Kategorie: Art

  • Kunst und Handwerk – Vom Bauhaus über Etsy zu Suno

    Dieser Podast behandelt das Thema Bauhaus, Etsy und Suno. Staatliches Bauhaus war eine revolutionäre Kunstschule, die 1919 von Walter Gropius in Weimar ins Leben gerufen wurde, um die Trennung zwischen Kunst und Handwerk aufzuheben. Die Institution wirkte über Stationen in Dessau und Berlin prägend auf die Klassische Moderne ein, bevor sie 1933 unter politischem Druck der Nationalsozialisten aufgelöst wurde. Besonders innovativ war der fächerübergreifende Vorkurs sowie die Ausbildung in verschiedenen Werkstätten, die von renommierten Künstlern wie Kandinsky oder Klee geleitet wurden. Trotz interner Widerstände ermöglichte die Schule erstmals eine weitgehende Gleichberechtigung von Frauen, die sich in Bereichen wie der Weberei oder Metallwerkstatt bewährten. Die funktionalen Gestaltungsprinzipien des Bauhauses beeinflussen bis heute maßgeblich das weltweite Verständnis von Architektur, Produktdesign und Fotografie. Durch die Emigration vieler Mitglieder verbreitete sich das Konzept international und wird heute in Museen und UNESCO-Welterbestätten gewürdigt.

    Bauhaus und Etsy

    Die Synthese aus Bauhaus, Etsy und Künstlicher Intelligenz offenbart einen bemerkenswerten historischen Kreisbogen: Es ist die über hundert Jahre andauernde Debatte darüber, wie sich die Seele menschlicher Kreativität gegenüber den Verlockungen und Zwängen technologischer Rationalisierung behaupten kann.

    1. Das Bauhaus: Handwerk und die „neue Einheit“ mit der Maschine

    Als Walter Gropius 1919 das Bauhaus in Weimar gründete, stand er vor einem akuten gesellschaftlichen Problem: Die industrielle Massenproduktion hatte das traditionelle Kunsthandwerk an den Rand gedrängt und kopierte im Historismus massenhaft seelenlose Ornamente. Gropius’ ursprüngliche Vision war es, das Kunsthandwerk wiederzubeleben und die Kunst von der Industrialisierung zu emanzipieren.

    Doch bereits wenige Jahre später, im Jahr 1923, vollzog das Bauhaus eine radikale Kehrtwende hin zu dem neuen Leitsatz: „Kunst und Technik – eine neue Einheit“. Statt die Maschine zu bekämpfen, begannen die Bauhäusler, experimentelle Prototypen (wie Leuchten und Möbel) zu entwickeln, die ästhetisch anspruchsvoll, aber gleichzeitig perfekt für die industrielle Massenfertigung geeignet waren. Aus dem reinen, manuellen Handwerk wurde modernes Industriedesign.

    2. Etsy: Die digitale Gegenbewegung und die eigene „Industrielle Revolution“

    Fast ein Jahrhundert später, im Jahr 2005, trat die Online-Plattform Etsy mit einer verblüffend ähnlichen, fast utopischen Mission an: Sie sollte ein digitaler Zufluchtsort für authentic handcrafts sein und die Industrialisierung des Einkaufens aktiv bekämpfen. Etsy war im Grunde die Reinkarnation des frühen Bauhaus-Gedankens im e-Commerce-Zeitalter – ein Ort für die persönliche, menschliche Schöpfung abseits anonymer Fabrikware.

    Doch der Erfolg brachte ein altbekanntes, unerbittliches ökonomisches Gesetz mit sich. Da rein menschliche Handarbeit nicht beliebig skalierbar ist, stießen erfolgreiche Künstler schnell an ihre Grenzen. Das Ergebnis war eine eigene „industrielle Revolution“ auf der Plattform: Eine Flut von Wiederverkäufern schleuste billige, fabrikgefertigte Massenware ein und löste einen ruinösen Preiskampf aus, der echte Handwerker existenziell bedrohte.

    Nach Protesten der Community musste sich Etsy schließlich anpassen. Heute ist die Symbiose aus digitalem Design und maschineller Fertigung – beispielsweise über Print-on-Demand-Dienste wie Printful – auf der Plattform etabliert und unter der Bedingung erlaubt, dass man das Design selbst entworfen hat. Dies ist die moderne Entsprechung der Bauhaus-Vision von „Kunst und Technik“: Das Design stammt vom Menschen, die physische Produktion übernimmt die Maschine.

    3. Künstliche Intelligenz: Die vollständige Eliminierung des Handwerks

    Die aktuelle Welle generativer KI-Generatoren (wie Suno im Audiobereich oder entsprechende Bildgeneratoren im Design) stellt nun die radikalste Stufe dieser Evolution dar.

    • Frictionless Creativity: Während das Bauhaus das Handwerk reformieren wollte und Etsy den Vertrieb von Handwerk organisierte, verspricht die KI nun eine „reibungsfreie“ Kreativität. Man benötigt keine jahrelange handwerkliche Praxis oder Musiktheorie mehr – ein einfacher Text-Prompt genügt, um in Sekunden ein fertiges Werk zu erschaffen.
    • Die totale Entwertung durch unbegrenzten Supply: So wie damals die Fabriken billige historisierende Ornamente ausspuckten und heute Händler Etsy mit fabrikgefertigter Massenware fluten, so erzeugt die KI nun einen unbegrenzten Vorrat (infinite supply) an digitaler Kunst und Musik. Das drückt den ökonomischen und emotionalen Wert kreativer Arbeit auf ein Minimum und lässt sie zu bloßem „Wegwerf-Inhalt“ (disposable digital content) verkommen.

    Fazit: Seele gegen Marktgesetze

    Ob Bauhaus, Etsy oder KI: Es geht im Kern immer um dieselbe Frage. Ist ein Werk wertvoll, weil es leicht und effizient zu reproduzieren ist, oder weil es das Ergebnis von menschlicher Mühe, Fehlerhaftigkeit und emotionaler Verbindung ist?

    Gropius fand die Antwort in der bewussten Gestaltung der Maschine. Etsy-Käufer suchen bis heute gezielt nach Authentizität und sind bereit, dafür einen Aufpreis zu zahlen. Und auch in der Ära der KI wird sich entscheiden, ob wir Kunst nur noch als algorithmischen Hintergrundsound konsumieren oder ob wir die verletzliche, unperfekte Verbindung zu echten menschlichen Schöpfern suchen.

    Es ist faszinierend zu sehen, wie sich Muster über Jahrhunderte hinweg wiederholen. Sollen wir diese historische Parallele – vom handwerklichen Webstuhl bis hin zum KI-Algorithmus – in einem ausführlichen Blog-Entwurf für deine Leser ausformulieren?

    Musik und KI

    KI-Songgeneratoren wie Suno verändern sowohl den rechtlichen Rahmen als auch den ökonomischen und ideellen Wert von Musik grundlegend. Die Auswirkungen lassen sich in mehrere zentrale Bereiche unterteilen:

    1. Der Wert von Musik: Unbegrenztes Angebot und Entwertung

    • Ökonomischer Wertverfall durch unbegrenztes Angebot (Infinite Supply): Während menschliche Musiker nur eine begrenzte Anzahl an Songs erschaffen können, sind KI-Systeme in der Lage, in kürzester Zeit Millionen von Titeln zu generieren. Aus ökonomischer Sicht führt dieses unbegrenzte Angebot zu einem drastischen Wertverfall von Musik. Es besteht das Risiko, dass Musik zunehmend ihren Charakter als künstlerischer Ausdruck verliert und stattdessen zu einem leicht austauschbaren, „wegwerfbaren“ digitalen Inhalt (disposable digital content) deklassiert wird.
    • Verlust der menschlichen Verbindung: Die traditionelle Erschaffung von Musik basiert auf Mühe, jahrelangem Üben und emotionalen Prozessen. KI-Plattformen eliminieren diese Hürden und versprechen eine „reibungsfreie“ Kreativität. Damit droht jedoch auch die menschliche Verbindung zwischen dem Hörer und dem Künstler verlorenzugehen. Es stellt sich die grundlegende Frage, ob Musik wertvoll ist, weil sie leicht zu generieren ist, oder weil sie die echten Emotionen und Anstrengungen von Menschen widerspiegelt. Wenn Hörer KI-Musik als bloßen Hintergrundsound akzeptieren, sinkt der gesellschaftliche Wert des Musikschaffens.

    2. Urheberrechtliche Konflikte beim KI-Training

    • Klagen der Musikindustrie: Große Plattenlabels (wie Universal Music Group, Sony Music und Warner Music Group) sowie die GEMA haben Urheberrechtsklagen gegen KI-Musikunternehmen wie Suno und Udio eingereicht. Sie werfen den Startups vor, ihre KI-Modelle ohne Erlaubnis oder Lizenzierung mit Millionen urheberrechtlich geschützter Musikstücke trainiert zu haben. Die KI-Betreiber argumentieren dagegen, dass dieser Trainingsprozess unter die US-amerikanische Doktrin des Fair Use (freie Nutzung) fällt.

