Hier ein begleitendes Wort zum neuen Buch „Zwischen Sehnsucht und Macht“ – Wie Romantik und Idealismus die deutsche Geschichte prägten von Klaus Kampe. Es geht um eine Warnung vor den Auswüchsen von Idealismus und Romantik in der heutigen Zeit. Das Buch stützt sich auf historische und philosophische Analysen, die zeigen, wie die Sehnsucht nach einer „höheren Ordnung“ oder „Wiederverzauberung“ der Welt in gefährliche Irrationalität oder Totalitarismus umschlagen kann.
Hier ist ein Entwurf:
Textauszug:
Vorwort
Geistesgeschichtliche Epochen werden häufig entweder ästhetisch verklärt oder moralisch vereinfacht. Die Romantik bildet hier keine Ausnahme. In populären Darstellungen erscheint sie als poetischer Gegenentwurf zur Nüchternheit der Moderne; in kritischen Lesarten hingegen als irrationaler Vorläufer nationalistischer Ideologien. Beide Perspektiven greifen zu kurz. Sie unterschätzen die strukturelle Tiefe romantischen Denkens ebenso wie seine langfristige gesellschaftliche Wirksamkeit.
Die zentrale These dieses Buches lautet daher: Die deutsche Romantik war weder politisch unschuldig noch historisch deterministisch, sondern eine ambivalente geistige Ressource, deren Motive je nach sozialem und politischem Kontext produktive wie destruktive Wirkungen entfalten konnten.
Romantik wird in dieser Untersuchung nicht primär als literarische Stilrichtung verstanden, sondern als Mentalitätsform: als spezifische Art, Welt zu deuten, Sinn zu erzeugen und das Verhältnis von Individuum, Gemeinschaft und Geschichte zu denken. In diesem Sinne überschreitet sie ihre eigentliche Epoche und wirkt über Generationen hinweg fort – oftmals in transformierter, politisch aufgeladener Gestalt.
Historisch entsteht die Romantik aus einer mehrfachen Erfahrung des Verlusts. Die Aufklärung hatte tradierte religiöse Gewissheiten erschüttert, die Französische Revolution politische Ordnung radikal infrage gestellt, und die beginnende Industrialisierung veränderte das Verhältnis des Menschen zu Arbeit, Natur und Zeit. In Deutschland kam hinzu, dass politische Partizipation weitgehend verwehrt blieb. Die Folge war eine Verschiebung: Wo politische Gestaltungsmacht fehlte, wurde kulturelle Selbstdeutung zentral. Innerlichkeit, Gefühl und Symbolik erhielten einen Stellenwert, der andernorts stärker institutionell gebunden war.
Diese Verschiebung ist für das Verständnis der weiteren Entwicklung entscheidend. Die Romantik artikulierte zunächst eine legitime Kritik an Rationalismus, Mechanisierung und Entfremdung. Sie insistierte auf Sinn, Ganzheit und Individualität – Bedürfnisse, die moderne Gesellschaften systematisch erzeugen, aber nicht immer befriedigen. Gleichzeitig aber enthielt romantisches Denken eine strukturelle Offenheit für Überhöhung: von Gefühl zu Wahrheit, von Gemeinschaft zu Schicksal, von Geschichte zu Mythos.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden romantische Motive zunehmend kollektiviert. Die Suche nach individueller Sinnstiftung verlagerte sich auf nationale und kulturelle Identitätsentwürfe. Aus poetischer Sehnsucht wurde kulturelle Selbstbehauptung, aus ästhetischer Ganzheit die Vorstellung eines organischen Volkes. Dieser Prozess verlief weder einheitlich noch zwangsläufig, doch er schuf Deutungsmuster, die im 20. Jahrhundert politisch wirksam werden konnten.
Die Begeisterung für den Ersten Weltkrieg, insbesondere in bildungsbürgerlichen Kreisen, lässt sich ohne diese emotionalen und ästhetischen Dispositionen kaum erklären. Der Krieg erschien vielen nicht nur als politisches Ereignis, sondern als existenzielle Bewährungsprobe, als Ort der Sinnstiftung und der Erneuerung. Romantische Ideale von Opfer, Hingabe und Transzendenz verschränkten sich mit modernen Macht- und Technikstrukturen – mit verheerenden Folgen.
Noch deutlicher wird diese Ambivalenz im Nationalsozialismus. Zwar war das NS-Regime in seiner Organisation, Verwaltung und Vernichtungsmaschinerie zutiefst modern und rationalisiert. Gleichzeitig bediente es sich gezielt romantischer Bildwelten, Mythen und Erlösungsnarrative. Romantik fungierte hier nicht als Ursprung, sondern als symbolisches Reservoir, das emotional mobilisierbar war. Gerade diese Instrumentalisierbarkeit macht eine kritische Auseinandersetzung notwendig.
