner im Angesicht der Gewalt Verantwortung übernehmen kann.

    Varian Fry

    Photo: Varian Fry in Marseille. Frankreich, 1940–1941 in Marseille. US Holocaust Memorial Museum, courtesy of Annette Fry

  • APÉRO UM ZWÖLF

    VON ZWEIEN, DIE AUSZOGEN IN FRANKREICH ZU LEBEN

    Ein Buch für alle Frankreich-Fans. Und ein reicher Erfahrungsschatz für alle, die es der Autorin gleichtun und aus dem Traum von der Auswanderung nach Frankreich Realität machen wollen.

    „Aufgeben ist keine Option, wenn es darum geht, sich seinen Traum zu erfüllen.“
    Ines Sachs

    Die Autorin Ines Sachs und ihr Mann beschließen, Deutschland den Rücken zu kehren und ein Leben an der Sonne Südfrankreichs zu leben. In diesem Buch beschreibt sie liebevoll und mit einer großen Portion Humor ihre Auswanderung: wie aus dem Traum ein Plan wird (denn nicht umsonst ist sie mit einem Projektleiter verheiratet), die kleinen Schwierigkeiten und großen Hürden, die es zu überwinden gilt, und schließlich und endlich die Ankunft in der neuen Heimat, die ganz und gar nicht so glattläuft, wie sie sich das vorgestellt hatten.

  • Nietzsche in Nizza und Èze

    Nietzsche an der Coté d’Azur – Ein Porträt

    Wenn Friedrich Nietzsche im Winter 1883/84 nach Nizza reist, sucht er nicht allein das milde Klima der Côte d’Azur. Er sucht die Erleichterung für seinen schmerzgeplagten Körper, den Rhythmus des Meeres, die Klarheit des Himmels. Was sich hier für ihn eröffnet, ist mehr als ein bloßes „Kuraufenthalt“: es ist eine ästhetische Erfahrung, eine neue Topographie des Denkens.

    In einem Brief an seine Schwester Elisabeth schreibt er aus Nizza:
    „Ich habe noch nie einen solchen Himmel gesehen, eine solche Helle der Luft, die sich wie ein lichter Mantel über alles legt. Man lebt hier in einer Welt der Farben, die nicht den Rausch, sondern die Klarheit gebiert. Blau, das unerschöpfliche Blau, wie es mein ganzes Denken durchdringt.“

    Dieser Blick ist bezeichnend: Nietzsche sieht in den Farben Nizzas nicht die dekorative Idylle, sondern eine existentielle Verstärkung. Anders als in Turin oder Genua, wo der Winter für ihn immer wieder Schwere und Krankheit brachte, öffnet Nizza ihm die Möglichkeit, den Leib nicht als Feind, sondern als Resonanzraum der Wahrnehmung zu erfahren. Hier spricht er nicht verächtlich vom Körper, sondern anerkennt ihn als Teil jenes „großen Ja“, das seine Philosophie sucht.

    Der Weg nach Èze – Philosophie im Gehen

    Von Nizza aus führt ein alter Saumpfad die Küste entlang hinauf nach Èze, das Adlernest über dem Meer. Nietzsche ging diesen Weg häufig. Die steilen Stufen, das Flimmern des Lichts auf den Olivenblättern, das Spiel von Schatten und Felsen begleiteten ihn wie ein stiller Chor.

    Er notiert:
    „Es ist, als ob man mit jedem Schritt in eine andere Welt von Gedanken trete. Der Aufstieg ist schwer, doch er gleicht dem, was das Denken selbst verlangt: Schwere, um zur Höhe zu gelangen.“

    In diesen Spaziergängen reifte der Keim zu jenem großen unvollendeten Werk, das später unter dem Titel Der Wille zur Macht bekannt werden sollte. Nietzsches Aufzeichnungen aus dieser Zeit zeigen eine Bewegung: weg von der reinen Kritik an der Moral hin zu einer Philosophie der Schöpfung, des Gestaltens, der „Bejahung des Lebens“.

    Der Wille zur Macht war für Nietzsche keine abstrakte Metapher. Er verstand ihn als jene dynamische Energie, die alles Lebendige antreibt, nicht nur den Geist, sondern auch die Natur, die Farben, die Kraft des Meeres, die er in Nizza so unmittelbar empfand. Der Leib war nicht mehr die Last, die man überwinden muss, sondern der Ort, an dem sich diese Macht zeigt.