    3. Die „Rechtefalle“ in den AGB von KI-Plattformen

    Wer Songgeneratoren wie Suno nutzt, begibt sich laut Analysen von Juristen in eine weitreichende vertragliche Rechtefalle:

    • Umfassende Lizenzierung an die Plattform: Laut den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) von Suno räumt der Nutzer der Plattform eine weltweite, dauerhafte, unwiderrufliche, gebührenfreie und voll unterlizenzierbare Lizenz an allen Eingaben (Prompts) und generierten Songs (Outputs) ein. Suno darf diese Werke speichern, verändern, für das Modelltraining nutzen, damit werben oder sie an Dritte lizenzieren.
    • Verzicht auf Urheberpersönlichkeitsrechte: Soweit gesetzlich zulässig, müssen Nutzer auf ihre Urheberpersönlichkeitsrechte verzichten. Das bedeutet beispielsweise, dass Suno die generierten Werke auch in Kontexten nutzen darf, die der Nutzer persönlich ablehnt, ohne dass dieser rechtliche Handhabe besitzt.
    • Kommerzielle Nutzung nur im Bezahlabo: In kostenlosen Tarifen (Basic/Free-Plan) ist jegliche kommerzielle Nutzung der generierten Songs ausgeschlossen. Nur zahlende Nutzer (Pro/Premier-Plan) erhalten eine kommerzielle Lizenz für den generierten Output. Doch selbst dann bleibt die oben genannte „Mega-Lizenz“ bestehen, die der Plattform weitreichende Parallelrechte am selben Material einräumt.

    4. Risiken für professionelle Musikschaffende und Auftragswerke

    • Kein garantierter Urheberrechtsschutz: Die Plattformen geben keine Garantie, dass an der KI-Musik überhaupt ein eigener Urheberrechtsschutz entsteht – dies gilt insbesondere für rein KI-generierte Stücke ohne nennenswerte menschliche Schöpfungshöhe.
    • Unmöglichkeit von Exklusivität: Wer Musik für Auftraggeber (z. B. Theater, Werbeagenturen oder Marken) erstellt, kann keine echte Exklusivität zusichern. Da die KI-Plattform mit den gleichen Musikstrukturen weiterarbeitet und ähnliche Outputs für andere Nutzer generieren kann, ist eine vertragliche Exklusivitätszusage rechtlich nicht haltbar.
    • Volles Haftungsrisiko beim Nutzer: Die AGB der KI-Anbieter schließen jegliche Haftung aus. Sollte eine generierte Musikdatei zu nah an ein bereits existierendes, geschütztes Werk herandriften und es zu einer Urheberrechtsverletzung kommen, liegt das Haftungsrisiko allein beim Nutzer (bzw. dessen Auftraggeber) und nicht bei der KI-Plattform.

    Nachtrag: Vom Webstuhl zum Algorithmus: 5 überraschende Lektionen über die Zukunft der Kreativität

    Einleitung: Das Paradoxon der Perfektion

    Besitzt die menschliche Handarbeit in einer Welt, die von KI-generierter Perfektion und industrieller Massenware überschwemmt wird, noch einen messbaren Wert? Wir stehen heute an einem ähnlichen Wendepunkt wie Walter Gropius im Jahr 1919, als er das Bauhaus gründete, um Kunst und Handwerk gegen die seelenlose industrielle Massenproduktion zu verteidigen.

    Heute kollidiert die „Handmade Culture“ von Etsy mit der Skalierungsgewalt von Algorithmen und Tools wie Suno AI, die den kreativen Prozess vollständig automatisieren wollen. Was können wir von der harten Realität der Weimarer Werkstätten für das Jahr 2026 lernen? Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme zwischen historischem „Vorkurs“ und moderner „algorithmischer Lobotomie“.

    Lektion 1: Skalierung ist der natürliche Feind (und Freund) der Authentizität

    Der Erfolg von Etsy ist ein wirtschaftliches Paradoxon: Die Plattform wuchs von einer utopischen Idee zu einem Giganten mit 1,35 Milliarden USD Warenumsatz (Stand 2013). Doch dieser Erfolg ist die Geburtsstunde der „Bertrand-Konkurrenz“, einem gnadenlosen Preiskampf nach unten, bei dem Fabrikware die Identität des Echten kannibalisiert.

    Diese Krise ist die digitale Reinkarnation des Konflikts der 1920er Jahre, als das Bauhaus zwischen manuellem Handwerk und industrieller Reproduktion, etwa in der Zusammenarbeit mit Partnern wie Junkers, zerrieben wurde. Wenn Produkte am Bildschirm optisch identisch wirken, kapituliert die Sehnsucht nach Echtheit meist vor dem billigeren Industrieprodukt.

    „…intense friction that happens when handmade culture collides with massive global scale.“ – MIT-Marktanalyse im Etsy-Explainer

    Lektion 2: Der „Bauhaus-Stil“ existiert eigentlich gar nicht

    In der heutigen Marketing-Sprache wird „Bauhaus“ oft als bloßes Label für Minimalismus missbraucht, doch kunsthistorisch betrachtet ist der Begriff „Bauhausstil“ eine Irreführung der Laien. Das Bauhaus war kein statisches Design-Rezept, sondern eine experimentelle Schnittstelle, die Teil globaler Strömungen wie dem Funktionalismus und der Neuen Sachlichkeit war.

    Wir neigen dazu, komplexe kulturelle Bewegungen auf ein verkaufbares Etikett zu reduzieren, um die Marktsättigung zu bedienen. Wer heute alles Schlichte als „minimalistisch“ bezeichnet, begeht denselben Fehler wie jene, die die radikale Zusammenführung von Kunst und Handwerk zu einem bloßen Möbel-Stil degradieren.

    Lektion 3: Die gefährliche Lüge der „reibungslosen“ Kreativität

    Moderne KI-Apologeten wie Suno-CEO Mikey Shulman behaupten, dass Technologie die „Barriere“ der jahrelangen Übung entfernen müsse, weil Musikmachen angeblich keinen Spaß mache. Diese Sichtweise ist ein direkter Frontalangriff auf das Bauhaus-Ideal des Gesamtkunstwerks, in dem Architektur, Handwerk und Kunst eine mühsam erarbeitete Einheit bilden.

    Wahre Kreativität benötigt den Widerstand des Materials und das bewusste „Stolpern“, wie es im legendären Vorkurs gelehrt wurde, um Tiefe zu gewinnen. Wenn die Anstrengung des Erlernens wegrationalisiert wird, mutiert Kunst zu einem bloßen Hintergrundrauschen ohne menschliche Substanz.

    „I think the majority of people don’t enjoy the majority of the time they spend making music.“ – Mikey Shulman, Suno AI-CEO

    Lektion 4: Die Gemeinschaft ist der beste Algorithmus

    Etsy löste seine „Reseller-Krise“ nicht durch teure manuelle Kontrollen, sondern durch „Community Curation“ – eine Form der Crowdsourced-Qualitätskontrolle. In einer Welt des unendlichen KI-Angebots wird der menschliche „Taste Maker“ zur wertvollsten Währung, da er die Flut des Beliebigen filtert.

    Doch Vorsicht vor dem Sättigungseffekt: Die Daten des „Weather Forecast“ zeigen, dass ab einer gewissen Plattformgröße der Traffic den Preis nicht mehr positiv beeinflusst. Wahre Wertschöpfung findet dann nicht mehr über die bloße Skalierung statt, sondern nur noch über die soziale Validierung innerhalb einer organischen Gemeinschaft.

    Lektion 5: Demokratisierung bedeutet nicht immer Gleichberechtigung

    Das Bauhaus versprach Fortschritt, doch die Realität der „Formmeister“ war oft von reaktivem Gatekeeping geprägt. Gropius drängte Frauen systematisch in die Weberei, um sie von der „männlichen“ Architektur fernzuhalten – ein Muster, das wir heute in der „Side-Hustle“-Kultur wiederfinden.

    Plattformen wie Etsy und Print-on-Demand (POD) bieten zwar den scheinbar freien Zugang zum Markt, schaffen aber durch Gebühren und undurchsichtige Algorithmus-Abhängigkeiten neue, unsichtbare Hürden. Die Macht bleibt, wie damals in der Architekturabteilung, hinter verschlossenen Türen – heute sind es lediglich die Code-Strukturen der globalen Marktplätze.

    „Gegen Ausbildung von Architektinnen sprechen wir uns grundsätzlich aus.“ – Walter Gropius, Bauhaus-Programm 1921

    Fazit: Die Rückkehr des Handwerks im digitalen Exil

    Die Geschichte lehrt uns, dass technologische Sprünge die Sehnsucht nach dem Unvollkommenen, dem Menschlichen, nur verstärken. Wir stehen vor der Gründung einer neuen „digitalen Bauhütte“, in der das Handwerk gerade durch seine bewusste Anstrengung und seinen Widerstand gegen die KI-Perfektion überlebt.

    Wenn alles sofort, reibungslos und fehlerfrei generiert werden kann – was sind wir dann noch bereit, mit eigener Seele und schmutzigen Händen selbst zu erschaffen?

  • Kultur, Förderung und Teilhabe

    Dieser Podcast von Radio-Nice.Club untersucht das Konzept der gemeinsamen Kreativität und der aktiven Bürgerbeteiligung in den Bereichen der Nachhaltigkeitsforschung und der europäischen Kulturpolitik. Ein zentraler Fokus liegt auf der engagierten Wissenschaft, die durch transformative Methoden wie Co-Creation versucht, gesellschaftlichen Wandel und soziale Inklusion direkt in den Forschungsprozess zu integrieren. Parallel dazu analysiert der zweite Text die historische Entwicklung der Europäischen Kulturhauptstädte, bei denen die Partizipation von einer bloßen Beratung hin zu einer tieferen Einbindung der Zivilgesellschaft gereift ist. Beide Texte betonen, dass partizipative Ansätze entscheidend sind, um demokratische Legitimität zu stärken und alternative Lebensentwürfe in lokalen Gemeinschaften sichtbar zu machen. Trotz der positiven Potenziale warnen die Autoren vor instrumenteller Nutzung und institutionellen Machtungleichgewichten, die eine echte Mitgestaltung behindern können. Letztlich plädieren die Quellen für eine Forschung und Kulturplanung, die den Menschen nicht nur als Objekt, sondern als aktiven Mitgestalter seiner Umwelt begreift.