Vor diesem Hintergrund stellt dieses Buch bewusst keine einfache Kausalität zwischen Romantik und politischer Gewalt her. Stattdessen fragt es nach Vermittlungen: nach Denkfiguren, Affekten und kulturellen Dispositionen, die unter bestimmten Bedingungen politisch radikalisiert werden konnten. Entscheidend ist dabei weniger die Romantik selbst als der Umgang mit ihr – insbesondere das Fehlen von Selbstreflexion, Ironie und institutioneller Einbettung.
Aus dieser historischen Analyse ergibt sich eine weiterführende gesellschaftstheoretische Fragestellung: Welche Rolle spielt romantischer Idealismus in modernen Gesellschaften? Ist er notwendige Korrektur technischer Rationalität – oder ein permanentes Risiko der Überforderung politischer Realität durch moralische oder ästhetische Absolutheitsansprüche? Und schließlich: In welchem Verhältnis steht romantisches Denken zur sozialen Konformität? Ermöglicht es individuelle Freiheit innerhalb gesellschaftlicher Ordnung, oder produziert es notwendigerweise Spannung, Rückzug oder Radikalisierung?
Die folgenden Kapitel gehen diesen Fragen historisch, analytisch und kritisch nach. Ziel ist nicht die Verurteilung einer Epoche, sondern das Verständnis eines Denkens, das bis heute wirksam ist – gerade weil es an grundlegende menschliche Bedürfnisse rührt.
KK
Ein begleitendes Wort zur Warnung vor den Auswüchsen von Idealismus und Romantik in der heutigen Zeit kann sich auf historische und philosophische Analysen stützen, die zeigen, wie die Sehnsucht nach einer „höheren Ordnung“ oder „Wiederverzauberung“ der Welt in gefährliche Irrationalität oder Totalitarismus umschlagen kann.
Die Geschichte der deutschen Romantik lehrt uns, dass der Versuch, die Welt durch reine Poesie oder Idealismus zu heilen, oft mit einer gefährlichen Realitätsferne einhergeht. Wenn das „romantische Subjekt“ die Welt nur noch als Anlass für seine eigene Produktivität und Stimmung nutzt, droht eine politische Handlungsunfähigkeit oder eine bloße Simulation von Wirksamkeit.
Besonders im Kontext moderner Großprojekte wie dem Green Deal oder radikaler Umweltbewegungen besteht die Gefahr, dass die Vernunft in Unvernunft und Aufklärung in einen neuen Mythos umschlägt. Adorno und Horkheimer warnten in ihrer „Dialektik der Aufklärung“ bereits davor, dass eine total verwaltete Welt keine wahre Freiheit schafft, sondern neue Formen der Unterwerfung, in denen der Einzelne zugunsten einer vermeintlich höheren kollektiven Notwendigkeit nichts mehr zählt.
Kritische Punkte der Warnung:
• Der ästhetische Aristokratismus: Idealisten neigen dazu, ihre Visionen über die profanen Bedürfnisse der „Masse“ zu stellen, was zu einer Entfremdung von der sozialen Realität führt.
• Die „stählerne Romantik“ der Planung: Carl Schmitt warnte vor den Paradiesen einer durchgeplanten Welt, die durch entfesselte Produktivkraft eine „Sozialschranke“ errichtet, die den Menschen nicht mehr erkennt, sondern ihn gewaltsam verändern will.
• Verlust der Dezision (Entscheidungsfähigkeit): Romantiker verweilen oft im ästhetischen „Müßiggang“ und scheitern an der Notwendigkeit klarer politischer Unterscheidungen, was sie anfällig für die Instrumentalisierung durch fremde Mächte macht.
• Der „Krankheitskeim“ im Ideal: Wie Thomas Mann 1945 ausführte, trägt die Romantik oft einen Keim in sich, der die Hingabe an das Irrationale und eine weltfremde Tiefe über die demokratische Nüchternheit stellt.
Man muss daher wachsam gegenüber Bewegungen sein, die das Politische in „Rausch und Mysterium“ zurückverwandeln wollen. Eine Politik, die nur noch auf Gefühl, Erweckung und utopischem Schein basiert, verliert den Boden der rechtlichen und rationalen Normen und bereitet so den Weg für eine neue Barbarei.
Es gilt, die Romantik als Korrektiv der Moderne zu nutzen, ohne sie zur Staatsideologie zu erheben, da sie sonst unweigerlich in der Katastrophe endet.
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