    Briefe aus einer Welt der Farben

    In einem anderen Brief an seine Schwester findet sich der Satz:
    „Hier in Nizza lernt man, wie leicht das Leben sein kann, wenn es nur durch Farben spricht. Alles ist hell, nicht in der Weise des blendenden Schnees, sondern wie die zarteste Musik.“

    Diese Worte sind nicht bloß private Schwärmerei. Sie markieren einen Wendepunkt: Nietzsche entwirft ein Denken, das den Reichtum der Erscheinungen bejaht, das den Körper nicht verachtet, sondern ihn als Mittler der Erfahrung anerkennt. Die Welt der Farben ist ihm nicht Illusion, sondern Ausdruck einer Tiefe, die das Leben selbst ausmacht.

    Nizza als Ort der Affirmation

    So wird Nizza für Nietzsche zum symbolischen Ort der Affirmation. Der Weg nach Èze, das mediterrane Licht, die leuchtenden Fassaden der Altstadt, die Weite des Himmels – all dies ist kein Hintergrund, sondern aktiver Teil seines Denkens. Es prägt jenen Ton, den man später als das „Dionysische“ seines Spätwerks beschreiben kann: ein Denken, das nicht aus der Verachtung, sondern aus der bejahenden Kraft geboren wird.

    Das Meer, die Steine, die Olivenbäume – sie treten in seine Philosophie nicht als romantische Staffage, sondern als Verbündete. Das Konzept des Willens zur Macht ist hier nicht abstrakt, sondern konkret: das Meer zeigt es im Wogen, der Körper im Schmerz, die Farben im Glanz.

    Schluss

    Nietzsches Nizza ist kein Fluchtort, sondern ein Denkraum. Indem er die Côte d’Azur ergeht, indem er in Briefen von den Farben spricht, indem er den Körper als Resonanz der Welt erfährt, öffnet er eine neue Möglichkeit der Philosophie: eine Philosophie ohne Verachtung des Leibes.

    Auf dem Pfad nach Èze, hoch über dem Meer, schien es, als ob sich seine Gedanken mit dem Licht verbanden – als ob die Philosophie selbst zum Spaziergang geworden wäre, ein Weg, auf dem das Denken Schritt für Schritt die Höhe sucht.


    Einige Originalzitate und ihre Bedeutung

    1. Brief aus Genua, Ende November 1883 „[…] morgen geht es fort, meine Herzenslieben, ich will etwas Neues, nämlich Nizza, versuchen, denn Genua hat mir diesesmal nicht gutgetan. Auch war ich inzwischen hier zu bekannt geworden – ich konnte nicht mehr leben, wie ich wollte. Genua ist mir eine ausgezeichnete Schule harter, einfacher Lebensweise gewesen; ich weiß jetzt, daß ich wie ein Arbeiter und Mönch leben kann. […] Sobald ich mich fest für Nizza entschlossen habe, schreibe ich.“ Projekt Gutenberg Hier zeigt sich deutlich sein Sehnen nach Nizza, nicht nur als Ort körperlicher Erleichterung, sondern als Ort, an dem er „leben, wie er wollte“ kann – frei von dem Beklemmenden, das er in Genua empfand.
    2. Brief an Schwester aus Nizza, 26. Januar 1887 „… bisher noch kein Stäubchen Schnee; und wenn auch die ferneren Berge um Nizza herum sich weiß gepudert haben, so möchte dies mehr unter die Toilettenkünste dieser südländischen Schönheit und Zauberin gehören als unter ihre Bösartigkeiten … Tatsächlich fehlt noch viel an der wirklichen Gesundheit; ich erinnere mich aber eines ganzen Nachmittags, wo ich mir gesund vorkam,…“ Projekt Gutenberg Dieses Zitat vermittelt, wie Nietzsche das milde Klima, das Licht und die Schönheit der Umgebung positiv erlebt – und wie diese Umgebung mit seiner Gesundheit, seiner Wahrnehmung und seinem Körperempfinden verbunden ist. Man merkt: Der Körper ist nicht Objekt der Verachtung, sondern Teil seiner Erfahrung.
    3. Brief an Schwester, Nizza, „es wimmelt …“ (später Winter) „Die Tage kommen hier mit einer unverschämten Schönheit daher; es gab nie einen vollkommneren Winter. Und diese Farben Nizzas: ich möchte sie Dir schicken. Alle Farben mit einem leuchtenden Silbergrau durchgesiebt; geistige, geistreiche Farben; nicht ein Rest mehr von der Brutalität der Grundtöne. Der Vorzug dieses kleinen Stücks Küste zwischen Alassio und Nizza ist eine Erlaubnis zum Afrikanismus in Farbe, Pflanze und Lufttrockenheit: das kommt im übrigen Europa nicht vor.“ Projekt Gutenberg Das ist wohl einer der besten Belege dafür, wie Nietzsche die Farben und das Licht empfindet, wie er Nizza selbst als fast einzigartigen Erfahrungsraum malt. „Nicht ein Rest mehr von der Brutalität der Grundtöne“ – hier klingt durch, dass die Umgebung ihn sensibilisiert, lasst Körper und Sinne in positiver Weise wirken.
    4. Brief vom 23. März 1887 „Ich wünsche etwas mehr Geld zu haben, so daß ich … eine eigene Küche haben könnte. … Es ist auch eine Sache des Stolzes: ich möchte ein Leben führen, das wirklich mir gemäß ist und nicht derartig schablonenmäßig erscheint …“ Projekt Gutenberg In diesem Zitat kommt heraus: Nietzsche wünscht sich Bedingungen, unter denen Leben und Leib in einem Einklang stehen, ohne fremde Zwänge, möglichst im Einklang mit eigenem Wesen. Auch das spricht gegen Verachtung des Leibes und für eine Philosophie, die Körper, Sinne und äußere Umgebung ernst nimmt.
  • Renoir und Monet an der Coté d’Azur