    CO-Kreativität jenseits der Schlagworte
    Innovation - Social Network

    Wie fördert Co-Kreativität sozialen Wandel und nachhaltige Forschungspraxis?

    Co-Kreativität fördert sozialen Wandel und eine nachhaltige Forschungspraxis, indem sie Forschung nicht als isolierten Akt eines „kreativen Genies“, sondern als relationalen, inklusiven und transformativen Prozess begreift. Dabei verschiebt sich der Fokus von der Produktion bloßen Wissens hin zur Veränderung bestehender Machtstrukturen und der Gestaltung alternativer Lebensweisen.

    Hier sind die zentralen Mechanismen, wie Co-Kreativität diesen Wandel unterstützt:

    1. Förderung sozialen Wandels durch alternative Weltbilder

    Co-kreative Methoden fungieren als Instrument des sozialen Wandels, indem sie Räume für alternative Verständnisse dessen eröffnen, wie die Welt ist und wie sie sein könnte.

    • Empowerment: Sie ermöglichen es insbesondere marginalisierten Gruppen, von passiven Empfängern zu aktiven „Storytellern“ und Mitgestaltern ihrer eigenen Lebensbedingungen zu werden.
    • Kulturelle Transformation: Durch künstlerische Prozesse und „generative Engagements“ können tief verwurzelte Denkmuster und anthropozentrische Zeitskalen aufgebrochen werden, was neue Handlungsspielräume für Nachhaltigkeit schafft.
    • Kollektive Problemlösung: Partizipative Kunstprojekte in ländlichen Räumen stärken nachweislich die kollektive Problemlösungsfähigkeit der Bevölkerung und fördern den sozialen Zusammenhalt.

    2. Etablierung einer nachhaltigen Forschungspraxis

    Nachhaltige Forschung wird in den Quellen oft als „Engaged Scholarship“ beschrieben – eine Praxis, die Theorie und Handeln verbindet und nicht nur darauf abzielt, die Welt zu interpretieren, sondern sie aktiv zu verändern.

    • Vom „Forschen über“ zum „Forschen mit“: Nachhaltige Praxis bedeutet, Forschungsteilnehmer als Co-Forscher anzuerkennen und den Forschungsprozess selbst als Begegnung auf Augenhöhe zu gestalten.
    • Ethik der Sorge (Ethics of Care): Eine nachhaltige Forschungspraxis integriert eine „care-full scholarship“, die Emotionen, Empathie und die gegenseitige Verantwortung von Forschenden und Erforschten in den Mittelpunkt stellt.
    • Prozess- statt Ergebnisorientierung: Anstatt sich nur auf messbare Veröffentlichungen (Output) zu konzentrieren, betont Co-Kreativität den Wert des Forschungsprozesses selbst als Chance zur Etablierung neuer Praktiken und Werte.

    3. Kritik an bürokratischen Barrieren

    Die Quellen weisen darauf hin, dass echte Co-Kreativität oft im Widerspruch zu aktuellen akademischen und bürokratischen Systemen steht:

    • Widerstand gegen „Forced Creativity“: In einer zunehmend betriebswirtschaftlich gesteuerten Universitätslandschaft („Managerial University“) besteht die Gefahr, dass kreative Methoden zu bloßen Marketinginstrumenten oder „Artwashing“ degradiert werden.
    • Nachhaltige Strukturen: Um sozialen Wandel wirklich zu unterstützen, müssen Fördersysteme von kurzfristigen Projekten hin zu langfristiger Prozessförderung und infrastruktureller Unterstützung übergehen.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Co-Kreativität sozialen Wandel dadurch befördert, dass sie die kollektive Vorstellungskraft aktiviert und Forschung zu einer gemeinschaftlichen Suche nach gerechteren und ökologischeren Zukünften macht.

    Was sind konkrete Beispiele für alternative Forschungsmethoden aus dem Buch?

    Das Buch „Co-Creativity and Engaged Scholarship“ präsentiert eine Vielzahl transformativer Forschungsmethoden, die darauf abzielen, nicht nur Wissen zu produzieren, sondern sozialen Wandel aktiv mitzugestalten. Diese Methoden stammen primär aus den sozialen Nachhaltigkeitswissenschaften und zeichnen sich durch Inklusivität und das Forschen „mit“ statt „über“ Menschen aus.

    Hier sind konkrete Beispiele für alternative Forschungsmethoden aus dem Buch:

    1. Kreative Kartierungsmethoden (Mapping)

    Anstatt traditioneller, rein geografischer Karten werden Methoden genutzt, die subjektive und komplexe räumliche Beziehungen darstellen:

    • Deep Mapping: Diese Methode wird genutzt, um die vielschichtigen, oft informellen Nutzungen und Erinnerungen eines Ortes (z. B. Brachflächen) zu erfassen, die in herkömmlichen Stadtplänen unsichtbar bleiben.
    • Social Cartography (Soziale Kartographie): Hierbei geht es darum, soziale Beziehungen und Machtverhältnisse anstelle von rein physischen Landschaften abzubilden, um alternative Diskurse und mini-narrative sichtbar zu machen.
    • Digital Participatory Mapping (DPM): Die Nutzung von Web-Apps (wie „My Green Place“ oder „Greenmapper“), um die sozialen Werte und emotionalen Bindungen von Gemeinschaften an Grünflächen direkt in Planungsprozesse einzubringen.

    2. Visuelle und narrative Methoden

    Diese Ansätze nutzen Bilder und Geschichten, um tieferliegende Bedeutungen und marginalisierte Perspektiven zu erschließen:

    • Photo-voice: Teilnehmer (oft marginalisierte Gruppen) fotografieren ihren Alltag und reflektieren darüber, um ihre Bedürfnisse zu artikulieren und politische Entscheidungsträger zu erreichen.
    • Guerrilla Narrative: Eine Methode, bei der Forschung zur „sozialen Intervention“ wird, indem Wissen direkt für soziale Kämpfe produziert wird (z. B. im Kontext von Solidaritätsküchen).
    • Visual Analysis (Visuelle Analyse): Untersuchung der affektiven Qualität von Bildern (z. B. historische Darstellungen von Wildtieren), um gesellschaftliche Mensch-Natur-Beziehungen zu verstehen.

    3. Partizipative und handlungsorientierte Ansätze

    Diese Methoden basieren oft auf der Participatory Action Research (PAR) und zielen auf eine Demokratisierung der Wissensproduktion ab:

    • Appreciative Inquiry (AI): Ein stärkenorientierter Ansatz, der kollektive Visionen für die Zukunft in Gemeinschaften fördert, anstatt nur Probleme zu analysieren.
    • Living Labs (Reallabore): Ein kollaborativer Planungsansatz, bei dem Wissenschaftler, Bürger und Institutionen in realen Umgebungen gemeinsam innovative Lösungen (z. B. für Wasserinfrastruktur) testen.
    • Militant Scholarship: Eine Form der Forschung, die sich explizit auf die Seite sozialer Bewegungen stellt und Wissen für den sozialen Kampf generiert.

    4. Spezifische kunstbasierte und verkörperte Methoden

    Angela Moriggi beschreibt in ihrer Forschung fünf spezifische kreative Techniken:

    • Circle of Objects (Kreis der Objekte): Teilnehmer bringen Objekte mit, die ihre Arbeit symbolisieren, um eine Atmosphäre der „Einheit in der Vielfalt“ zu schaffen und emotionales Wissen zu teilen.
    • Creating with the Soil (Gestalten mit Erde): Eine somatische Übung, bei der Teilnehmer durch das Formen von Ton oder Erde ihre Verbindung zur Natur und zum „Mehr-als-Menschlichen“ körperlich erfahren.
    • Council of Beings (Rat der Wesen): Ein Ritual, bei dem Menschen die Identität anderer Lebensformen annehmen, um anthropozentrische Weltbilder zu hinterfragen.
    • Letters from the Future (Briefe aus der Zukunft): Teilnehmer schreiben Briefe aus der Perspektive künftiger Generationen oder anderer Wesen.

    5. Reflexive Methoden

    • Embodied Researcher & Formative Accompanying Research: Hierbei reflektiert der Forscher seine eigene Positionierung, Emotionen und körperliche Präsenz im Feld, um eine „care-full scholarship“ (eine Ethik der Sorge) in transdisziplinären Teams zu etablieren.

    Wie funktioniert die Methode ‘Rat der Wesen’ in der Praxis?

    Die Methode „Rat der Wesen“ (engl. Council of Beings) ist eine kreative und rituelle Forschungspraxis, die darauf abzielt, anthropozentrische (menschenzentrierte) Weltbilder zu hinterfragen und ein tieferes Bewusstsein für die Vernetzung mit anderen Lebensformen zu schaffen. In der Praxis wird sie häufig in Workshops zur Nachhaltigkeitsforschung oder Zukunftsgestaltung eingesetzt, wie etwa in den Studien von Angela Moriggi mit „Green Care“-Praktikern in Finnland.

    Hier ist der konkrete Ablauf der Methode in der Praxis:

    1. Vorbereitung: Die Zeitlinie (Timeline of Change)

    Bevor die Teilnehmer in andere Rollen schlüpfen, wird oft eine visuelle Zeitlinie präsentiert, die die unterschiedlichen Lebensspannen von Menschen und Nicht-Menschen im jeweiligen Kontext darstellt.