    Renoir und Monet am Cap Martin – Ein Disput in Farben

    Es war im Frühjahr 1884, als sich Auguste Renoir und Claude Monet auf eine Studienreise an die Côte d’Azur begaben. Noch war diese Küste kein touristisch überfüllter Sehnsuchtsort, sondern ein herbes, beinahe unberührtes Stück Mittelmeerlandschaft, an dessen Abhängen Olivenhaine silbrig glänzten und das Meer im wechselnden Licht unendliche Nuancen von Blau, Grün und Türkis auffächerte. Beide Künstler waren angetrieben von der Idee, das mediterrane Licht in seiner Fülle zu bannen – doch gerade dieses Ziel führte sie in eine leidenschaftliche Auseinandersetzung.

    Am Zollweg oberhalb von Cap Martin, von wo der Blick weit nach Osten über Menton und die ligurischen Küsten fiel, standen sie nebeneinander mit ihren Staffeleien. Renoir, ganz versunken, trug mit breitem Pinsel Ströme warmer, vibrierender Farben auf die Leinwand auf. Monet hingegen verfolgte die Nuancen des Lichtes minutiös, als wollte er jeden flüchtigen Reflex festhalten, jeden Sonnenstrahl aufbrechen in seine feinste Erscheinung.

    „Siehst du, Claude“, sagte Renoir mit einem halb spöttischen Lächeln, „dieses Meer hier verlangt nicht nach ziselierter Beobachtung, sondern nach Glut. Es ist kein Ort für Studien des Vorübergehenden. Man muss die Sinnlichkeit des Ganzen erfassen, die Wärme, die den Körper wie eine zweite Haut umhüllt. Siehst du, wie das Blau nicht kalt ist, sondern eine Umarmung?“

    Monet antwortete, ohne den Blick von seiner Leinwand zu lösen: „Du sprichst von Wärme, Auguste, aber das Meer ist nicht immer eine Umarmung. Sieh doch, wie es sich in tausend Schattierungen verändert, im Widerschein der Wolken, im Atem des Windes. Hier am Cap Martin, von diesem Weg hinab nach Menton, ist jeder Augenblick ein anderer. Meine Pflicht ist es, die Flüchtigkeit zu bewahren, das Flirren, das niemals stillsteht.“

    Renoir schüttelte den Kopf. „Flüchtigkeit, ja. Aber wenn du dich in der Flüchtigkeit verlierst, bleibt das Herz außen vor. Die Menschen wollen nicht nur den Wind und die Welle sehen, sondern die Freude, die Leidenschaft, die in diesen Farben brennt. Deine Genauigkeit verfehlt das, was die Côte d’Azur ausmacht: ihre Sinnlichkeit, ihr ewiges Fest.“

    Monet lächelte schmal, fast melancholisch. „Vielleicht. Aber ohne die Treue zum Licht wird das Fest zur Pose. Ich glaube, es gibt Wahrheit nur in der Hingabe an das Sehen. Und wenn das Meer in der einen Minute violett, in der nächsten silbrig-grün ist, dann muss auch die Malerei dies atmen. Das ist mein Cap Martin: ein Ort, der sich entzieht, weil er immer neu geboren wird.“

    Ihre beiden Bilder vom Zollweg, beide mit dem Blick auf Menton, tragen Spuren dieser Divergenz. Bei Renoir die leuchtende Wärme, ein fast körperliches Glühen der Landschaft, die zu tanzen scheint wie Figuren in seinen Pariser Szenen. Bei Monet das Zartspiel von Übergängen, das Meer im Rhythmus der Zeit, ein Tableau des Augenblicks, das sich der Ewigkeit gerade dadurch nähert, dass es sie nie festhält.

    Und so wurde ihr Disput nicht zu einer Trennung, sondern zu einer Ergänzung. Die Côte d’Azur offenbarte ihnen beiden ihre Wahrheit – die eine in der Glut des Erlebens, die andere in der Treue zum Licht. Zwischen Renoirs sinnlicher Umarmung und Monets flüchtiger Beobachtung liegt die ganze Spannweite des Impressionismus, geboren am Cap Martin, über den schmalen Zollweg hinweg, mit Blick auf das kleine, goldene Menton, das sich wie ein Versprechen ins Meer neigte.

  • Klaus Mann in Sanary

    Café de Lyon, Sanary-sur-Mer – Frühsommer 1935

    Die Markisen spenden Schatten, der Hafen glitzert, Boote knarren leise. In der Ecke des Café de Lyon sitzen sie, eine kleine Insel aus Sprache und Exil.

    Klaus Mann (unruhig, mit fahrigen Gesten):
    Der Schmerz eines Sommers – ein Buch von Melancholie. Ich wollte nichts anderes als den Zustand einer verlorenen Jugend festhalten. Aber es verfolgt mich, wie ein Geständnis, das die Welt nicht hören will.“

    Eva Herrmann (lehnt sich vor, die Zigarette zwischen den Fingern):
    „Klaus, dein Schmerz ist wahr. Aber Wahrheit allein verändert nichts. In Zeiten wie diesen muss Literatur mehr als Spiegel sein – sie muss Waffe sein.“

    Egon Erwin Kisch (lacht kehlig, schlägt mit der Hand auf den Tisch):
    „Endlich sagt es jemand! Ich bringe Reportagen, ihr schreibt Elegien. Dein Mephisto dagegen, Klaus, das ist Dynamit. Da entlarvst du nicht nur Gründgens, sondern die ganze Clique, die sich vor den Nazis verbeugt.“

    Aldous Huxley (ruhig, fast kühl, mit einem schmalen Lächeln):
    „Doch verrätst du nicht zugleich deine Freunde, Klaus? Das Theater war schon immer ein Spiegel der Gesellschaft. Aber ein Schlüsselroman – das ist gefährlich. Die Person vergeht, die Allegorie bleibt. Wird dein Mephisto überdauern, oder bleibt er nur eine bittere Abrechnung?“

    Sybille (leise, aber bestimmt):
    „Gerade die Abrechnung macht es so brennend. Wer Gründgens erkennt, erkennt auch den Preis, den viele zahlen, um Karriere zu machen. Ein Verrat? Vielleicht. Aber ein notwendiger Verrat.“

    Ludwig Marcuse (bedächtig, dozierend, die Hände gefaltet):
    „Jeder Verrat birgt Wahrheit. Mephisto ist weniger ein Schlüssel, mehr ein Symbol. Er zeigt, dass man nicht Macht haben kann, ohne seine Moral einzutauschen. Aber sag mir, Klaus – ist das ein Zeitroman, oder willst du ein Werk schaffen, das künftige Generationen noch verstehen?“

    Klaus Mann (zögert, dann heftig):
    „Ich will beides. Ankläger sein – und Chronist. Ich will, dass meine Figuren schreien für die, die keine Stimme haben. Dass sie die Zukunft warnen vor dem, was heute geschieht.“

    Maria Huxley (sanft, fast beschwichtigend):
    „Vielleicht braucht es gerade hier, in Sanary, all eure Stimmen – den Reporter, den Dichter, den Philosophen. Die Welt da draußen ist taub. Aber wenn ihr vereint sprecht, vielleicht hallt es wider.“

    (Stille breitet sich aus, der Wind rauscht durch die Markise, man hört das ferne Klirren von Gläsern. Dann erhebt Kisch sein Glas.)

    Kisch:
    „Auf den Schmerz. Auf den Teufel. Auf das Exil – und auf die Freiheit im Café de Lyon.“

    Klaus Mann (mit einem angedeuteten Lächeln, fast trotzig):
    „Und auf die Hoffnung, dass Worte noch eine Waffe sind.“

    Die Gläser klingen zusammen. Das Meer rauscht, unbeirrt, als wäre alles Gesagte nur ein Flüstern am Rande der Ewigkeit.