    • Beispiel: In einem Projekt auf einem Pflegebauernhof umfasste die Zeitlinie ein Gebäude (ca. 200 Jahre), verschiedene Menschen (ca. 85 Jahre), ein Schwein (ca. 12 Jahre) und einen Schmetterling (ca. 1 Monat).
    • Ziel: Dies soll die Wahrnehmung von Zeit weiten und verdeutlichen, dass ökologische Bedürfnisse oft über kurzfristige menschliche Zeitpläne hinausgehen.

    2. Auswahl der Identität

    Die Teilnehmer wählen eine Karte aus, die eines der Wesen oder Elemente von der Zeitlinie (oder aus der lokalen Umgebung) repräsentiert. Dies können Tiere, Pflanzen oder sogar unbelebte Objekte wie Gebäude oder Flüsse sein.

    3. Verkörperung und Vorstellung (Embodiment)

    Die Teilnehmer verlassen symbolisch ihre menschliche Identität und nehmen die Perspektive ihres gewählten Wesens an.

    • Der „neue Selbst“: Jeder Teilnehmer stellt sich der Gruppe als dieses Wesen vor und nennt eine Eigenschaft, die er an seinem Charakter liebt.
    • Ziel: Dieser spielerische Ansatz hilft dabei, die eigene Komfortzone zu verlassen und Empathie für die Bedürfnisse anderer Arten zu entwickeln.

    4. Durchführung des Rats

    Im eigentlichen „Rat“ sprechen die Teilnehmer aus der Sicht ihrer gewählten Rollen über ihre Wünsche, Sorgen und Bedürfnisse für die Zukunft eines Ortes oder einer Praxis.

    • Anstatt Probleme technisch-rational zu diskutieren, werden die Fragen so umformuliert, dass sie die ökologische Abhängigkeit und das „Mehr-als-Menschliche“ einbeziehen.

    5. Kombination mit anderen Methoden

    In der Praxis wird der „Rat der Wesen“ oft direkt mit der Methode „Briefe aus der Zukunft“ (engl. Letters from the Future) verknüpft:

    • Die Teilnehmer schreiben einen Brief an ihr gegenwärtiges menschliches Selbst aus der Perspektive ihres Wesens im Jahr 2039 (20 Jahre in der Zukunft).
    • Darin beschreiben sie einen idealen Zustand ihres Ortes und was ihnen in dieser Zukunft Freude bereitet.

    Praktische Wirkungen und Herausforderungen

    • Wirkung: Die Methode bricht gewohnte Denkmuster auf, fördert kollektive Vorstellungskraft und bringt oft „unerschlossene Weisheiten“ ans Licht.
    • Herausforderung: Es erfordert ein hohes Maß an Vertrauen in den Prozess. Manche Teilnehmer könnten Widerstand leisten oder sich weigern, eine positive/utopische Perspektive einzunehmen, was die Gruppendynamik beeinflussen kann.

    Zusammenfassend funktioniert die Methode als ein Instrument der „epistemologischen Dehnung“, um Teilnehmern zu helfen, die Welt nicht nur als Objekt für menschliche Zwecke zu sehen, sondern als ein System fühlender und kommunizierender Wesen.

  • Mediterranean Art & Book Fair

    Berlin x Riviera Exhibition

    BERLIN x RIVIERA

    A new curated festival for contemporary art, print and independent publishing.

    From Berlin to the Mediterranean — 3 days of exhibitions, talks and live production inside a historic fortress in Villefranche-sur-Mer.

    Applications opening soon.

    berlinxriviera #artfestival #printmaking #contemporaryart

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    About the event

    A fortress above the sea.
    A space for artists, books and ideas.

    Villefranche-sur-Mer

    BERLIN x RIVIERA – Art & Print Festival

    #artistresidency #artfair #mediterraneanart

    Cliff Palace, Colorado

    We are inviting artists, designers, book makers and independent publishers from Berlin, Villefranche and beyond.

    BERLIN x RIVIERA

    Apply now.

    #opencall #artopportunity #printmaking

    The Stories Podcast is sponsored by EXLIBRIS-INSEL

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    BERLIN x RIVIERA – Art & Print Festival

    Internationales Kulturprojekt | Deutschland – Frankreich


    🎯 PROJEKTÜBERSICHT

    BERLIN x RIVIERA ist ein kuratiertes, internationales Kunst- und Kulturfestival, das zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler aus Berlin mit der Kunst- und Kulturszene Südfrankreichs verbindet.

    Im Zentrum stehen:

    • zeitgenössische Kunst
    • Grafikdesign
    • Buchkunst und unabhängige Publikationen
    • experimentelle Druck- und Editionspraktiken

    Das Festival versteht sich als Plattform für kulturellen Austausch, künstlerische Produktion und internationale Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich.


    🌍 KULTURELLE ZIELSETZUNG

    Ziel des Projekts ist es, einen nachhaltigen Beitrag zur deutsch-französischen Kulturbeziehung zu leisten und die internationale Sichtbarkeit der Berliner Kunst- und Designszene zu stärken.

    Das Festival schafft einen Raum, in dem künstlerische Positionen aus beiden Ländern in einen direkten Dialog treten – sowohl auf institutioneller als auch auf künstlerischer Ebene.

    Besonderer Fokus liegt auf:

    • kultureller Vermittlung zwischen Szenen
    • Förderung unabhängiger künstlerischer Produktion
    • Stärkung von Netzwerken zwischen Berlin und Südfrankreich

    🏛️ FORMAT & DURCHFÜHRUNG

    Das Festival ist als dreitägiges, kuratiertes Kulturformat konzipiert und umfasst:

    • Ausstellung mit ca. 25–35 ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern
    • Live-Formate (Druck, Buchkunst, künstlerische Produktion)
    • Artist Talks und diskursive Formate
    • Workshops und öffentliche Vermittlungsangebote
    • begleitendes Abend- und Netzwerkprogramm

    Als Veranstaltungsort ist die historische Zitadelle von Villefranche-sur-Mer in Südfrankreich vorgesehen – ein kulturell bedeutender Ort mit hoher internationaler Sichtbarkeit.


    👥 ZIELGRUPPEN

    • internationale Kunst- und Kulturszene
    • kuratorische Netzwerke aus Berlin und Frankreich
    • lokale Öffentlichkeit und Kulturinteressierte in Südfrankreich
    • Sammlerinnen und Sammler zeitgenössischer Kunst
    • Institutionelle Akteure im Bereich Kulturförderung

    🤝 AKTUELLE PROJEKTENTWICKLUNG

    Das Projekt befindet sich in der Aufbau- und Vorbereitungsphase. Erste künstlerische und institutionelle Kontakte wurden bereits initiiert, darunter Kooperationen im Raum Nizza.

    Parallel werden Gespräche mit potenziellen Partnern sowie Förderinstitutionen geführt, um das Projekt strukturell und finanziell nachhaltig zu realisieren.


    📅 ZEITPLAN

    Die erste Ausgabe des Festivals ist für Mai oder September des kommenden Jahres vorgesehen. Der genaue Termin wird in Abstimmung mit lokalen Partnern und institutionellen Rahmenbedingungen festgelegt.


    💡 FÖRDERRELEVANZ

    BERLIN x RIVIERA erfüllt zentrale Kriterien internationaler Kulturförderung:

    • Förderung transnationaler kultureller Zusammenarbeit
    • Stärkung europäischer Kulturbeziehungen
    • Unterstützung zeitgenössischer künstlerischer Produktion
    • Vermittlung zwischen kulturellen Szenen
    • nachhaltige Netzwerkbildung zwischen Institutionen und Künstlern

    📌 ZUSAMMENFASSUNG

    BERLIN x RIVIERA ist ein kuratiertes, internationales Kulturfestival, das als Plattform für künstlerischen Austausch zwischen Berlin und Südfrankreich dient. Durch die Verbindung von zeitgenössischer Kunst, Printkultur und diskursiven Formaten entsteht ein nachhaltiger Beitrag zur europäischen Kulturkooperation.

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    Podcast

  • Work Live Balance

    Worke life balance! Was ist das? Hier in Bangladesch arbeiten die Menschen hart, trotzdem bleiben sie arm. Was stimmt da nicht? Als Besucher sehe ich nur, wie sie sich abrackern. Weil sie das schon ein Leben lang tun, liegt der Schluß nahe, dass sie zu wenig verdienen, um jemals der Armutsfalle zu entkommen. Der Kontrast könnte gravierender nicht sein. Ich sitze im reichen Bangkok und archiviere Bilder der Armut. Schnell werden sich wieder Kritiker melden, solche, die es unmoralisch finden, den Finger in die Wunde zu legen und derartige Armut aufzuzeigen. Wer sonst sollte es tun, wenn nicht ein Reisender, ein Fotograf. Tabus brechen, zeigen was ist und hoffen, dass das Sichtbarmachen dieser Szenen, etwas bewirkt. Was soll es bewirken? Bei allem was wir tun, entscheiden, kritisieren oder loben, ist ein Bewußtsein im Spiel, das individuell in der Seele verankert, unsere Indentität bildet. Unser Verhalten speist sich aus der Summe der Erfahrungen und diese sind sehr unterschiedlich. Sympathie oder Ablehnung, Empathie oder Aggression, diese Emotionen sind empirisch unterbaut und liefern den Menschenfeinden, wie den Philanthropen die Argumente. In einer Zeit, in der Verrückte und geistig minderbemittelte in höchste Positionen gelangen können, bleibt eine orientierungslose Gesellschaft zurück, deren Vorbilder in die Irre führen und Ratlosigkeit verbreiten. Ich schaue immer noch die Weltnachrichten, obwohl ich weiß, dass ich belogen werde. Hier liegt der Unterschied. Ich kann reagieren und alternative Informationen einholen. Ich kann dagegen sein. Was aber kann der Lastenträger oder die Analfabetin in Bangladesch? Nichts! Die Imame halten sie dumm und die Regierungen arm. So funktionieren heute die Mechanismen der Unterdrückung und die der Ausbeutung. Nicht nur in Bangladesch, sondern weltweit.

    GC

  • Jean-Michel Jarre

    Das Bild zeigt den weltbekannten französischen Musiker, Komponisten und Musikproduzenten Jean-Michel Jarre in seinem Studio.

    Jean-Michel Jarre

    Jean-Michel Jarre:

    “Ich habe schon früh von Can gehört und ihre Entwicklung im Auge behalten. In Deutschland kannten sich die Krautrock-Musiker zumindest untereinander; ich war in Frankreich völlig isoliert. Ich hatte nur eine kleine Gruppe von Leuten, mit denen ich mich austauschen konnte, mit Pierre Schaeffer als Mittelpunkt. Aber selbst innerhalb dieser Gruppe waren wir sehr französisch, arbeiteten isoliert, jeder für sich – eine ziemlich arrogante Arbeitsweise. Wir hatten keine Ahnung, was auf den Straßen vor unserer Haustür vor sich ging, geschweige denn im Rest der Welt. Die Botschaft lautete: Wir kennen die Wahrheit; alle anderen sind unwissend und produzieren nur Müll. Nach zwei oder drei Jahren wollte ich raus. Pierre Schaeffer sagte zu mir: ‚Hör auf, deine wertvolle Zeit mit diesem Unsinn zu verschwenden.‘

    Ich stritt mich ständig mit diesen elitären Typen und sagte zu ihnen: ‚Schaut mal nach draußen! In Deutschland machen sie aufregende neue Musik, und Soft Machine und Pink Floyd arbeiten in Großbritannien an fantastischen Klängen. Sie alle beschäftigen sich mit Dingen, die ihr nur intellektuell romantisiert. Und ich will das alles zusammenbringen!“ Aber sie waren nicht interessiert. Deshalb habe ich mich schließlich nach drei Jahren selbstständig gemacht, um diese Lücke zwischen experimenteller Musik und Pop zu schließen.”

  • Heinrich Heine – Deutschland

    Ein Wintermärchen

    Im traurigen Monat November war’s,
    Die Tage wurden trüber,
    Der Wind riß von den Bäumen das Laub,
    Da reist ich nach Deutschland hinüber.

    Und als ich an die Grenze kam,
    Da fühlt ich ein stärkeres Klopfen
    In meiner Brust, ich glaube sogar
    Die Augen begannen zu tropfen.

    Und als ich die deutsche Sprache vernahm,
    Da ward mir seltsam zumute;
    Ich meinte nicht anders, als ob das Herz
    Recht angenehm verblute.

    Ein kleines Harfenmädchen sang.
    Sie sang mit wahrem Gefühle
    Und falscher Stimme, doch ward ich sehr
    Gerühret von ihrem Spiele.

    Sie sang von Liebe und Liebesgram,
    Aufopfrung und Wiederfinden
    Dort oben, in jener besseren Welt,
    Wo alle Leiden schwinden.

    Sie sang vom irdischen Jammertal,
    Von Freuden, die bald zerronnen,
    Vom jenseits, wo die Seele schwelgt
    Verklärt in ew’gen Wonnen.

    Sie sang das alte Entsagungslied,
    Das Eiapopeia vom Himmel,
    Womit man einlullt, wenn es greint,
    Das Volk, den großen Lümmel.

    Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,
    Ich kenn auch die Herren Verfasser;
    Ich weiß, sie tranken heimlich Wein
    Und predigten öffentlich Wasser.

    Ein neues Lied, ein besseres Lied,
    O Freunde, will ich euch dichten!
    Wir wollen hier auf Erden schon
    Das Himmelreich errichten.

    Wir wollen auf Erden glücklich sein,
    Und wollen nicht mehr darben;
    Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
    Was fleißige Hände erwarben.

    Es wächst hienieden Brot genug
    Für alle Menschenkinder,
    Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
    Und Zuckererbsen nicht minder.

    Ja, Zuckererbsen für jedermann,
    Sobald die Schoten platzen!
    Den Himmel überlassen wir
    Den Engeln und den Spatzen.

    Und wachsen uns Flügel nach dem Tod,
    So wollen wir euch besuchen
    Dort oben, und wir, wir essen mit euch
    Die seligsten Torten und Kuchen.

    Ein neues Lied, ein besseres Lied!
    Es klingt wie Flöten und Geigen!
    Das Miserere ist vorbei,
    Die Sterbeglocken schweigen.

    Die Jungfer Europa ist verlobt
    Mit dem schönen Geniusse
    Der Freiheit, sie liegen einander im Arm,
    Sie schwelgen im ersten Kusse.

    Und fehlt der Pfaffensegen dabei,
    Die Ehe wird gültig nicht minder –
    Es lebe Bräutigam und Braut,
    Und ihre zukünftigen Kinder!

    Ein Hochzeitkarmen ist mein Lied,
    Das bessere, das neue!
    In meiner Seele gehen auf
    Die Sterne der höchsten Weihe –

    Begeisterte Sterne, sie lodern wild,
    Zerfließen in Flammenbächen –
    Ich fühle mich wunderbar erstarkt,
    Ich könnte Eichen zerbrechen!

    Seit ich auf deutsche Erde trat,
    Durchströmen mich Zaubersäfte –
    Der Riese hat wieder die Mutter berührt,
    Und es wuchsen ihm neu die Kräfte.

    Während die Kleine von Himmelslust
    Getrillert und musizieret,
    Ward von den preußischen Douaniers
    Mein Koffer visitieret.

    Beschnüffelten alles, kramten herum
    In Hemden, Hosen, Schnupftüchern;
    Sie suchten nach Spitzen, nach Bijouterien,
    Auch nach verbotenen Büchern.

    Ihr Toren, die ihr im Koffer sucht!
    Hier werdet ihr nichts entdecken!
    Die Konterbande, die mit mir reist,
    Die hab ich im Kopfe stecken.

    Hier hab ich Spitzen, die feiner sind
    Als die von Brüssel und Mecheln,
    Und pack ich einst meine Spitzen aus,
    Sie werden euch sticheln und hecheln.

    Im Kopfe trage ich Bijouterien,
    Der Zukunft Krondiamanten,
    Die Tempelkleinodien des neuen Gotts,
    Des großen Unbekannten.

    Und viele Bücher trag ich im Kopf!
    Ich darf es euch versichern,
    Mein Kopf ist ein zwitscherndes Vogelnest
    Von konfiszierlichen Büchern.

    Glaubt mir, in Satans Bibliothek
    Kann es nicht schlimmere geben;
    Sie sind gefährlicher noch als die
    Von Hoffmann von Fallersleben! –

    Ein Passagier, der neben mir stand,
    Bemerkte, ich hätte
    Jetzt vor mir den preußischen Zollverein,
    Die große Douanenkette.

    »Der Zollverein« – bemerkte er –
    »Wird unser Volkstum begründen,
    Er wird das zersplitterte Vaterland
    Zu einem Ganzen verbinden.

    Er gibt die äußere Einheit uns,
    Die sogenannt materielle;
    Die geistige Einheit gibt uns die Zensur,
    Die wahrhaft ideelle –

    Sie gibt die innere Einheit uns,
    Die Einheit im Denken und Sinnen;
    Ein einiges Deutschland tut uns not,
    Einig nach außen und innen.«

    Zu Aachen, im alten Dome, liegt
    Carolus Magnus begraben.
    (Man muß ihn nicht verwechseln mit Karl
    Mayer, der lebt in Schwaben.)

    Ich möchte nicht tot und begraben sein
    Als Kaiser zu Aachen im Dome;
    Weit lieber lebt’ ich als kleinster Poet
    Zu Stukkert am Neckarstrome.

    Zu Aachen langweilen sich auf der Straß’
    Die Hunde, sie flehn untertänig:
    »Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das wird
    Vielleicht uns zerstreuen ein wenig.«

    Ich bin in diesem langweil’gen Nest
    Ein Stündchen herumgeschlendert.
    Sah wieder preußisches Militär,
    Hat sich nicht sehr verändert.

    Es sind die grauen Mäntel noch
    Mit dem hohen, roten Kragen –
    (Das Rot bedeutet Franzosenblut,
    Sang Körner in früheren Tagen.)

    Noch immer das hölzern pedantische Volk,
    Noch immer ein rechter Winkel
    In jeder Bewegung, und im Gesicht
    Der eingefrorene Dünkel.

    Sie stelzen noch immer so steif herum,
    So kerzengerade geschniegelt,
    Als hätten sie verschluckt den Stock,
    Womit man sie einst geprügelt.

    Ja, ganz verschwand die Fuchtel nie,
    Sie tragen sie jetzt im Innern;
    Das trauliche Du wird immer noch
    An das alte Er erinnere.

    Der lange Schnurrbart ist eigentlich nur
    Des Zopftums neuere Phase:
    Der Zopf, der ehmals hinten hing,
    Der hängt jetzt unter der Nase.

    Nicht übel gefiel mir das neue Kostüm
    Der Reuter, das muß ich loben,
    Besonders die Pickelhaube, den Helm
    Mit der stählernen Spitze nach oben.

    Das ist so rittertümlich und mahnt
    An der Vorzeit holde Romantik,
    An die Burgfrau Johanna von Montfaucon,
    An den Freiherrn Fouqué, Uhland, Tieck.

    Das mahnt an das Mittelalter so schön,
    An Edelknechte und Knappen,
    Die in dem Herzen getragen die Treu
    Und auf dem Hintern ein Wappen.

    Das mahnt an Kreuzzug und Turnei,
    An Minne und frommes Dienen,
    An die ungedruckte Glaubenszeit,
    Wo noch keine Zeitung erschienen.

    Ja, ja, der Helm gefällt mir, er zeugt
    Vom allerhöchsten Witze!
    Ein königlicher Einfall war’s!
    Es fehlt nicht die Pointe, die Spitze!

    Nur fürcht ich, wenn ein Gewitter entsteht,
    Zieht leicht so eine Spitze
    Herab auf euer romantisches Haupt
    Des Himmels modernste Blitze! – –

    Zu Aachen, auf dem Posthausschild,
    Sah ich den Vogel wieder,
    Der mir so tief verhaßt! Voll Gift
    Schaute er auf mich nieder.

    Du häßlicher Vogel, wirst du einst
    Mir in die Hände fallen;
    So rupfe ich dir die Federn aus
    Und hacke dir ab die Krallen.

    Du sollst mir dann, in luft’ger Höh’,
    Auf einer Stange sitzen,
    Und ich rufe zum lustigen Schießen herbei
    Die rheinischen Vogelschützen.

    Wer mir den Vogel herunterschießt,
    Mit Zepter und Krone belehn ich
    Den wackern Mann! Wir blasen Tusch
    Und rufen: »Es lebe der König!«

    Zu Köllen kam ich spätabends an,
    Da hörte ich rauschen den Rheinfluß,
    Da fächelte mich schon deutsche Luft,
    Da fühlt ich ihren Einfluß –

    Auf meinen Appetit. Ich aß
    Dort Eierkuchen mit Schinken,
    Und da er sehr gesalzen war,
    Mußt ich auch Rheinwein trinken.

    Der Rheinwein glänzt noch immer wie Gold
    Im grünen Römerglase,
    Und trinkst du etwelche Schoppen zuviel,
    So steigt er dir in die Nase.

    In die Nase steigt ein Prickeln so süß,
    Man kann sich vor Wonne nicht lassen!
    Es trieb mich hinaus in die dämmernde Nacht,
    In die widerhallenden Gassen.

    Die steinernen Häuser schauten mich an,
    Als wollten sie mir berichten
    Legenden aus altverschollener Zeit,
    Der heil’gen Stadt Köllen Geschichten.

    Ja, hier hat einst die Klerisei
    Ihr frommes Wesen getrieben,
    Hier haben die Dunkelmänner geherrscht,
    Die Ulrich von Hutten beschrieben.

    Der Cancan des Mittelalters ward hier
    Getanzt von Nonnen und Mönchen;
    Hier schrieb Hochstraaten, der Menzel von Köln,
    Die gift’gen Denunziatiönchen.

    Die Flamme des Scheiterhaufens hat hier
    Bücher und Menschen verschlungen;
    Die Glocken wurden geläutet dabei
    Und Kyrie eleison gesungen.

    Dummheit und Bosheit buhlten hier
    Gleich Hunden auf freier Gasse;
    Die Enkelbrut erkennt man noch heut
    An ihrem Glaubenshasse. –

    Doch siehe! dort im Mondenschein
    Den kolossalen Gesellen!
    Er ragt verteufelt schwarz empor,
    Das ist der Dom von Köllen.

    Er sollte des Geistes Bastille sein,
    Und die listigen Römlinge dachten:
    In diesem Riesenkerker wird
    Die deutsche Vernunft verschmachten!

    Da kam der Luther, und er hat
    Sein großes »Halt!« gesprochen –
    Seit jenem Tage blieb der Bau
    Des Domes unterbrochen.

    Er ward nicht vollendet – und das ist gut.
    Denn eben die Nichtvollendung
    Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft
    Und protestantischer Sendung.

    Ihr armen Schelme vom Domverein,
    Ihr wollt mit schwachen Händen
    Fortsetzen das unterbrochene Werk,
    Und die alte Zwingburg vollenden!

    O törichter Wahn! Vergebens wird
    Geschüttelt der Klingelbeutel,
    Gebettelt bei Ketzern und Juden sogar;
    Ist alles fruchtlos und eitel.

    Vergebens wird der große Franz Liszt
    Zum Besten des Doms musizieren,
    Und ein talentvoller König wird
    Vergebens deklamieren!

    Er wird nicht vollendet, der Kölner Dom,
    Obgleich die Narren in Schwaben
    Zu seinem Fortbau ein ganzes Schiff
    Voll Steine gesendet haben.

    Er wird nicht vollendet, trotz allem Geschrei
    Der Raben und der Eulen,
    Die, altertümlich gesinnt, so gern
    In hohen Kirchtürmen weilen.

    Ja, kommen wird die Zeit sogar,
    Wo man, statt ihn zu vollenden,
    Die inneren Räume zu einem Stall
    Für Pferde wird verwenden.

    »Und wird der Dom ein Pferdestall,
    Was sollen wir dann beginnen
    Mit den Heil’gen Drei Kön’gen, die da ruhn
    Im Tabernakel da drinnen?«

    So höre ich fragen. Doch brauchen wir uns
    In unserer Zeit zu genieren?
    Die Heil’gen Drei Kön’ge aus Morgenland,
    Sie können woanders logieren.

    Folgt meinem Rat und steckt sie hinein
    In jene drei Körbe von Eisen,
    Die hoch zu Münster hängen am Turm,
    Der Sankt Lamberti geheißen.

    Der Schneiderkönig saß darin
    Mit seinen beiden Räten,
    Wir aber benutzen die Körbe jetzt
    Für andre Majestäten.

    Zur Rechten soll Herr Balthasar,
    Zur Linken Herr Melchior schweben,
    In der Mitte Herr Gaspar – Gott weiß, wie einst
    Die drei gehaust im Leben!

    Die Heil’ge Allianz des Morgenlands,
    Die jetzt kanonisieret,
    Sie hat vielleicht nicht immer schön
    Und fromm sich aufgeführet.

    Der Balthasar und der Melchior,
    Das waren vielleicht zwei Gäuche,
    Die in der Not eine Konstitution
    Versprochen ihrem Reiche,

    Und später nicht Wort gehalten – Es hat
    Herr Gaspar, der König der Mohren,
    Vielleicht mit schwarzem Undank sogar
    Belohnt sein Volk, die Toren!

    Und als ich an die Rheinbrück’ kam,
    Wohl an die Hafenschanze,
    Da sah ich fließen den Vater Rhein
    Im stillen Mondenglanze.

    »Sei mir gegrüßt, mein Vater Rhein,
    Wie ist es dir ergangen?
    Ich habe oft an dich gedacht
    Mit Sehnsucht und Verlangen.«

    So sprach ich, da hört ich im Wasser tief
    Gar seltsam grämliche Töne,
    Wie Hüsteln eines alten Manns,
    Ein Brümmeln und weiches Gestöhne:

    »Willkommen, mein Junge, das ist mir lieb,
    Daß du mich nicht vergessen;
    Seit dreizehn Jahren sah ich dich nicht,
    Mir ging es schlecht unterdessen.

    Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
    Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
    Doch schwerer liegen im Magen mir
    Die Verse von Niklas Becker.

    Er hat mich besungen, als ob ich noch
    Die reinste Jungfer wäre,
    Die sich von niemand rauben läßt
    Das Kränzlein ihrer Ehre.

    Wenn ich es höre, das dumme Lied,
    Dann möcht ich mir zerraufen
    Den weißen Bart, ich möchte fürwahr
    Mich in mir selbst ersaufen!

    Daß ich keine reine Jungfer bin,
    Die Franzosen wissen es besser,
    Sie haben mit meinem Wasser so oft
    Vermischt ihr Siegergewässer.

    Das dumme Lied und der dumme Kerl!
    Er hat mich schmählich blamieret,
    Gewissermaßen hat er mich auch
    Politisch kompromittieret.

    Denn kehren jetzt die Franzosen zurück,
    So muß ich vor ihnen erröten,
    Ich, der um ihre Rückkehr so oft
    Mit Tränen zum Himmel gebeten.

    Ich habe sie immer so liebgehabt,
    Die lieben kleinen Französchen –
    Singen und springen sie noch wie sonst?
    Tragen noch weiße Höschen?

    Ich möchte sie gerne wiedersehn,
    Doch fürcht ich die Persiflage,
    Von wegen des verwünschten Lieds,
    Von wegen der Blamage.

    Der Alfred de Musset, der Gassenbub’,
    Der kommt an ihrer Spitze
    Vielleicht als Tambour, und trommelt mir vor
    All seine schlechten Witze.«

    So klagte der arme Vater Rhein,
    Konnt sich nicht zufriedengeben.
    Ich sprach zu ihm manch tröstendes Wort,
    Um ihm das Herz zu heben:

    »O fürchte nicht, mein Vater Rhein,
    Den spöttelnden Scherz der Franzosen;
    Sie sind die alten Franzosen nicht mehr,
    Auch tragen sie andere Hosen.

    Die Hosen sind rot und nicht mehr weiß,
    Sie haben auch andere Knöpfe,
    Sie singen nicht mehr, sie springen nicht mehr,
    Sie senken nachdenklich die Köpfe.

    Sie philosophieren und sprechen jetzt
    Von Kant, von Fichte und Hegel,
    Sie rauchen Tabak, sie trinken Bier,
    Und manche schieben auch Kegel.

    Sie werden Philister ganz wie wir,
    Und treiben es endlich noch ärger;
    Sie sind keine Voltairianer mehr,
    Sie werden Hengstenberger.

    Der Alfred de Musset, das ist wahr,
    Ist noch ein Gassenjunge;
    Doch fürchte nichts, wir fesseln ihm
    Die schändliche Spötterzunge.

    Und trommelt er dir einen schlechten Witz,
    So pfeifen wir ihm einen schlimmern,
    Wir pfeifen ihm vor, was ihm passiert
    Bei schönen Frauenzimmern.

    Gib dich zufrieden, Vater Rhein,
    Denk nicht an schlechte Lieder,
    Ein besseres Lied vernimmst du bald –
    Leb wohl, wir sehen uns wieder.«


    Vorwort

    Das nachstehende Gedicht schrieb ich im diesjährigen Monat Januar zu Paris, und die freie Luft des Ortes wehete in manche Strophe weit schärfer hinein, als mir eigentlich lieb war. Ich unterließ nicht, schon gleich zu mildern und auszuscheiden, was mit dem deutschen Klima unverträglich schien. Nichtsdestoweniger, als ich das Manuskript im Monat März an meinen Verleger nach Hamburg schickte, wurden mir noch mannigfache Bedenklichkeiten in Erwägung gestellt. Ich mußte mich dem fatalen Geschäfte des Umarbeitens nochmals unterziehen, und da mag es wohl geschehen sein, daß die ernsten Töne mehr als nötig abgedämpft oder von den Schellen des Humors gar zu heiter überklingelt wurden. Einigen nackten Gedanken habe ich im hastigen Unmut ihre Feigenblätter wieder abgerissen, und zimperlich spröde Ohren habe ich vielleicht verletzt. Es ist mir leid, aber ich tröste mich mit dem Bewußtsein, daß größere Autoren sich ähnliche Vergehen zuschulden kommen ließen. Des Aristophanes will ich zu solcher Beschönigung gar nicht erwähnen, denn der war ein blinder Heide, und sein Publikum zu Athen hatte zwar eine klassische Erziehung genossen, wußte aber wenig von Sittlichkeit. Auf Cervantes und Molière könnte ich mich schon viel besser berufen; und ersterer schrieb für den hohen Adel beider Kastilien, letzterer für den großen König und den großen Hof von Versailles! Ach, ich vergesse, daß wir in einer sehr bürgerlichen Zeit leben, und ich sehe leider voraus, daß viele Töchter gebildeter Stände an der Spree, wo nicht gar an der Alster, über mein armes Gedicht die mehr oder minder gebogenen Näschen rümpfen werden! Was ich aber mit noch größerem Leidwesen voraussehe, das ist das Zetern jener Pharisäer der Nationalität, die jetzt mit den Antipathien der Regierungen Hand in Hand gehen, auch die volle Liebe und Hochachtung der Zensur genießen und in der Tagespresse den Ton angeben können, wo es gilt, jene Gegner zu befehden, die auch zugleich die Gegner ihrer allerhöchsten Herrschaften sind. Wir sind im Herzen gewappnet gegen das Mißfallen dieser heldenmütigen Lakaien in schwarzrotgoldner Livree. Ich höre schon ihre Bierstimmen: »Du lästerst sogar unsere Farben, Verächter des Vaterlands, Freund der Franzosen, denen du den freien Rhein abtreten willst!« Beruhigt euch. Ich werde eure Farben achten und ehren, wenn sie es verdienen, wenn sie nicht mehr eine müßige oder knechtische Spielerei sind. Pflanzt die schwarzrotgoldne Fahne auf die Höhe des deutschen Gedankens, macht sie zur Standarte des freien Menschtums, und ich will mein bestes Herzblut für sie hingeben. Beruhigt euch, ich liebe das Vaterland ebensosehr wie ihr. Wegen dieser Liebe habe ich dreizehn Lebensjahre im Exile verlebt, und wegen ebendieser Liebe kehre ich wieder zurück ins Exil, vielleicht für immer, jedenfalls ohne zu flennen oder eine schiefmäulige Duldergrimasse zu schneiden. Ich bin der Freund der Franzosen, wie ich der Freund aller Menschen bin, wenn sie vernünftig und gut sind, und weil ich selber nicht so dumm oder so schlecht bin, als daß ich wünschen sollte, daß meine Deutschen und die Franzosen, die beiden auserwählten Völker der Humanität, sich die Hälse brächen zum Besten von England und Rußland und zur Schadenfreude aller Junker und Pfaffen dieses Erdballs. Seid ruhig, ich werde den Rhein nimmermehr den Franzosen abtreten, schon aus dem ganz einfachen Grunde: weil mir der Rhein gehört. Ja, mir gehört er, durch unveräußerliches Geburtsrecht, ich bin des freien Rheins noch weit freierer Sohn, an seinem Ufer stand meine Wiege, und ich sehe gar nicht ein, warum der Rhein irgendeinem andern gehören soll als den Landeskindern. Elsaß und Lothringen kann ich freilich dem deutschen Reiche nicht so leicht einverleiben, wie ihr es tut, denn die Leute in jenen Landen hängen fest an Frankreich wegen der Rechte, die sie durch die französische Staatsumwälzung gewonnen, wegen jener Gleichheitsgesetze und freien Institutionen, die dem bürgerlichen Gemüte sehr angenehm sind, aber dem Magen der großen Menge dennoch vieles zu wünschen übriglassen. Indessen, die Elsasser und Lothringer werden sich wieder an Deutschland anschließen, wenn wir das vollenden, was die Franzosen begonnen haben, wenn wir diese überflügeln in der Tat, wie wir es schon getan im Gedanken, wenn wir uns bis zu den letzten Folgerungen desselben emporschwingen, wenn wir die Dienstbarkeit bis in ihrem letzten Schlupfwinkel, dem Himmel, zerstören, wenn wir den Gott, der auf Erden im Menschen wohnt, aus seiner Erniedrigung retten, wenn wir die Erlöser Gottes werden, wenn wir das arme, glückenterbte Volk und den verhöhnten Genius und die geschändete Schönheit wieder in ihre Würde einsetzen, wie unsere großen Meister gesagt und gesungen und wie wir es wollen, wir, die Jünger – ja, nicht bloß Elsaß und Lothringen, sondern ganz Frankreich wird uns alsdann zufallen, ganz Europa, die ganze Welt – die ganze Welt wird deutsch werden! Von dieser Sendung und Universalherrschaft Deutschlands träume ich oft, wenn ich unter Eichen wandle. Das ist mein Patriotismus.

    Ich werde in einem nächsten Buche auf dieses Thema zurückkommen, mit letzter Entschlossenheit, mit strenger Rücksichtslosigkeit, jedenfalls mit Loyalität. Den entschiedensten Widerspruch werde ich zu achten wissen, wenn er aus einer Überzeugung hervorgeht. Selbst der rohesten Feindseligkeit will ich alsdann geduldig verzeihen; ich will sogar der Dummheit Rede stehen, wenn sie nur ehrlich gemeint ist. Meine ganze schweigende Verachtung widme ich hingegen dem gesinnungslosen Wichte, der aus leidiger Scheelsucht oder unsauberer Privatgiftigkeit meinen guten Leumund in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen sucht und dabei die Maske des Patriotismus, wo nicht gar die der Religion und der Moral, benutzt. Der anarchische Zustand der deutschen politischen und literarischen Zeitungsblätterwelt ward in solcher Beziehung zuweilen mit einem Talente ausgebeutet, das ich schier bewundern mußte. Wahrhaftig, Schufterle ist nicht tot, er lebt noch immer und steht seit Jahren an der Spitze einer wohlorganisierten Bande von literarischen Strauchdieben, die in den böhmischen Wäldern unserer Tagespresse ihr Wesen treiben, hinter jedem Busch, hinter jedem Blatt versteckt liegen und dem leisesten Pfiff ihres würdigen Hauptmanns gehorchen.

    Noch ein Wort. Das »Wintermärchen« bildet den Schluß der »Neuen Gedichte«, die in diesem Augenblick bei Hoffmann und Campe erscheinen. Um den Einzeldruck veranstalten zu können, mußte mein Verleger das Gedicht den überwachenden Behörden zu besonderer Sorgfalt überliefern, und neue Varianten und Ausmerzungen sind das Ergebnis dieser höheren Kritik.

    Hamburg, den 17. September 1844

    Heinrich Heine

  • Die Kunst der Buchbinderei in Nizza

    Das Atelier RAISE in Nizza, geführt von dem Experten Vincent Bottasso-Daideri, widmet sich der professionellen Buchbinderei und der Restaurierung historischer sowie moderner Werke. Die Quellen beschreiben ein breites Spektrum an Dienstleistungen, das von handwerklichen Fachkursen bis hin zur Gestaltung luxuriöser Künstlereditionen und humorvoller Kunstprojekte wie dem „Pass des Rosa Katzen-Landes“ reicht. Bottasso-Daideri ist zudem in der regionalen Kulturszene tief verwurzelt, unter anderem als Generalsekretär der Freunde des Kunstmuseums von Nizza und durch Kooperationen mit lokalen Künstlern wie Gérard Serée. Historische Rückblicke beleuchten die lange Tradition des Buchbinderhandwerks in der Region, während technische Erklärungen Einblicke in anspruchsvolle Verfahren wie die Vergoldung oder die Mosaik-Bindung geben. Das Atelier versteht sich somit als ein Zentrum für die Bewahrung des schriftlichen Kulturerbes und die Förderung zeitgenössischer Buchkunst.

    Kunst und Buch
    Kunst und Buch
    Kunst und Buch
  • Gerechtigkeit

    Hier ein neuer Song von ARCOPLEXUS.

    Strophe I (Büchner) Friede den Hütten! – Krieg den Palästen! Hört ihr das Stöhnen der Erde, die Stimmen der Knechte? Das Blut rinnt in Furchen, doch die Herren speisen weiter. Reißt die Masken vom Antlitz, der Gerechtigkeit ihr kaltes, steinernes Gesicht! Refrain (beide, streitend) Gerechtigkeit! – ein Schwert, das rostet. Gerechtigkeit! – ein Feuer, das frisst. Zwischen Hütte und Palast, zwischen Kohlhaas und dem Fürst, wer hält das Maß? Wer bricht den Bann? Strophe II (Kleist) Höre, Büchner! Ich kenne den Mann, der Recht verlangte – Michael Kohlhaas, ein Händler von Pferden, so schlicht, so redlich – und doch in Brand gesetzt von Unrecht. Er griff zur Fackel, weil das Gericht schwieg. Sag mir, Georg, wo endet Recht, wo beginnt die Rache? Strophe III (Büchner, antwortend) Kleist, du siehst den Einzelnen brennen, doch ich höre das Volk schreien. Nicht ein Mann, ein Heer von Hungernden, nicht ein Pferd, tausend Seelen, und jeder Palast ein Kerker. Kohlhaas ist nicht der Einzelne – er ist die Saat, die im Zorn aufgeht. Bridge (Disput, wechselnd) Kleist: Recht ohne Gesetz ist Tyrannei. Büchner: Gesetz ohne Recht ist Gewalt. Kleist: Der Mensch darf nicht Richter im eigenen Streit sein! Büchner: Das Volk ist der Richter, wenn kein anderes Gericht mehr spricht. Refrain (beide, nun vereint im Streitgesang) Gerechtigkeit! – ein Schwert, das rostet. Gerechtigkeit! – ein Feuer, das frisst. Zwischen Hütte und Palast, zwischen Kohlhaas und dem Fürst, das Maß zerbricht – doch die Glut verlischt nicht. Outro (Büchner) Friede den Hütten! – Krieg den Palästen! Die Worte sind Pfeile, die Wahrheit ein Donner. Und im Streit der Dichter glüht ein einziger Ruf: Gerechtigkeit!

  • Renoir und Monet an der Coté d’Azur

    Renoir und Monet am Cap Martin – Ein Disput in Farben

    Es war im Frühjahr 1884, als sich Auguste Renoir und Claude Monet auf eine Studienreise an die Côte d’Azur begaben. Noch war diese Küste kein touristisch überfüllter Sehnsuchtsort, sondern ein herbes, beinahe unberührtes Stück Mittelmeerlandschaft, an dessen Abhängen Olivenhaine silbrig glänzten und das Meer im wechselnden Licht unendliche Nuancen von Blau, Grün und Türkis auffächerte. Beide Künstler waren angetrieben von der Idee, das mediterrane Licht in seiner Fülle zu bannen – doch gerade dieses Ziel führte sie in eine leidenschaftliche Auseinandersetzung.

    Am Zollweg oberhalb von Cap Martin, von wo der Blick weit nach Osten über Menton und die ligurischen Küsten fiel, standen sie nebeneinander mit ihren Staffeleien. Renoir, ganz versunken, trug mit breitem Pinsel Ströme warmer, vibrierender Farben auf die Leinwand auf. Monet hingegen verfolgte die Nuancen des Lichtes minutiös, als wollte er jeden flüchtigen Reflex festhalten, jeden Sonnenstrahl aufbrechen in seine feinste Erscheinung.

    „Siehst du, Claude“, sagte Renoir mit einem halb spöttischen Lächeln, „dieses Meer hier verlangt nicht nach ziselierter Beobachtung, sondern nach Glut. Es ist kein Ort für Studien des Vorübergehenden. Man muss die Sinnlichkeit des Ganzen erfassen, die Wärme, die den Körper wie eine zweite Haut umhüllt. Siehst du, wie das Blau nicht kalt ist, sondern eine Umarmung?“

    Monet antwortete, ohne den Blick von seiner Leinwand zu lösen: „Du sprichst von Wärme, Auguste, aber das Meer ist nicht immer eine Umarmung. Sieh doch, wie es sich in tausend Schattierungen verändert, im Widerschein der Wolken, im Atem des Windes. Hier am Cap Martin, von diesem Weg hinab nach Menton, ist jeder Augenblick ein anderer. Meine Pflicht ist es, die Flüchtigkeit zu bewahren, das Flirren, das niemals stillsteht.“

    Renoir schüttelte den Kopf. „Flüchtigkeit, ja. Aber wenn du dich in der Flüchtigkeit verlierst, bleibt das Herz außen vor. Die Menschen wollen nicht nur den Wind und die Welle sehen, sondern die Freude, die Leidenschaft, die in diesen Farben brennt. Deine Genauigkeit verfehlt das, was die Côte d’Azur ausmacht: ihre Sinnlichkeit, ihr ewiges Fest.“

    Monet lächelte schmal, fast melancholisch. „Vielleicht. Aber ohne die Treue zum Licht wird das Fest zur Pose. Ich glaube, es gibt Wahrheit nur in der Hingabe an das Sehen. Und wenn das Meer in der einen Minute violett, in der nächsten silbrig-grün ist, dann muss auch die Malerei dies atmen. Das ist mein Cap Martin: ein Ort, der sich entzieht, weil er immer neu geboren wird.“

    Ihre beiden Bilder vom Zollweg, beide mit dem Blick auf Menton, tragen Spuren dieser Divergenz. Bei Renoir die leuchtende Wärme, ein fast körperliches Glühen der Landschaft, die zu tanzen scheint wie Figuren in seinen Pariser Szenen. Bei Monet das Zartspiel von Übergängen, das Meer im Rhythmus der Zeit, ein Tableau des Augenblicks, das sich der Ewigkeit gerade dadurch nähert, dass es sie nie festhält.

    Und so wurde ihr Disput nicht zu einer Trennung, sondern zu einer Ergänzung. Die Côte d’Azur offenbarte ihnen beiden ihre Wahrheit – die eine in der Glut des Erlebens, die andere in der Treue zum Licht. Zwischen Renoirs sinnlicher Umarmung und Monets flüchtiger Beobachtung liegt die ganze Spannweite des Impressionismus, geboren am Cap Martin, über den schmalen Zollweg hinweg, mit Blick auf das kleine, goldene Menton, das sich wie ein Versprechen ins Meer neigte.

  • Klaus Mann in Sanary

    Café de Lyon, Sanary-sur-Mer – Frühsommer 1935

    Die Markisen spenden Schatten, der Hafen glitzert, Boote knarren leise. In der Ecke des Café de Lyon sitzen sie, eine kleine Insel aus Sprache und Exil.

    Klaus Mann (unruhig, mit fahrigen Gesten):
    Der Schmerz eines Sommers – ein Buch von Melancholie. Ich wollte nichts anderes als den Zustand einer verlorenen Jugend festhalten. Aber es verfolgt mich, wie ein Geständnis, das die Welt nicht hören will.“

    Eva Herrmann (lehnt sich vor, die Zigarette zwischen den Fingern):
    „Klaus, dein Schmerz ist wahr. Aber Wahrheit allein verändert nichts. In Zeiten wie diesen muss Literatur mehr als Spiegel sein – sie muss Waffe sein.“

    Egon Erwin Kisch (lacht kehlig, schlägt mit der Hand auf den Tisch):
    „Endlich sagt es jemand! Ich bringe Reportagen, ihr schreibt Elegien. Dein Mephisto dagegen, Klaus, das ist Dynamit. Da entlarvst du nicht nur Gründgens, sondern die ganze Clique, die sich vor den Nazis verbeugt.“

    Aldous Huxley (ruhig, fast kühl, mit einem schmalen Lächeln):
    „Doch verrätst du nicht zugleich deine Freunde, Klaus? Das Theater war schon immer ein Spiegel der Gesellschaft. Aber ein Schlüsselroman – das ist gefährlich. Die Person vergeht, die Allegorie bleibt. Wird dein Mephisto überdauern, oder bleibt er nur eine bittere Abrechnung?“

    Sybille (leise, aber bestimmt):
    „Gerade die Abrechnung macht es so brennend. Wer Gründgens erkennt, erkennt auch den Preis, den viele zahlen, um Karriere zu machen. Ein Verrat? Vielleicht. Aber ein notwendiger Verrat.“

    Ludwig Marcuse (bedächtig, dozierend, die Hände gefaltet):
    „Jeder Verrat birgt Wahrheit. Mephisto ist weniger ein Schlüssel, mehr ein Symbol. Er zeigt, dass man nicht Macht haben kann, ohne seine Moral einzutauschen. Aber sag mir, Klaus – ist das ein Zeitroman, oder willst du ein Werk schaffen, das künftige Generationen noch verstehen?“

    Klaus Mann (zögert, dann heftig):
    „Ich will beides. Ankläger sein – und Chronist. Ich will, dass meine Figuren schreien für die, die keine Stimme haben. Dass sie die Zukunft warnen vor dem, was heute geschieht.“

    Maria Huxley (sanft, fast beschwichtigend):
    „Vielleicht braucht es gerade hier, in Sanary, all eure Stimmen – den Reporter, den Dichter, den Philosophen. Die Welt da draußen ist taub. Aber wenn ihr vereint sprecht, vielleicht hallt es wider.“

    (Stille breitet sich aus, der Wind rauscht durch die Markise, man hört das ferne Klirren von Gläsern. Dann erhebt Kisch sein Glas.)

    Kisch:
    „Auf den Schmerz. Auf den Teufel. Auf das Exil – und auf die Freiheit im Café de Lyon.“

    Klaus Mann (mit einem angedeuteten Lächeln, fast trotzig):
    „Und auf die Hoffnung, dass Worte noch eine Waffe sind.“

    Die Gläser klingen zusammen. Das Meer rauscht, unbeirrt, als wäre alles Gesagte nur ein Flüstern am Rande der Ewigkeit.